Grimm, Jacob: Deutsche Grammatik. Bd. 1. Göttingen, 1822.I. mittelhochdeutsche vocale. bedeutung hatte *). Wir wißen, daß der umlaut desa in e bereits im 9ten, der des au in iu im 10ten jahrh. begann; die übrigen werden im 11. 12ten entsprungen seyn. Die mittelh. sprache beobachtete die eingeführ- ten umlaute und rückumlaute mehr traditionell fort, als daß sie ihren grund gefühlt hätte; da wo der um- laut noch im 13. jahrh. ausdehnung erhielt, wirkten äußere analogien, wie der gegensatz des praet. conj. zum ind. oder der des pl. subst. zum sg. Practisch irrte die sprache, weil sich die org umlaute fest ein- geprägt hatten, wenig, doch bisweilen (man sehe die decl. übergänge, auch die grundlos umgelauteten frem- den wörter, oben s. 349. 353.); späterhin nehmen die irrthümlichen umlaute zu. Die ganze für die ge- schichte des umlauts wichtige ansicht wird durch die angels. und altn. wegwerfung der endung, von wel- cher die umlaute abhängen (s. 243. 303.), gerechtfer- tigt. Dergleichen syn- und apocopen sind auch im mittelh. ganz gewöhnlich. Theoretisch angesehn sollte man alsdann rückumlaut erwarten, so gut er in nante (st. nennete, nennita) vorbricht, dürfte er in har st. here, heri exercitus) hervorbrechen. Allein er thut es nicht, weil der mittelh. sprache her und nante beides überlieferte formen sind, in denen sie den wech- sel zwischen a und e nicht begreift; sie verkürzt here in her, wie vile in vil; das natürliche a in ersterm wort hat durch den zu langen druck der endung gleichsam seine schwingkraft verloren und wird nicht wieder frei. Solche verhärtung des umlauts zeigt sich allerdings schon im alth. wenn bei gewissen syncopen (kaum apocopen) des i dennoch e in der wurzel bleibt, z. b. der dat. von heri here (st. herje) macht, oder kennen f. kennjen steht, da es consequent hare und kannen heißen sollte. Ich denke mir, das verschmel- zen des i mit dem folgenden vocale ließ sein allmäh- liges aufhören übersehn, -e vertrat gewissermaßen das alte -ja, -je, wogegen in nanta der folgende cons. die entfernung des i merkbar machte. Für mittelh. syncopen gilt jedoch dieser grund wieder nichts; der umlaut bleibt, wenn auch dem ausgestoßenen i ein cons. folgt, z. b. getregde (frumentum) saelde, fröude *) Und doch eben das verfließen der endungsvoeale den um-
laut der wurzelvocale [ - 1 Zeichen fehlt]äthlich machte (s. 339.) I. mittelhochdeutſche vocale. bedeutung hatte *). Wir wißen, daß der umlaut desa in e bereits im 9ten, der des û in iu im 10ten jahrh. begann; die übrigen werden im 11. 12ten entſprungen ſeyn. Die mittelh. ſprache beobachtete die eingeführ- ten umlaute und rückumlaute mehr traditionell fort, als daß ſie ihren grund gefühlt hätte; da wo der um- laut noch im 13. jahrh. ausdehnung erhielt, wirkten äußere analogien, wie der gegenſatz des praet. conj. zum ind. oder der des pl. ſubſt. zum ſg. Practiſch irrte die ſprache, weil ſich die org umlaute feſt ein- geprägt hatten, wenig, doch bisweilen (man ſehe die decl. übergänge, auch die grundlos umgelauteten frem- den wörter, oben ſ. 349. 353.); ſpäterhin nehmen die irrthümlichen umlaute zu. Die ganze für die ge- ſchichte des umlauts wichtige anſicht wird durch die angelſ. und altn. wegwerfung der endung, von wel- cher die umlaute abhängen (ſ. 243. 303.), gerechtfer- tigt. Dergleichen ſyn- und apocopen ſind auch im mittelh. ganz gewöhnlich. Theoretiſch angeſehn ſollte man alsdann rückumlaut erwarten, ſo gut er in nante (ſt. nennete, nennita) vorbricht, dürfte er in har ſt. here, heri exercitus) hervorbrechen. Allein er thut es nicht, weil der mittelh. ſprache her und nante beides überlieferte formen ſind, in denen ſie den wech- ſel zwiſchen a und e nicht begreift; ſie verkürzt here in her, wie vile in vil; das natürliche a in erſterm wort hat durch den zu langen druck der endung gleichſam ſeine ſchwingkraft verloren und wird nicht wieder frei. Solche verhärtung des umlauts zeigt ſich allerdings ſchon im alth. wenn bei gewiſſen ſyncopen (kaum apocopen) des i dennoch e in der wurzel bleibt, z. b. der dat. von heri here (ſt. herje) macht, oder kennen f. kennjen ſteht, da es conſequent hare und kannen heißen ſollte. Ich denke mir, das verſchmel- zen des i mit dem folgenden vocale ließ ſein allmäh- liges aufhören überſehn, -e vertrat gewiſſermaßen das alte -ja, -je, wogegen in nanta der folgende conſ. die entfernung des i merkbar machte. Für mittelh. ſyncopen gilt jedoch dieſer grund wieder nichts; der umlaut bleibt, wenn auch dem ausgeſtoßenen i ein conſ. folgt, z. b. getregde (frumentum) ſælde, fröude *) Und doch eben das verfließen der endungsvoeale den um-
laut der wurzelvocale [ – 1 Zeichen fehlt]äthlich machte (ſ. 339.) <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <list> <item><pb facs="#f0388" n="362"/><fw place="top" type="header">I. <hi rendition="#i">mittelhochdeutſche vocale.</hi></fw><lb/> bedeutung hatte <note place="foot" n="*)">Und doch eben das verfließen der endungsvoeale den um-<lb/> laut der wurzelvocale <gap unit="chars" quantity="1"/>äthlich machte (ſ. 339.)</note>. Wir wißen, daß der umlaut des<lb/> a in e bereits im 9ten, der des û in iu im 10ten jahrh.<lb/> begann; die übrigen werden im 11. 12ten entſprungen<lb/> ſeyn. Die mittelh. ſprache beobachtete die eingeführ-<lb/> ten umlaute und rückumlaute mehr traditionell fort,<lb/> als daß ſie ihren grund gefühlt hätte; da wo der um-<lb/> laut noch im 13. jahrh. ausdehnung erhielt, wirkten<lb/> äußere analogien, wie der gegenſatz des praet. conj.<lb/> zum ind. oder der des pl. ſubſt. zum ſg. Practiſch<lb/> irrte die ſprache, weil ſich die org umlaute feſt ein-<lb/> geprägt hatten, wenig, doch bisweilen (man ſehe die<lb/> decl. übergänge, auch die grundlos umgelauteten frem-<lb/> den wörter, oben ſ. 349. 353.); ſpäterhin nehmen die<lb/> irrthümlichen umlaute zu. Die ganze für die ge-<lb/> ſchichte des umlauts wichtige anſicht wird durch die<lb/> angelſ. und altn. wegwerfung der endung, von wel-<lb/> cher die umlaute abhängen (ſ. 243. 303.), gerechtfer-<lb/> tigt. Dergleichen ſyn- und apocopen ſind auch im<lb/> mittelh. ganz gewöhnlich. Theoretiſch angeſehn ſollte<lb/> man alsdann rückumlaut erwarten, ſo gut er in nante<lb/> (ſt. nennete, nennita) vorbricht, dürfte er in har ſt.<lb/> here, heri exercitus) hervorbrechen. Allein er thut<lb/> es nicht, weil der mittelh. ſprache her und nante<lb/> beides überlieferte formen ſind, in denen ſie den wech-<lb/> ſel zwiſchen a und e nicht begreift; ſie verkürzt here<lb/> in her, wie vile in vil; das natürliche a in erſterm<lb/> wort hat durch den zu langen druck der endung<lb/> gleichſam ſeine ſchwingkraft verloren und wird nicht<lb/> wieder frei. Solche verhärtung des umlauts zeigt ſich<lb/> allerdings ſchon im alth. wenn bei gewiſſen ſyncopen<lb/> (kaum apocopen) des i dennoch e in der wurzel bleibt,<lb/> z. b. der dat. von heri here (ſt. herje) macht, oder<lb/> kennen f. kennjen ſteht, da es conſequent hare und<lb/> kannen heißen ſollte. Ich denke mir, das verſchmel-<lb/> zen des i mit dem folgenden vocale ließ ſein allmäh-<lb/> liges aufhören überſehn, -e vertrat gewiſſermaßen das<lb/> alte -ja, -je, wogegen in nanta der folgende conſ.<lb/> die entfernung des i merkbar machte. Für mittelh.<lb/> ſyncopen gilt jedoch dieſer grund wieder nichts; der<lb/> umlaut bleibt, wenn auch dem ausgeſtoßenen i ein<lb/> conſ. folgt, z. b. getregde (frumentum) ſælde, fröude<lb/></item> </list> </div> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [362/0388]
I. mittelhochdeutſche vocale.
bedeutung hatte *). Wir wißen, daß der umlaut des
a in e bereits im 9ten, der des û in iu im 10ten jahrh.
begann; die übrigen werden im 11. 12ten entſprungen
ſeyn. Die mittelh. ſprache beobachtete die eingeführ-
ten umlaute und rückumlaute mehr traditionell fort,
als daß ſie ihren grund gefühlt hätte; da wo der um-
laut noch im 13. jahrh. ausdehnung erhielt, wirkten
äußere analogien, wie der gegenſatz des praet. conj.
zum ind. oder der des pl. ſubſt. zum ſg. Practiſch
irrte die ſprache, weil ſich die org umlaute feſt ein-
geprägt hatten, wenig, doch bisweilen (man ſehe die
decl. übergänge, auch die grundlos umgelauteten frem-
den wörter, oben ſ. 349. 353.); ſpäterhin nehmen die
irrthümlichen umlaute zu. Die ganze für die ge-
ſchichte des umlauts wichtige anſicht wird durch die
angelſ. und altn. wegwerfung der endung, von wel-
cher die umlaute abhängen (ſ. 243. 303.), gerechtfer-
tigt. Dergleichen ſyn- und apocopen ſind auch im
mittelh. ganz gewöhnlich. Theoretiſch angeſehn ſollte
man alsdann rückumlaut erwarten, ſo gut er in nante
(ſt. nennete, nennita) vorbricht, dürfte er in har ſt.
here, heri exercitus) hervorbrechen. Allein er thut
es nicht, weil der mittelh. ſprache her und nante
beides überlieferte formen ſind, in denen ſie den wech-
ſel zwiſchen a und e nicht begreift; ſie verkürzt here
in her, wie vile in vil; das natürliche a in erſterm
wort hat durch den zu langen druck der endung
gleichſam ſeine ſchwingkraft verloren und wird nicht
wieder frei. Solche verhärtung des umlauts zeigt ſich
allerdings ſchon im alth. wenn bei gewiſſen ſyncopen
(kaum apocopen) des i dennoch e in der wurzel bleibt,
z. b. der dat. von heri here (ſt. herje) macht, oder
kennen f. kennjen ſteht, da es conſequent hare und
kannen heißen ſollte. Ich denke mir, das verſchmel-
zen des i mit dem folgenden vocale ließ ſein allmäh-
liges aufhören überſehn, -e vertrat gewiſſermaßen das
alte -ja, -je, wogegen in nanta der folgende conſ.
die entfernung des i merkbar machte. Für mittelh.
ſyncopen gilt jedoch dieſer grund wieder nichts; der
umlaut bleibt, wenn auch dem ausgeſtoßenen i ein
conſ. folgt, z. b. getregde (frumentum) ſælde, fröude
*) Und doch eben das verfließen der endungsvoeale den um-
laut der wurzelvocale _äthlich machte (ſ. 339.)
Informationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Language Resource Switchboard?FeedbackSie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden. Kommentar zur DTA-AusgabeDieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.
|
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden. Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des § 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2024 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Kontakt: redaktion(at)deutschestextarchiv.de. |