Wodurch sie sich nicht ganz verbinden können, Und eben dadurch allem Saft Vom Regen oder Thau, zu der Gewächse Kraft, Den Aufenhalt und Durchgang gönnen, Jst ja Bewunderns-wehrt. Noch mehr, da sie vereint, Und doch nicht ganz, (indem sie sonst versteint,) So können sie den Pflanzen nützen, Den Wurzeln Raum, sich auszubreiten, geben, Auch, wenn dieselbigen sich aufwärts heben, Dieselben so viel besser stützen.
Jch nam hierauf ein Häuflein Sand, Betrachtet' es genau, und fand Den Unterschied, daß er nicht mancherley, Nein, in der That unzälig sey. Jch kunnte tausend Form- und Ecken Auch an dem klein'sten Sand' entdecken. Teils sind die Körner lang, teils rund, teils groß, teils klein, Teils schwarz, teils braun, teils gelb, teils grau, Teils rötlich, weißlich teils, teils blau. Es sind die meisten dicht und dunkel, viele helle, Durchsichtig, glänzend, rein. Jch wurd' auf mancher Stelle Verschiedener, die, wie Krystall so klar, Mit Lust und mit Verwunderung gewahr. Jndem ich nun die Kleinheit übersehe, Und alles dieses überlege; Erstaun' ich, wenn ich recht erwege, Daß alle Grösse dieser Welt, Ja selbst die Welt aus Kleinigkeiten nur,
Wie
Wodurch ſie ſich nicht ganz verbinden koͤnnen, Und eben dadurch allem Saft Vom Regen oder Thau, zu der Gewaͤchſe Kraft, Den Aufenhalt und Durchgang goͤnnen, Jſt ja Bewunderns-wehrt. Noch mehr, da ſie vereint, Und doch nicht ganz, (indem ſie ſonſt verſteint,) So koͤnnen ſie den Pflanzen nuͤtzen, Den Wurzeln Raum, ſich auszubreiten, geben, Auch, wenn dieſelbigen ſich aufwaͤrts heben, Dieſelben ſo viel beſſer ſtuͤtzen.
Jch nam hierauf ein Haͤuflein Sand, Betrachtet’ es genau, und fand Den Unterſchied, daß er nicht mancherley, Nein, in der That unzaͤlig ſey. Jch kunnte tauſend Form- und Ecken Auch an dem klein’ſten Sand’ entdecken. Teils ſind die Koͤrner lang, teils rund, teils groß, teils klein, Teils ſchwarz, teils braun, teils gelb, teils grau, Teils roͤtlich, weißlich teils, teils blau. Es ſind die meiſten dicht und dunkel, viele helle, Durchſichtig, glaͤnzend, rein. Jch wurd’ auf mancher Stelle Verſchiedener, die, wie Kryſtall ſo klar, Mit Luſt und mit Verwunderung gewahr. Jndem ich nun die Kleinheit uͤberſehe, Und alles dieſes uͤberlege; Erſtaun’ ich, wenn ich recht erwege, Daß alle Groͤſſe dieſer Welt, Ja ſelbſt die Welt aus Kleinigkeiten nur,
Wie
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><lgn="80"><l><pbfacs="#f0255"n="219"/>
Wodurch ſie ſich nicht ganz verbinden koͤnnen,</l><lb/><l>Und eben dadurch allem Saft</l><lb/><l>Vom Regen oder Thau, zu der Gewaͤchſe Kraft,</l><lb/><l>Den Aufenhalt und Durchgang goͤnnen,</l><lb/><l>Jſt ja Bewunderns-wehrt. Noch mehr, da ſie vereint,</l><lb/><l>Und doch nicht ganz, (indem ſie ſonſt verſteint,)</l><lb/><l>So koͤnnen ſie den Pflanzen nuͤtzen,</l><lb/><l>Den Wurzeln Raum, ſich auszubreiten, geben,</l><lb/><l>Auch, wenn dieſelbigen ſich aufwaͤrts heben,</l><lb/><l>Dieſelben ſo viel beſſer ſtuͤtzen.</l></lg><lb/><lgn="81"><l>Jch nam hierauf ein Haͤuflein Sand,</l><lb/><l>Betrachtet’ es genau, und fand</l><lb/><l>Den Unterſchied, daß er nicht mancherley,</l><lb/><l>Nein, in der That unzaͤlig ſey.</l><lb/><l>Jch kunnte tauſend Form- und Ecken</l><lb/><l>Auch an dem klein’ſten Sand’ entdecken.</l><lb/><l>Teils ſind die Koͤrner lang, teils rund, teils groß, teils klein,</l><lb/><l>Teils ſchwarz, teils braun, teils gelb, teils grau,</l><lb/><l>Teils roͤtlich, weißlich teils, teils blau.</l><lb/><l>Es ſind die meiſten dicht und dunkel, viele helle,</l><lb/><l>Durchſichtig, glaͤnzend, rein.</l><lb/><l>Jch wurd’ auf mancher Stelle</l><lb/><l>Verſchiedener, die, wie Kryſtall ſo klar,</l><lb/><l>Mit Luſt und mit Verwunderung gewahr.</l><lb/><l>Jndem ich nun die Kleinheit uͤberſehe,</l><lb/><l>Und alles dieſes uͤberlege;</l><lb/><l>Erſtaun’ ich, wenn ich recht erwege,</l><lb/><l>Daß alle Groͤſſe dieſer Welt,</l><lb/><l>Ja ſelbſt die Welt aus Kleinigkeiten nur,</l><lb/><l><fwplace="bottom"type="catch">Wie</fw><lb/></l></lg></div></div></body></text></TEI>
[219/0255]
Wodurch ſie ſich nicht ganz verbinden koͤnnen,
Und eben dadurch allem Saft
Vom Regen oder Thau, zu der Gewaͤchſe Kraft,
Den Aufenhalt und Durchgang goͤnnen,
Jſt ja Bewunderns-wehrt. Noch mehr, da ſie vereint,
Und doch nicht ganz, (indem ſie ſonſt verſteint,)
So koͤnnen ſie den Pflanzen nuͤtzen,
Den Wurzeln Raum, ſich auszubreiten, geben,
Auch, wenn dieſelbigen ſich aufwaͤrts heben,
Dieſelben ſo viel beſſer ſtuͤtzen.
Jch nam hierauf ein Haͤuflein Sand,
Betrachtet’ es genau, und fand
Den Unterſchied, daß er nicht mancherley,
Nein, in der That unzaͤlig ſey.
Jch kunnte tauſend Form- und Ecken
Auch an dem klein’ſten Sand’ entdecken.
Teils ſind die Koͤrner lang, teils rund, teils groß, teils klein,
Teils ſchwarz, teils braun, teils gelb, teils grau,
Teils roͤtlich, weißlich teils, teils blau.
Es ſind die meiſten dicht und dunkel, viele helle,
Durchſichtig, glaͤnzend, rein.
Jch wurd’ auf mancher Stelle
Verſchiedener, die, wie Kryſtall ſo klar,
Mit Luſt und mit Verwunderung gewahr.
Jndem ich nun die Kleinheit uͤberſehe,
Und alles dieſes uͤberlege;
Erſtaun’ ich, wenn ich recht erwege,
Daß alle Groͤſſe dieſer Welt,
Ja ſelbſt die Welt aus Kleinigkeiten nur,
Wie
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott. Bd. 2. Hamburg, 1727, S. 219. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen02_1727/255>, abgerufen am 22.11.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.