[Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832.Leiche stehet, hemmet nicht den Lauf Eurer Thränen: denn sie sind Eurer und der Verstorbenen gleich würdig! Noch ruhen unsere sehnsüchtigen Blicke auf dem tiefen Abgrunde, der die Hülle der geliebten Schwester aufgenommen, das Meer zieht mit seinen Wogen auf und nieder, aber Sie, Sie, die Dahingegangene, kommt nicht zurück. Habt Ihr wohl je einen größern Schmerz empfunden, als den, wenn ein junges Herz schon dann gebrochen wird von den Stürmen dieses Lebens, noch eh' es dies selbst gekannt hat? Ihr Alle habt sie gesehen, diese unschuldigen Blicke, mit denen die junge Weltbürgerin diese blauen Räume hienieden begrüßte; ach! und kaum sich ahnend und fühlend muß sie schon demselben Gesetz anheim fallen, dem wir Alle verkauft sind. Ohne durch irgend eine Uebertretung der Sittengesetze den Tod verwirkt zu haben, mußte sie schon seinen herben Stachel empfinden. Wenn es schon die schmerzlichsten Gefühle weckt, mitten unter den schaffenden und wirkenden Kräften des Lebens so viel verborgene, unentdeckte Anlagen und Talente, deren Benutzung die erstaunenswerthesten Resultate zu Tage fördern müßte, zu bemerken--um wie viel trauriger ist es, schon in der ersten aufkeimenden Lebensregung Leiche stehet, hemmet nicht den Lauf Eurer Thränen: denn sie sind Eurer und der Verstorbenen gleich würdig! Noch ruhen unsere sehnsüchtigen Blicke auf dem tiefen Abgrunde, der die Hülle der geliebten Schwester aufgenommen, das Meer zieht mit seinen Wogen auf und nieder, aber Sie, Sie, die Dahingegangene, kommt nicht zurück. Habt Ihr wohl je einen größern Schmerz empfunden, als den, wenn ein junges Herz schon dann gebrochen wird von den Stürmen dieses Lebens, noch eh’ es dies selbst gekannt hat? Ihr Alle habt sie gesehen, diese unschuldigen Blicke, mit denen die junge Weltbürgerin diese blauen Räume hienieden begrüßte; ach! und kaum sich ahnend und fühlend muß sie schon demselben Gesetz anheim fallen, dem wir Alle verkauft sind. Ohne durch irgend eine Uebertretung der Sittengesetze den Tod verwirkt zu haben, mußte sie schon seinen herben Stachel empfinden. Wenn es schon die schmerzlichsten Gefühle weckt, mitten unter den schaffenden und wirkenden Kräften des Lebens so viel verborgene, unentdeckte Anlagen und Talente, deren Benutzung die erstaunenswerthesten Resultate zu Tage fördern müßte, zu bemerken—um wie viel trauriger ist es, schon in der ersten aufkeimenden Lebensregung <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0022" n="9"/> Leiche stehet, hemmet nicht den Lauf Eurer Thränen: denn sie sind Eurer und der Verstorbenen gleich würdig!</p> <p>Noch ruhen unsere sehnsüchtigen Blicke auf dem tiefen Abgrunde, der die Hülle der geliebten Schwester aufgenommen, das Meer zieht mit seinen Wogen auf und nieder, aber Sie, Sie, die Dahingegangene, kommt nicht zurück.</p> <p>Habt Ihr wohl je einen größern Schmerz empfunden, als den, wenn ein junges Herz schon dann gebrochen wird von den Stürmen dieses Lebens, noch eh’ es dies selbst gekannt hat? Ihr Alle habt sie gesehen, diese unschuldigen Blicke, mit denen die junge Weltbürgerin diese blauen Räume hienieden begrüßte; ach! und kaum sich ahnend und fühlend muß sie schon demselben Gesetz anheim fallen, dem wir Alle verkauft sind. Ohne durch irgend eine Uebertretung der Sittengesetze den Tod verwirkt zu haben, mußte sie schon seinen herben Stachel empfinden.</p> <p>Wenn es schon die schmerzlichsten Gefühle weckt, mitten unter den schaffenden und wirkenden Kräften des Lebens so viel verborgene, unentdeckte Anlagen und Talente, deren Benutzung die erstaunenswerthesten Resultate zu Tage fördern müßte, zu bemerken—um wie viel trauriger ist es, schon in der ersten aufkeimenden Lebensregung </p> </div> </body> </text> </TEI> [9/0022]
Leiche stehet, hemmet nicht den Lauf Eurer Thränen: denn sie sind Eurer und der Verstorbenen gleich würdig!
Noch ruhen unsere sehnsüchtigen Blicke auf dem tiefen Abgrunde, der die Hülle der geliebten Schwester aufgenommen, das Meer zieht mit seinen Wogen auf und nieder, aber Sie, Sie, die Dahingegangene, kommt nicht zurück.
Habt Ihr wohl je einen größern Schmerz empfunden, als den, wenn ein junges Herz schon dann gebrochen wird von den Stürmen dieses Lebens, noch eh’ es dies selbst gekannt hat? Ihr Alle habt sie gesehen, diese unschuldigen Blicke, mit denen die junge Weltbürgerin diese blauen Räume hienieden begrüßte; ach! und kaum sich ahnend und fühlend muß sie schon demselben Gesetz anheim fallen, dem wir Alle verkauft sind. Ohne durch irgend eine Uebertretung der Sittengesetze den Tod verwirkt zu haben, mußte sie schon seinen herben Stachel empfinden.
Wenn es schon die schmerzlichsten Gefühle weckt, mitten unter den schaffenden und wirkenden Kräften des Lebens so viel verborgene, unentdeckte Anlagen und Talente, deren Benutzung die erstaunenswerthesten Resultate zu Tage fördern müßte, zu bemerken—um wie viel trauriger ist es, schon in der ersten aufkeimenden Lebensregung
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