Martens, Georg von: Die preussische Expedition nach Ost-Asien. Nach amtlichen Quellen. Vierter Band. Berlin, 1873.XVII. Der Tempel des Ackerbaues. doch soll das Ganze den Eindruck höheren Alters machen. DerBoden ist feucht; dickes Moos und Unkraut bedecken die stein- belegten graden Gänge im Park, Pilze spriessen klumpenweise aus allen Ritzen. Bei dem Tempel liegt der Acker, wo der Kaiser all- jährlich den Boden pflügt. Eine Hauptallee führt zu dem ver- fallenen Thurm, auf dessen Höhe frühere Kaiser eigenhändig Schafe zu opfern und mit durchschnittener Kehle auf das Steinpflaster des Hofes zu stürzen pflegten, damit die Wahrsager aus den rauchen- den Eingeweiden die Zukunft verkündeten. Seit lange sollen diese Opfer ruhen; bleiche Gerippe sahen die Besuchenden noch 1861 auf dem Hofe ausgestreut. -- Sehr bezeichnend liegt der Tempel des Ackerbaues dem des Himmels gegenüber an der grossen Hauptstrasse der kaiserlichen Residenz zwischen dem Palast und dem nach Süden ausgebreiteten Reiche; denn nur südlich von Pe-kin liegt das Land der blumigen Mitte; hinter den Gebirgen, die nörd- lich seine Ebene umkränzen, wohnen Mongolen und Tartaren, lauter Nomadenstämme, unter denen die höhere südliche Cultur der ackerbauenden Chinesen nur ein mageres, künstliches Dasein fristet. Die grosse Mauer, welche China vor diesen Horden schützen sollte, läuft nur etwa eine Tagereise westlich und nördlich von Pe-kin durch das Gebirge. -- Wie nun der Himmelstempel die Gemein- schaft des Kaisers mit der leitenden Weltordnung, so versinnlicht der Ackerbautempel seine Gemeinschaft mit dem Volke. Staunton schildert in dem Werk über Lord Macartney's Reise den heiligen Brauch des Pflügens in folgenden Worten: "Nachdem der Kaiser etwa eine Stunde lang den Pflug geführt hat, -- während eine Schaar Bauern um ihn her Loblieder auf den Ackerbau singen, -- folgen alle Prinzen und Würdenträger des Hofes seinem Beispiel, und ziehen, einer nach dem andern, in seiner Gegenwart einige Furchen. Sie alle sowohl als der Kaiser sind in eine ihrer neuen Verrichtung angemessene Tracht gekleidet. Der Ertrag des so gepflügten Ackers wird sorgfältig gesammelt; dann verkündet ein feierlicher Erlass, dass derselbe an Menge und Güte den Ertrag jedes anderen Ackerstückes von gleicher Grösse übertrifft. Die Feier dieses Festes wird im fernsten Dorfe des Reiches bekannt ge- macht. Es soll den schlichtesten Landmann erfreuen, ihn trösten bei den durch die Veränderlichkeit der Jahreszeiten ihm oft be- reiteten Täuschungen, wenn er sich erinnert, dass sein Beruf durch seinen Fürsten geadelt worden ist, welcher durch dessen Ausübung XVII. Der Tempel des Ackerbaues. doch soll das Ganze den Eindruck höheren Alters machen. DerBoden ist feucht; dickes Moos und Unkraut bedecken die stein- belegten graden Gänge im Park, Pilze spriessen klumpenweise aus allen Ritzen. Bei dem Tempel liegt der Acker, wo der Kaiser all- jährlich den Boden pflügt. Eine Hauptallee führt zu dem ver- fallenen Thurm, auf dessen Höhe frühere Kaiser eigenhändig Schafe zu opfern und mit durchschnittener Kehle auf das Steinpflaster des Hofes zu stürzen pflegten, damit die Wahrsager aus den rauchen- den Eingeweiden die Zukunft verkündeten. Seit lange sollen diese Opfer ruhen; bleiche Gerippe sahen die Besuchenden noch 1861 auf dem Hofe ausgestreut. — Sehr bezeichnend liegt der Tempel des Ackerbaues dem des Himmels gegenüber an der grossen Hauptstrasse der kaiserlichen Residenz zwischen dem Palast und dem nach Süden ausgebreiteten Reiche; denn nur südlich von Pe-kiṅ liegt das Land der blumigen Mitte; hinter den Gebirgen, die nörd- lich seine Ebene umkränzen, wohnen Mongolen und Tartaren, lauter Nomadenstämme, unter denen die höhere südliche Cultur der ackerbauenden Chinesen nur ein mageres, künstliches Dasein fristet. Die grosse Mauer, welche China vor diesen Horden schützen sollte, läuft nur etwa eine Tagereise westlich und nördlich von Pe-kiṅ durch das Gebirge. — Wie nun der Himmelstempel die Gemein- schaft des Kaisers mit der leitenden Weltordnung, so versinnlicht der Ackerbautempel seine Gemeinschaft mit dem Volke. Staunton schildert in dem Werk über Lord Macartney’s Reise den heiligen Brauch des Pflügens in folgenden Worten: »Nachdem der Kaiser etwa eine Stunde lang den Pflug geführt hat, — während eine Schaar Bauern um ihn her Loblieder auf den Ackerbau singen, — folgen alle Prinzen und Würdenträger des Hofes seinem Beispiel, und ziehen, einer nach dem andern, in seiner Gegenwart einige Furchen. Sie alle sowohl als der Kaiser sind in eine ihrer neuen Verrichtung angemessene Tracht gekleidet. Der Ertrag des so gepflügten Ackers wird sorgfältig gesammelt; dann verkündet ein feierlicher Erlass, dass derselbe an Menge und Güte den Ertrag jedes anderen Ackerstückes von gleicher Grösse übertrifft. Die Feier dieses Festes wird im fernsten Dorfe des Reiches bekannt ge- macht. 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XVII. Der Tempel des Ackerbaues.
doch soll das Ganze den Eindruck höheren Alters machen. Der
Boden ist feucht; dickes Moos und Unkraut bedecken die stein-
belegten graden Gänge im Park, Pilze spriessen klumpenweise aus
allen Ritzen. Bei dem Tempel liegt der Acker, wo der Kaiser all-
jährlich den Boden pflügt. Eine Hauptallee führt zu dem ver-
fallenen Thurm, auf dessen Höhe frühere Kaiser eigenhändig Schafe
zu opfern und mit durchschnittener Kehle auf das Steinpflaster des
Hofes zu stürzen pflegten, damit die Wahrsager aus den rauchen-
den Eingeweiden die Zukunft verkündeten. Seit lange sollen diese
Opfer ruhen; bleiche Gerippe sahen die Besuchenden noch 1861
auf dem Hofe ausgestreut. — Sehr bezeichnend liegt der Tempel
des Ackerbaues dem des Himmels gegenüber an der grossen
Hauptstrasse der kaiserlichen Residenz zwischen dem Palast und dem
nach Süden ausgebreiteten Reiche; denn nur südlich von Pe-kiṅ
liegt das Land der blumigen Mitte; hinter den Gebirgen, die nörd-
lich seine Ebene umkränzen, wohnen Mongolen und Tartaren, lauter
Nomadenstämme, unter denen die höhere südliche Cultur der
ackerbauenden Chinesen nur ein mageres, künstliches Dasein fristet.
Die grosse Mauer, welche China vor diesen Horden schützen sollte,
läuft nur etwa eine Tagereise westlich und nördlich von Pe-kiṅ
durch das Gebirge. — Wie nun der Himmelstempel die Gemein-
schaft des Kaisers mit der leitenden Weltordnung, so versinnlicht
der Ackerbautempel seine Gemeinschaft mit dem Volke. Staunton
schildert in dem Werk über Lord Macartney’s Reise den heiligen
Brauch des Pflügens in folgenden Worten: »Nachdem der Kaiser
etwa eine Stunde lang den Pflug geführt hat, — während eine
Schaar Bauern um ihn her Loblieder auf den Ackerbau singen, —
folgen alle Prinzen und Würdenträger des Hofes seinem Beispiel,
und ziehen, einer nach dem andern, in seiner Gegenwart einige
Furchen. Sie alle sowohl als der Kaiser sind in eine ihrer neuen
Verrichtung angemessene Tracht gekleidet. Der Ertrag des so
gepflügten Ackers wird sorgfältig gesammelt; dann verkündet ein
feierlicher Erlass, dass derselbe an Menge und Güte den Ertrag
jedes anderen Ackerstückes von gleicher Grösse übertrifft. Die
Feier dieses Festes wird im fernsten Dorfe des Reiches bekannt ge-
macht. Es soll den schlichtesten Landmann erfreuen, ihn trösten
bei den durch die Veränderlichkeit der Jahreszeiten ihm oft be-
reiteten Täuschungen, wenn er sich erinnert, dass sein Beruf durch
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