7. Genossenschaften für religiöse, sittliche, wissenschaftliche, künstlerische, ökonomische und gesellige Zwecke. Solcher Vereine ist gerade in der neue- sten Zeit wieder eine große Zahl entstanden, welche zuweilen freilich bei ihrem kurzen Bestande und der Unvollständigkeit ihrer Organisation noch keine rechte juristische Haltung in sich tragen, oft aber schon zu einer festen Begründung gelangt sind. Zu den religiösen Genossenschaften sind die noch er- haltenen oder wieder belebten Vereine zu rechnen, an denen der Katholicismus des Mittelalters so reich war; ferner die neu entstandenen Bibel- und Missionsgesellschaften. Sitt- liche Zwecke werden vorzugsweise durch die Vereine für Ar- men- und Krankenpflege, für Unterricht und Erziehung ver- wahrloster Kinder, für Besserung entlassener Sträflinge, durch Mäßigkeitsvereine u. s. w. angestrebt; wissenschaftliche Zwecke durch die überall verbreiteten Vereine der Naturfor- scher, Aerzte, Historiker, Philologen; künstlerische Zwecke finden in den Kunst- und Musikvereinen, den Liedertafeln ihre Befriedigung; ökonomische in den Vereinen der Land- wirthe und Industriellen, gesellige Bedürfnisse, wie Spiel, Conversation, Lectüre, in den Klubbs, deren fast keine Stadt mehr entbehren kann. Eine eigenthümliche Stellung nehmen noch die Freimaurerlogen ein.
8. Die Genossenschaften in der Familie. Die Familie des hohen Adels bildet an sich schon eine Genossen- schaft; der niedere Adel hat es nur durch besondere Veran- staltungen (gesammte Hand im Lehenrecht, Ganerbschaften) zu entsprechenden Instituten bringen können, welche aber gegen- wärtig ihre eigentliche Bedeutung verloren haben, und fast ganz durch das Familienfideicommiß absorbirt sind. Von ganz
Sechſtes Kapitel.
7. Genoſſenſchaften fuͤr religioͤſe, ſittliche, wiſſenſchaftliche, kuͤnſtleriſche, oͤkonomiſche und geſellige Zwecke. Solcher Vereine iſt gerade in der neue- ſten Zeit wieder eine große Zahl entſtanden, welche zuweilen freilich bei ihrem kurzen Beſtande und der Unvollſtaͤndigkeit ihrer Organiſation noch keine rechte juriſtiſche Haltung in ſich tragen, oft aber ſchon zu einer feſten Begruͤndung gelangt ſind. Zu den religioͤſen Genoſſenſchaften ſind die noch er- haltenen oder wieder belebten Vereine zu rechnen, an denen der Katholicismus des Mittelalters ſo reich war; ferner die neu entſtandenen Bibel- und Miſſionsgeſellſchaften. Sitt- liche Zwecke werden vorzugsweiſe durch die Vereine fuͤr Ar- men- und Krankenpflege, fuͤr Unterricht und Erziehung ver- wahrloſter Kinder, fuͤr Beſſerung entlaſſener Straͤflinge, durch Maͤßigkeitsvereine u. ſ. w. angeſtrebt; wiſſenſchaftliche Zwecke durch die uͤberall verbreiteten Vereine der Naturfor- ſcher, Aerzte, Hiſtoriker, Philologen; kuͤnſtleriſche Zwecke finden in den Kunſt- und Muſikvereinen, den Liedertafeln ihre Befriedigung; oͤkonomiſche in den Vereinen der Land- wirthe und Induſtriellen, geſellige Beduͤrfniſſe, wie Spiel, Converſation, Lectuͤre, in den Klubbs, deren faſt keine Stadt mehr entbehren kann. Eine eigenthuͤmliche Stellung nehmen noch die Freimaurerlogen ein.
8. Die Genoſſenſchaften in der Familie. Die Familie des hohen Adels bildet an ſich ſchon eine Genoſſen- ſchaft; der niedere Adel hat es nur durch beſondere Veran- ſtaltungen (geſammte Hand im Lehenrecht, Ganerbſchaften) zu entſprechenden Inſtituten bringen koͤnnen, welche aber gegen- waͤrtig ihre eigentliche Bedeutung verloren haben, und faſt ganz durch das Familienfideicommiß abſorbirt ſind. Von ganz
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Sechſtes Kapitel.
7. Genoſſenſchaften fuͤr religioͤſe, ſittliche,
wiſſenſchaftliche, kuͤnſtleriſche, oͤkonomiſche und
geſellige Zwecke. Solcher Vereine iſt gerade in der neue-
ſten Zeit wieder eine große Zahl entſtanden, welche zuweilen
freilich bei ihrem kurzen Beſtande und der Unvollſtaͤndigkeit
ihrer Organiſation noch keine rechte juriſtiſche Haltung in ſich
tragen, oft aber ſchon zu einer feſten Begruͤndung gelangt
ſind. Zu den religioͤſen Genoſſenſchaften ſind die noch er-
haltenen oder wieder belebten Vereine zu rechnen, an denen
der Katholicismus des Mittelalters ſo reich war; ferner die
neu entſtandenen Bibel- und Miſſionsgeſellſchaften. Sitt-
liche Zwecke werden vorzugsweiſe durch die Vereine fuͤr Ar-
men- und Krankenpflege, fuͤr Unterricht und Erziehung ver-
wahrloſter Kinder, fuͤr Beſſerung entlaſſener Straͤflinge, durch
Maͤßigkeitsvereine u. ſ. w. angeſtrebt; wiſſenſchaftliche
Zwecke durch die uͤberall verbreiteten Vereine der Naturfor-
ſcher, Aerzte, Hiſtoriker, Philologen; kuͤnſtleriſche Zwecke
finden in den Kunſt- und Muſikvereinen, den Liedertafeln
ihre Befriedigung; oͤkonomiſche in den Vereinen der Land-
wirthe und Induſtriellen, geſellige Beduͤrfniſſe, wie Spiel,
Converſation, Lectuͤre, in den Klubbs, deren faſt keine Stadt
mehr entbehren kann. Eine eigenthuͤmliche Stellung nehmen
noch die Freimaurerlogen ein.
8. Die Genoſſenſchaften in der Familie. Die
Familie des hohen Adels bildet an ſich ſchon eine Genoſſen-
ſchaft; der niedere Adel hat es nur durch beſondere Veran-
ſtaltungen (geſammte Hand im Lehenrecht, Ganerbſchaften) zu
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waͤrtig ihre eigentliche Bedeutung verloren haben, und faſt
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Beseler, Georg: Volksrecht und Juristenrecht. Leipzig, 1843, S. 168. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/beseler_volksrecht_1843/180>, abgerufen am 24.11.2024.
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