einer verminderten Abnahme der Geschwindigkeit bestehen müßte, daß nämlich die violetten Strahlen sich nach dem Eintritte in den dichteren Körper schneller als die rothen bewegen, eben darum also auch jene weniger, diese mehr gebrochen werden müßten, welches grade das Gegentheil dessen ist, was wir aus Erfahrung wissen. Poisson, der unter den Vertheidigern der Undulationstheorie am allerstrengsten sich an die sicher begründeten theoretischen Schlüsse gehalten hat, gesteht, daß bis jetzt diese Schwierigkeit nicht gehoben werden könne, daß man indeß in einer so schwierigen Untersuchung, ohne die Rechnung ganz durchzuführen, nicht den Erfolg aller Um- stände nach einer ungefähren Voraussicht angeben könne, und daß es daher ungewiß sei, ob vielleicht ein solcher Einfluß der schneller einander folgenden Wellen, so wie die Erfahrung ihn anzudeuten scheine, da statt finden könne, wo die Wirkungssphäre der Kräfte, welche die Elasticität des Aethers bestimmt, sich weiter als bis auf eine Wellenlänge erstreckt. Doch von dieser vielleicht möglichen, aber höchst schwierigen Bestimmung, ob die reine Undulationstheo- rie bei dieser Frage ausreiche, kann ich hier keinen genauern Begriff geben. Young und Fresnel suchen die Schwierigkeit auf eine andre Weise zu heben, die ich früher schon angedeutet habe, und der ich hier noch eine kleine Einleitung voranschicken muß.
Nach den hier durchgeführten Betrachtungen beruht die reine Undulationstheorie auf einer Untersuchung der Undulationen in den an einander grenzenden Aetherschichten von ungleicher Dichtigkeit; diese Untersuchung läßt sich, ganz entsprechend den acustischen Theo- rieen in strenger mathematischer Form durchführen, und so lange man dabei stehen bleibt, so ist der Ruhm, den Fresnel der Undulationstheorie beilegt, daß sie einer strengen mathematischen Entwickelung fähig sei, und nichts Willkührliches beigemischt ent- halte, sehr wohl begründet. Aber wenn man bei ihr stehen bleibt, so muß man auch die hier nicht wegzuräumende Schwierigkeit offen anerkennen, wie Poisson es thut, und nicht zu einem andern Hülfsmittel seine Zuflucht nehmen, welches gleichwohl Young und Fresnel gethan haben. Sie machen nämlich bemerklich, daß durch die Lichtwellen auch wohl die gröberen materiellen Theilchen der Körper in Vibrationen gesetzt werden und daß diese die Aetherwellen im Innern des Körpers modificiren könnten. Daß
einer verminderten Abnahme der Geſchwindigkeit beſtehen muͤßte, daß naͤmlich die violetten Strahlen ſich nach dem Eintritte in den dichteren Koͤrper ſchneller als die rothen bewegen, eben darum alſo auch jene weniger, dieſe mehr gebrochen werden muͤßten, welches grade das Gegentheil deſſen iſt, was wir aus Erfahrung wiſſen. Poiſſon, der unter den Vertheidigern der Undulationstheorie am allerſtrengſten ſich an die ſicher begruͤndeten theoretiſchen Schluͤſſe gehalten hat, geſteht, daß bis jetzt dieſe Schwierigkeit nicht gehoben werden koͤnne, daß man indeß in einer ſo ſchwierigen Unterſuchung, ohne die Rechnung ganz durchzufuͤhren, nicht den Erfolg aller Um- ſtaͤnde nach einer ungefaͤhren Vorausſicht angeben koͤnne, und daß es daher ungewiß ſei, ob vielleicht ein ſolcher Einfluß der ſchneller einander folgenden Wellen, ſo wie die Erfahrung ihn anzudeuten ſcheine, da ſtatt finden koͤnne, wo die Wirkungsſphaͤre der Kraͤfte, welche die Elaſticitaͤt des Aethers beſtimmt, ſich weiter als bis auf eine Wellenlaͤnge erſtreckt. Doch von dieſer vielleicht moͤglichen, aber hoͤchſt ſchwierigen Beſtimmung, ob die reine Undulationstheo- rie bei dieſer Frage ausreiche, kann ich hier keinen genauern Begriff geben. Young und Fresnel ſuchen die Schwierigkeit auf eine andre Weiſe zu heben, die ich fruͤher ſchon angedeutet habe, und der ich hier noch eine kleine Einleitung voranſchicken muß.
Nach den hier durchgefuͤhrten Betrachtungen beruht die reine Undulationstheorie auf einer Unterſuchung der Undulationen in den an einander grenzenden Aetherſchichten von ungleicher Dichtigkeit; dieſe Unterſuchung laͤßt ſich, ganz entſprechend den acuſtiſchen Theo- rieen in ſtrenger mathematiſcher Form durchfuͤhren, und ſo lange man dabei ſtehen bleibt, ſo iſt der Ruhm, den Fresnel der Undulationstheorie beilegt, daß ſie einer ſtrengen mathematiſchen Entwickelung faͤhig ſei, und nichts Willkuͤhrliches beigemiſcht ent- halte, ſehr wohl begruͤndet. Aber wenn man bei ihr ſtehen bleibt, ſo muß man auch die hier nicht wegzuraͤumende Schwierigkeit offen anerkennen, wie Poiſſon es thut, und nicht zu einem andern Huͤlfsmittel ſeine Zuflucht nehmen, welches gleichwohl Young und Fresnel gethan haben. Sie machen naͤmlich bemerklich, daß durch die Lichtwellen auch wohl die groͤberen materiellen Theilchen der Koͤrper in Vibrationen geſetzt werden und daß dieſe die Aetherwellen im Innern des Koͤrpers modificiren koͤnnten. Daß
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Poiſſon, der unter den Vertheidigern der Undulationstheorie am
allerſtrengſten ſich an die ſicher begruͤndeten theoretiſchen Schluͤſſe
gehalten hat, geſteht, daß bis jetzt dieſe Schwierigkeit nicht gehoben
werden koͤnne, daß man indeß in einer ſo ſchwierigen Unterſuchung,
ohne die Rechnung ganz durchzufuͤhren, nicht den Erfolg aller Um-
ſtaͤnde nach einer ungefaͤhren Vorausſicht angeben koͤnne, und daß
es daher ungewiß ſei, ob vielleicht ein ſolcher Einfluß der ſchneller
einander folgenden Wellen, ſo wie die Erfahrung ihn anzudeuten
ſcheine, da ſtatt finden koͤnne, wo die Wirkungsſphaͤre der Kraͤfte,
welche die Elaſticitaͤt des Aethers beſtimmt, ſich weiter als bis auf
eine Wellenlaͤnge erſtreckt. Doch von dieſer vielleicht moͤglichen,
aber hoͤchſt ſchwierigen Beſtimmung, ob die reine Undulationstheo-
rie bei dieſer Frage ausreiche, kann ich hier keinen genauern Begriff
geben. Young und Fresnel ſuchen die Schwierigkeit auf eine
andre Weiſe zu heben, die ich fruͤher ſchon angedeutet habe, und
der ich hier noch eine kleine Einleitung voranſchicken muß.
Nach den hier durchgefuͤhrten Betrachtungen beruht die reine
Undulationstheorie auf einer Unterſuchung der Undulationen in den
an einander grenzenden Aetherſchichten von ungleicher Dichtigkeit;
dieſe Unterſuchung laͤßt ſich, ganz entſprechend den acuſtiſchen Theo-
rieen in ſtrenger mathematiſcher Form durchfuͤhren, und ſo lange
man dabei ſtehen bleibt, ſo iſt der Ruhm, den Fresnel der
Undulationstheorie beilegt, daß ſie einer ſtrengen mathematiſchen
Entwickelung faͤhig ſei, und nichts Willkuͤhrliches beigemiſcht ent-
halte, ſehr wohl begruͤndet. Aber wenn man bei ihr ſtehen bleibt,
ſo muß man auch die hier nicht wegzuraͤumende Schwierigkeit offen
anerkennen, wie Poiſſon es thut, und nicht zu einem andern
Huͤlfsmittel ſeine Zuflucht nehmen, welches gleichwohl Young
und Fresnel gethan haben. Sie machen naͤmlich bemerklich,
daß durch die Lichtwellen auch wohl die groͤberen materiellen
Theilchen der Koͤrper in Vibrationen geſetzt werden und daß dieſe die
Aetherwellen im Innern des Koͤrpers modificiren koͤnnten. Daß
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Brandes, Heinrich Wilhelm: Vorlesungen über die Naturlehre. Bd. 2. Leipzig, 1831, S. 256. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brandes_naturlehre02_1831/270>, abgerufen am 21.11.2024.
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