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Mährisches Tagblatt. Nr. 89, Olmütz, 19.04.1886.

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Das
"Mährische Tagblatt"
mit der illustr. Wochenbeilag
"Illustrirt. Sonntagsblatt,
erscheint mit Ausnahme der
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Ausgabe 2 Uhr Nachmittag[s]
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Mährisches
Tagblatt.

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Insertionsgeb[üh]reu
die 4mal gespaltene Petitzeile
oder deren Raum 6 Kreuzer




Außerhalb Olmütz überneh-
men Insertions-Aufträge:
Heinrich Schalek, Annon-
cen-Exved. in Wien, I., Wog-
zeile Nr. 1. Haasenstein &
Vegler
in Wien, Prog. Buda-
pest, Berlin, Frankfurt a. M[.]
Hamburg, Basel und Leipzig
Alois Opellik, in Wien Rud.
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in Wien, München u.
Berlin, G. L. Daube u. Co.
(lg. Knoll)
Wien, I., Singer-
[st]raße 11 a, Frankfurt a. M.
Adolf Steiner's Annoncen-
bureau in Hamburg, sowie
sämmtl. conc. Insertions-Bu-
reaux des In- u. Auslandes.




Manuscripte werden nicht
zurückgestellt.




Nr. 89. Olmütz, Montag, den 19. April 1886. 7. Jahrgang

[Spaltenumbruch]
Der Deutsch-österreichische Club
und die Landsturmvorlage.


Aus der Abstimmung des Deutsch-österr.
Clubs über die Landsturmvorlage -- der größte
Theil desselben stimmte gegen, ein beträchtlicher
Theil für dieselbe -- suchen gewisse Gegner
Capital in dem Sinne zu schlagen, daß sie die
Meldung aussprengen, es sei hierüber im Schoße
des Clubs zu Zerwürfnissen gekommen, welche
auf die Stellung einzelner Persönlichkeiten nicht
ohne Einfluß bleiben dürften. Dem gegenüber
dürfen wir auf Grund authentischer Aufklärun-
gen versichern, daß der Annahme eines solchen
Zerwürfnisses schon darum jeder Anhaltspunct
fehlt, weil bereits vor dem Beginn der General-
debatte feststand, daß die Abstimmung über das
Landsturmgesetz unter keinen Umständen zur Club-
frage gemacht werden soll.

Nicht einmal zu einem, was man so recht
Berstimmtsein nennen könnte, ist es infolge des
beregten Dissenses gekommen, der ja fast zu sagen
vorausgesehen worden war. Allerdings hätte man
den Dissens sehr gern vermieden und die Reden
des Herrn Dr. Sturm, die gewissermaßen als
das Resultat der beiden verschiedenen Strömun-
gen anzusehen sind, legen hiefür beredtes Zeugnis
ab; aber die Hast, mit welcher die Majorität
auf der Durchpeitschung des Gesetzes bestand, be-
raubte sogar Diejenigen der Möglichkeit sich zu
verständigen, welche, wie die Abgeordneten des
Deutschösterr. Clubs auf eine solche Verständigung
das allergrößte Gewicht legten.


[Spaltenumbruch]

Mit vollem Fug beklagt sich demnach beute
Herr Dr. Sturm in einer Zuschrift an die "Neue
Freie Presse" darüber, daß es "wegen des stets
dazwischengetretenen Schlusses der Debatte" den
Antragstellern der Opposition "nur noch in dem
beschränkten Rahmen einer thatsächlichen Berichti-
gung dem Minister zu entgegnen möglich wurde
und er fühlt das Bedürfnis hinterher die Wider-
legung der Einwände des Ministers auf einem
andern Wege als dem der parlamentarischen Dis-
cussion zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Herr
Dr. Sturm weist denn auch nach, daß sowol der
Herr Landesvertheidigungsminister als der Herr
Berichterstatter Dr. Mattusch sehr mit Unrecht
gegen den von ihm vertretenen Antrag zu § 5
Alinea 2 den Vorwurf erhoben, die im 3. Alinea
vorgesehene Ergänzung des Heeres aus dem Land-
sturme wirkungslos zu machen. Er erklärt sich
dieses Misverständnis -- hoffentlich ist es nur
ein solches -- in der Weise, daß die beiden ge-
nannten Herren nicht bedachten, die in dem Sturm'-
schen Antrage angestrebte Beschränkung des Grenz-
übertrittes des Landstur[mes] habe auf die in das
Heer eingerei[h]ten Landsturmmänner keinen Ein-
fluß, da ja diese eben durch die Einreihung in
das Heer aufgehört haben würden dem Landsturm
als solchem anzugehören. In ähnlicher Weise stellt
Herr Dr. Sturm klar, daß die Einwendung, welche
von dem Herrn Minister und Herrn Dr. Mattusch
gegen die von Herrn Dr. Magg beantragte Re-
solution betreffend die Unterlassung der Einberu-
fung des Landsturmes bis zur internationalen
Sicherung des völkerrechtlichen Schutzes auf der
vielleicht unabsichtlichen Verwechslung zwischen dem
"Aufgebote" und der "Einberufung" beruhe.


[Spaltenumbruch]

Alles in Allem zeigt sich, daß die Opposition
in der That vollen Grund hatte sich gegen die
überhastende Methode der Berathung auszusprechen
und so wie Herr Dr. Sturm hinterher nachzu-
weisen imstande war, daß zum Mindesten die von
dem Herrn Minister und dem Herrn Dr. Mattusch
erhobenen Einwände nicht Stich halten, so ist
andererseits anzunehmen, daß auch diejenigen Mit-
glieder des Deutsch-österr. Clubs, welche auch in
3. Lesung für das Gesetz stimmten, gleichfalls
durch den "stets dazwischengetretenen Schluß der
Debatte" verhindert wurden solche Motive für ihr
Votum geltend zu machen, von denen sie voraus-
setzen durften, daß sie so manchen, der gegen das
Gesetz stimmte, vielleicht bewogen hätten, für das-
selbe zu stimmen.

Der Herr Landesvertheidigungsminister der
in seiner Rede in der Generaldebatte, dem Wunsche
nach einer möglichst großen Majorität für das
Landsturmgesetz emphatischen Ausdruck gab, mag
hieraus entnehmen, daß es gerade die leider auch
von ihm gebilligte Ueberstürzung der Debatte ge-
wesen ist, welche die Erfüllung seines durchaus
gerechtfertigten Wunsches unmöglich gemacht hat.
Die Grundbedingung einer we sen Gesetzgebung
ist: Besonnenheit.




Was ist der Landsturm?

Mit Rücksicht darauf, daß über manchen
Punkt der nun vom Abgeordnetenhause in dritter
Lesung angenommenen Landsturm-Gesetzes-
vorlage
unter der Bevölkerung noch so manche
Zweifel bestehen, welche eine Aufklärung erhei-
schen, geben wir im Nachstehenden mehrere Er-




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Das Gedankenlesen.

Jeder neue Cumberland weckt die Discussion
über die merkwürdige in den Seancen der
Spiritisten zuerst entdeckte Eigenschaft des Ge-
dankenlesens. Die verschiedenen mehr oder weniger
wissenschaftlichen Erklärungen waren nicht im
Stande die Erscheinungen der Fähigkeit des Ge-
dankenlesens und Gedankenerrathens dem großen
Publicum verständlich oder gar glaubwürdig zu
machen und noch heute halten Viele, die eine
Production eines solchen Gedankenlesers anschauen
sich für überzeugt, daß es purer Schwindel
sei und strengen im Geheimen alle ihre Aufmerk-
samkeit an, um diesem Schwindel auf die Spur
zu kommen und das geheime Mitglied, das den
Rapport zwischen Gedankenleser und Publicum
vermittelt, zu eruiren.

Und doch ist es nichts weniger als Schwin-
del und geschickt inscenirter Betrug und die Fähig-
keit des Gedankenlesens existirt so gewiß, wie der
Gedanke selbst, wie die Electricität, wie der
Magnetismus.

Betrachten wir vorerst einige bekannte
physikalische Erscheinungen, um dann auf die Er-
klärung des Gedankenlesens selbst, als einen rein
physikalischen Vorgang, übergehen zu können.

Alle Erscheinungen der gesammten Natur, ob
sie zu unserem Bewußtsein gelangen oder nicht,
[Spaltenumbruch] beruhen auf theils sichtbaren, theils unsichtbaren
Bewegungen und Schwingungen der Körper, die
die Träger dieser Erscheinungen sind. Alle Erschei-
nungen sind daher gleichbebeutend mit Bewegun-
gen, und die Art dieser Bewegung, ihre Intensität
und vor allem die Anzahl der in einem gewissen
Zeittheilchen gemachten Schwingungen der kleinsten
T[h]eilchen eines Körpers gibt den nach unserer
Perception verschiedenen Character dieser Erschei-
nung und wir nennen sie dann mechanische Be-
wegung, Wärme, Licht, Magnetisms, Electricität.
Diese Fähigkeit, die eine oder die andere Bewe-
gungsart und Bewegungsschnelligkeit anzunehmen,
hängt von der Beschaffenheit und Zusammensetzung
der Körper ab; einige derselben besitzen die Fähig-
keit in ausgedehnterem Maße und können uns
dieselbe in verschiedener Erscheinungsform zur
Beobachtung bringen, andere in geringerem Maße
und können uns dann ost nur einerlei Ausdrucks-
weise der Schwingungen ihre Theilchen zeigen.
Nun sind viele Körper im Stande diese ihre
jeweilige Erscheinungsform, d. h. die Art und die
Schnelligkeit der Bewegung ihrer Theilchen auf
andere in ihrer Nähe befindliche Körper zu über-
tragen, natürlich nur unter der Voraussetzung, daß
diese letzteren vermöge ihrer Beschaffenheit die
Fähigkeit besitzen, diese Anregung aufzunehmen
und ihr Folge zu geben. So wird eine Draht-
spule electrisch in dem Momente, wo durch eine
nebenstehende Spule ein electrischer Strom durch-
geleitet wird, ein Metallstab magnetisch, wenn ein
Magnet ihn bestreicht; so tönt die betreffende
Seite eines Instrumentes mit, wenn an einem
[Spaltenumbruch] anderen nebenstehenden ein Ton angeschlagen wird
und sämmtlite A eines Clavieres erklingen (bei
gehobenem Dämpfungspedule), wenn der gleiche
Ton in dasselbe hineingesungen wird. Nennen
wir nun diese Erscheinung Uebertragung, Induc-
tion oder Suggestion, Thatsache ist, daß Schwin-
gungen eines Körpers in einem zweiten, soferne
dieser die bedingenden Eigenschaften besitzt, die-
selben Schwingungen hervorzurufen im Stande
sind. --

Dieses vorausgeschickt können wir auf die
Erklärung des Gedankenlesens und des mit diesem
identischen Errathens von Z[i]ffern, Namen etc.
übergehen. Jeder in uns entstehende Gedanke ist
nichts anderes, als die Erregung und schwingende
Bewegung der kleinsten Theilchen einer bestimmten
Gehirnparthie. Diese Bewegung kann sowohl
durch äußere Reize als auch durch innere Vor-
gänge ausgelöst werden, kann eine ungewöhnliche
Steigerung erfahren, wie im Traume, im Fieber,
nach Reizmitteln und eine Hemmung durch Er-
müdung und durch gewisse medicamentöse Stoffe
und durch locale Erkrankungen. Doch entspricht
im Allgemeinen jeder quantitativ und qualitativ
bestimmten Erregung ein in seiner Intensität und
seiner Dauer ebenfalls genau bestimmter Gedanke,
der nach Umständen in eine Muskelerregung,
d. h. in eine Handlung übertragen, zu sinnlich
wahrnehmbarem Ausdrucke gelangen kann. Auch
diese Uebertragung kann unserer Willkür zum
Theil oder auch ganz entzogen sein, wie die
Handlungen im Rausche oder im Fieberparoxis-
mus. Es ist nun durchaus folgerichtig anzuneh-


[Spaltenumbruch]

Das
„Mähriſche Tagblatt“
mit der illuſtr. Wochenbeilag
„Illuſtrirt. Sonntagsblatt,
erſcheint mit Ausnahme der
Sonn- und Feiertage täglich
Ausgabe 2 Uhr Nachmittag[s]
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Riederring Nr. 41 neu
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Mähriſches
Tagblatt.

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Inſertionsgeb[üh]reu
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peſt, Berlin, Frankfurt a. M[.]
Hamburg, Baſel und Leipzig
Alois Opellik, in Wien Rud.
Mosse
in Wien, München u.
Berlin, G. L. Daube u. Co.
(lg. Knoll)
Wien, I., Singer-
[ſt]raße 11 a, Frankfurt a. M.
Adolf Steiner’s Annoncen-
bureau in Hamburg, ſowie
ſämmtl. conc. Inſertions-Bu-
reaux des In- u. Auslandes.




Manuſcripte werden nicht
zurückgeſtellt.




Nr. 89. Olmütz, Montag, den 19. April 1886. 7. Jahrgang

[Spaltenumbruch]
Der Deutſch-öſterreichiſche Club
und die Landſturmvorlage.


Aus der Abſtimmung des Deutſch-öſterr.
Clubs über die Landſturmvorlage — der größte
Theil desſelben ſtimmte gegen, ein beträchtlicher
Theil für dieſelbe — ſuchen gewiſſe Gegner
Capital in dem Sinne zu ſchlagen, daß ſie die
Meldung ausſprengen, es ſei hierüber im Schoße
des Clubs zu Zerwürfniſſen gekommen, welche
auf die Stellung einzelner Perſönlichkeiten nicht
ohne Einfluß bleiben dürften. Dem gegenüber
dürfen wir auf Grund authentiſcher Aufklärun-
gen verſichern, daß der Annahme eines ſolchen
Zerwürfniſſes ſchon darum jeder Anhaltspunct
fehlt, weil bereits vor dem Beginn der General-
debatte feſtſtand, daß die Abſtimmung über das
Landſturmgeſetz unter keinen Umſtänden zur Club-
frage gemacht werden ſoll.

Nicht einmal zu einem, was man ſo recht
Berſtimmtſein nennen könnte, iſt es infolge des
beregten Diſſenſes gekommen, der ja faſt zu ſagen
vorausgeſehen worden war. Allerdings hätte man
den Diſſens ſehr gern vermieden und die Reden
des Herrn Dr. Sturm, die gewiſſermaßen als
das Reſultat der beiden verſchiedenen Strömun-
gen anzuſehen ſind, legen hiefür beredtes Zeugnis
ab; aber die Haſt, mit welcher die Majorität
auf der Durchpeitſchung des Geſetzes beſtand, be-
raubte ſogar Diejenigen der Möglichkeit ſich zu
verſtändigen, welche, wie die Abgeordneten des
Deutſchöſterr. Clubs auf eine ſolche Verſtändigung
das allergrößte Gewicht legten.


[Spaltenumbruch]

Mit vollem Fug beklagt ſich demnach beute
Herr Dr. Sturm in einer Zuſchrift an die „Neue
Freie Preſſe“ darüber, daß es „wegen des ſtets
dazwiſchengetretenen Schluſſes der Debatte“ den
Antragſtellern der Oppoſition „nur noch in dem
beſchränkten Rahmen einer thatſächlichen Berichti-
gung dem Miniſter zu entgegnen möglich wurde
und er fühlt das Bedürfnis hinterher die Wider-
legung der Einwände des Miniſters auf einem
andern Wege als dem der parlamentariſchen Dis-
cuſſion zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Herr
Dr. Sturm weiſt denn auch nach, daß ſowol der
Herr Landesvertheidigungsminiſter als der Herr
Berichterſtatter Dr. Mattuſch ſehr mit Unrecht
gegen den von ihm vertretenen Antrag zu § 5
Alinea 2 den Vorwurf erhoben, die im 3. Alinea
vorgeſehene Ergänzung des Heeres aus dem Land-
ſturme wirkungslos zu machen. Er erklärt ſich
dieſes Misverſtändnis — hoffentlich iſt es nur
ein ſolches — in der Weiſe, daß die beiden ge-
nannten Herren nicht bedachten, die in dem Sturm’-
ſchen Antrage angeſtrebte Beſchränkung des Grenz-
übertrittes des Landſtur[mes] habe auf die in das
Heer eingerei[h]ten Landſturmmänner keinen Ein-
fluß, da ja dieſe eben durch die Einreihung in
das Heer aufgehört haben würden dem Landſturm
als ſolchem anzugehören. In ähnlicher Weiſe ſtellt
Herr Dr. Sturm klar, daß die Einwendung, welche
von dem Herrn Miniſter und Herrn Dr. Mattuſch
gegen die von Herrn Dr. Magg beantragte Re-
ſolution betreffend die Unterlaſſung der Einberu-
fung des Landſturmes bis zur internationalen
Sicherung des völkerrechtlichen Schutzes auf der
vielleicht unabſichtlichen Verwechslung zwiſchen dem
„Aufgebote“ und der „Einberufung“ beruhe.


[Spaltenumbruch]

Alles in Allem zeigt ſich, daß die Oppoſition
in der That vollen Grund hatte ſich gegen die
überhaſtende Methode der Berathung auszuſprechen
und ſo wie Herr Dr. Sturm hinterher nachzu-
weiſen imſtande war, daß zum Mindeſten die von
dem Herrn Miniſter und dem Herrn Dr. Mattuſch
erhobenen Einwände nicht Stich halten, ſo iſt
andererſeits anzunehmen, daß auch diejenigen Mit-
glieder des Deutſch-öſterr. Clubs, welche auch in
3. Leſung für das Geſetz ſtimmten, gleichfalls
durch den „ſtets dazwiſchengetretenen Schluß der
Debatte“ verhindert wurden ſolche Motive für ihr
Votum geltend zu machen, von denen ſie voraus-
ſetzen durften, daß ſie ſo manchen, der gegen das
Geſetz ſtimmte, vielleicht bewogen hätten, für das-
ſelbe zu ſtimmen.

Der Herr Landesvertheidigungsminiſter der
in ſeiner Rede in der Generaldebatte, dem Wunſche
nach einer möglichſt großen Majorität für das
Landſturmgeſetz emphatiſchen Ausdruck gab, mag
hieraus entnehmen, daß es gerade die leider auch
von ihm gebilligte Ueberſtürzung der Debatte ge-
weſen iſt, welche die Erfüllung ſeines durchaus
gerechtfertigten Wunſches unmöglich gemacht hat.
Die Grundbedingung einer we ſen Geſetzgebung
iſt: Beſonnenheit.




Was iſt der Landſturm?

Mit Rückſicht darauf, daß über manchen
Punkt der nun vom Abgeordnetenhauſe in dritter
Leſung angenommenen Landſturm-Geſetzes-
vorlage
unter der Bevölkerung noch ſo manche
Zweifel beſtehen, welche eine Aufklärung erhei-
ſchen, geben wir im Nachſtehenden mehrere Er-




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Das Gedankenleſen.

Jeder neue Cumberland weckt die Discuſſion
über die merkwürdige in den Seancen der
Spiritiſten zuerſt entdeckte Eigenſchaft des Ge-
dankenleſens. Die verſchiedenen mehr oder weniger
wiſſenſchaftlichen Erklärungen waren nicht im
Stande die Erſcheinungen der Fähigkeit des Ge-
dankenleſens und Gedankenerrathens dem großen
Publicum verſtändlich oder gar glaubwürdig zu
machen und noch heute halten Viele, die eine
Production eines ſolchen Gedankenleſers anſchauen
ſich für überzeugt, daß es purer Schwindel
ſei und ſtrengen im Geheimen alle ihre Aufmerk-
ſamkeit an, um dieſem Schwindel auf die Spur
zu kommen und das geheime Mitglied, das den
Rapport zwiſchen Gedankenleſer und Publicum
vermittelt, zu eruiren.

Und doch iſt es nichts weniger als Schwin-
del und geſchickt inſcenirter Betrug und die Fähig-
keit des Gedankenleſens exiſtirt ſo gewiß, wie der
Gedanke ſelbſt, wie die Electricität, wie der
Magnetismus.

Betrachten wir vorerſt einige bekannte
phyſikaliſche Erſcheinungen, um dann auf die Er-
klärung des Gedankenleſens ſelbſt, als einen rein
phyſikaliſchen Vorgang, übergehen zu können.

Alle Erſcheinungen der geſammten Natur, ob
ſie zu unſerem Bewußtſein gelangen oder nicht,
[Spaltenumbruch] beruhen auf theils ſichtbaren, theils unſichtbaren
Bewegungen und Schwingungen der Körper, die
die Träger dieſer Erſcheinungen ſind. Alle Erſchei-
nungen ſind daher gleichbebeutend mit Bewegun-
gen, und die Art dieſer Bewegung, ihre Intenſität
und vor allem die Anzahl der in einem gewiſſen
Zeittheilchen gemachten Schwingungen der kleinſten
T[h]eilchen eines Körpers gibt den nach unſerer
Perception verſchiedenen Character dieſer Erſchei-
nung und wir nennen ſie dann mechaniſche Be-
wegung, Wärme, Licht, Magnetisms, Electricität.
Dieſe Fähigkeit, die eine oder die andere Bewe-
gungsart und Bewegungsſchnelligkeit anzunehmen,
hängt von der Beſchaffenheit und Zuſammenſetzung
der Körper ab; einige derſelben beſitzen die Fähig-
keit in ausgedehnterem Maße und können uns
dieſelbe in verſchiedener Erſcheinungsform zur
Beobachtung bringen, andere in geringerem Maße
und können uns dann oſt nur einerlei Ausdrucks-
weiſe der Schwingungen ihre Theilchen zeigen.
Nun ſind viele Körper im Stande dieſe ihre
jeweilige Erſcheinungsform, d. h. die Art und die
Schnelligkeit der Bewegung ihrer Theilchen auf
andere in ihrer Nähe befindliche Körper zu über-
tragen, natürlich nur unter der Vorausſetzung, daß
dieſe letzteren vermöge ihrer Beſchaffenheit die
Fähigkeit beſitzen, dieſe Anregung aufzunehmen
und ihr Folge zu geben. So wird eine Draht-
ſpule electriſch in dem Momente, wo durch eine
nebenſtehende Spule ein electriſcher Strom durch-
geleitet wird, ein Metallſtab magnetiſch, wenn ein
Magnet ihn beſtreicht; ſo tönt die betreffende
Seite eines Inſtrumentes mit, wenn an einem
[Spaltenumbruch] anderen nebenſtehenden ein Ton angeſchlagen wird
und ſämmtlite A eines Clavieres erklingen (bei
gehobenem Dämpfungspedule), wenn der gleiche
Ton in dasſelbe hineingeſungen wird. Nennen
wir nun dieſe Erſcheinung Uebertragung, Induc-
tion oder Suggeſtion, Thatſache iſt, daß Schwin-
gungen eines Körpers in einem zweiten, ſoferne
dieſer die bedingenden Eigenſchaften beſitzt, die-
ſelben Schwingungen hervorzurufen im Stande
ſind. —

Dieſes vorausgeſchickt können wir auf die
Erklärung des Gedankenleſens und des mit dieſem
identiſchen Errathens von Z[i]ffern, Namen ꝛc.
übergehen. Jeder in uns entſtehende Gedanke iſt
nichts anderes, als die Erregung und ſchwingende
Bewegung der kleinſten Theilchen einer beſtimmten
Gehirnparthie. Dieſe Bewegung kann ſowohl
durch äußere Reize als auch durch innere Vor-
gänge ausgelöſt werden, kann eine ungewöhnliche
Steigerung erfahren, wie im Traume, im Fieber,
nach Reizmitteln und eine Hemmung durch Er-
müdung und durch gewiſſe medicamentöſe Stoffe
und durch locale Erkrankungen. Doch entſpricht
im Allgemeinen jeder quantitativ und qualitativ
beſtimmten Erregung ein in ſeiner Intenſität und
ſeiner Dauer ebenfalls genau beſtimmter Gedanke,
der nach Umſtänden in eine Muskelerregung,
d. h. in eine Handlung übertragen, zu ſinnlich
wahrnehmbarem Ausdrucke gelangen kann. Auch
dieſe Uebertragung kann unſerer Willkür zum
Theil oder auch ganz entzogen ſein, wie die
Handlungen im Rauſche oder im Fieberparoxis-
mus. Es iſt nun durchaus folgerichtig anzuneh-


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[[1]/0001] Das „Mähriſche Tagblatt“ mit der illuſtr. Wochenbeilag „Illuſtrirt. Sonntagsblatt, erſcheint mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage täglich Ausgabe 2 Uhr Nachmittags im Adminiſtrations-Locale Riederring Nr. 41 neu ober den Fleiſchbänken. Abonnement für Olmütz Ganzjährig fl. 10.— Halbjährig „ 5.— Vierteljährig „ 2.50 Monatlich „ —.90 Zuſtellung ins Haus monat- lich 10 Kreuzer. Auswärts durch die Poſt Ganzjährig fl. 14.— Halbjährig „ 7.— Vierteljährig „ 3.50 Einzelne Nummer 5 Kreuzer. Mähriſches Tagblatt. Inſertionsgebühreu die 4mal geſpaltene Petitzeile oder deren Raum 6 Kreuzer Außerhalb Olmütz überneh- men Inſertions-Aufträge: Heinrich Schalek, Annon- cen-Exved. in Wien, I., Wog- zeile Nr. 1. Haasenstein & Vegler in Wien, Prog. Buda- peſt, Berlin, Frankfurt a. M. Hamburg, Baſel und Leipzig Alois Opellik, in Wien Rud. Mosse in Wien, München u. Berlin, G. L. Daube u. Co. (lg. Knoll) Wien, I., Singer- ſtraße 11 a, Frankfurt a. M. Adolf Steiner’s Annoncen- bureau in Hamburg, ſowie ſämmtl. conc. Inſertions-Bu- reaux des In- u. Auslandes. Manuſcripte werden nicht zurückgeſtellt. Nr. 89. Olmütz, Montag, den 19. April 1886. 7. Jahrgang Der Deutſch-öſterreichiſche Club und die Landſturmvorlage. Wien, 18. April. (Orig.-Corr.) Aus der Abſtimmung des Deutſch-öſterr. Clubs über die Landſturmvorlage — der größte Theil desſelben ſtimmte gegen, ein beträchtlicher Theil für dieſelbe — ſuchen gewiſſe Gegner Capital in dem Sinne zu ſchlagen, daß ſie die Meldung ausſprengen, es ſei hierüber im Schoße des Clubs zu Zerwürfniſſen gekommen, welche auf die Stellung einzelner Perſönlichkeiten nicht ohne Einfluß bleiben dürften. Dem gegenüber dürfen wir auf Grund authentiſcher Aufklärun- gen verſichern, daß der Annahme eines ſolchen Zerwürfniſſes ſchon darum jeder Anhaltspunct fehlt, weil bereits vor dem Beginn der General- debatte feſtſtand, daß die Abſtimmung über das Landſturmgeſetz unter keinen Umſtänden zur Club- frage gemacht werden ſoll. Nicht einmal zu einem, was man ſo recht Berſtimmtſein nennen könnte, iſt es infolge des beregten Diſſenſes gekommen, der ja faſt zu ſagen vorausgeſehen worden war. Allerdings hätte man den Diſſens ſehr gern vermieden und die Reden des Herrn Dr. Sturm, die gewiſſermaßen als das Reſultat der beiden verſchiedenen Strömun- gen anzuſehen ſind, legen hiefür beredtes Zeugnis ab; aber die Haſt, mit welcher die Majorität auf der Durchpeitſchung des Geſetzes beſtand, be- raubte ſogar Diejenigen der Möglichkeit ſich zu verſtändigen, welche, wie die Abgeordneten des Deutſchöſterr. Clubs auf eine ſolche Verſtändigung das allergrößte Gewicht legten. 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Alles in Allem zeigt ſich, daß die Oppoſition in der That vollen Grund hatte ſich gegen die überhaſtende Methode der Berathung auszuſprechen und ſo wie Herr Dr. Sturm hinterher nachzu- weiſen imſtande war, daß zum Mindeſten die von dem Herrn Miniſter und dem Herrn Dr. Mattuſch erhobenen Einwände nicht Stich halten, ſo iſt andererſeits anzunehmen, daß auch diejenigen Mit- glieder des Deutſch-öſterr. Clubs, welche auch in 3. Leſung für das Geſetz ſtimmten, gleichfalls durch den „ſtets dazwiſchengetretenen Schluß der Debatte“ verhindert wurden ſolche Motive für ihr Votum geltend zu machen, von denen ſie voraus- ſetzen durften, daß ſie ſo manchen, der gegen das Geſetz ſtimmte, vielleicht bewogen hätten, für das- ſelbe zu ſtimmen. Der Herr Landesvertheidigungsminiſter der in ſeiner Rede in der Generaldebatte, dem Wunſche nach einer möglichſt großen Majorität für das Landſturmgeſetz emphatiſchen Ausdruck gab, mag hieraus entnehmen, daß es gerade die leider auch von ihm gebilligte Ueberſtürzung der Debatte ge- weſen iſt, welche die Erfüllung ſeines durchaus gerechtfertigten Wunſches unmöglich gemacht hat. Die Grundbedingung einer we ſen Geſetzgebung iſt: Beſonnenheit. Was iſt der Landſturm? Mit Rückſicht darauf, daß über manchen Punkt der nun vom Abgeordnetenhauſe in dritter Leſung angenommenen Landſturm-Geſetzes- vorlage unter der Bevölkerung noch ſo manche Zweifel beſtehen, welche eine Aufklärung erhei- ſchen, geben wir im Nachſtehenden mehrere Er- Feuilleton. Das Gedankenleſen. Von Dr. Ignaz Großmann. Jeder neue Cumberland weckt die Discuſſion über die merkwürdige in den Seancen der Spiritiſten zuerſt entdeckte Eigenſchaft des Ge- dankenleſens. Die verſchiedenen mehr oder weniger wiſſenſchaftlichen Erklärungen waren nicht im Stande die Erſcheinungen der Fähigkeit des Ge- dankenleſens und Gedankenerrathens dem großen Publicum verſtändlich oder gar glaubwürdig zu machen und noch heute halten Viele, die eine Production eines ſolchen Gedankenleſers anſchauen ſich für überzeugt, daß es purer Schwindel ſei und ſtrengen im Geheimen alle ihre Aufmerk- ſamkeit an, um dieſem Schwindel auf die Spur zu kommen und das geheime Mitglied, das den Rapport zwiſchen Gedankenleſer und Publicum vermittelt, zu eruiren. Und doch iſt es nichts weniger als Schwin- del und geſchickt inſcenirter Betrug und die Fähig- keit des Gedankenleſens exiſtirt ſo gewiß, wie der Gedanke ſelbſt, wie die Electricität, wie der Magnetismus. Betrachten wir vorerſt einige bekannte phyſikaliſche Erſcheinungen, um dann auf die Er- klärung des Gedankenleſens ſelbſt, als einen rein phyſikaliſchen Vorgang, übergehen zu können. Alle Erſcheinungen der geſammten Natur, ob ſie zu unſerem Bewußtſein gelangen oder nicht, beruhen auf theils ſichtbaren, theils unſichtbaren Bewegungen und Schwingungen der Körper, die die Träger dieſer Erſcheinungen ſind. Alle Erſchei- nungen ſind daher gleichbebeutend mit Bewegun- gen, und die Art dieſer Bewegung, ihre Intenſität und vor allem die Anzahl der in einem gewiſſen Zeittheilchen gemachten Schwingungen der kleinſten Theilchen eines Körpers gibt den nach unſerer Perception verſchiedenen Character dieſer Erſchei- nung und wir nennen ſie dann mechaniſche Be- wegung, Wärme, Licht, Magnetisms, Electricität. Dieſe Fähigkeit, die eine oder die andere Bewe- gungsart und Bewegungsſchnelligkeit anzunehmen, hängt von der Beſchaffenheit und Zuſammenſetzung der Körper ab; einige derſelben beſitzen die Fähig- keit in ausgedehnterem Maße und können uns dieſelbe in verſchiedener Erſcheinungsform zur Beobachtung bringen, andere in geringerem Maße und können uns dann oſt nur einerlei Ausdrucks- weiſe der Schwingungen ihre Theilchen zeigen. Nun ſind viele Körper im Stande dieſe ihre jeweilige Erſcheinungsform, d. h. die Art und die Schnelligkeit der Bewegung ihrer Theilchen auf andere in ihrer Nähe befindliche Körper zu über- tragen, natürlich nur unter der Vorausſetzung, daß dieſe letzteren vermöge ihrer Beſchaffenheit die Fähigkeit beſitzen, dieſe Anregung aufzunehmen und ihr Folge zu geben. So wird eine Draht- ſpule electriſch in dem Momente, wo durch eine nebenſtehende Spule ein electriſcher Strom durch- geleitet wird, ein Metallſtab magnetiſch, wenn ein Magnet ihn beſtreicht; ſo tönt die betreffende Seite eines Inſtrumentes mit, wenn an einem anderen nebenſtehenden ein Ton angeſchlagen wird und ſämmtlite A eines Clavieres erklingen (bei gehobenem Dämpfungspedule), wenn der gleiche Ton in dasſelbe hineingeſungen wird. Nennen wir nun dieſe Erſcheinung Uebertragung, Induc- tion oder Suggeſtion, Thatſache iſt, daß Schwin- gungen eines Körpers in einem zweiten, ſoferne dieſer die bedingenden Eigenſchaften beſitzt, die- ſelben Schwingungen hervorzurufen im Stande ſind. — Dieſes vorausgeſchickt können wir auf die Erklärung des Gedankenleſens und des mit dieſem identiſchen Errathens von Ziffern, Namen ꝛc. übergehen. Jeder in uns entſtehende Gedanke iſt nichts anderes, als die Erregung und ſchwingende Bewegung der kleinſten Theilchen einer beſtimmten Gehirnparthie. Dieſe Bewegung kann ſowohl durch äußere Reize als auch durch innere Vor- gänge ausgelöſt werden, kann eine ungewöhnliche Steigerung erfahren, wie im Traume, im Fieber, nach Reizmitteln und eine Hemmung durch Er- müdung und durch gewiſſe medicamentöſe Stoffe und durch locale Erkrankungen. Doch entſpricht im Allgemeinen jeder quantitativ und qualitativ beſtimmten Erregung ein in ſeiner Intenſität und ſeiner Dauer ebenfalls genau beſtimmter Gedanke, der nach Umſtänden in eine Muskelerregung, d. h. in eine Handlung übertragen, zu ſinnlich wahrnehmbarem Ausdrucke gelangen kann. Auch dieſe Uebertragung kann unſerer Willkür zum Theil oder auch ganz entzogen ſein, wie die Handlungen im Rauſche oder im Fieberparoxis- mus. Es iſt nun durchaus folgerichtig anzuneh-

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Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Benjamin Fiechter, Susanne Haaf: Bereitstellung der digitalen Textausgabe (Konvertierung in das DTA-Basisformat). (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
grepect GmbH: Bereitstellung der Texttranskription und Textauszeichnung. (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Amelie Meister: Vorbereitung der Texttranskription und Textauszeichnung. (2018-01-26T15:49:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




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URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/nn_maehrisches89_1886
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Zitationshilfe: Mährisches Tagblatt. Nr. 89, Olmütz, 19.04.1886, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_maehrisches89_1886/1>, abgerufen am 23.10.2018.