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Mährisches Tagblatt. Nr. 204, Olmütz, 06.09.1895.

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Mährisches
Tagblatt.

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Außerhalb Olmütz über[neh-]
men Insertions-Aufträ[ge]:
Heinrich Schalek, Annon-
cen-Erred. in Wien, I. Woll-
zeile Nr. 11, Haasenstein
& Vogler,
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pest, Berlin, Frankfurt a. M.,
Hamburg, Basel und Leipzig.
Alois Opellik, in Wien. R[ud.]
Mosse,
in Wien, München [u].
Berlin. M. Dukes, Wien. [ I ].
Schulerstraße 8. G. L. Daube
und Co.,
Frankfurt a. M.
Karoly u. Liebmann's Annon-
cenbureau in Hamburg, sowie
sämmtl. conc. Insertionsb[u]-
reaus des I[n- u.] Auslandes.

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Telephon Nr 9.




Nr. 204. Olmütz, Freitag, den 6. September 1895. 16. Jahrgang.



[Spaltenumbruch]
Ganz Europa sieht auf uns!
(Orig.-Corr.)

Diese bescheidene Meinung, daß Europa
nichts Besseres zu thun hat, als sich mit den
Schwänken und Schnurren zu beschäftigen, mit
denen die Herren Lueger, Liechtenstein und
Schneider ihre blinde Anhängerschaft belustigen,
wurde von "Sr. Durchlaucht vom goldenen Luch-
sen" in Neulerchenfeld soeben vor aller Welt ver-
kündigt. Wer den Prinzen Liechtenstein und seine
Manieren kennt, der kann sich den Moment die-
ses Ausspruches gar wohl vergegenwärtigen. Der
Prinz wird seinen Schwanenhals noch um etwas
verlängert, seinen Gesichtsvorsprung noch etwas
weiter in die Luft hinausg streckt, sich selbst auf
die Zehen gestellt und sich dabei die Hände ge-
rieben haben -- wie er es gewöhnt ist. Wer
sich dabei das selbstgefällige, storchartige Wesen
dieses männlichen Seitenstückes zur Fürstin
Pignatelli vergegenwärtigen kann, wird sich eines
gesunden Lachens nicht erwehren. Aber auch Dr.
Lueger ist von der Wichtigkeit seiner Person und
seiner Thaten so sehr überzeugt, daß er densel-
ben Ausspruch ungefähr gleichzeitig that. Der
Antisemitismus scheint sich bereits fürs
Narrenhaus vorzubereiten. "Siegen wir jetzt in
Wien, so wird in ganz Oesterreich, vielleicht in
ganz Europa eine Umwandlung sich vollziehen
und eine ganz neue katholische Welt entstehen."
Abermals verlegte sich der bereits einmal so
gründlich mit einer Prophezeiung aufgesessene
Prinz auf eine Weissagung und wieder ritt er
sein altes Steckenpferd dem antisemitischen Bür-
gerclub in Meidling bei Schönbrunn vor: die
[Spaltenumbruch] confessionelle Schule, durch welche nach der Mei-
nung des Prinzen allein bessere Zustände in der
katholischen Welt erzielt werden können.

Es ist nur gut so, daß in dem antisemiti-
schen Geschrei über "Corruption", "Rettung",
des Kleingewerbes" u. s. w. der eigentliche Zug
der antisemitischen Bewegung die Förderung der
feudal-clericalen Herrschaft nicht verloren gehe.
Prinz Liechtenstein verdient allen Dank dafür,
daß er zeitweilig den Grundbaß des Antisemitis-
mus, die clericale Note, kräftig zum Durchbruche
bringt. Gar Viele laufen den anderen Schlagworten
der Antisemiten nach und wissen nicht, wem sie eigent-
lich ihre Dienste weihen. In den Reden der anderen
Götter der antisemitischen Bewegung wird nur
ganz selten und nur mit großer Zurückhaltung
auf den eigentlichen Urgrund und auf das letzte
Ziel der Wiener Volksbearbeitung eingegangen.
Lueger schimpft vorzugsweise auf die Liberalen,
Schneider hat sich die Juden erwählt, der gewisse
Professor rettet die Finanzen, der kleine Geßmann
ringelt sein gesalbtes Haupthaar zu Ehren der
Kleingewerbetreibenden, die andere Korporalschaft
des Antisemitismus schwäzt nach Herzenslust von
Dingen, die sie nicht verstehen -- aber Liechten-
stein allein ist der "Ideologe" der Gesellschaft,
er zeigt uns die erhabene Mission dieses Wirths-
haus- und Vorstadt-Rummels: eine ganz neue
katholische Welt und die confessionelle Schule. Es
war freilich längst für die weitesten Kreise kein
Geheimniß, daß an die Stelle der Bauern, welche
zuerst wider die Schulgesetze zum Sturme geführt
wurden, die durch den Antisemitismus verhetzte
städt. Bevölkerung für den Clericalismus ange-
worden werden soll, um durch Zerstörung der
[Spaltenumbruch] Schulgesetze die ganze bestehende Verfassung mi
ihrer Gleichheit der Bürger vor dem Gesetze, mi
der Gleichberechtigung der verschiedenen Con-
fessionen -- kurz in allen freisinnigen Be-
stimmungen -- den Errungenschaften der
Sechziger-Jahre über den Haufen zu werfen.
Aber die Armen im Geiste, welche den Haus-
knechten der Reaction nachlaufen, begreifen noch
immer nicht, wem sie eigentlich dienen und auf
sie paßt das Göthe'sche Wort von dem "Völk-
chen", welches nichts davon bemerkt, selbst wenn
sie der Teufel beim Kragen hätte. Sie merken
nichts, daß sie der Jesuit beim Kragen hat, wel-
cher in dem ehemaligen Kalksburger Schüler, dem
Prinzen Alois Lichtenstein, eine ausprägende Ver-
körperung gefunden hat. Wie liebenswürdig von
diesem Prinzen, sich vor den Meidlingern in seiner
wahren Gestalt zu zeigen und gelegentlich dieser
Wahlbewegung auf die letzten Ziele seines Be-
strebens und des Antisemitismus hinzuweisen.
Schwerlich werden ihm hiefür Lueger und die
anderen Hausknechte der Reaction, welche sich als
das was sie eigentlich sind, nicht zu erkennen
geben, dankbar sein. Wozu schwätzt der Herr
aus der Schule, werden die Demagogen sagen,
und überdies zu so ungelegener Zeit!

Die Leute, welche den Antisemiten nach-
laufen, deren "europäische" Wirksamkeit und Be-
deutung jedoch nicht über das Weichbild von Wien
hinausreicht, glauben, daß für das Kleingewerbe,
für eine bessere Zukunft, für die Beseitigung
von tausend Uebelständen, daß sie am Ende
für sich selbst und für ihr eigenes Wohl sich mit
Rufen "Hoch Lueger!" und "Hoch L[i]echtenstein!"
heiser schreien. Daß sie für die confessionelle




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Gräfenberger Eindrücke.

(Original-Feuilleton des "Mährischen Tagblattes".)

"Sie müssen Geduld haben!" Diese bedeut-
same Mahnung grüßt auf ungefähr halber Höhe
des Bergweges, der von der Bahnstation nach
Gräfenberg führt, den Reisenden von einer Ge-
denktafel, die zur Erinnerung an einen alten Cur-
gast hier angebracht, den Namen "Gilbertsstein"
trägt. Es liegt ein Stück ungewollter Ironie in
dieser harmlosen Inschrift, und wenn man sie
nach der beigefügten Jahreszahl, nicht als einen
Ausfluß vormärzlicher Gemüthlichkeit hinnehmen
müßte, wäre man leicht geneigt, aus ihr die
lapidare Kritik eines von anspruchsvoller Moder-
nität angekränkelten Menschen herauszulesen, der
einige Wochen in Gräfenberg zugebracht hat.

Denn so rührig und eifrig anderwärts Cur-
orte aus bescheidenen Anfängen zu Glanz und
Größe emporstreben, so ruhig und bescheiden scheint
diese kleine Anfiedelung in einer Verfassung zu
beharren, die über das Niveau eines einfachen,
primitiven Comforts nicht sonderlich hinaus-
geht. Auch das äußere bescheidene Bild des
Oertchens hat seit geraumer Zeit keine Be-
reicherung erfahren, die auf eine Entwickelung
in aufsteigender Richtung schließen ließe. Weit
ausgedehnte Getreidefelder, Kleeäcker und Wiesen
bedecken Gräfenbergs Boden nach wie vor, und
es könnte aus solcher Umgebung heraus ein Be-
[Spaltenumbruch] richt über die "Saison" sich unter der Hand
sehr leicht in einen Saatenstandsbericht verwan-
deln. Denn die gesellschaftlichen Vorgänge im
hiesigen Badeleben bewegen sich in so unschein-
baren, anspruchslosen Formen und engem Kreise,
daß der Chronist nur zu Indiscretionen seine
Zuflucht nehmen müßte, um etwas Interessantes
zum Besten geben zu können. Man wäre leicht
zu dem Glauben verleitet, daß sich innerhalb der
engen Grenzen dieses Verkehrs unter den Gästen
sehr leicht ein gewisser Grad von Intimität ent-
wickeln müsse; dieser Möglichkeit aber wirkt der
Umstand entgegen, daß die Gesellschaft sich aus
vielsprachigen Elementen zusammensetzt. Polen,
Ungarn, Böhmen und Deutsche huldigen auch
auf diesem neutralen Boden ihrem unheilvollen
Separatismus, und wenn es wirklich nur böh-
mische Kopfschmerzen, ungarisches Ischia oder
polnisches Podagra gäbe, die hier ihre Hei-
lung finden, dann könnte man allenfalls das
nationale Selbstbewußtsein verstehen, das sich
hier in den verschiedenen polnischen, ungarischen
und böhmischen Denkmälern zu Ehren Prießnitz
ausspricht. Neben dieser polyglotten Scheidung
sind andere Momente socialer Natur wirksam,
die das gesellschaftliche Zusammenleben nicht gerade
begünstigen können. Der kleine Kaufmann r[e]prä-
sentirt zur Zeit den Typus des Gräfenberger
Badegasts, und ob er allein, oder mit Familien-
anhang hier einziehen mag, er geht in dem
selbstischen Zwecke des Curgebrauch[s] vollständig
auf, und seine kleinbürgerliche Herkunft gibt sich
mit einem recht bescheidenen Maß von gesell-
[Spaltenumbruch] schaftlichen Ansprüchen und Bedürfnissen zufrieden.
So haben sich denn auch die ökonomis[ch]en Be-
dingungen der hiesigen Wohn- und Speisehäuser
im Ganzen in einer verhältnißmäßig [b]illigen
Preislage erhalten können, und man kann in
Gräfenberg unter Umständen sehr wohlfett leben,
was für gewisse, starkvertretene Kreise de[n] Gegen-
stand besonderer Anziehung bilden mag.

Freilich dürfte es nicht ausbleiben, daß der
großcapitalistische Betrieb mit Luxusho[te]ls und
Bergbahn auch in dieser Gegend seinen Einzug
hält. Bevor die Eisenbahn diesen Gebirgswinkel
dem allgemeinen Verkehr erschloß, ist die bevor-
zugte Lage Gräfenbergs von einem kleinen Kreise
Eingewe[i]hter längst erkannt und gewürdigt worden,
der sich aus der besten Gesellschaft und den vor-
nehmsten Aristocratenfamilien rekrutirte. Fern
von dem Zwang überfeinerter Modebäder verlebte
man hier die Sommermonate oder widmete sich
in der kalten Jahreszeit den Belustigungen
mannigfaltigen Wintersports. Daß diese vornehmen
Kreise seither von der großen Menge kleiner
Leute verdrängt wurden und dem Curorte fern
bleiben, pflegt die Meinung zu verbreiten, daß
Gräfenberg seine Blüthe hinter sich und seine
Bedeutung verloren habe. Aber so wenig als
jemals der Reiz der Natur altern, der Eindruck
einer herrlichen Landschaft seinen Zauber verlieren
kann, so wenig werden jemals die werthvollen Eigen-
thümlichkeiten und Vorzüge dieser Gegend eine Ein-
buße erleiden können. Ja schlecht verstandenem
Eigeninteresse haben sich die Gräfenberger Haus-
und Grundbesitzer in eine Art Ring zusammen-


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Das
„Mähriſche Tagblatt“
erſcheint mit Ausnahme der
Sonn- und Feiertage täglich.
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Tagblatt.

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Außerhalb Olmütz über[neh-]
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Heinrich Schalek, Annon-
cen-Erred. in Wien, I. Woll-
zeile Nr. 11, Haasenstein
& Vogler,
in Wien, Bud[a]-
peſt, Berlin, Frankfurt a. M.,
Hamburg, Baſel und Leipzig.
Alois Opellik, in Wien. R[ud.]
Mosse,
in Wien, München [u].
Berlin. M. Dukes, Wien. [ I ].
Schulerſtraße 8. G. L. Daube
und Co.,
Frankfurt a. M.
Karoly u. Liebmann’s Annon-
cenbureau in Hamburg, ſowie
ſämmtl. conc. Inſertionsb[u]-
reaus des I[n- u.] Auslandes.

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zurückgeſtellt.




Telephon Nr 9.




Nr. 204. Olmütz, Freitag, den 6. September 1895. 16. Jahrgang.



[Spaltenumbruch]
Ganz Europa ſieht auf uns!
(Orig.-Corr.)

Dieſe beſcheidene Meinung, daß Europa
nichts Beſſeres zu thun hat, als ſich mit den
Schwänken und Schnurren zu beſchäftigen, mit
denen die Herren Lueger, Liechtenſtein und
Schneider ihre blinde Anhängerſchaft beluſtigen,
wurde von „Sr. Durchlaucht vom goldenen Luch-
ſen“ in Neulerchenfeld ſoeben vor aller Welt ver-
kündigt. Wer den Prinzen Liechtenſtein und ſeine
Manieren kennt, der kann ſich den Moment die-
ſes Ausſpruches gar wohl vergegenwärtigen. Der
Prinz wird ſeinen Schwanenhals noch um etwas
verlängert, ſeinen Geſichtsvorſprung noch etwas
weiter in die Luft hinausg ſtreckt, ſich ſelbſt auf
die Zehen geſtellt und ſich dabei die Hände ge-
rieben haben — wie er es gewöhnt iſt. Wer
ſich dabei das ſelbſtgefällige, ſtorchartige Weſen
dieſes männlichen Seitenſtückes zur Fürſtin
Pignatelli vergegenwärtigen kann, wird ſich eines
geſunden Lachens nicht erwehren. Aber auch Dr.
Lueger iſt von der Wichtigkeit ſeiner Perſon und
ſeiner Thaten ſo ſehr überzeugt, daß er denſel-
ben Ausſpruch ungefähr gleichzeitig that. Der
Antiſemitismus ſcheint ſich bereits fürs
Narrenhaus vorzubereiten. „Siegen wir jetzt in
Wien, ſo wird in ganz Oeſterreich, vielleicht in
ganz Europa eine Umwandlung ſich vollziehen
und eine ganz neue katholiſche Welt entſtehen.“
Abermals verlegte ſich der bereits einmal ſo
gründlich mit einer Prophezeiung aufgeſeſſene
Prinz auf eine Weisſagung und wieder ritt er
ſein altes Steckenpferd dem antiſemitiſchen Bür-
gerclub in Meidling bei Schönbrunn vor: die
[Spaltenumbruch] confeſſionelle Schule, durch welche nach der Mei-
nung des Prinzen allein beſſere Zuſtände in der
katholiſchen Welt erzielt werden können.

Es iſt nur gut ſo, daß in dem antiſemiti-
ſchen Geſchrei über „Corruption“, „Rettung“,
des Kleingewerbes“ u. ſ. w. der eigentliche Zug
der antiſemitiſchen Bewegung die Förderung der
feudal-clericalen Herrſchaft nicht verloren gehe.
Prinz Liechtenſtein verdient allen Dank dafür,
daß er zeitweilig den Grundbaß des Antiſemitis-
mus, die clericale Note, kräftig zum Durchbruche
bringt. Gar Viele laufen den anderen Schlagworten
der Antiſemiten nach und wiſſen nicht, wem ſie eigent-
lich ihre Dienſte weihen. In den Reden der anderen
Götter der antiſemitiſchen Bewegung wird nur
ganz ſelten und nur mit großer Zurückhaltung
auf den eigentlichen Urgrund und auf das letzte
Ziel der Wiener Volksbearbeitung eingegangen.
Lueger ſchimpft vorzugsweiſe auf die Liberalen,
Schneider hat ſich die Juden erwählt, der gewiſſe
Profeſſor rettet die Finanzen, der kleine Geßmann
ringelt ſein geſalbtes Haupthaar zu Ehren der
Kleingewerbetreibenden, die andere Korporalſchaft
des Antiſemitismus ſchwäzt nach Herzensluſt von
Dingen, die ſie nicht verſtehen — aber Liechten-
ſtein allein iſt der „Ideologe“ der Geſellſchaft,
er zeigt uns die erhabene Miſſion dieſes Wirths-
haus- und Vorſtadt-Rummels: eine ganz neue
katholiſche Welt und die confeſſionelle Schule. Es
war freilich längſt für die weiteſten Kreiſe kein
Geheimniß, daß an die Stelle der Bauern, welche
zuerſt wider die Schulgeſetze zum Sturme geführt
wurden, die durch den Antiſemitismus verhetzte
ſtädt. Bevölkerung für den Clericalismus ange-
worden werden ſoll, um durch Zerſtörung der
[Spaltenumbruch] Schulgeſetze die ganze beſtehende Verfaſſung mi
ihrer Gleichheit der Bürger vor dem Geſetze, mi
der Gleichberechtigung der verſchiedenen Con-
feſſionen — kurz in allen freiſinnigen Be-
ſtimmungen — den Errungenſchaften der
Sechziger-Jahre über den Haufen zu werfen.
Aber die Armen im Geiſte, welche den Haus-
knechten der Reaction nachlaufen, begreifen noch
immer nicht, wem ſie eigentlich dienen und auf
ſie paßt das Göthe’ſche Wort von dem „Völk-
chen“, welches nichts davon bemerkt, ſelbſt wenn
ſie der Teufel beim Kragen hätte. Sie merken
nichts, daß ſie der Jeſuit beim Kragen hat, wel-
cher in dem ehemaligen Kalksburger Schüler, dem
Prinzen Alois Lichtenſtein, eine ausprägende Ver-
körperung gefunden hat. Wie liebenswürdig von
dieſem Prinzen, ſich vor den Meidlingern in ſeiner
wahren Geſtalt zu zeigen und gelegentlich dieſer
Wahlbewegung auf die letzten Ziele ſeines Be-
ſtrebens und des Antiſemitismus hinzuweiſen.
Schwerlich werden ihm hiefür Lueger und die
anderen Hausknechte der Reaction, welche ſich als
das was ſie eigentlich ſind, nicht zu erkennen
geben, dankbar ſein. Wozu ſchwätzt der Herr
aus der Schule, werden die Demagogen ſagen,
und überdies zu ſo ungelegener Zeit!

Die Leute, welche den Antiſemiten nach-
laufen, deren „europäiſche“ Wirkſamkeit und Be-
deutung jedoch nicht über das Weichbild von Wien
hinausreicht, glauben, daß für das Kleingewerbe,
für eine beſſere Zukunft, für die Beſeitigung
von tauſend Uebelſtänden, daß ſie am Ende
für ſich ſelbſt und für ihr eigenes Wohl ſich mit
Rufen „Hoch Lueger!“ und „Hoch L[i]echtenſtein!“
heiſer ſchreien. Daß ſie für die confeſſionelle




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Gräfenberger Eindrücke.

(Original-Feuilleton des „Mähriſchen Tagblattes“.)

„Sie müſſen Geduld haben!“ Dieſe bedeut-
ſame Mahnung grüßt auf ungefähr halber Höhe
des Bergweges, der von der Bahnſtation nach
Gräfenberg führt, den Reiſenden von einer Ge-
denktafel, die zur Erinnerung an einen alten Cur-
gaſt hier angebracht, den Namen „Gilbertsſtein“
trägt. Es liegt ein Stück ungewollter Ironie in
dieſer harmloſen Inſchrift, und wenn man ſie
nach der beigefügten Jahreszahl, nicht als einen
Ausfluß vormärzlicher Gemüthlichkeit hinnehmen
müßte, wäre man leicht geneigt, aus ihr die
lapidare Kritik eines von anſpruchsvoller Moder-
nität angekränkelten Menſchen herauszuleſen, der
einige Wochen in Gräfenberg zugebracht hat.

Denn ſo rührig und eifrig anderwärts Cur-
orte aus beſcheidenen Anfängen zu Glanz und
Größe emporſtreben, ſo ruhig und beſcheiden ſcheint
dieſe kleine Anfiedelung in einer Verfaſſung zu
beharren, die über das Niveau eines einfachen,
primitiven Comforts nicht ſonderlich hinaus-
geht. Auch das äußere beſcheidene Bild des
Oertchens hat ſeit geraumer Zeit keine Be-
reicherung erfahren, die auf eine Entwickelung
in aufſteigender Richtung ſchließen ließe. Weit
ausgedehnte Getreidefelder, Kleeäcker und Wieſen
bedecken Gräfenbergs Boden nach wie vor, und
es könnte aus ſolcher Umgebung heraus ein Be-
[Spaltenumbruch] richt über die „Saiſon“ ſich unter der Hand
ſehr leicht in einen Saatenſtandsbericht verwan-
deln. Denn die geſellſchaftlichen Vorgänge im
hieſigen Badeleben bewegen ſich in ſo unſchein-
baren, anſpruchsloſen Formen und engem Kreiſe,
daß der Chroniſt nur zu Indiscretionen ſeine
Zuflucht nehmen müßte, um etwas Intereſſantes
zum Beſten geben zu können. Man wäre leicht
zu dem Glauben verleitet, daß ſich innerhalb der
engen Grenzen dieſes Verkehrs unter den Gäſten
ſehr leicht ein gewiſſer Grad von Intimität ent-
wickeln müſſe; dieſer Möglichkeit aber wirkt der
Umſtand entgegen, daß die Geſellſchaft ſich aus
vielſprachigen Elementen zuſammenſetzt. Polen,
Ungarn, Böhmen und Deutſche huldigen auch
auf dieſem neutralen Boden ihrem unheilvollen
Separatismus, und wenn es wirklich nur böh-
miſche Kopfſchmerzen, ungariſches Ischia oder
polniſches Podagra gäbe, die hier ihre Hei-
lung finden, dann könnte man allenfalls das
nationale Selbſtbewußtſein verſtehen, das ſich
hier in den verſchiedenen polniſchen, ungariſchen
und böhmiſchen Denkmälern zu Ehren Prießnitz
ausſpricht. Neben dieſer polyglotten Scheidung
ſind andere Momente ſocialer Natur wirkſam,
die das geſellſchaftliche Zuſammenleben nicht gerade
begünſtigen können. Der kleine Kaufmann r[e]prä-
ſentirt zur Zeit den Typus des Gräfenberger
Badegaſts, und ob er allein, oder mit Familien-
anhang hier einziehen mag, er geht in dem
ſelbſtiſchen Zwecke des Curgebrauch[s] vollſtändig
auf, und ſeine kleinbürgerliche Herkunft gibt ſich
mit einem recht beſcheidenen Maß von geſell-
[Spaltenumbruch] ſchaftlichen Anſprüchen und Bedürfniſſen zufrieden.
So haben ſich denn auch die ökonomiſ[ch]en Be-
dingungen der hieſigen Wohn- und Speiſehäuſer
im Ganzen in einer verhältnißmäßig [b]illigen
Preislage erhalten können, und man kann in
Gräfenberg unter Umſtänden ſehr wohlfett leben,
was für gewiſſe, ſtarkvertretene Kreiſe de[n] Gegen-
ſtand beſonderer Anziehung bilden mag.

Freilich dürfte es nicht ausbleiben, daß der
großcapitaliſtiſche Betrieb mit Luxusho[te]ls und
Bergbahn auch in dieſer Gegend ſeinen Einzug
hält. Bevor die Eiſenbahn dieſen Gebirgswinkel
dem allgemeinen Verkehr erſchloß, iſt die bevor-
zugte Lage Gräfenbergs von einem kleinen Kreiſe
Eingewe[i]hter längſt erkannt und gewürdigt worden,
der ſich aus der beſten Geſellſchaft und den vor-
nehmſten Ariſtocratenfamilien rekrutirte. Fern
von dem Zwang überfeinerter Modebäder verlebte
man hier die Sommermonate oder widmete ſich
in der kalten Jahreszeit den Beluſtigungen
mannigfaltigen Winterſports. Daß dieſe vornehmen
Kreiſe ſeither von der großen Menge kleiner
Leute verdrängt wurden und dem Curorte fern
bleiben, pflegt die Meinung zu verbreiten, daß
Gräfenberg ſeine Blüthe hinter ſich und ſeine
Bedeutung verloren habe. Aber ſo wenig als
jemals der Reiz der Natur altern, der Eindruck
einer herrlichen Landſchaft ſeinen Zauber verlieren
kann, ſo wenig werden jemals die werthvollen Eigen-
thümlichkeiten und Vorzüge dieſer Gegend eine Ein-
buße erleiden können. Ja ſchlecht verſtandenem
Eigenintereſſe haben ſich die Gräfenberger Haus-
und Grundbeſitzer in eine Art Ring zuſammen-


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[[1]/0001] Das „Mähriſche Tagblatt“ erſcheint mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage täglich. Ausgabe 2 Uhr Nachmittag im Adminiſtrationslocale Niederring Nr. 41 neu. Abonnement für Olmütz: Ganzjährig fl. 10.— Halbjährig „ 5.— Vierteljährig „ 2.50 Monatlich „ —.90 Zuſtellung ins Haus monat- lich 10 kr. Auswärts durch die Poſt: Ganzjährig fl. 14.— Halbjährig „ 7.— Vierteljährig „ 3.50 Einzelne Nummern 5 kr. Telephon Nr. 9. Mähriſches Tagblatt. Inſertionsgebühren nach aufliegendem Tarif. Außerhalb Olmütz überneh- men Inſertions-Aufträge: Heinrich Schalek, Annon- cen-Erred. in Wien, I. Woll- zeile Nr. 11, Haasenstein & Vogler, in Wien, Buda- peſt, Berlin, Frankfurt a. M., Hamburg, Baſel und Leipzig. Alois Opellik, in Wien. Rud. Mosse, in Wien, München u. Berlin. M. Dukes, Wien. I . Schulerſtraße 8. G. L. Daube und Co., Frankfurt a. M. Karoly u. Liebmann’s Annon- cenbureau in Hamburg, ſowie ſämmtl. conc. Inſertionsbu- reaus des In- u. Auslandes. Mannſcripte werden nicht zurückgeſtellt. Telephon Nr 9. Nr. 204. Olmütz, Freitag, den 6. September 1895. 16. Jahrgang. Ganz Europa ſieht auf uns! Wien, 5. September. (Orig.-Corr.) Dieſe beſcheidene Meinung, daß Europa nichts Beſſeres zu thun hat, als ſich mit den Schwänken und Schnurren zu beſchäftigen, mit denen die Herren Lueger, Liechtenſtein und Schneider ihre blinde Anhängerſchaft beluſtigen, wurde von „Sr. Durchlaucht vom goldenen Luch- ſen“ in Neulerchenfeld ſoeben vor aller Welt ver- kündigt. Wer den Prinzen Liechtenſtein und ſeine Manieren kennt, der kann ſich den Moment die- ſes Ausſpruches gar wohl vergegenwärtigen. Der Prinz wird ſeinen Schwanenhals noch um etwas verlängert, ſeinen Geſichtsvorſprung noch etwas weiter in die Luft hinausg ſtreckt, ſich ſelbſt auf die Zehen geſtellt und ſich dabei die Hände ge- rieben haben — wie er es gewöhnt iſt. 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Es iſt nur gut ſo, daß in dem antiſemiti- ſchen Geſchrei über „Corruption“, „Rettung“, des Kleingewerbes“ u. ſ. w. der eigentliche Zug der antiſemitiſchen Bewegung die Förderung der feudal-clericalen Herrſchaft nicht verloren gehe. Prinz Liechtenſtein verdient allen Dank dafür, daß er zeitweilig den Grundbaß des Antiſemitis- mus, die clericale Note, kräftig zum Durchbruche bringt. Gar Viele laufen den anderen Schlagworten der Antiſemiten nach und wiſſen nicht, wem ſie eigent- lich ihre Dienſte weihen. In den Reden der anderen Götter der antiſemitiſchen Bewegung wird nur ganz ſelten und nur mit großer Zurückhaltung auf den eigentlichen Urgrund und auf das letzte Ziel der Wiener Volksbearbeitung eingegangen. Lueger ſchimpft vorzugsweiſe auf die Liberalen, Schneider hat ſich die Juden erwählt, der gewiſſe Profeſſor rettet die Finanzen, der kleine Geßmann ringelt ſein geſalbtes Haupthaar zu Ehren der Kleingewerbetreibenden, die andere Korporalſchaft des Antiſemitismus ſchwäzt nach Herzensluſt von Dingen, die ſie nicht verſtehen — aber Liechten- ſtein allein iſt der „Ideologe“ der Geſellſchaft, er zeigt uns die erhabene Miſſion dieſes Wirths- haus- und Vorſtadt-Rummels: eine ganz neue katholiſche Welt und die confeſſionelle Schule. Es war freilich längſt für die weiteſten Kreiſe kein Geheimniß, daß an die Stelle der Bauern, welche zuerſt wider die Schulgeſetze zum Sturme geführt wurden, die durch den Antiſemitismus verhetzte ſtädt. 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Wie liebenswürdig von dieſem Prinzen, ſich vor den Meidlingern in ſeiner wahren Geſtalt zu zeigen und gelegentlich dieſer Wahlbewegung auf die letzten Ziele ſeines Be- ſtrebens und des Antiſemitismus hinzuweiſen. Schwerlich werden ihm hiefür Lueger und die anderen Hausknechte der Reaction, welche ſich als das was ſie eigentlich ſind, nicht zu erkennen geben, dankbar ſein. Wozu ſchwätzt der Herr aus der Schule, werden die Demagogen ſagen, und überdies zu ſo ungelegener Zeit! Die Leute, welche den Antiſemiten nach- laufen, deren „europäiſche“ Wirkſamkeit und Be- deutung jedoch nicht über das Weichbild von Wien hinausreicht, glauben, daß für das Kleingewerbe, für eine beſſere Zukunft, für die Beſeitigung von tauſend Uebelſtänden, daß ſie am Ende für ſich ſelbſt und für ihr eigenes Wohl ſich mit Rufen „Hoch Lueger!“ und „Hoch Liechtenſtein!“ heiſer ſchreien. Daß ſie für die confeſſionelle Feuilleton. Gräfenberger Eindrücke. (Original-Feuilleton des „Mähriſchen Tagblattes“.) „Sie müſſen Geduld haben!“ Dieſe bedeut- ſame Mahnung grüßt auf ungefähr halber Höhe des Bergweges, der von der Bahnſtation nach Gräfenberg führt, den Reiſenden von einer Ge- denktafel, die zur Erinnerung an einen alten Cur- gaſt hier angebracht, den Namen „Gilbertsſtein“ trägt. Es liegt ein Stück ungewollter Ironie in dieſer harmloſen Inſchrift, und wenn man ſie nach der beigefügten Jahreszahl, nicht als einen Ausfluß vormärzlicher Gemüthlichkeit hinnehmen müßte, wäre man leicht geneigt, aus ihr die lapidare Kritik eines von anſpruchsvoller Moder- nität angekränkelten Menſchen herauszuleſen, der einige Wochen in Gräfenberg zugebracht hat. Denn ſo rührig und eifrig anderwärts Cur- orte aus beſcheidenen Anfängen zu Glanz und Größe emporſtreben, ſo ruhig und beſcheiden ſcheint dieſe kleine Anfiedelung in einer Verfaſſung zu beharren, die über das Niveau eines einfachen, primitiven Comforts nicht ſonderlich hinaus- geht. Auch das äußere beſcheidene Bild des Oertchens hat ſeit geraumer Zeit keine Be- reicherung erfahren, die auf eine Entwickelung in aufſteigender Richtung ſchließen ließe. Weit ausgedehnte Getreidefelder, Kleeäcker und Wieſen bedecken Gräfenbergs Boden nach wie vor, und es könnte aus ſolcher Umgebung heraus ein Be- richt über die „Saiſon“ ſich unter der Hand ſehr leicht in einen Saatenſtandsbericht verwan- deln. Denn die geſellſchaftlichen Vorgänge im hieſigen Badeleben bewegen ſich in ſo unſchein- baren, anſpruchsloſen Formen und engem Kreiſe, daß der Chroniſt nur zu Indiscretionen ſeine Zuflucht nehmen müßte, um etwas Intereſſantes zum Beſten geben zu können. Man wäre leicht zu dem Glauben verleitet, daß ſich innerhalb der engen Grenzen dieſes Verkehrs unter den Gäſten ſehr leicht ein gewiſſer Grad von Intimität ent- wickeln müſſe; dieſer Möglichkeit aber wirkt der Umſtand entgegen, daß die Geſellſchaft ſich aus vielſprachigen Elementen zuſammenſetzt. Polen, Ungarn, Böhmen und Deutſche huldigen auch auf dieſem neutralen Boden ihrem unheilvollen Separatismus, und wenn es wirklich nur böh- miſche Kopfſchmerzen, ungariſches Ischia oder polniſches Podagra gäbe, die hier ihre Hei- lung finden, dann könnte man allenfalls das nationale Selbſtbewußtſein verſtehen, das ſich hier in den verſchiedenen polniſchen, ungariſchen und böhmiſchen Denkmälern zu Ehren Prießnitz ausſpricht. Neben dieſer polyglotten Scheidung ſind andere Momente ſocialer Natur wirkſam, die das geſellſchaftliche Zuſammenleben nicht gerade begünſtigen können. Der kleine Kaufmann reprä- ſentirt zur Zeit den Typus des Gräfenberger Badegaſts, und ob er allein, oder mit Familien- anhang hier einziehen mag, er geht in dem ſelbſtiſchen Zwecke des Curgebrauchs vollſtändig auf, und ſeine kleinbürgerliche Herkunft gibt ſich mit einem recht beſcheidenen Maß von geſell- ſchaftlichen Anſprüchen und Bedürfniſſen zufrieden. So haben ſich denn auch die ökonomiſchen Be- dingungen der hieſigen Wohn- und Speiſehäuſer im Ganzen in einer verhältnißmäßig billigen Preislage erhalten können, und man kann in Gräfenberg unter Umſtänden ſehr wohlfett leben, was für gewiſſe, ſtarkvertretene Kreiſe den Gegen- ſtand beſonderer Anziehung bilden mag. Freilich dürfte es nicht ausbleiben, daß der großcapitaliſtiſche Betrieb mit Luxushotels und Bergbahn auch in dieſer Gegend ſeinen Einzug hält. Bevor die Eiſenbahn dieſen Gebirgswinkel dem allgemeinen Verkehr erſchloß, iſt die bevor- zugte Lage Gräfenbergs von einem kleinen Kreiſe Eingeweihter längſt erkannt und gewürdigt worden, der ſich aus der beſten Geſellſchaft und den vor- nehmſten Ariſtocratenfamilien rekrutirte. Fern von dem Zwang überfeinerter Modebäder verlebte man hier die Sommermonate oder widmete ſich in der kalten Jahreszeit den Beluſtigungen mannigfaltigen Winterſports. Daß dieſe vornehmen Kreiſe ſeither von der großen Menge kleiner Leute verdrängt wurden und dem Curorte fern bleiben, pflegt die Meinung zu verbreiten, daß Gräfenberg ſeine Blüthe hinter ſich und ſeine Bedeutung verloren habe. Aber ſo wenig als jemals der Reiz der Natur altern, der Eindruck einer herrlichen Landſchaft ſeinen Zauber verlieren kann, ſo wenig werden jemals die werthvollen Eigen- thümlichkeiten und Vorzüge dieſer Gegend eine Ein- buße erleiden können. Ja ſchlecht verſtandenem Eigenintereſſe haben ſich die Gräfenberger Haus- und Grundbeſitzer in eine Art Ring zuſammen-

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Zitationshilfe: Mährisches Tagblatt. Nr. 204, Olmütz, 06.09.1895, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_maehrisches204_1895/1>, abgerufen am 17.12.2018.