Humboldt, Wilhelm von: Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen. Breslau, 1851.werden. Endlich entstehen auch Vereinigungen freier Menschen werden. Endlich entstehen auch Vereinigungen freier Menschen <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0079" n="43"/> werden. Endlich entstehen auch Vereinigungen freier Menschen<lb/> in einer Nation mit grösserer Schwierigkeit. Wenn nun dies<lb/> auf der einen Seite auch der Erreichung der Endzwecke scha-<lb/> det — wogegen doch immer zu bedenken bleibt, dass allge-<lb/> mein, was schwerer entsteht, weil gleichsam die langgeprüfte<lb/> Kraft sich in einander fügt, auch eine festere Dauer gewinnt —<lb/> so ist doch gewiss überhaupt jede grössere Vereinigung minder<lb/> heilsam. Je mehr der Mensch für sich wirkt, desto mehr bil-<lb/> det er sich. In einer grossen Vereinigung wird er zu leicht<lb/> Werkzeug. Auch sind diese Vereinigungen Schuld, dass oft<lb/> das Zeichen an die Stelle der Sache tritt, welches der Bildung<lb/> allemal hinderlich ist. Die todte Hieroglyphe begeistert nicht,<lb/> wie die lebendige Natur. Ich erinnere hier nur statt alles<lb/> Beispiels an Armenanstalten. Tödtet etwas Andres so sehr<lb/> alles wahre Mitleid, alle hoffende aber anspruchlose Bitte, alles<lb/> Vertrauen des Menschen auf Menschen? Verachtet nicht jeder<lb/> den Bettler, dem es lieber wäre, ein Jahr im Hospital bequem<lb/> ernährt zu werden, als, nach mancher erduldeten Noth, nicht<lb/> auf eine hinwerfende Hand, aber auf ein theilnehmendes Herz<lb/> zu stossen? Ich gebe es also zu, wir hätten diese schnellen<lb/> Fortschritte ohne die grossen Massen nicht gemacht, in welchen<lb/> das Menschengeschlecht, wenn ich so sagen darf, in den letzten<lb/> Jahrhunderten gewirkt hat; allein nur die schnellen nicht.<lb/> Die Frucht wäre langsamer, aber dennoch gereift. Und sollte<lb/> sie nicht seegenvoller gewesen sein? Ich glaube daher von diesem<lb/> Einwurf zurückkehren zu dürfen. Zwei andre bleiben der<lb/> Folge zur Prüfung aufbewahrt, nämlich, ob auch, bei der Sorg-<lb/> losigkeit, die dem Staate hier vorgeschrieben wird, die Erhal-<lb/> tung der Sicherheit möglich ist? und ob nicht wenigstens die<lb/> Verschaffung der Mittel, welche dem Staate nothwendig zu<lb/> seiner Wirksamkeit eingeräumt werden müssen, ein vielfacheres<lb/> Eingreifen der Räder der Staatsmaschine in die Verhältnisse<lb/> der Bürger nothwendig macht?</p> </div><lb/> <milestone rendition="#hr" unit="section"/> </body> </text> </TEI> [43/0079]
werden. Endlich entstehen auch Vereinigungen freier Menschen
in einer Nation mit grösserer Schwierigkeit. Wenn nun dies
auf der einen Seite auch der Erreichung der Endzwecke scha-
det — wogegen doch immer zu bedenken bleibt, dass allge-
mein, was schwerer entsteht, weil gleichsam die langgeprüfte
Kraft sich in einander fügt, auch eine festere Dauer gewinnt —
so ist doch gewiss überhaupt jede grössere Vereinigung minder
heilsam. Je mehr der Mensch für sich wirkt, desto mehr bil-
det er sich. In einer grossen Vereinigung wird er zu leicht
Werkzeug. Auch sind diese Vereinigungen Schuld, dass oft
das Zeichen an die Stelle der Sache tritt, welches der Bildung
allemal hinderlich ist. Die todte Hieroglyphe begeistert nicht,
wie die lebendige Natur. Ich erinnere hier nur statt alles
Beispiels an Armenanstalten. Tödtet etwas Andres so sehr
alles wahre Mitleid, alle hoffende aber anspruchlose Bitte, alles
Vertrauen des Menschen auf Menschen? Verachtet nicht jeder
den Bettler, dem es lieber wäre, ein Jahr im Hospital bequem
ernährt zu werden, als, nach mancher erduldeten Noth, nicht
auf eine hinwerfende Hand, aber auf ein theilnehmendes Herz
zu stossen? Ich gebe es also zu, wir hätten diese schnellen
Fortschritte ohne die grossen Massen nicht gemacht, in welchen
das Menschengeschlecht, wenn ich so sagen darf, in den letzten
Jahrhunderten gewirkt hat; allein nur die schnellen nicht.
Die Frucht wäre langsamer, aber dennoch gereift. Und sollte
sie nicht seegenvoller gewesen sein? Ich glaube daher von diesem
Einwurf zurückkehren zu dürfen. Zwei andre bleiben der
Folge zur Prüfung aufbewahrt, nämlich, ob auch, bei der Sorg-
losigkeit, die dem Staate hier vorgeschrieben wird, die Erhal-
tung der Sicherheit möglich ist? und ob nicht wenigstens die
Verschaffung der Mittel, welche dem Staate nothwendig zu
seiner Wirksamkeit eingeräumt werden müssen, ein vielfacheres
Eingreifen der Räder der Staatsmaschine in die Verhältnisse
der Bürger nothwendig macht?
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools ?Language Resource Switchboard?FeedbackSie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden. Kommentar zur DTA-AusgabeWilhelm von Humboldt schrieb seine 'Ideen zu eine… [mehr] Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.
|
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden. Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des § 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2024 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Kontakt: redaktion(at)deutschestextarchiv.de. |