und wurde erst hier von der gesammten Mannschaft getödtet. Hunde scheint der Eisbär mehr zu fürchten, als Menschen, und ebenso sind ihm Feuer, Rauch und laute Klänge ein Greuel; namentlich Trompetenschall soll er gar nicht vertragen können und sich durch ein so einfaches Mittel leicht in die Flucht schrecken lassen. -- Der Fang eines erwachsenen Eisbären hat die größten Schwierigkeiten, nicht allein wegen der außerordentlichen Stärke des Thieres, sondern auch wegen seiner Klugheit und Ueber- legung, welche gestellte Fallen zu erkennen und zu vereiteln weiß.
"Der Kapitän eines Walfischfängers," erzählt Scoresby, "welcher sich gern einen Bären ver- schaffen wollte, ohne die Haut desselben zu verletzen, machte den Versuch, ihn in einer Schlinge zu fangen, welche er mit Schnee bedeckt und vermittelst eines Stück Walfischspeckes geködert hatte. Ein Bär wurde durch den Geruch des augebraunten Fettes bald herbeigezogen; er sah die Lockspeise, ging hinzu und faßte sie mit dem Maule, bemerkte aber, daß sein Fuß in die ihm gelegte Schlinge gerathen war. Deshalb warf er das Fleisch wieder ruhig hin, streifte mit dem andern Fuße bedächtig die Schlinge ab und ging langsam mit seiner Beute davon. Sobald er das erste Stückchen in Ruhe ver- zehrt hatte, kam er wieder. Man hatte inzwischen die Schlinge durch ein anderes Stück Walfischfett geködert. Der Bär war aber vorsichtig geworden, schob den bedenklichen Strick sorgfältig bei Seite und schleppte den Köder zum zweiten Male weg. Jetzt legte man die Schlinge tiefer und die Lockspeife in eine Höhlung ganz innerhalb der Schlinge. Der Bär ging wieder hin, beroch erst den Platz rings- umher, kratzte den Schnee mit seinen Tatzen weg, schob den Strick zum dritten Male auf die Seite und bemächtigte sich nochmals der dargebotenen Mahlzeit, ohne sich in Verlegenheit zu setzen."
Auch junge Eisbären zeigen ähnliche Ueberlegung und versuchen es auf alle mögliche Weise, sich aus den Banden zu befreien, mit denen der Mensch sie umstrickte. Der genannte Berichterstatter erzählt auch hiervon ein Beispiel.
"Jm Juni 1812," sagt er, "kam eine Bärin mit zwei Jungen in die Nähe des Schiffes, welches ich befehligte, und wurde erlegt. Die Jungen machten keinen Versuch, zu entfliehen, und konnten ohne besondere Mühe lebendig gefangen werden. Sie fühlten sich anfangs offenbar sehr unglücklich, schienen sich nach und nach aber doch mit ihrem Schicksale auszusöhnen und wurden bald einigermaßen zahm. Deshalb konnte man ihnen zuweilen gestatten, auf dem Verdeck umherzugehen. Wenige Tage nach ihrer Gefangennahme fesselte man den einen mit einem Stricke, den man ihm um den Hals gelegt hatte, und warf ihn dann über Bord, um ihm ein Bad im Meere zu gönnen. Das Thier schwamm augen- blicklich nach einer nahen Eisscholle hin, kletterte an ihr hinauf und wollte entfliehen. Da bemerkte es, daß es von dem Stricke zurückgehalten wurde, und versuchte sofort, sich von dem lästigen Bande zu befreien, und zwar auf sehr sinnreiche Weise. Nahe am Rande des Eifes fand sich eine lange, aber nur 11/2 oder 2 Fuß breite und 3 bis 4 Fuß tiefe Spalte. Zu ihr ging der Bär, und indem er über die Oeffnung hinüberschritt, fiel ein Theil des Strickes in die Spalte hinein. Darauf stellte er sich quer hinüber, hing sich an seinen Hinterfüßen, die er zu beiden Seiten auf den Rand der Spalte legte, auf, senkte seinen Kopf und den größten Theil des Körpers in die Schlucht und suchte dann mit beiden Vorderpfoten den Strick über den Kopf zu schieben. Er bemerkte bald, daß es ihm auf diese Weise nicht gelingen wollte, frei zu werden, und sann deshalb auf ein anderes Mittel. Plötzlich be- gann er mit größter Heftigkeit zu laufen, jedenfalls, um das Seil zu zerreißen. Dies versuchte er zu wiederholten Malen, indem er jedesmal einige Schritte zurückging und einen neuen Anlauf nahm. Leider glückte ihm auch dieser Befreiungsversuch nicht. Er brummte verdrießlich und legte sich dann trotzig und still auf das Eis nieder."
Ganz jung eingefangene Eisbären lassen sich zähmen und bis zu einem gewissen Grad abrichten. Sie erlauben dann auch später ihrem Herrn, sie in ihrem Käsig zu besuchen, balgen sich auch wohl mit ihm herum. Dies sind gewöhnlich Eisbären, welche von den Eskimos im Frühjahre sammt ihrer Mutter aus dem Schneelager ausgegraben und in ihrer zartesten Jugend an die Gesellschaft des Menschen gewöhnt worden sind. Die Gefangenschaft behagt ihnen übrigens durchaus nicht. Schon in ihrem Vaterlande fühlen sie sich auch in frühester Jugend unter Dach und Fach nicht wohl, und
Jagd auf Eisbären. Fang.
und wurde erſt hier von der geſammten Mannſchaft getödtet. Hunde ſcheint der Eisbär mehr zu fürchten, als Menſchen, und ebenſo ſind ihm Feuer, Rauch und laute Klänge ein Greuel; namentlich Trompetenſchall ſoll er gar nicht vertragen können und ſich durch ein ſo einfaches Mittel leicht in die Flucht ſchrecken laſſen. — Der Fang eines erwachſenen Eisbären hat die größten Schwierigkeiten, nicht allein wegen der außerordentlichen Stärke des Thieres, ſondern auch wegen ſeiner Klugheit und Ueber- legung, welche geſtellte Fallen zu erkennen und zu vereiteln weiß.
„Der Kapitän eines Walfiſchfängers,‟ erzählt Scoresby, „welcher ſich gern einen Bären ver- ſchaffen wollte, ohne die Haut deſſelben zu verletzen, machte den Verſuch, ihn in einer Schlinge zu fangen, welche er mit Schnee bedeckt und vermittelſt eines Stück Walfiſchſpeckes geködert hatte. Ein Bär wurde durch den Geruch des augebraunten Fettes bald herbeigezogen; er ſah die Lockſpeiſe, ging hinzu und faßte ſie mit dem Maule, bemerkte aber, daß ſein Fuß in die ihm gelegte Schlinge gerathen war. Deshalb warf er das Fleiſch wieder ruhig hin, ſtreifte mit dem andern Fuße bedächtig die Schlinge ab und ging langſam mit ſeiner Beute davon. Sobald er das erſte Stückchen in Ruhe ver- zehrt hatte, kam er wieder. Man hatte inzwiſchen die Schlinge durch ein anderes Stück Walfiſchfett geködert. Der Bär war aber vorſichtig geworden, ſchob den bedenklichen Strick ſorgfältig bei Seite und ſchleppte den Köder zum zweiten Male weg. Jetzt legte man die Schlinge tiefer und die Lockſpeife in eine Höhlung ganz innerhalb der Schlinge. Der Bär ging wieder hin, beroch erſt den Platz rings- umher, kratzte den Schnee mit ſeinen Tatzen weg, ſchob den Strick zum dritten Male auf die Seite und bemächtigte ſich nochmals der dargebotenen Mahlzeit, ohne ſich in Verlegenheit zu ſetzen.‟
Auch junge Eisbären zeigen ähnliche Ueberlegung und verſuchen es auf alle mögliche Weiſe, ſich aus den Banden zu befreien, mit denen der Menſch ſie umſtrickte. Der genannte Berichterſtatter erzählt auch hiervon ein Beiſpiel.
„Jm Juni 1812,‟ ſagt er, „kam eine Bärin mit zwei Jungen in die Nähe des Schiffes, welches ich befehligte, und wurde erlegt. Die Jungen machten keinen Verſuch, zu entfliehen, und konnten ohne beſondere Mühe lebendig gefangen werden. Sie fühlten ſich anfangs offenbar ſehr unglücklich, ſchienen ſich nach und nach aber doch mit ihrem Schickſale auszuſöhnen und wurden bald einigermaßen zahm. Deshalb konnte man ihnen zuweilen geſtatten, auf dem Verdeck umherzugehen. Wenige Tage nach ihrer Gefangennahme feſſelte man den einen mit einem Stricke, den man ihm um den Hals gelegt hatte, und warf ihn dann über Bord, um ihm ein Bad im Meere zu gönnen. Das Thier ſchwamm augen- blicklich nach einer nahen Eisſcholle hin, kletterte an ihr hinauf und wollte entfliehen. Da bemerkte es, daß es von dem Stricke zurückgehalten wurde, und verſuchte ſofort, ſich von dem läſtigen Bande zu befreien, und zwar auf ſehr ſinnreiche Weiſe. Nahe am Rande des Eifes fand ſich eine lange, aber nur 1½ oder 2 Fuß breite und 3 bis 4 Fuß tiefe Spalte. Zu ihr ging der Bär, und indem er über die Oeffnung hinüberſchritt, fiel ein Theil des Strickes in die Spalte hinein. Darauf ſtellte er ſich quer hinüber, hing ſich an ſeinen Hinterfüßen, die er zu beiden Seiten auf den Rand der Spalte legte, auf, ſenkte ſeinen Kopf und den größten Theil des Körpers in die Schlucht und ſuchte dann mit beiden Vorderpfoten den Strick über den Kopf zu ſchieben. Er bemerkte bald, daß es ihm auf dieſe Weiſe nicht gelingen wollte, frei zu werden, und ſann deshalb auf ein anderes Mittel. Plötzlich be- gann er mit größter Heftigkeit zu laufen, jedenfalls, um das Seil zu zerreißen. Dies verſuchte er zu wiederholten Malen, indem er jedesmal einige Schritte zurückging und einen neuen Anlauf nahm. Leider glückte ihm auch dieſer Befreiungsverſuch nicht. Er brummte verdrießlich und legte ſich dann trotzig und ſtill auf das Eis nieder.‟
Ganz jung eingefangene Eisbären laſſen ſich zähmen und bis zu einem gewiſſen Grad abrichten. Sie erlauben dann auch ſpäter ihrem Herrn, ſie in ihrem Käſig zu beſuchen, balgen ſich auch wohl mit ihm herum. Dies ſind gewöhnlich Eisbären, welche von den Eskimos im Frühjahre ſammt ihrer Mutter aus dem Schneelager ausgegraben und in ihrer zarteſten Jugend an die Geſellſchaft des Menſchen gewöhnt worden ſind. Die Gefangenſchaft behagt ihnen übrigens durchaus nicht. Schon in ihrem Vaterlande fühlen ſie ſich auch in früheſter Jugend unter Dach und Fach nicht wohl, und
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[621/0699]
Jagd auf Eisbären. Fang.
und wurde erſt hier von der geſammten Mannſchaft getödtet. Hunde ſcheint der Eisbär mehr zu
fürchten, als Menſchen, und ebenſo ſind ihm Feuer, Rauch und laute Klänge ein Greuel; namentlich
Trompetenſchall ſoll er gar nicht vertragen können und ſich durch ein ſo einfaches Mittel leicht in die
Flucht ſchrecken laſſen. — Der Fang eines erwachſenen Eisbären hat die größten Schwierigkeiten, nicht
allein wegen der außerordentlichen Stärke des Thieres, ſondern auch wegen ſeiner Klugheit und Ueber-
legung, welche geſtellte Fallen zu erkennen und zu vereiteln weiß.
„Der Kapitän eines Walfiſchfängers,‟ erzählt Scoresby, „welcher ſich gern einen Bären ver-
ſchaffen wollte, ohne die Haut deſſelben zu verletzen, machte den Verſuch, ihn in einer Schlinge zu
fangen, welche er mit Schnee bedeckt und vermittelſt eines Stück Walfiſchſpeckes geködert hatte. Ein
Bär wurde durch den Geruch des augebraunten Fettes bald herbeigezogen; er ſah die Lockſpeiſe, ging
hinzu und faßte ſie mit dem Maule, bemerkte aber, daß ſein Fuß in die ihm gelegte Schlinge gerathen
war. Deshalb warf er das Fleiſch wieder ruhig hin, ſtreifte mit dem andern Fuße bedächtig die
Schlinge ab und ging langſam mit ſeiner Beute davon. Sobald er das erſte Stückchen in Ruhe ver-
zehrt hatte, kam er wieder. Man hatte inzwiſchen die Schlinge durch ein anderes Stück Walfiſchfett
geködert. Der Bär war aber vorſichtig geworden, ſchob den bedenklichen Strick ſorgfältig bei Seite
und ſchleppte den Köder zum zweiten Male weg. Jetzt legte man die Schlinge tiefer und die Lockſpeife
in eine Höhlung ganz innerhalb der Schlinge. Der Bär ging wieder hin, beroch erſt den Platz rings-
umher, kratzte den Schnee mit ſeinen Tatzen weg, ſchob den Strick zum dritten Male auf die Seite und
bemächtigte ſich nochmals der dargebotenen Mahlzeit, ohne ſich in Verlegenheit zu ſetzen.‟
Auch junge Eisbären zeigen ähnliche Ueberlegung und verſuchen es auf alle mögliche Weiſe, ſich
aus den Banden zu befreien, mit denen der Menſch ſie umſtrickte. Der genannte Berichterſtatter
erzählt auch hiervon ein Beiſpiel.
„Jm Juni 1812,‟ ſagt er, „kam eine Bärin mit zwei Jungen in die Nähe des Schiffes, welches
ich befehligte, und wurde erlegt. Die Jungen machten keinen Verſuch, zu entfliehen, und konnten ohne
beſondere Mühe lebendig gefangen werden. Sie fühlten ſich anfangs offenbar ſehr unglücklich, ſchienen
ſich nach und nach aber doch mit ihrem Schickſale auszuſöhnen und wurden bald einigermaßen zahm.
Deshalb konnte man ihnen zuweilen geſtatten, auf dem Verdeck umherzugehen. Wenige Tage nach
ihrer Gefangennahme feſſelte man den einen mit einem Stricke, den man ihm um den Hals gelegt hatte,
und warf ihn dann über Bord, um ihm ein Bad im Meere zu gönnen. Das Thier ſchwamm augen-
blicklich nach einer nahen Eisſcholle hin, kletterte an ihr hinauf und wollte entfliehen. Da bemerkte
es, daß es von dem Stricke zurückgehalten wurde, und verſuchte ſofort, ſich von dem läſtigen Bande
zu befreien, und zwar auf ſehr ſinnreiche Weiſe. Nahe am Rande des Eifes fand ſich eine lange, aber
nur 1½ oder 2 Fuß breite und 3 bis 4 Fuß tiefe Spalte. Zu ihr ging der Bär, und indem er über
die Oeffnung hinüberſchritt, fiel ein Theil des Strickes in die Spalte hinein. Darauf ſtellte er ſich
quer hinüber, hing ſich an ſeinen Hinterfüßen, die er zu beiden Seiten auf den Rand der Spalte
legte, auf, ſenkte ſeinen Kopf und den größten Theil des Körpers in die Schlucht und ſuchte dann mit
beiden Vorderpfoten den Strick über den Kopf zu ſchieben. Er bemerkte bald, daß es ihm auf dieſe
Weiſe nicht gelingen wollte, frei zu werden, und ſann deshalb auf ein anderes Mittel. Plötzlich be-
gann er mit größter Heftigkeit zu laufen, jedenfalls, um das Seil zu zerreißen. Dies verſuchte er zu
wiederholten Malen, indem er jedesmal einige Schritte zurückging und einen neuen Anlauf nahm.
Leider glückte ihm auch dieſer Befreiungsverſuch nicht. Er brummte verdrießlich und legte ſich dann
trotzig und ſtill auf das Eis nieder.‟
Ganz jung eingefangene Eisbären laſſen ſich zähmen und bis zu einem gewiſſen Grad abrichten.
Sie erlauben dann auch ſpäter ihrem Herrn, ſie in ihrem Käſig zu beſuchen, balgen ſich auch wohl
mit ihm herum. Dies ſind gewöhnlich Eisbären, welche von den Eskimos im Frühjahre ſammt
ihrer Mutter aus dem Schneelager ausgegraben und in ihrer zarteſten Jugend an die Geſellſchaft des
Menſchen gewöhnt worden ſind. Die Gefangenſchaft behagt ihnen übrigens durchaus nicht. Schon
in ihrem Vaterlande fühlen ſie ſich auch in früheſter Jugend unter Dach und Fach nicht wohl, und
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Brehm, Alfred Edmund: Illustrirtes Thierleben. Bd. 1. Hildburghausen, 1864, S. 621. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brehm_thierleben01_1864/699>, abgerufen am 22.11.2024.
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