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Steinen, Karl von den: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. Berlin, 1894.

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ganze Brust reichenden Stück verbunden, vgl. Tafel I und Abb. 129. Dass auch
Frauen diese Zierraten erhielten, kam nur äusserst selten vor und ist wohl, da
von den anderen Bororo die gewöhnliche Thatsache,
dass nur die Männer sich schmückten, berichtet wird,
auf die Umwälzung durch die Kolonisation zurück-
zuführen. Charakteristisch war, dass der indianisch
denkende und portugiesisch sprechende Clemente die
aneinander geflochtenen Zähne rosarios, Rosenkränze
nannte; die Indianer verbanden mit diesem Schmuck
die Vorstellung, dass er stark und gewandt mache.
Sie hatten auch brasilischen Gefangenen Zähne aus-
gezogen
und sich damit behängt; desgleichen waren
Unterkiefer des Feindes getragen worden. Einen
Schutz versprach man sich geradeso vom Haar der
Verstorbenen, das man zu Fäden spann und dann
zu Schnüren flocht, die nur sehr schwer zu erlangen
waren, Haarbüschel hingen mit den Federn von den
Armbändern herab.

Klauen, kleine von Nagetieren und grosse von
dem Riesengürteltier wurden je zwei aneinander ge-
setzt und bildeten so die Form eines Halbmondes;
in der Mitte, wo sie zusammengebunden und mit
Harz bedeckt waren, hing ein Bündel Fäden herab

[Abbildung] Abb. 134.

Arara-Ohrfeder.
Bororo. ( 1/6 nat. Gr.)

und waren auf dem Harz einige Muschelringelchen eingedrückt. In ganz ähn-
licher Zusammensetzung haben wir die Klauen des Riesengürteltiers am Kulisehu
nicht als Schmuckstück, sondern als Gerät
kennen gelernt, vgl. Abb. 25, Seite 206.
Den Klauenschmuck ahmten die Bororo
nach, indem sie aus dem Blech brasilischer
Konservenbüchsen Stücke in derselben Form
und Grösse ausschnitten. Der Vorgang ist
deshalb sehr interessant, weil die Blech-
halbmonde
in Nichts ihre Abstammung aus
zwei Klauen verrieten und schon von einem
Cuyabaner, wie ich zu meiner Freude erlebte,
als ein Beweis für die "Mondverehrung" der
Bororo angesprochen wurden. Vgl. Abb. 135
[Abbildung] Abb. 135.

Brustschmuck aus Gärtel-
tierklauen
. Bororo. ( 1/3 nat. Gr.)

den Ohrschmuck der Mutter. Dies war die Art, wie die Indianer bereits Metall
bearbeiteten. Auch Lippenstifte wurden aus Blech geschnitten.

Jaguarkrallen wurden zu einem Kopfreifen zusammengesetzt, vgl. Abb. 126,
ein Schmuck sehr ähnlich der Halskette des Auetöhäuptlings aus gleichem Ma-
terial in Abb. 5, Seite 108.


ganze Brust reichenden Stück verbunden, vgl. Tafel I und Abb. 129. Dass auch
Frauen diese Zierraten erhielten, kam nur äusserst selten vor und ist wohl, da
von den anderen Bororó die gewöhnliche Thatsache,
dass nur die Männer sich schmückten, berichtet wird,
auf die Umwälzung durch die Kolonisation zurück-
zuführen. Charakteristisch war, dass der indianisch
denkende und portugiesisch sprechende Clemente die
aneinander geflochtenen Zähne rosarios, Rosenkränze
nannte; die Indianer verbanden mit diesem Schmuck
die Vorstellung, dass er stark und gewandt mache.
Sie hatten auch brasilischen Gefangenen Zähne aus-
gezogen
und sich damit behängt; desgleichen waren
Unterkiefer des Feindes getragen worden. Einen
Schutz versprach man sich geradeso vom Haar der
Verstorbenen, das man zu Fäden spann und dann
zu Schnüren flocht, die nur sehr schwer zu erlangen
waren, Haarbüschel hingen mit den Federn von den
Armbändern herab.

Klauen, kleine von Nagetieren und grosse von
dem Riesengürteltier wurden je zwei aneinander ge-
setzt und bildeten so die Form eines Halbmondes;
in der Mitte, wo sie zusammengebunden und mit
Harz bedeckt waren, hing ein Bündel Fäden herab

[Abbildung] Abb. 134.

Arara-Ohrfeder.
Bororó. (⅙ nat. Gr.)

und waren auf dem Harz einige Muschelringelchen eingedrückt. In ganz ähn-
licher Zusammensetzung haben wir die Klauen des Riesengürteltiers am Kulisehu
nicht als Schmuckstück, sondern als Gerät
kennen gelernt, vgl. Abb. 25, Seite 206.
Den Klauenschmuck ahmten die Bororó
nach, indem sie aus dem Blech brasilischer
Konservenbüchsen Stücke in derselben Form
und Grösse ausschnitten. Der Vorgang ist
deshalb sehr interessant, weil die Blech-
halbmonde
in Nichts ihre Abstammung aus
zwei Klauen verrieten und schon von einem
Cuyabaner, wie ich zu meiner Freude erlebte,
als ein Beweis für die »Mondverehrung« der
Bororó angesprochen wurden. Vgl. Abb. 135
[Abbildung] Abb. 135.

Brustschmuck aus Gärtel-
tierklauen
. Bororó. (⅓ nat. Gr.)

den Ohrschmuck der Mutter. Dies war die Art, wie die Indianer bereits Metall
bearbeiteten. Auch Lippenstifte wurden aus Blech geschnitten.

Jaguarkrallen wurden zu einem Kopfreifen zusammengesetzt, vgl. Abb. 126,
ein Schmuck sehr ähnlich der Halskette des Auetö́häuptlings aus gleichem Ma-
terial in Abb. 5, Seite 108.


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[479/0549] ganze Brust reichenden Stück verbunden, vgl. Tafel I und Abb. 129. Dass auch Frauen diese Zierraten erhielten, kam nur äusserst selten vor und ist wohl, da von den anderen Bororó die gewöhnliche Thatsache, dass nur die Männer sich schmückten, berichtet wird, auf die Umwälzung durch die Kolonisation zurück- zuführen. Charakteristisch war, dass der indianisch denkende und portugiesisch sprechende Clemente die aneinander geflochtenen Zähne rosarios, Rosenkränze nannte; die Indianer verbanden mit diesem Schmuck die Vorstellung, dass er stark und gewandt mache. Sie hatten auch brasilischen Gefangenen Zähne aus- gezogen und sich damit behängt; desgleichen waren Unterkiefer des Feindes getragen worden. Einen Schutz versprach man sich geradeso vom Haar der Verstorbenen, das man zu Fäden spann und dann zu Schnüren flocht, die nur sehr schwer zu erlangen waren, Haarbüschel hingen mit den Federn von den Armbändern herab. Klauen, kleine von Nagetieren und grosse von dem Riesengürteltier wurden je zwei aneinander ge- setzt und bildeten so die Form eines Halbmondes; in der Mitte, wo sie zusammengebunden und mit Harz bedeckt waren, hing ein Bündel Fäden herab [Abbildung Abb. 134. Arara-Ohrfeder. Bororó. (⅙ nat. Gr.)] und waren auf dem Harz einige Muschelringelchen eingedrückt. In ganz ähn- licher Zusammensetzung haben wir die Klauen des Riesengürteltiers am Kulisehu nicht als Schmuckstück, sondern als Gerät kennen gelernt, vgl. Abb. 25, Seite 206. Den Klauenschmuck ahmten die Bororó nach, indem sie aus dem Blech brasilischer Konservenbüchsen Stücke in derselben Form und Grösse ausschnitten. Der Vorgang ist deshalb sehr interessant, weil die Blech- halbmonde in Nichts ihre Abstammung aus zwei Klauen verrieten und schon von einem Cuyabaner, wie ich zu meiner Freude erlebte, als ein Beweis für die »Mondverehrung« der Bororó angesprochen wurden. Vgl. Abb. 135 [Abbildung Abb. 135. Brustschmuck aus Gärtel- tierklauen. Bororó. (⅓ nat. Gr.)] den Ohrschmuck der Mutter. Dies war die Art, wie die Indianer bereits Metall bearbeiteten. Auch Lippenstifte wurden aus Blech geschnitten. Jaguarkrallen wurden zu einem Kopfreifen zusammengesetzt, vgl. Abb. 126, ein Schmuck sehr ähnlich der Halskette des Auetö́häuptlings aus gleichem Ma- terial in Abb. 5, Seite 108.

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Zitationshilfe: Steinen, Karl von den: Unter den Naturvölkern Zentral-Brasiliens. Berlin, 1894, S. 479. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/steinen_naturvoelker_1894/549>, abgerufen am 15.08.2018.