Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig. 1. Aufl. Berlin, 1898.wären und keinen habe ich kennen gelernt, an dem man das, was man damals ein "Genie" nannte, so wundervoll hätte demonstrieren können, wie an ihm. Ich sage mit Vorbedacht "damals"; jetzt denkt man Gott sei Dank anders darüber. Man weiß jetzt, daß ein Philister ersten Ranges ein großes Genie sein kann, ja, erst recht, während man sich ein solches, in den dreißiger und vierziger Jahren, ohne bestimmte moralische Defekte nicht gut vorstellen konnte. Jedes richtige Genie war auch zugleich ein Pump- und Bummel-Genie. Von dieser Regel gab es nur wenig Ausnahmen. Faucher erschien in den Sonnabendsitzungen, die, wie schon kurz erwähnt, bei Maron stattfanden, mit großer Pünktlichkeit, sprach aber wenig, weil ihn unser lyrisches Treiben eigentlich langweilte, nicht aus Mangel an litterarischem Verständnis, sondern umgekehrt, weil er von künstlerischem Sinn mehr besaß als wir. Er hatte die feinere Zunge und zeigte sich vor allem als der kritisch Ueberlegene. Die Hauptsache waren ihm die Kneipereien, die sich an die "Sitzungen" anschlossen. An mir nahm er ein gewisses Interesse, was halb schmeichelhaft halb unschmeichelhaft war. Er sah mich aus seinen klugen Augen an und schien dabei sagen zu wollen: "es ist doch unglaublich, was noch für Menschen wären und keinen habe ich kennen gelernt, an dem man das, was man damals ein „Genie“ nannte, so wundervoll hätte demonstrieren können, wie an ihm. Ich sage mit Vorbedacht „damals“; jetzt denkt man Gott sei Dank anders darüber. Man weiß jetzt, daß ein Philister ersten Ranges ein großes Genie sein kann, ja, erst recht, während man sich ein solches, in den dreißiger und vierziger Jahren, ohne bestimmte moralische Defekte nicht gut vorstellen konnte. Jedes richtige Genie war auch zugleich ein Pump- und Bummel-Genie. Von dieser Regel gab es nur wenig Ausnahmen. Faucher erschien in den Sonnabendsitzungen, die, wie schon kurz erwähnt, bei Maron stattfanden, mit großer Pünktlichkeit, sprach aber wenig, weil ihn unser lyrisches Treiben eigentlich langweilte, nicht aus Mangel an litterarischem Verständnis, sondern umgekehrt, weil er von künstlerischem Sinn mehr besaß als wir. Er hatte die feinere Zunge und zeigte sich vor allem als der kritisch Ueberlegene. Die Hauptsache waren ihm die Kneipereien, die sich an die „Sitzungen“ anschlossen. An mir nahm er ein gewisses Interesse, was halb schmeichelhaft halb unschmeichelhaft war. Er sah mich aus seinen klugen Augen an und schien dabei sagen zu wollen: „es ist doch unglaublich, was noch für Menschen <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0059" n="50"/> wären und keinen habe ich kennen gelernt, an dem man das, was man damals ein „Genie“ nannte, so wundervoll hätte demonstrieren können, wie an ihm. Ich sage mit Vorbedacht „damals“; jetzt denkt man Gott sei Dank anders darüber. Man weiß jetzt, daß ein Philister ersten Ranges ein großes Genie sein kann, ja, erst recht, während man sich ein solches, in den dreißiger und vierziger Jahren, ohne bestimmte moralische Defekte nicht gut vorstellen konnte. Jedes richtige Genie war auch zugleich ein Pump- und Bummel-Genie. Von dieser Regel gab es nur wenig Ausnahmen.</p><lb/> <p>Faucher erschien in den Sonnabendsitzungen, die, wie schon kurz erwähnt, bei Maron stattfanden, mit großer Pünktlichkeit, sprach aber wenig, weil ihn unser lyrisches Treiben eigentlich langweilte, nicht aus Mangel an litterarischem Verständnis, sondern umgekehrt, weil er von künstlerischem Sinn mehr besaß als wir. Er hatte die feinere Zunge und zeigte sich vor allem als der kritisch Ueberlegene. Die Hauptsache waren ihm die Kneipereien, die sich an die „Sitzungen“ anschlossen. An mir nahm er ein gewisses Interesse, was halb schmeichelhaft halb unschmeichelhaft war. Er sah mich aus seinen klugen Augen an und schien dabei sagen zu wollen: „es ist doch unglaublich, was noch für Menschen<lb/></p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [50/0059]
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Faucher erschien in den Sonnabendsitzungen, die, wie schon kurz erwähnt, bei Maron stattfanden, mit großer Pünktlichkeit, sprach aber wenig, weil ihn unser lyrisches Treiben eigentlich langweilte, nicht aus Mangel an litterarischem Verständnis, sondern umgekehrt, weil er von künstlerischem Sinn mehr besaß als wir. Er hatte die feinere Zunge und zeigte sich vor allem als der kritisch Ueberlegene. Die Hauptsache waren ihm die Kneipereien, die sich an die „Sitzungen“ anschlossen. An mir nahm er ein gewisses Interesse, was halb schmeichelhaft halb unschmeichelhaft war. Er sah mich aus seinen klugen Augen an und schien dabei sagen zu wollen: „es ist doch unglaublich, was noch für Menschen
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(2018-07-25T10:02:20Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Rahel Gajaneh Hartz: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2018-07-25T10:02:20Z)
Weitere Informationen:Theodor Fontane: Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographisches. Hrsg. von der Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Universität Göttingen. Bandbearbeiter: Wolfgang Rasch. Berlin 2014 [= Große Brandenburger Ausgabe, Das autobiographische Werk, Bd. 3]: Bereitstellung der Texttranskription (mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags Berlin). Verfahren der Texterfassung: manuell (einfach erfasst).
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