[Gutzkow, Karl]: Briefe eines Narren an eine Närrin. Hamburg, 1832.man wird unsere Beschwerden hören, und ihnen bereitwillig abhelfen. Du vergißt doch nicht, daß ich dies Alles von der Höhe des Brandenburger Thors aus schreibe, und ich nicht mehr berichte, als was die Rosse der Victoria neben mir mit dem Pegasus drüben auf dem Schauspielhaus disputiren? Die Freiheit ist nicht poetisch. Wenn ich mit meinen Landsleuten erst nur die Anfänge eines bessern Zustandes heraufdämmern sehe, so geb' ich mich schon zufrieden, setze mich hin, und schreibe eine Satyre auf die Freiheit, das historisch-poetische Elend eines Nordamerikaners schildernd. So ein Nordamerikaner ist, gegen einen simpeln Europäer genommen, doch äußerst unvollkommen daran. Jeder Professor auf dem Katheder, jeder Gassenjunge unter uns kann mit Recht zu ihm sagen: schäme dich, du Neuvolklicher! du bist nur ein halber Mensch, und hast ganz und gar keine historische Anfänglichkeit an dir. Du weißt weder von wannen du kommst, noch wohin du fährst. Du bist eine Waise und ein Bastard zugleich. Du ermangelst jener historischen Grundlage, die das breite Fundament unseres Daseins bildet. Dein Staatsleben ist nicht mehr werth, als der todte Mechanismus einer Uhr. Du kannst nichts von dem geheimnißvollen Rauschen jener tiefange- man wird unsere Beschwerden hören, und ihnen bereitwillig abhelfen. Du vergißt doch nicht, daß ich dies Alles von der Höhe des Brandenburger Thors aus schreibe, und ich nicht mehr berichte, als was die Rosse der Victoria neben mir mit dem Pegasus drüben auf dem Schauspielhaus disputiren? Die Freiheit ist nicht poetisch. Wenn ich mit meinen Landsleuten erst nur die Anfänge eines bessern Zustandes heraufdämmern sehe, so geb’ ich mich schon zufrieden, setze mich hin, und schreibe eine Satyre auf die Freiheit, das historisch-poetische Elend eines Nordamerikaners schildernd. So ein Nordamerikaner ist, gegen einen simpeln Europäer genommen, doch äußerst unvollkommen daran. Jeder Professor auf dem Katheder, jeder Gassenjunge unter uns kann mit Recht zu ihm sagen: schäme dich, du Neuvolklicher! du bist nur ein halber Mensch, und hast ganz und gar keine historische Anfänglichkeit an dir. Du weißt weder von wannen du kommst, noch wohin du fährst. Du bist eine Waise und ein Bastard zugleich. Du ermangelst jener historischen Grundlage, die das breite Fundament unseres Daseins bildet. Dein Staatsleben ist nicht mehr werth, als der todte Mechanismus einer Uhr. Du kannst nichts von dem geheimnißvollen Rauschen jener tiefange- <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0063" n="50"/> man wird unsere Beschwerden hören, und ihnen bereitwillig abhelfen.</p> <p>Du vergißt doch nicht, daß ich dies Alles von der Höhe des Brandenburger Thors aus schreibe, und ich nicht mehr berichte, als <ref xml:id="TEXTwasdieRosseBISdisputiren" target="BrN4E.htm#ERLwasdieRosseBISdisputiren">was die Rosse der Victoria neben mir mit dem Pegasus drüben auf dem Schauspielhaus disputiren?</ref></p> <p>Die Freiheit ist nicht poetisch. Wenn ich mit meinen Landsleuten erst nur die Anfänge eines bessern Zustandes heraufdämmern sehe, so geb’ ich mich schon zufrieden, setze mich hin, und schreibe eine Satyre auf die Freiheit, das historisch-poetische Elend eines Nordamerikaners schildernd.</p> <p>So ein Nordamerikaner ist, gegen einen simpeln Europäer genommen, doch äußerst unvollkommen daran. Jeder Professor auf dem Katheder, jeder Gassenjunge unter uns kann mit Recht zu ihm sagen: schäme dich, du Neuvolklicher! du bist nur ein halber Mensch, und hast ganz und gar keine historische Anfänglichkeit an dir. Du weißt weder von wannen du kommst, noch wohin du fährst. Du bist eine Waise und ein Bastard zugleich. Du ermangelst jener historischen Grundlage, die das breite Fundament unseres Daseins bildet. Dein Staatsleben ist nicht mehr werth, als der todte Mechanismus einer Uhr. Du kannst nichts von dem geheimnißvollen Rauschen jener tiefange- </p> </div> </body> </text> </TEI> [50/0063]
man wird unsere Beschwerden hören, und ihnen bereitwillig abhelfen.
Du vergißt doch nicht, daß ich dies Alles von der Höhe des Brandenburger Thors aus schreibe, und ich nicht mehr berichte, als was die Rosse der Victoria neben mir mit dem Pegasus drüben auf dem Schauspielhaus disputiren?
Die Freiheit ist nicht poetisch. Wenn ich mit meinen Landsleuten erst nur die Anfänge eines bessern Zustandes heraufdämmern sehe, so geb’ ich mich schon zufrieden, setze mich hin, und schreibe eine Satyre auf die Freiheit, das historisch-poetische Elend eines Nordamerikaners schildernd.
So ein Nordamerikaner ist, gegen einen simpeln Europäer genommen, doch äußerst unvollkommen daran. Jeder Professor auf dem Katheder, jeder Gassenjunge unter uns kann mit Recht zu ihm sagen: schäme dich, du Neuvolklicher! du bist nur ein halber Mensch, und hast ganz und gar keine historische Anfänglichkeit an dir. Du weißt weder von wannen du kommst, noch wohin du fährst. Du bist eine Waise und ein Bastard zugleich. Du ermangelst jener historischen Grundlage, die das breite Fundament unseres Daseins bildet. Dein Staatsleben ist nicht mehr werth, als der todte Mechanismus einer Uhr. Du kannst nichts von dem geheimnißvollen Rauschen jener tiefange-
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