Grillparzer, Franz: Sappho. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Wien, 1819. Melitta. Ach, sag' mir erst, wo ist mein Vaterland? Phaon. Du kennst es nicht? Melitta. In zarter Kindheit schon Ward ich entrissen seiner treuen Huth; Nur seine Blumen, seine Thäler hat Behalten das Gedächtniß, nicht den Nahmen. Nur, glaub' ich, lag es, wo die Sonne herkömmt, Denn dort war alles gar so licht und hell. Phaon. So ist es weit von hier? Melitta. O weit, sehr weit! Von andern Bäumen war ich dort umgeben, Und and're Blumen dufteten umher, In blauern Lüften glänzten schön're Sterne Und freundlich gute Menschen wohnten dort. In vieler Kinder Mitte lebt' ich da, Ach, und ein Greis mit weißen Silberlocken, Ich nannte Vater ihn, liebkoste mir; Dann noch ein and'rer Mann, so schön und hold Mit braunem Haar und Aug', fast so wie -- du -- Phaon. Du schweigst? Der Mann? Melitta. Er auch -- Melitta. Ach, ſag' mir erſt, wo iſt mein Vaterland? Phaon. Du kennſt es nicht? Melitta. In zarter Kindheit ſchon Ward ich entriſſen ſeiner treuen Huth; Nur ſeine Blumen, ſeine Thäler hat Behalten das Gedächtniß, nicht den Nahmen. Nur, glaub' ich, lag es, wo die Sonne herkömmt, Denn dort war alles gar ſo licht und hell. Phaon. So iſt es weit von hier? Melitta. O weit, ſehr weit! Von andern Bäumen war ich dort umgeben, Und and're Blumen dufteten umher, In blauern Lüften glänzten ſchön're Sterne Und freundlich gute Menſchen wohnten dort. In vieler Kinder Mitte lebt' ich da, Ach, und ein Greis mit weißen Silberlocken, Ich nannte Vater ihn, liebkoſte mir; Dann noch ein and'rer Mann, ſo ſchön und hold Mit braunem Haar und Aug', faſt ſo wie — du — Phaon. Du ſchweigſt? Der Mann? Melitta. Er auch — <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0046" n="36"/> <sp who="#MEL"> <speaker><hi rendition="#g">Melitta</hi>.</speaker><lb/> <p>Ach, ſag' mir erſt, <hi rendition="#g">wo</hi> iſt mein Vaterland?</p> </sp><lb/> <sp who="#PHA"> <speaker><hi rendition="#g">Phaon</hi>.</speaker><lb/> <p>Du kennſt es nicht?</p> </sp><lb/> <sp who="#MEL"> <speaker><hi rendition="#g">Melitta</hi>.</speaker><lb/> <p>In zarter Kindheit ſchon<lb/> Ward ich entriſſen ſeiner treuen Huth;<lb/> Nur ſeine Blumen, ſeine Thäler hat<lb/> Behalten das Gedächtniß, nicht den Nahmen.<lb/> Nur, glaub' ich, lag es, wo die Sonne herkömmt,<lb/> Denn dort war alles gar ſo licht und hell.</p> </sp><lb/> <sp who="#PHA"> <speaker><hi rendition="#g">Phaon</hi>.</speaker><lb/> <p>So iſt es weit von hier?</p> </sp><lb/> <sp who="#MEL"> <speaker><hi rendition="#g">Melitta</hi>.</speaker><lb/> <p>O weit, ſehr weit!<lb/> Von andern Bäumen war ich dort umgeben,<lb/> Und and're Blumen dufteten umher,<lb/> In blauern Lüften glänzten ſchön're Sterne<lb/> Und freundlich gute Menſchen wohnten dort.<lb/> In vieler Kinder Mitte lebt' ich da,<lb/> Ach, und ein Greis mit weißen Silberlocken,<lb/> Ich nannte Vater ihn, liebkoſte mir;<lb/> Dann noch ein and'rer Mann, ſo ſchön und hold<lb/> Mit braunem Haar und Aug', faſt ſo wie — du —</p> </sp><lb/> <sp who="#PHA"> <speaker><hi rendition="#g">Phaon</hi>.</speaker><lb/> <p>Du ſchweigſt? Der Mann?</p> </sp><lb/> <sp who="#MEL"> <speaker><hi rendition="#g">Melitta</hi>.</speaker><lb/> <p>Er auch —</p> </sp><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [36/0046]
Melitta.
Ach, ſag' mir erſt, wo iſt mein Vaterland?
Phaon.
Du kennſt es nicht?
Melitta.
In zarter Kindheit ſchon
Ward ich entriſſen ſeiner treuen Huth;
Nur ſeine Blumen, ſeine Thäler hat
Behalten das Gedächtniß, nicht den Nahmen.
Nur, glaub' ich, lag es, wo die Sonne herkömmt,
Denn dort war alles gar ſo licht und hell.
Phaon.
So iſt es weit von hier?
Melitta.
O weit, ſehr weit!
Von andern Bäumen war ich dort umgeben,
Und and're Blumen dufteten umher,
In blauern Lüften glänzten ſchön're Sterne
Und freundlich gute Menſchen wohnten dort.
In vieler Kinder Mitte lebt' ich da,
Ach, und ein Greis mit weißen Silberlocken,
Ich nannte Vater ihn, liebkoſte mir;
Dann noch ein and'rer Mann, ſo ſchön und hold
Mit braunem Haar und Aug', faſt ſo wie — du —
Phaon.
Du ſchweigſt? Der Mann?
Melitta.
Er auch —
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