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Badener Zeitung. Nr. 23, Baden (Niederösterreich), 21.03.1900.

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Badener Zeitung
(vormals Badener Bezirks-Blatt).

Abonnement Baden: Zum Abholen vierteljährig K 2·50, halbjährig K 5.--. ganzjährig K 10.--. Mit Zustellung ins Haus Baden: Vierteljährig K 3. --, halbjährig K 6.--,
ganzjährig K 12 --. Oesterreich-Ungarn: Mit Zusendung vierteljährig K 3.30, halbjährig K 6.50, ganzjährig K 13.--. Einzelne Mittwoch-Nummer 12 h., Samstag-Nummer
16 h. -- Inserate
werden per 80 mm breite Petitzeile mit 16 h für die erste, und mit 14 h für fünf nacheinander folgende Einschaltungen berechnet, größere Aufträge nach Ueber-
[ei]nkommen und können auch durch die bestehenden Annoncen-Bureaux an die Administration gerichtet werden. -- Interessaute Mittheilungen, Notizen und Correspon-
denzen werden nach Uebereinkunft bonoriert. Manuseripte werden nicht zurückgestellt. -- Redaction und Administration: Baden, Pfarrgasse Nr. 3.
[Abbildung] Erscheint Mittwoch und Samstag früh. [Abbildung]
(Die Samstag-Nummer enthält die Gratis-Beilage "Illustriertes Unterhaltungsblatt".)




Nr. 23. Mittwoch, den 21. März 1900. 20. Jahrg.


[Spaltenumbruch]
Sessionsschluss.

Die Session des Reichsrathes ist Samstag
auf unbestimmte Zeit vertagt worden, nachdem
das Rekrutengesetz und die Wahlen in die Dele-
gationen ihre Erledigung gefunden haben. All-
gemein wird darauf hingewiesen, dass seit 1897
zum erstenmale die Situation sich derartig
gestaltet habe, wenngleich nicht übersehen werden
kann, dass eigentlich nur ein halber Erfolg vor-
liegt und eben nur das unbedingt Nothwendige
geschehen ist, um die Staatsmaschine in Gang zu
erhalten. Auf wirtschaftlichem Gebiete ist absolut
nichts geschehen und nicht einmal die Gewerbe-
novelle, die sich nun schon seit Jahren hinzieht,
konnte einer meritorischen Erledigung zugeführt
werden.

Die Regierung hat es außerordentlich eilig
gehabt mit dem Nachhauseschicken des Reichs-
rathes. Das Ministerium hat sein Rekrutengesetz,
es hat auch die Delegationswahlen und es macht
einen nichts weniger als erfreulichen Eindruck,
jetzt, da das Parlament wieder flott gemacht ist
und arbeiten möchte, es unter allerlei Vorgeben
nach Hause zu senden. Das ist die Aufgabe des
Parlamentes nicht, nur in entgegenkommender
Weise für die sogenannten Staatsnothwendig-
keiten zu sorgen, um dann, wenn nach beschei-
dentlichem Erwarten auch die Volksnothwendig-
keiten an die Reihe kommen sollten, das Haus zu
schließen und die Volksvertreter nach Hause zu
senden. Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan,
der Mohr kann jetzt gehen. Nicht einmal eine
Woche erübrigt man noch für die dringendsten
Anliegen der Völker; dabei möchte man sich auch
[Spaltenumbruch] noch von einer gewissen Seite lustig machen über
die Abgeordneten, die jetzt durch ein paar Tage
mit Dampfkraft anschieben wollten und ein Wett-
rennen in volksthümlichen Anträgen eröffneten.
Die Volksboten haben wahrlich keine Eile, die
Regierung hat sie und damit macht sie umsoweniger
eine gute Figur, weil man von mehreren Seiten
argwöhnt, dass hinter diesem Schnellzuge unter
anderem auch die brennende Frage der Sanction
des ungeheuerlichen Wiener Wahlreformgesetzes
einherfährt, mit der sich die moderne unparteiische
Regierung nicht hervorgetraut, so lange der Reichs-
rath beisammensitzt.

Was sonst noch zu retten war, um es nämlich
noch vor Thorschluss zur Verhandlung zu bringen
und damit den Wählerschaften wenigstens etwas
bieten zu können, ist zumal seitens der deutschen
Fortschrittspartei nicht verabsäumt worden. Ueber
Anregung des Abgeordneten Funke wurde be-
schlossen, alle vom Nothstandsausschusse erledigten
Anträge und Vorlagen in einer letzten Sitzung
zu verhandeln; auch Abgeordneter Pergelt stellte,
leider ohne Erfolg, an den Oberczechen des Budget-
ausschusses, Zacek, das Ersuchen, einige dringliche
Anträge, darunter das Gesetz über die Triester
Hafenanlagen und Anträge betreffend Aufbesserung
der Lehrergehalte noch in einer letzten Sitzung
des Ausschusses vorzunehmen. Aber die Herren
Czechen haben keine Freude daran, wenn der
Reichsrath etwas leistet. Derlei Vorgänge müssen
aber der Bevölkerung die Ueberzeugung beibringen,
die Volksvertretung sei zu nichts anderem da,
als wegen der jeweiligen Schmerzen der Regierung
und deren Gutmachung in Verbindung mit einem
eigenen fetten Geschäftchen. Zacek kam wieder mit
[Spaltenumbruch] seinen gewöhnlichen Ausflüchten, weshalb ihm
auch Abgeordneter Pergelt ziemlich deutlich ins
Gesicht sagte, er habe weder Gewissen noch Pflicht-
gefühl.

Man kann es begreifen, dass die deutsche
Volkspartei sich für die Verschiebung der Dele-
gationswahlen einsetzte; thatsächlich wäre zu deren
Vornahme auch noch im Mai Zeit genug gewesen.
Allein andererseits ist denn doch auch festzustellen,
dass die Regierung die Delegationswahlen ohne
Zugeständnis an die Czechen erzielt hat und man
ist nicht ganz sicher, ob im Mai ebenfalls ohne
Trinkgeld die Delegationswahlen hätten vor sich
gehen können. Uebrigens hat der Ministerpräsident
Körber durch seine Erklärungen, die Regierung
denke gar nicht an eine Anwendung des § 14
und der Reichsrath werde am 10. Mai jedenfalls
zu einer längeren Session einberufen werden,
zwar nicht alle Bedenken zerstreut, allein wenigstens
so viel erreicht, dass die Fortschrittspartei keinen
Anlass fand, sich der Vornahme der Delegations-
wahlen zu widersetzen, nachdem der Minister sich
durch so bestimmte Erklärungen öffentlich gebunden
hat. Der besten Gefallen würde aber mit dem
Widerstande gegen die Vornahme dieser Wahlen den
Czechen und den Christlichsocialen geschehen sein,
die auch wirklich in dem Begehren der Volks-
partei einen Hebel erblickten, um gegen Körber
betreffs Sanctionierung der Wiener Wahlreform
einen Druck auszuüben. Was in der folgenden
zweimaligen Besprechung des Ministerpräsidenten
mit Dr. Lueger ausgekocht worden sein mag,
werden wir ja wohl in ein paar Tagen zu ver-
spüren bekommen. Für die Czechen und die
Christlichsocialen etwa die Kastanien aus dem




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Die deutsche Gesellschaft der Stadt
New-York.

Die mächtigste Vereinigung der Deutschen in
Amerika, die "deutsche Gesellschaft der Stadt New-
York", versendet soeben ihren Jahresbericht, aus dem
wir uns ein übersichtliches Bild über das wohlthätige
Wirken derselben machen können. Diese Vereinigung,
welche 1784 gegründet wurde, also 116 Jahre besteht
und ca. 1200 Mitglieder zählt, ist eifrig bestrebt,
den deutschen Einwanderern und deren Nachkommen
ein treuer Rathgeber zu sein nnd findet in diesem
ihren Bestreben ein weites Feld ihrer Thätigkeit. Die
Summen, die diese Gesellschaft zu Wohlthätigkeits-
zwecken widmet, beweisen uns am schlagendsten die
Nothwendigkeit dieser Institution; 14.895 Dollars
sind hiefür im abgelaufenen Jahre verausgabt worden,
und zwar wurden baar verabfolgt 8.696 Dollars, für
ärztliche Behandlung, Krankenkost und Medicamente
wurden 2.515, für Kohlen 1.634 Dollars verausgabt;
außerdem wurden 3798 kostenfreie Besuche durch die
angestellten Aerzte gemacht, 1037 freie Mahlzeiten
verabfolgt, 3646 Stellen vermittelt u. s. w. Leider
klagt der Bericht auch über die Theilnahmslosigkeit
der deutschen Bevölkerung New-Yorks dieser humanen
Institution gegenüber. Bei der nach Hunderttausenden
zählenden Bevölkerung ist die Mitgliederzahl von 1200
eine verschwindend kleine zu nennen und nur durch
Schenkungen, Zinsen und durch den Gewinn der
Bank-Abtheilung des Vereines war es möglich, dennoch
[Spaltenumbruch] so viel zu leisten. Unter den Spendern figuriert in
erster Linie der deutsche Kaiser, die königliche bayrische
Regierung, die Städte Hamburg und Bremen und
die Würtenbergische Regierung.

Interessant ist die dem Berichte beigegebene Ein-
wanderungsstatistik. Im Jahre 1899 landeten im
Hafen von New-York 411.177 Personen; nach Racen
vertheilen sich dieselben wie folgt: Deutsche 21.893,
Böhmen, Ungarn, Croaten etc. 18.515, aus dem
Königreiche Großbritannien 27.986, Italiener 81.632,
Polen 28.710, Slovaken 18.740, Franzosen 2045,
Isrealiten 33 548 u. s. w.

Aus dem Berichte ist auch zu ersehen, dass die
wiederholten Warnungen an Auswanderungslustige
auf fruchtbaren Boden fielen, denn noch im Jahre 1890
betrug die Zahl der ausgewanderten Deutschen 68.058
und sank bis zum Jahre 1899 auf die schon erwähnte
Zahl von 21.893. Insgesammt betrug die Einwan-
derung im Hafen von New-York im Jahre 1890
419.980, im Jahre 1999 dagegen nur mehr 278.896.
Als Anhang bringt der Jahresbericht Rathschläge für
Einwanderer, welche wir hier in ihrer Gänze ab-
drucken, weil sie treffend genug die socialen Zustände
von drüben beleuchten. Der Bericht sagt:

"Niemand lasse sich durch übertriebene Berichte
über die günstigen Verhältnisse und die Leichtigkeit,
in Amerika Geld zu verdienen, zur Auswanderung
verleiten. Der Entschluss sollte nur nach reiflichem
Ueberlegen und Einziehen verlässlicher Auskunft
gefasst werden.

Passage-Agenten sind in der Regel unzuverlässige
Rathgeber, sie haben gewöhnlich nur ihr eigenes In-
terresse im Auge und empfehlen diejenigen Linien,
welche ihnen die größten Vortheile gewähren.

Der Onkel, der vor 10 oder 20 Jahren nach
[Spaltenumbruch] Amerika ausgewandert ist und dem es sehr gut gehen
soll, dessen Adresse man aber nicht weiß, da er nie
von sich hat hören lassen, existiert gewöhnlich nur in
der Einbildung. In der Regel ist er nicht aufzufinden,
oder er will von den unwillkommenen Verwandten
nichts wissen; häufig stellt es sich heraus, dass der
"Hotelbesitzer" nur Kellner, der "Kaufmann" nur
Hausknecht und der "Eigenthümer einer blühenden
Farm" nur Taglöhner ist u. s. w.

Niemand sollte ohne sein Gepäck aus dem Hafen
abreisen. Das Versprechen der Agenten oder Wirte,
das Gepäck "mit dem nächsten Dampfer" nachzu-
senden, wird häufig nicht gehalten und selbst im
günstigsten Falle erwachsen dem Besitzer große und
oft unerschwingliche Unkosten, größer als der ver-
längerte Aufenthalt im Abfahrtshafen verursachen
würde. Wer sich aber dennoch zur Abreise bestimmen
lässt, sollte sofort bei seiner Ankunft in New-York
dem dortigen Agenten der betreffenden Linie Anzeige
machen und bei ihm seine Adresse notieren lassen.
Auch sollte er vor seiner Abreise aus dem europäischen
Hafen an seine Verwandten oder Freunde in seinem
Heimatsorte schreiben und sie von dem Fehlen des
Gepäcks in Kenntnis setzen, da solches häufig auf
irgend einer Eisenbahnstation liegen geblieben ist und
der Agent im Hafen nur die Verpflichtung über-
nimmt, das Gepäck nach Ankunft weiterzubefördern.
Als Reisegepäck sollte nur das Nothwendigste und
Unentbehrlichste mitgenommen und gut verpackt werden.
Unnützer Kram verursacht nur bedeutende Kosten für
Uebergewicht und ist in der Regel nicht des Mit-
nehmens wert.

Bemittelte sollten nur soviel baares Geld bei sich
führen, als sie während der Seereise und für die
ersten Tage nach ihrer Ankunft brauchen, weitere


Badener Zeitung
(vormals Badener Bezirks-Blatt).

Abonnement Baden: Zum Abholen vierteljährig K 2·50, halbjährig K 5.—. ganzjährig K 10.—. Mit Zuſtellung ins Haus Baden: Vierteljährig K 3. —, halbjährig K 6.—,
ganzjährig K 12 —. Oeſterreich-Ungarn: Mit Zuſendung vierteljährig K 3.30, halbjährig K 6.50, ganzjährig K 13.—. Einzelne Mittwoch-Nummer 12 h., Samstag-Nummer
16 h. — Inſerate
werden per 80 mm breite Petitzeile mit 16 h für die erſte, und mit 14 h für fünf nacheinander folgende Einſchaltungen berechnet, größere Aufträge nach Ueber-
[ei]nkommen und können auch durch die beſtehenden Annoncen-Bureaux an die Adminiſtration gerichtet werden. — Intereſſaute Mittheilungen, Notizen und Correſpon-
denzen werden nach Uebereinkunft bonoriert. Manuſeripte werden nicht zurückgeſtellt. — Redaction und Adminiſtration: Baden, Pfarrgaſſe Nr. 3.
[Abbildung] Erſcheint Mittwoch und Samstag früh. [Abbildung]
(Die Samstag-Nummer enthält die Gratis-Beilage „Illuſtriertes Unterhaltungsblatt“.)




Nr. 23. Mittwoch, den 21. März 1900. 20. Jahrg.


[Spaltenumbruch]
Seſſionsſchluſs.

Die Seſſion des Reichsrathes iſt Samstag
auf unbeſtimmte Zeit vertagt worden, nachdem
das Rekrutengeſetz und die Wahlen in die Dele-
gationen ihre Erledigung gefunden haben. All-
gemein wird darauf hingewieſen, daſs ſeit 1897
zum erſtenmale die Situation ſich derartig
geſtaltet habe, wenngleich nicht überſehen werden
kann, daſs eigentlich nur ein halber Erfolg vor-
liegt und eben nur das unbedingt Nothwendige
geſchehen iſt, um die Staatsmaſchine in Gang zu
erhalten. Auf wirtſchaftlichem Gebiete iſt abſolut
nichts geſchehen und nicht einmal die Gewerbe-
novelle, die ſich nun ſchon ſeit Jahren hinzieht,
konnte einer meritoriſchen Erledigung zugeführt
werden.

Die Regierung hat es außerordentlich eilig
gehabt mit dem Nachhauſeſchicken des Reichs-
rathes. Das Miniſterium hat ſein Rekrutengeſetz,
es hat auch die Delegationswahlen und es macht
einen nichts weniger als erfreulichen Eindruck,
jetzt, da das Parlament wieder flott gemacht iſt
und arbeiten möchte, es unter allerlei Vorgeben
nach Hauſe zu ſenden. Das iſt die Aufgabe des
Parlamentes nicht, nur in entgegenkommender
Weiſe für die ſogenannten Staatsnothwendig-
keiten zu ſorgen, um dann, wenn nach beſchei-
dentlichem Erwarten auch die Volksnothwendig-
keiten an die Reihe kommen ſollten, das Haus zu
ſchließen und die Volksvertreter nach Hauſe zu
ſenden. Der Mohr hat ſeine Schuldigkeit gethan,
der Mohr kann jetzt gehen. Nicht einmal eine
Woche erübrigt man noch für die dringendſten
Anliegen der Völker; dabei möchte man ſich auch
[Spaltenumbruch] noch von einer gewiſſen Seite luſtig machen über
die Abgeordneten, die jetzt durch ein paar Tage
mit Dampfkraft anſchieben wollten und ein Wett-
rennen in volksthümlichen Anträgen eröffneten.
Die Volksboten haben wahrlich keine Eile, die
Regierung hat ſie und damit macht ſie umſoweniger
eine gute Figur, weil man von mehreren Seiten
argwöhnt, daſs hinter dieſem Schnellzuge unter
anderem auch die brennende Frage der Sanction
des ungeheuerlichen Wiener Wahlreformgeſetzes
einherfährt, mit der ſich die moderne unparteiiſche
Regierung nicht hervorgetraut, ſo lange der Reichs-
rath beiſammenſitzt.

Was ſonſt noch zu retten war, um es nämlich
noch vor Thorſchluſs zur Verhandlung zu bringen
und damit den Wählerſchaften wenigſtens etwas
bieten zu können, iſt zumal ſeitens der deutſchen
Fortſchrittspartei nicht verabſäumt worden. Ueber
Anregung des Abgeordneten Funke wurde be-
ſchloſſen, alle vom Nothſtandsausſchuſſe erledigten
Anträge und Vorlagen in einer letzten Sitzung
zu verhandeln; auch Abgeordneter Pergelt ſtellte,
leider ohne Erfolg, an den Oberczechen des Budget-
ausſchuſſes, Zacek, das Erſuchen, einige dringliche
Anträge, darunter das Geſetz über die Trieſter
Hafenanlagen und Anträge betreffend Aufbeſſerung
der Lehrergehalte noch in einer letzten Sitzung
des Ausſchuſſes vorzunehmen. Aber die Herren
Czechen haben keine Freude daran, wenn der
Reichsrath etwas leiſtet. Derlei Vorgänge müſſen
aber der Bevölkerung die Ueberzeugung beibringen,
die Volksvertretung ſei zu nichts anderem da,
als wegen der jeweiligen Schmerzen der Regierung
und deren Gutmachung in Verbindung mit einem
eigenen fetten Geſchäftchen. Zacek kam wieder mit
[Spaltenumbruch] ſeinen gewöhnlichen Ausflüchten, weshalb ihm
auch Abgeordneter Pergelt ziemlich deutlich ins
Geſicht ſagte, er habe weder Gewiſſen noch Pflicht-
gefühl.

Man kann es begreifen, daſs die deutſche
Volkspartei ſich für die Verſchiebung der Dele-
gationswahlen einſetzte; thatſächlich wäre zu deren
Vornahme auch noch im Mai Zeit genug geweſen.
Allein andererſeits iſt denn doch auch feſtzuſtellen,
daſs die Regierung die Delegationswahlen ohne
Zugeſtändnis an die Czechen erzielt hat und man
iſt nicht ganz ſicher, ob im Mai ebenfalls ohne
Trinkgeld die Delegationswahlen hätten vor ſich
gehen können. Uebrigens hat der Miniſterpräſident
Körber durch ſeine Erklärungen, die Regierung
denke gar nicht an eine Anwendung des § 14
und der Reichsrath werde am 10. Mai jedenfalls
zu einer längeren Seſſion einberufen werden,
zwar nicht alle Bedenken zerſtreut, allein wenigſtens
ſo viel erreicht, daſs die Fortſchrittspartei keinen
Anlaſs fand, ſich der Vornahme der Delegations-
wahlen zu widerſetzen, nachdem der Miniſter ſich
durch ſo beſtimmte Erklärungen öffentlich gebunden
hat. Der beſten Gefallen würde aber mit dem
Widerſtande gegen die Vornahme dieſer Wahlen den
Czechen und den Chriſtlichſocialen geſchehen ſein,
die auch wirklich in dem Begehren der Volks-
partei einen Hebel erblickten, um gegen Körber
betreffs Sanctionierung der Wiener Wahlreform
einen Druck auszuüben. Was in der folgenden
zweimaligen Beſprechung des Miniſterpräſidenten
mit Dr. Lueger ausgekocht worden ſein mag,
werden wir ja wohl in ein paar Tagen zu ver-
ſpüren bekommen. Für die Czechen und die
Chriſtlichſocialen etwa die Kaſtanien aus dem




[Spaltenumbruch]
Feuilleton.



Die deutſche Geſellſchaft der Stadt
New-York.

Die mächtigſte Vereinigung der Deutſchen in
Amerika, die „deutſche Geſellſchaft der Stadt New-
York“, verſendet ſoeben ihren Jahresbericht, aus dem
wir uns ein überſichtliches Bild über das wohlthätige
Wirken derſelben machen können. Dieſe Vereinigung,
welche 1784 gegründet wurde, alſo 116 Jahre beſteht
und ca. 1200 Mitglieder zählt, iſt eifrig beſtrebt,
den deutſchen Einwanderern und deren Nachkommen
ein treuer Rathgeber zu ſein nnd findet in dieſem
ihren Beſtreben ein weites Feld ihrer Thätigkeit. Die
Summen, die dieſe Geſellſchaft zu Wohlthätigkeits-
zwecken widmet, beweiſen uns am ſchlagendſten die
Nothwendigkeit dieſer Inſtitution; 14.895 Dollars
ſind hiefür im abgelaufenen Jahre verausgabt worden,
und zwar wurden baar verabfolgt 8.696 Dollars, für
ärztliche Behandlung, Krankenkoſt und Medicamente
wurden 2.515, für Kohlen 1.634 Dollars verausgabt;
außerdem wurden 3798 koſtenfreie Beſuche durch die
angeſtellten Aerzte gemacht, 1037 freie Mahlzeiten
verabfolgt, 3646 Stellen vermittelt u. ſ. w. Leider
klagt der Bericht auch über die Theilnahmsloſigkeit
der deutſchen Bevölkerung New-Yorks dieſer humanen
Inſtitution gegenüber. Bei der nach Hunderttauſenden
zählenden Bevölkerung iſt die Mitgliederzahl von 1200
eine verſchwindend kleine zu nennen und nur durch
Schenkungen, Zinſen und durch den Gewinn der
Bank-Abtheilung des Vereines war es möglich, dennoch
[Spaltenumbruch] ſo viel zu leiſten. Unter den Spendern figuriert in
erſter Linie der deutſche Kaiſer, die königliche bayriſche
Regierung, die Städte Hamburg und Bremen und
die Würtenbergiſche Regierung.

Intereſſant iſt die dem Berichte beigegebene Ein-
wanderungsſtatiſtik. Im Jahre 1899 landeten im
Hafen von New-York 411.177 Perſonen; nach Racen
vertheilen ſich dieſelben wie folgt: Deutſche 21.893,
Böhmen, Ungarn, Croaten etc. 18.515, aus dem
Königreiche Großbritannien 27.986, Italiener 81.632,
Polen 28.710, Slovaken 18.740, Franzoſen 2045,
Iſrealiten 33 548 u. ſ. w.

Aus dem Berichte iſt auch zu erſehen, daſs die
wiederholten Warnungen an Auswanderungsluſtige
auf fruchtbaren Boden fielen, denn noch im Jahre 1890
betrug die Zahl der ausgewanderten Deutſchen 68.058
und ſank bis zum Jahre 1899 auf die ſchon erwähnte
Zahl von 21.893. Insgeſammt betrug die Einwan-
derung im Hafen von New-York im Jahre 1890
419.980, im Jahre 1999 dagegen nur mehr 278.896.
Als Anhang bringt der Jahresbericht Rathſchläge für
Einwanderer, welche wir hier in ihrer Gänze ab-
drucken, weil ſie treffend genug die ſocialen Zuſtände
von drüben beleuchten. Der Bericht ſagt:

„Niemand laſſe ſich durch übertriebene Berichte
über die günſtigen Verhältniſſe und die Leichtigkeit,
in Amerika Geld zu verdienen, zur Auswanderung
verleiten. Der Entſchluſs ſollte nur nach reiflichem
Ueberlegen und Einziehen verläſslicher Auskunft
gefaſst werden.

Paſſage-Agenten ſind in der Regel unzuverläſſige
Rathgeber, ſie haben gewöhnlich nur ihr eigenes In-
terreſſe im Auge und empfehlen diejenigen Linien,
welche ihnen die größten Vortheile gewähren.

Der Onkel, der vor 10 oder 20 Jahren nach
[Spaltenumbruch] Amerika ausgewandert iſt und dem es ſehr gut gehen
ſoll, deſſen Adreſſe man aber nicht weiß, da er nie
von ſich hat hören laſſen, exiſtiert gewöhnlich nur in
der Einbildung. In der Regel iſt er nicht aufzufinden,
oder er will von den unwillkommenen Verwandten
nichts wiſſen; häufig ſtellt es ſich heraus, daſs der
„Hotelbeſitzer“ nur Kellner, der „Kaufmann“ nur
Hausknecht und der „Eigenthümer einer blühenden
Farm“ nur Taglöhner iſt u. ſ. w.

Niemand ſollte ohne ſein Gepäck aus dem Hafen
abreiſen. Das Verſprechen der Agenten oder Wirte,
das Gepäck „mit dem nächſten Dampfer“ nachzu-
ſenden, wird häufig nicht gehalten und ſelbſt im
günſtigſten Falle erwachſen dem Beſitzer große und
oft unerſchwingliche Unkoſten, größer als der ver-
längerte Aufenthalt im Abfahrtshafen verurſachen
würde. Wer ſich aber dennoch zur Abreiſe beſtimmen
läſst, ſollte ſofort bei ſeiner Ankunft in New-York
dem dortigen Agenten der betreffenden Linie Anzeige
machen und bei ihm ſeine Adreſſe notieren laſſen.
Auch ſollte er vor ſeiner Abreiſe aus dem europäiſchen
Hafen an ſeine Verwandten oder Freunde in ſeinem
Heimatsorte ſchreiben und ſie von dem Fehlen des
Gepäcks in Kenntnis ſetzen, da ſolches häufig auf
irgend einer Eiſenbahnſtation liegen geblieben iſt und
der Agent im Hafen nur die Verpflichtung über-
nimmt, das Gepäck nach Ankunft weiterzubefördern.
Als Reiſegepäck ſollte nur das Nothwendigſte und
Unentbehrlichſte mitgenommen und gut verpackt werden.
Unnützer Kram verurſacht nur bedeutende Koſten für
Uebergewicht und iſt in der Regel nicht des Mit-
nehmens wert.

Bemittelte ſollten nur ſoviel baares Geld bei ſich
führen, als ſie während der Seereiſe und für die
erſten Tage nach ihrer Ankunft brauchen, weitere


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[[1]/0001] Badener Zeitung (vormals Badener Bezirks-Blatt). Abonnement Baden: Zum Abholen vierteljährig K 2·50, halbjährig K 5.—. ganzjährig K 10.—. Mit Zuſtellung ins Haus Baden: Vierteljährig K 3. —, halbjährig K 6.—, ganzjährig K 12 —. Oeſterreich-Ungarn: Mit Zuſendung vierteljährig K 3.30, halbjährig K 6.50, ganzjährig K 13.—. Einzelne Mittwoch-Nummer 12 h., Samstag-Nummer 16 h. — Inſerate werden per 80 mm breite Petitzeile mit 16 h für die erſte, und mit 14 h für fünf nacheinander folgende Einſchaltungen berechnet, größere Aufträge nach Ueber- einkommen und können auch durch die beſtehenden Annoncen-Bureaux an die Adminiſtration gerichtet werden. — Intereſſaute Mittheilungen, Notizen und Correſpon- denzen werden nach Uebereinkunft bonoriert. Manuſeripte werden nicht zurückgeſtellt. — Redaction und Adminiſtration: Baden, Pfarrgaſſe Nr. 3. [Abbildung] Erſcheint Mittwoch und Samstag früh. [Abbildung] (Die Samstag-Nummer enthält die Gratis-Beilage „Illuſtriertes Unterhaltungsblatt“.) Nr. 23. Mittwoch, den 21. März 1900. 20. Jahrg. Seſſionsſchluſs. Die Seſſion des Reichsrathes iſt Samstag auf unbeſtimmte Zeit vertagt worden, nachdem das Rekrutengeſetz und die Wahlen in die Dele- gationen ihre Erledigung gefunden haben. All- gemein wird darauf hingewieſen, daſs ſeit 1897 zum erſtenmale die Situation ſich derartig geſtaltet habe, wenngleich nicht überſehen werden kann, daſs eigentlich nur ein halber Erfolg vor- liegt und eben nur das unbedingt Nothwendige geſchehen iſt, um die Staatsmaſchine in Gang zu erhalten. Auf wirtſchaftlichem Gebiete iſt abſolut nichts geſchehen und nicht einmal die Gewerbe- novelle, die ſich nun ſchon ſeit Jahren hinzieht, konnte einer meritoriſchen Erledigung zugeführt werden. Die Regierung hat es außerordentlich eilig gehabt mit dem Nachhauſeſchicken des Reichs- rathes. Das Miniſterium hat ſein Rekrutengeſetz, es hat auch die Delegationswahlen und es macht einen nichts weniger als erfreulichen Eindruck, jetzt, da das Parlament wieder flott gemacht iſt und arbeiten möchte, es unter allerlei Vorgeben nach Hauſe zu ſenden. Das iſt die Aufgabe des Parlamentes nicht, nur in entgegenkommender Weiſe für die ſogenannten Staatsnothwendig- keiten zu ſorgen, um dann, wenn nach beſchei- dentlichem Erwarten auch die Volksnothwendig- keiten an die Reihe kommen ſollten, das Haus zu ſchließen und die Volksvertreter nach Hauſe zu ſenden. Der Mohr hat ſeine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann jetzt gehen. Nicht einmal eine Woche erübrigt man noch für die dringendſten Anliegen der Völker; dabei möchte man ſich auch noch von einer gewiſſen Seite luſtig machen über die Abgeordneten, die jetzt durch ein paar Tage mit Dampfkraft anſchieben wollten und ein Wett- rennen in volksthümlichen Anträgen eröffneten. Die Volksboten haben wahrlich keine Eile, die Regierung hat ſie und damit macht ſie umſoweniger eine gute Figur, weil man von mehreren Seiten argwöhnt, daſs hinter dieſem Schnellzuge unter anderem auch die brennende Frage der Sanction des ungeheuerlichen Wiener Wahlreformgeſetzes einherfährt, mit der ſich die moderne unparteiiſche Regierung nicht hervorgetraut, ſo lange der Reichs- rath beiſammenſitzt. Was ſonſt noch zu retten war, um es nämlich noch vor Thorſchluſs zur Verhandlung zu bringen und damit den Wählerſchaften wenigſtens etwas bieten zu können, iſt zumal ſeitens der deutſchen Fortſchrittspartei nicht verabſäumt worden. Ueber Anregung des Abgeordneten Funke wurde be- ſchloſſen, alle vom Nothſtandsausſchuſſe erledigten Anträge und Vorlagen in einer letzten Sitzung zu verhandeln; auch Abgeordneter Pergelt ſtellte, leider ohne Erfolg, an den Oberczechen des Budget- ausſchuſſes, Zacek, das Erſuchen, einige dringliche Anträge, darunter das Geſetz über die Trieſter Hafenanlagen und Anträge betreffend Aufbeſſerung der Lehrergehalte noch in einer letzten Sitzung des Ausſchuſſes vorzunehmen. Aber die Herren Czechen haben keine Freude daran, wenn der Reichsrath etwas leiſtet. Derlei Vorgänge müſſen aber der Bevölkerung die Ueberzeugung beibringen, die Volksvertretung ſei zu nichts anderem da, als wegen der jeweiligen Schmerzen der Regierung und deren Gutmachung in Verbindung mit einem eigenen fetten Geſchäftchen. Zacek kam wieder mit ſeinen gewöhnlichen Ausflüchten, weshalb ihm auch Abgeordneter Pergelt ziemlich deutlich ins Geſicht ſagte, er habe weder Gewiſſen noch Pflicht- gefühl. Man kann es begreifen, daſs die deutſche Volkspartei ſich für die Verſchiebung der Dele- gationswahlen einſetzte; thatſächlich wäre zu deren Vornahme auch noch im Mai Zeit genug geweſen. Allein andererſeits iſt denn doch auch feſtzuſtellen, daſs die Regierung die Delegationswahlen ohne Zugeſtändnis an die Czechen erzielt hat und man iſt nicht ganz ſicher, ob im Mai ebenfalls ohne Trinkgeld die Delegationswahlen hätten vor ſich gehen können. Uebrigens hat der Miniſterpräſident Körber durch ſeine Erklärungen, die Regierung denke gar nicht an eine Anwendung des § 14 und der Reichsrath werde am 10. Mai jedenfalls zu einer längeren Seſſion einberufen werden, zwar nicht alle Bedenken zerſtreut, allein wenigſtens ſo viel erreicht, daſs die Fortſchrittspartei keinen Anlaſs fand, ſich der Vornahme der Delegations- wahlen zu widerſetzen, nachdem der Miniſter ſich durch ſo beſtimmte Erklärungen öffentlich gebunden hat. Der beſten Gefallen würde aber mit dem Widerſtande gegen die Vornahme dieſer Wahlen den Czechen und den Chriſtlichſocialen geſchehen ſein, die auch wirklich in dem Begehren der Volks- partei einen Hebel erblickten, um gegen Körber betreffs Sanctionierung der Wiener Wahlreform einen Druck auszuüben. Was in der folgenden zweimaligen Beſprechung des Miniſterpräſidenten mit Dr. Lueger ausgekocht worden ſein mag, werden wir ja wohl in ein paar Tagen zu ver- ſpüren bekommen. Für die Czechen und die Chriſtlichſocialen etwa die Kaſtanien aus dem Feuilleton. Die deutſche Geſellſchaft der Stadt New-York. Die mächtigſte Vereinigung der Deutſchen in Amerika, die „deutſche Geſellſchaft der Stadt New- York“, verſendet ſoeben ihren Jahresbericht, aus dem wir uns ein überſichtliches Bild über das wohlthätige Wirken derſelben machen können. Dieſe Vereinigung, welche 1784 gegründet wurde, alſo 116 Jahre beſteht und ca. 1200 Mitglieder zählt, iſt eifrig beſtrebt, den deutſchen Einwanderern und deren Nachkommen ein treuer Rathgeber zu ſein nnd findet in dieſem ihren Beſtreben ein weites Feld ihrer Thätigkeit. Die Summen, die dieſe Geſellſchaft zu Wohlthätigkeits- zwecken widmet, beweiſen uns am ſchlagendſten die Nothwendigkeit dieſer Inſtitution; 14.895 Dollars ſind hiefür im abgelaufenen Jahre verausgabt worden, und zwar wurden baar verabfolgt 8.696 Dollars, für ärztliche Behandlung, Krankenkoſt und Medicamente wurden 2.515, für Kohlen 1.634 Dollars verausgabt; außerdem wurden 3798 koſtenfreie Beſuche durch die angeſtellten Aerzte gemacht, 1037 freie Mahlzeiten verabfolgt, 3646 Stellen vermittelt u. ſ. w. Leider klagt der Bericht auch über die Theilnahmsloſigkeit der deutſchen Bevölkerung New-Yorks dieſer humanen Inſtitution gegenüber. Bei der nach Hunderttauſenden zählenden Bevölkerung iſt die Mitgliederzahl von 1200 eine verſchwindend kleine zu nennen und nur durch Schenkungen, Zinſen und durch den Gewinn der Bank-Abtheilung des Vereines war es möglich, dennoch ſo viel zu leiſten. Unter den Spendern figuriert in erſter Linie der deutſche Kaiſer, die königliche bayriſche Regierung, die Städte Hamburg und Bremen und die Würtenbergiſche Regierung. Intereſſant iſt die dem Berichte beigegebene Ein- wanderungsſtatiſtik. Im Jahre 1899 landeten im Hafen von New-York 411.177 Perſonen; nach Racen vertheilen ſich dieſelben wie folgt: Deutſche 21.893, Böhmen, Ungarn, Croaten etc. 18.515, aus dem Königreiche Großbritannien 27.986, Italiener 81.632, Polen 28.710, Slovaken 18.740, Franzoſen 2045, Iſrealiten 33 548 u. ſ. w. Aus dem Berichte iſt auch zu erſehen, daſs die wiederholten Warnungen an Auswanderungsluſtige auf fruchtbaren Boden fielen, denn noch im Jahre 1890 betrug die Zahl der ausgewanderten Deutſchen 68.058 und ſank bis zum Jahre 1899 auf die ſchon erwähnte Zahl von 21.893. Insgeſammt betrug die Einwan- derung im Hafen von New-York im Jahre 1890 419.980, im Jahre 1999 dagegen nur mehr 278.896. Als Anhang bringt der Jahresbericht Rathſchläge für Einwanderer, welche wir hier in ihrer Gänze ab- drucken, weil ſie treffend genug die ſocialen Zuſtände von drüben beleuchten. Der Bericht ſagt: „Niemand laſſe ſich durch übertriebene Berichte über die günſtigen Verhältniſſe und die Leichtigkeit, in Amerika Geld zu verdienen, zur Auswanderung verleiten. Der Entſchluſs ſollte nur nach reiflichem Ueberlegen und Einziehen verläſslicher Auskunft gefaſst werden. Paſſage-Agenten ſind in der Regel unzuverläſſige Rathgeber, ſie haben gewöhnlich nur ihr eigenes In- terreſſe im Auge und empfehlen diejenigen Linien, welche ihnen die größten Vortheile gewähren. Der Onkel, der vor 10 oder 20 Jahren nach Amerika ausgewandert iſt und dem es ſehr gut gehen ſoll, deſſen Adreſſe man aber nicht weiß, da er nie von ſich hat hören laſſen, exiſtiert gewöhnlich nur in der Einbildung. In der Regel iſt er nicht aufzufinden, oder er will von den unwillkommenen Verwandten nichts wiſſen; häufig ſtellt es ſich heraus, daſs der „Hotelbeſitzer“ nur Kellner, der „Kaufmann“ nur Hausknecht und der „Eigenthümer einer blühenden Farm“ nur Taglöhner iſt u. ſ. w. Niemand ſollte ohne ſein Gepäck aus dem Hafen abreiſen. Das Verſprechen der Agenten oder Wirte, das Gepäck „mit dem nächſten Dampfer“ nachzu- ſenden, wird häufig nicht gehalten und ſelbſt im günſtigſten Falle erwachſen dem Beſitzer große und oft unerſchwingliche Unkoſten, größer als der ver- längerte Aufenthalt im Abfahrtshafen verurſachen würde. Wer ſich aber dennoch zur Abreiſe beſtimmen läſst, ſollte ſofort bei ſeiner Ankunft in New-York dem dortigen Agenten der betreffenden Linie Anzeige machen und bei ihm ſeine Adreſſe notieren laſſen. Auch ſollte er vor ſeiner Abreiſe aus dem europäiſchen Hafen an ſeine Verwandten oder Freunde in ſeinem Heimatsorte ſchreiben und ſie von dem Fehlen des Gepäcks in Kenntnis ſetzen, da ſolches häufig auf irgend einer Eiſenbahnſtation liegen geblieben iſt und der Agent im Hafen nur die Verpflichtung über- nimmt, das Gepäck nach Ankunft weiterzubefördern. Als Reiſegepäck ſollte nur das Nothwendigſte und Unentbehrlichſte mitgenommen und gut verpackt werden. Unnützer Kram verurſacht nur bedeutende Koſten für Uebergewicht und iſt in der Regel nicht des Mit- nehmens wert. Bemittelte ſollten nur ſoviel baares Geld bei ſich führen, als ſie während der Seereiſe und für die erſten Tage nach ihrer Ankunft brauchen, weitere

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Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Benjamin Fiechter, Susanne Haaf: Bereitstellung der digitalen Textausgabe (Konvertierung in das DTA-Basisformat). (2018-01-26T13:38:42Z)
grepect GmbH: Bereitstellung der Texttranskription und Textauszeichnung. (2018-01-26T13:38:42Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Amelie Meister: Vorbereitung der Texttranskription und Textauszeichnung. (2018-01-26T13:38:42Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




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Zitationshilfe: Badener Zeitung. Nr. 23, Baden (Niederösterreich), 21.03.1900, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/nn_badener023_1900/1>, abgerufen am 12.11.2018.