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Becker, Bernhard: Wie Arbeiterwohnungen gut und gesund einzurichten und zu erhalten seien. Basel, 1860.

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sagen. Es galt nämlich nicht für besonders fromm, an solchen
irdischen Dingen zu hangen; namentlich durfte man nicht langes
Leben begehren. Das Gebet des Alten Testamentes: "Nimm
mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage!" glaubte man be-
schönigen zu müssen. Man könne nicht sagen, was die Hälfte
unsers Lebens sei; siebenzig und achtzig Jahre seien nur die
äußersten Landzungen, auf denen der menschliche Fuß bis an's
Meer der Ewigkeit vorschreiten könne. Die Hälfte könne man
erst angeben, wenn das Ganze vorliege, also beim Tode etc.
Nein! Die Hälfte kann man vorher angeben. Die Hälfte unserer
Tage sind 35 oder 40 Jahre, und wenn der Psalmsänger Gott
bittet: er möge ihn nicht in der Hälfte seiner Tage wegnehmen,
so meint er damit nicht, er möge ihn nicht mit einem halben
Glauben, mit einer halben Liebe sterben lassen, sondern nicht
in seinem besten Mannesalter, nicht mit 40 Jahren. Denn so
ein Psalmsänger lebte schon seine 80 Jahre, oder hatte es sich
wenigstens so vorgenommen. Wir stecken eben noch sehr in jener
süßlichen, kranken, romantischen Weise: "Hinunter in der Erde
Schooß zu Jesus, dem Geliebten!" statt daß wir vielmehr
sprechen sollten: Hinauf in Wetter und Winde! Hinauf in Licht
und Sonne! und dann: "Und kommt mein Tod, Herr Zebaoth,
so laß mich Gnade finden!"

Die gebildeten und vornehmern Classen, die Reichen und
Wohlhabenden legen rüstig Hand an zur Hebung der arbeiten-
den und ärmern Classen; je die besten Männer stellen sich an
die Spitze solcher Unternehmungen. Jst erst jetzt das Christen-
thum unter ihnen aufgewacht? Nein. Wenn wir auch der freu-
digen Gewißheit sind, daß gerade jetzt ein frischer Zug des
Christenthums durch die Welt geht: das Christenthum war schon
von jeher das erwärmende und belebende Feuer. Man ist zur
Einsicht gekommen, daß das Wohl des Bruders, das Wohl des
gemeinsamen Wesens auch zugleich mein Wohl sei, und daß
vieles, das unter dem schönen Namen der Opfer dahin geht,
mein eigener, bestverstandener Vortheil ist. Es sind durch die
neuere Zeit, namentlich durch die Fabrikindustrie eine ganze
Masse neuer Verhältnisse und Pflichten entstanden. Man hat
anderwärts, nicht in der Schweiz, in der freien glücklichen

ſagen. Es galt nämlich nicht für beſonders fromm, an ſolchen
irdiſchen Dingen zu hangen; namentlich durfte man nicht langes
Leben begehren. Das Gebet des Alten Teſtamentes: „Nimm
mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage!“ glaubte man be-
ſchönigen zu müſſen. Man könne nicht ſagen, was die Hälfte
unſers Lebens ſei; ſiebenzig und achtzig Jahre ſeien nur die
äußerſten Landzungen, auf denen der menſchliche Fuß bis an's
Meer der Ewigkeit vorſchreiten könne. Die Hälfte könne man
erſt angeben, wenn das Ganze vorliege, alſo beim Tode ꝛc.
Nein! Die Hälfte kann man vorher angeben. Die Hälfte unſerer
Tage ſind 35 oder 40 Jahre, und wenn der Pſalmſänger Gott
bittet: er möge ihn nicht in der Hälfte ſeiner Tage wegnehmen,
ſo meint er damit nicht, er möge ihn nicht mit einem halben
Glauben, mit einer halben Liebe ſterben laſſen, ſondern nicht
in ſeinem beſten Mannesalter, nicht mit 40 Jahren. Denn ſo
ein Pſalmſänger lebte ſchon ſeine 80 Jahre, oder hatte es ſich
wenigſtens ſo vorgenommen. Wir ſtecken eben noch ſehr in jener
ſüßlichen, kranken, romantiſchen Weiſe: „Hinunter in der Erde
Schooß zu Jeſus, dem Geliebten!“ ſtatt daß wir vielmehr
ſprechen ſollten: Hinauf in Wetter und Winde! Hinauf in Licht
und Sonne! und dann: „Und kommt mein Tod, Herr Zebaoth,
ſo laß mich Gnade finden!“

Die gebildeten und vornehmern Claſſen, die Reichen und
Wohlhabenden legen rüſtig Hand an zur Hebung der arbeiten-
den und ärmern Claſſen; je die beſten Männer ſtellen ſich an
die Spitze ſolcher Unternehmungen. Jſt erſt jetzt das Chriſten-
thum unter ihnen aufgewacht? Nein. Wenn wir auch der freu-
digen Gewißheit ſind, daß gerade jetzt ein friſcher Zug des
Chriſtenthums durch die Welt geht: das Chriſtenthum war ſchon
von jeher das erwärmende und belebende Feuer. Man iſt zur
Einſicht gekommen, daß das Wohl des Bruders, das Wohl des
gemeinſamen Weſens auch zugleich mein Wohl ſei, und daß
vieles, das unter dem ſchönen Namen der Opfer dahin geht,
mein eigener, beſtverſtandener Vortheil iſt. Es ſind durch die
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[5/0005] ſagen. Es galt nämlich nicht für beſonders fromm, an ſolchen irdiſchen Dingen zu hangen; namentlich durfte man nicht langes Leben begehren. Das Gebet des Alten Teſtamentes: „Nimm mich nicht weg in der Hälfte meiner Tage!“ glaubte man be- ſchönigen zu müſſen. Man könne nicht ſagen, was die Hälfte unſers Lebens ſei; ſiebenzig und achtzig Jahre ſeien nur die äußerſten Landzungen, auf denen der menſchliche Fuß bis an's Meer der Ewigkeit vorſchreiten könne. Die Hälfte könne man erſt angeben, wenn das Ganze vorliege, alſo beim Tode ꝛc. Nein! Die Hälfte kann man vorher angeben. Die Hälfte unſerer Tage ſind 35 oder 40 Jahre, und wenn der Pſalmſänger Gott bittet: er möge ihn nicht in der Hälfte ſeiner Tage wegnehmen, ſo meint er damit nicht, er möge ihn nicht mit einem halben Glauben, mit einer halben Liebe ſterben laſſen, ſondern nicht in ſeinem beſten Mannesalter, nicht mit 40 Jahren. Denn ſo ein Pſalmſänger lebte ſchon ſeine 80 Jahre, oder hatte es ſich wenigſtens ſo vorgenommen. Wir ſtecken eben noch ſehr in jener ſüßlichen, kranken, romantiſchen Weiſe: „Hinunter in der Erde Schooß zu Jeſus, dem Geliebten!“ ſtatt daß wir vielmehr ſprechen ſollten: Hinauf in Wetter und Winde! Hinauf in Licht und Sonne! und dann: „Und kommt mein Tod, Herr Zebaoth, ſo laß mich Gnade finden!“ Die gebildeten und vornehmern Claſſen, die Reichen und Wohlhabenden legen rüſtig Hand an zur Hebung der arbeiten- den und ärmern Claſſen; je die beſten Männer ſtellen ſich an die Spitze ſolcher Unternehmungen. Jſt erſt jetzt das Chriſten- thum unter ihnen aufgewacht? Nein. Wenn wir auch der freu- digen Gewißheit ſind, daß gerade jetzt ein friſcher Zug des Chriſtenthums durch die Welt geht: das Chriſtenthum war ſchon von jeher das erwärmende und belebende Feuer. Man iſt zur Einſicht gekommen, daß das Wohl des Bruders, das Wohl des gemeinſamen Weſens auch zugleich mein Wohl ſei, und daß vieles, das unter dem ſchönen Namen der Opfer dahin geht, mein eigener, beſtverſtandener Vortheil iſt. Es ſind durch die neuere Zeit, namentlich durch die Fabrikinduſtrie eine ganze Maſſe neuer Verhältniſſe und Pflichten entſtanden. Man hat anderwärts, nicht in der Schweiz, in der freien glücklichen

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Zitationshilfe: Becker, Bernhard: Wie Arbeiterwohnungen gut und gesund einzurichten und zu erhalten seien. Basel, 1860, S. 5. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/becker_arbeiter_1860/5>, abgerufen am 21.04.2024.