klopfte er, wie ich mit eigenen Augen sah, mit dem Schnabel an den Stock, um sie herauszulocken und fing sie dann sehr geschickt weg. Da er stets nach einem benachbarten Hollunderbusch flog, vermuthete ich sein Nest in ihm und fand es auch wirklich bald. Die Erbitterung des Bienenbesitzers, dem unser Vogel an seinen Stöcken viel Schaden gethan hatte, war so groß, daß die von mir entdeckten halbflüggen Jungen ohne Barmherzigkeit der Katze vorgeworfen wurden." Wenn die Kirschen reif werden, besucht der Gartensänger die fruchtbeladenen Bäume und erlabt sich an dem weichen Fleisch der süßen Früchte; wenn es Johannisbeeren gibt, erhebt er sich von ihnen seinen Zoll und ebenso später von Flieder-, Traubenhollunder- und Faulbaumbeeren.
Ungestört brütet der Gartensänger nur einmal im Jahre und zwar zu Ende Mais oder zu Anfang Junis. Das Nest steht regelmäßig in dem dichtesten Busche seines Gebiets, am liebsten in Flieder-, Hasel-, Hartriegel-, Faulbaum-, selten oder nie in Dornen tragenden Büschen, nicht gerade verborgen, aber doch immer durch das Laub verdeckt und geschützt. Es ist ein sehr zierlich beutelförmiger Bau, dessen Außenwandungen aus dürrem Gras und Queggenblättern, Bastfasern, Pflanzen- und Thierwolle, Birkenschalen, Raupengespinnst, Papier und ähnlichen Stoffen äußerst kunstreich und sehr dauerhaft zusammengefilzt sind, während das Jnnere mit einigen Federn aus- gepolstert und mit zarten Grashalmen und Pferdehaaren ausgelegt ist. Die vier bis sechs länglichen Eier sind auf rosenrothem oder rosenrothölgrauen Grunde mit schwärzlichen oder rothbraunen Punkten und Aederchen gezeichnet. Männchen und Weibchen brüten wechselsweise, zeitigen sie innerhalb dreizehn Tagen und füttern die ausgeschlüpften Jungen mit allerlei kleinen Kerbthieren auf. Bei drohender Gefahr zeigen sie sich ungemein ängstlich, und das Weibchen bedient sich ebenfalls der Ver- stellung, um den Feind vom Neste wegzulocken.
Es ist erklärlich, daß der so Vielen angenehme Gesang eifrige Liebhaber bewogen hat, den Gar- tensänger an das Gebauer zu gewöhnen. Das aber ist eine mißliche Sache; denn dieser gehört zu den weichlichsten und zärtlichsten aller Vögel. Er verlangt die sorgsamste Pflege und das ausgewähl- teste Futter, hält aber trotzdem nur selten längere Zeit im Käfig aus. Ein Freund meines Vaters schreibt diesem, daß er Gartensänger mehrere Jahre lang im Gebauer gehalten und die Freude gehabt habe, sie vollkommen zu zähmen. Er zog die Jungen auf oder ließ sie, wenn er es konnte, durch die Eltern groß füttern; dann wurden zwei bis drei von ihnen zusammen in ein und dasselbe Gebauer gesteckt, und hier vertrugen sie sich, einige kleine Streitigkeiten abgerechnet, stets vortrefflich. "Ja, ich fand", sagt unser Beobachter, "daß, wenn eins von denen, welche zwei oder drei Jahre zusammen- gewohnt hatten, starb, das andere es selten um einige Monate überlebte. Hierin ist der Gartensänger den unzertrennlichen Papageien ähnlich; er zeigt auch wie sie eine große Hinfälligkeit. Doch verträgt er Manches. Jn meiner Wohnstube ist ein Kochofen, welcher oft und stark raucht; dennoch brachte ich vorigen Winter ein Paar dieser Vögel glücklich durch. Weder der Rauch, noch die durch das oft geöffnete Fenster hereinströmende kalte Luft, noch das mehrmalige Verändern des Platzes hat ihnen geschadet, geschweige den Tod gebracht, wie Bechstein behauptet ... Er zeigt, wie seine Ver- wandten, eine bewunderungswerthe Klugheit und kann zu einer hohen Stufe von Zahmheit gebracht werden."
Bei uns zu Lande zieht sich der Gartensänger nur selten den Zorn eines Bienenfreundes zu und setzt sich dadurch der Gefahr aus, getödtet zu werden; in Jtalien hingegen wird er ebenso wenig ver- schont, wie andere Sänger. Der Fang ist mühsam und eigentlich nur Sache des Zufalls. Mit Sicherheit soll die bereits oben erwähnte Fangweise zum Ziele führen, daß man nämlich einen Lock- vogel in einem mit Leimruthen bespickten Bauer da aushängt, wo es freilebende Gartensänger gibt, sie eifersüchtig macht und dadurch veranlaßt, sich auf die verrätherischen Ruthen zu setzen.
Die Fänger. Singvögel. Laubſänger.
klopfte er, wie ich mit eigenen Augen ſah, mit dem Schnabel an den Stock, um ſie herauszulocken und fing ſie dann ſehr geſchickt weg. Da er ſtets nach einem benachbarten Hollunderbuſch flog, vermuthete ich ſein Neſt in ihm und fand es auch wirklich bald. Die Erbitterung des Bienenbeſitzers, dem unſer Vogel an ſeinen Stöcken viel Schaden gethan hatte, war ſo groß, daß die von mir entdeckten halbflüggen Jungen ohne Barmherzigkeit der Katze vorgeworfen wurden.‟ Wenn die Kirſchen reif werden, beſucht der Gartenſänger die fruchtbeladenen Bäume und erlabt ſich an dem weichen Fleiſch der ſüßen Früchte; wenn es Johannisbeeren gibt, erhebt er ſich von ihnen ſeinen Zoll und ebenſo ſpäter von Flieder-, Traubenhollunder- und Faulbaumbeeren.
Ungeſtört brütet der Gartenſänger nur einmal im Jahre und zwar zu Ende Mais oder zu Anfang Junis. Das Neſt ſteht regelmäßig in dem dichteſten Buſche ſeines Gebiets, am liebſten in Flieder-, Haſel-, Hartriegel-, Faulbaum-, ſelten oder nie in Dornen tragenden Büſchen, nicht gerade verborgen, aber doch immer durch das Laub verdeckt und geſchützt. Es iſt ein ſehr zierlich beutelförmiger Bau, deſſen Außenwandungen aus dürrem Gras und Queggenblättern, Baſtfaſern, Pflanzen- und Thierwolle, Birkenſchalen, Raupengeſpinnſt, Papier und ähnlichen Stoffen äußerſt kunſtreich und ſehr dauerhaft zuſammengefilzt ſind, während das Jnnere mit einigen Federn aus- gepolſtert und mit zarten Grashalmen und Pferdehaaren ausgelegt iſt. Die vier bis ſechs länglichen Eier ſind auf roſenrothem oder roſenrothölgrauen Grunde mit ſchwärzlichen oder rothbraunen Punkten und Aederchen gezeichnet. Männchen und Weibchen brüten wechſelsweiſe, zeitigen ſie innerhalb dreizehn Tagen und füttern die ausgeſchlüpften Jungen mit allerlei kleinen Kerbthieren auf. Bei drohender Gefahr zeigen ſie ſich ungemein ängſtlich, und das Weibchen bedient ſich ebenfalls der Ver- ſtellung, um den Feind vom Neſte wegzulocken.
Es iſt erklärlich, daß der ſo Vielen angenehme Geſang eifrige Liebhaber bewogen hat, den Gar- tenſänger an das Gebauer zu gewöhnen. Das aber iſt eine mißliche Sache; denn dieſer gehört zu den weichlichſten und zärtlichſten aller Vögel. Er verlangt die ſorgſamſte Pflege und das ausgewähl- teſte Futter, hält aber trotzdem nur ſelten längere Zeit im Käfig aus. Ein Freund meines Vaters ſchreibt dieſem, daß er Gartenſänger mehrere Jahre lang im Gebauer gehalten und die Freude gehabt habe, ſie vollkommen zu zähmen. Er zog die Jungen auf oder ließ ſie, wenn er es konnte, durch die Eltern groß füttern; dann wurden zwei bis drei von ihnen zuſammen in ein und daſſelbe Gebauer geſteckt, und hier vertrugen ſie ſich, einige kleine Streitigkeiten abgerechnet, ſtets vortrefflich. „Ja, ich fand‟, ſagt unſer Beobachter, „daß, wenn eins von denen, welche zwei oder drei Jahre zuſammen- gewohnt hatten, ſtarb, das andere es ſelten um einige Monate überlebte. Hierin iſt der Gartenſänger den unzertrennlichen Papageien ähnlich; er zeigt auch wie ſie eine große Hinfälligkeit. Doch verträgt er Manches. Jn meiner Wohnſtube iſt ein Kochofen, welcher oft und ſtark raucht; dennoch brachte ich vorigen Winter ein Paar dieſer Vögel glücklich durch. Weder der Rauch, noch die durch das oft geöffnete Fenſter hereinſtrömende kalte Luft, noch das mehrmalige Verändern des Platzes hat ihnen geſchadet, geſchweige den Tod gebracht, wie Bechſtein behauptet … Er zeigt, wie ſeine Ver- wandten, eine bewunderungswerthe Klugheit und kann zu einer hohen Stufe von Zahmheit gebracht werden.‟
Bei uns zu Lande zieht ſich der Gartenſänger nur ſelten den Zorn eines Bienenfreundes zu und ſetzt ſich dadurch der Gefahr aus, getödtet zu werden; in Jtalien hingegen wird er ebenſo wenig ver- ſchont, wie andere Sänger. Der Fang iſt mühſam und eigentlich nur Sache des Zufalls. Mit Sicherheit ſoll die bereits oben erwähnte Fangweiſe zum Ziele führen, daß man nämlich einen Lock- vogel in einem mit Leimruthen beſpickten Bauer da aushängt, wo es freilebende Gartenſänger gibt, ſie eiferſüchtig macht und dadurch veranlaßt, ſich auf die verrätheriſchen Ruthen zu ſetzen.
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Die Fänger. Singvögel. Laubſänger.
klopfte er, wie ich mit eigenen Augen ſah, mit dem Schnabel an den Stock, um ſie herauszulocken und
fing ſie dann ſehr geſchickt weg. Da er ſtets nach einem benachbarten Hollunderbuſch flog, vermuthete
ich ſein Neſt in ihm und fand es auch wirklich bald. Die Erbitterung des Bienenbeſitzers, dem unſer
Vogel an ſeinen Stöcken viel Schaden gethan hatte, war ſo groß, daß die von mir entdeckten halbflüggen
Jungen ohne Barmherzigkeit der Katze vorgeworfen wurden.‟ Wenn die Kirſchen reif werden, beſucht
der Gartenſänger die fruchtbeladenen Bäume und erlabt ſich an dem weichen Fleiſch der ſüßen Früchte;
wenn es Johannisbeeren gibt, erhebt er ſich von ihnen ſeinen Zoll und ebenſo ſpäter von Flieder-,
Traubenhollunder- und Faulbaumbeeren.
Ungeſtört brütet der Gartenſänger nur einmal im Jahre und zwar zu Ende Mais oder zu
Anfang Junis. Das Neſt ſteht regelmäßig in dem dichteſten Buſche ſeines Gebiets, am liebſten in
Flieder-, Haſel-, Hartriegel-, Faulbaum-, ſelten oder nie in Dornen tragenden Büſchen, nicht
gerade verborgen, aber doch immer durch das Laub verdeckt und geſchützt. Es iſt ein ſehr zierlich
beutelförmiger Bau, deſſen Außenwandungen aus dürrem Gras und Queggenblättern, Baſtfaſern,
Pflanzen- und Thierwolle, Birkenſchalen, Raupengeſpinnſt, Papier und ähnlichen Stoffen äußerſt
kunſtreich und ſehr dauerhaft zuſammengefilzt ſind, während das Jnnere mit einigen Federn aus-
gepolſtert und mit zarten Grashalmen und Pferdehaaren ausgelegt iſt. Die vier bis ſechs länglichen
Eier ſind auf roſenrothem oder roſenrothölgrauen Grunde mit ſchwärzlichen oder rothbraunen Punkten
und Aederchen gezeichnet. Männchen und Weibchen brüten wechſelsweiſe, zeitigen ſie innerhalb
dreizehn Tagen und füttern die ausgeſchlüpften Jungen mit allerlei kleinen Kerbthieren auf. Bei
drohender Gefahr zeigen ſie ſich ungemein ängſtlich, und das Weibchen bedient ſich ebenfalls der Ver-
ſtellung, um den Feind vom Neſte wegzulocken.
Es iſt erklärlich, daß der ſo Vielen angenehme Geſang eifrige Liebhaber bewogen hat, den Gar-
tenſänger an das Gebauer zu gewöhnen. Das aber iſt eine mißliche Sache; denn dieſer gehört zu
den weichlichſten und zärtlichſten aller Vögel. Er verlangt die ſorgſamſte Pflege und das ausgewähl-
teſte Futter, hält aber trotzdem nur ſelten längere Zeit im Käfig aus. Ein Freund meines Vaters
ſchreibt dieſem, daß er Gartenſänger mehrere Jahre lang im Gebauer gehalten und die Freude gehabt
habe, ſie vollkommen zu zähmen. Er zog die Jungen auf oder ließ ſie, wenn er es konnte, durch die
Eltern groß füttern; dann wurden zwei bis drei von ihnen zuſammen in ein und daſſelbe Gebauer
geſteckt, und hier vertrugen ſie ſich, einige kleine Streitigkeiten abgerechnet, ſtets vortrefflich. „Ja, ich
fand‟, ſagt unſer Beobachter, „daß, wenn eins von denen, welche zwei oder drei Jahre zuſammen-
gewohnt hatten, ſtarb, das andere es ſelten um einige Monate überlebte. Hierin iſt der Gartenſänger
den unzertrennlichen Papageien ähnlich; er zeigt auch wie ſie eine große Hinfälligkeit. Doch verträgt
er Manches. Jn meiner Wohnſtube iſt ein Kochofen, welcher oft und ſtark raucht; dennoch brachte ich
vorigen Winter ein Paar dieſer Vögel glücklich durch. Weder der Rauch, noch die durch das oft
geöffnete Fenſter hereinſtrömende kalte Luft, noch das mehrmalige Verändern des Platzes hat ihnen
geſchadet, geſchweige den Tod gebracht, wie Bechſtein behauptet … Er zeigt, wie ſeine Ver-
wandten, eine bewunderungswerthe Klugheit und kann zu einer hohen Stufe von Zahmheit gebracht
werden.‟
Bei uns zu Lande zieht ſich der Gartenſänger nur ſelten den Zorn eines Bienenfreundes zu und
ſetzt ſich dadurch der Gefahr aus, getödtet zu werden; in Jtalien hingegen wird er ebenſo wenig ver-
ſchont, wie andere Sänger. Der Fang iſt mühſam und eigentlich nur Sache des Zufalls. Mit
Sicherheit ſoll die bereits oben erwähnte Fangweiſe zum Ziele führen, daß man nämlich einen Lock-
vogel in einem mit Leimruthen beſpickten Bauer da aushängt, wo es freilebende Gartenſänger gibt,
ſie eiferſüchtig macht und dadurch veranlaßt, ſich auf die verrätheriſchen Ruthen zu ſetzen.
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Brehm, Alfred Edmund: Illustrirtes Thierleben. Bd. 3. Hildburghausen, 1866, S. 864. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brehm_thierleben03_1866/912>, abgerufen am 22.11.2024.
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