unterlegen und Constantinopel unter dem Andrange der Völkerwanderung von seiner Höhe als Handelsmetropole herabgestürzt war, auch in das Schicksal Smyrnas hemmend ein. Gross waren die Leiden der Stadt während der furchtbaren Periode der Völkerwanderung und in der Zeit der Seldschukenfürsten. Smyrna theilte nun die weiteren Schicksale des Byzantinischen Reiches, von jeder Phase derselben rege berührt. Die anarchischen Verhältnisse jener Zeit und die grosse Abhängigkeit der Herrscher am Bosporus von den Venetianern und Genuesen erklären es genügend, dass wie die einzelnen Inseln und Küstenstriche Griechenlands auch die kleinasiatische Küste unter den Einfluss und daher auch Schutz der Handelsrepubliken gelangte; dessenungeachtet fiel die Stadt 1402 nach vierzehntägiger Belagerung in die Ge- walt des Länderstürmers Tamerlan (Timur), der sie verwüstete. Bald darauf, 1424, pflanzte Sultan Murad den Halbmond auf der Burg des Pagosberges auf. Seither verblieb Smyrna unter der Herrschaft der Ottomanen. Die grossen politischen Ver- änderungen in der Levante blieben nahezu ohne Rückwirkung auf die Verhältnisse der Stadt, die immer mehr an Bedeutung gewann. Die Stadt hatte wiederholt durch Erdbeben, zuletzt im Jahre 1880, und durch Feuersbrünste (1840 und 1845) zu leiden.
Das heutige Smyrna zeigt gegen den Golf zu eine völlig mo- derne Quaifront, und wo noch vor wenigen Jahren verwahrloste Bret- terbuden und Holzstege eine idyllische Staffage des Ufers bildeten, da dehnt sich jetzt die breite Quaipromenade la Marina längs der ganzen Erstreckung der Stadt. Dort pulsirt denn auch, begünstigt durch eine Tramwaylinie und zahllose für den Verkehr mit den Schiffen bestimmte Kaiks, der Hauptstrom des geschäftlichen und socialen Lebens.
Ein überaus buntes Bild gewährt das bewegte Treiben im Hafen, wo der Umsatz der Landesproducte gegen die Erzeugnisse fremder Völker in seiner letzen Form sich vollzieht. In ganzen Schiffs- ladungen werden hier Teppiche, Seidenstoffe, Südfrüchte jeder Art, darunter die berühmten Smyrna-Feigen, Baum- und Schafwolle, Ge- treide, Wein, Oele und Tabak, Opium u. a. zur Ausfuhr verfrachtet und ebenso gelangen aus Europa ungeheuere Mengen Industrieartikel in die Magazine, um nach den Innern Anatoliens versendet zu werden.
Durch Grösse und Weitläufigkeit fallen die Residenz des Gou- verneurs mit der grossen nächstliegenden Kaserne, an die das Zellen- gefängniss sich schliesst, sowie die am neuen Hafen erbauten Zoll- und Hafendienstgebäude auf. Wenngleich der grösste Theil der Stadt auf ebenem Terrain liegt, so bietet Smyrna mit seinen zahlreichen Minarets und Kirchthürmen, mit dem herrlichen, farbensatten Cypres- senhaine am Südende, der malerischen Burgruine des Pagos und dem am Abhange zu ihr emporklimmenden Türkenviertel der Stadt, endlich mit seinem von hunderten Schiffen aller Nationen belebten Hafen ein überaus fesselndes Städtebild voller Leben und Farbe.
Das Mittelmeerbecken.
unterlegen und Constantinopel unter dem Andrange der Völkerwanderung von seiner Höhe als Handelsmetropole herabgestürzt war, auch in das Schicksal Smyrnas hemmend ein. Gross waren die Leiden der Stadt während der furchtbaren Periode der Völkerwanderung und in der Zeit der Seldschukenfürsten. Smyrna theilte nun die weiteren Schicksale des Byzantinischen Reiches, von jeder Phase derselben rege berührt. Die anarchischen Verhältnisse jener Zeit und die grosse Abhängigkeit der Herrscher am Bosporus von den Venetianern und Genuesen erklären es genügend, dass wie die einzelnen Inseln und Küstenstriche Griechenlands auch die kleinasiatische Küste unter den Einfluss und daher auch Schutz der Handelsrepubliken gelangte; dessenungeachtet fiel die Stadt 1402 nach vierzehntägiger Belagerung in die Ge- walt des Länderstürmers Tamerlan (Timur), der sie verwüstete. Bald darauf, 1424, pflanzte Sultan Murad den Halbmond auf der Burg des Pagosberges auf. Seither verblieb Smyrna unter der Herrschaft der Ottomanen. Die grossen politischen Ver- änderungen in der Levante blieben nahezu ohne Rückwirkung auf die Verhältnisse der Stadt, die immer mehr an Bedeutung gewann. Die Stadt hatte wiederholt durch Erdbeben, zuletzt im Jahre 1880, und durch Feuersbrünste (1840 und 1845) zu leiden.
Das heutige Smyrna zeigt gegen den Golf zu eine völlig mo- derne Quaifront, und wo noch vor wenigen Jahren verwahrloste Bret- terbuden und Holzstege eine idyllische Staffage des Ufers bildeten, da dehnt sich jetzt die breite Quaipromenade la Marina längs der ganzen Erstreckung der Stadt. Dort pulsirt denn auch, begünstigt durch eine Tramwaylinie und zahllose für den Verkehr mit den Schiffen bestimmte Kaïks, der Hauptstrom des geschäftlichen und socialen Lebens.
Ein überaus buntes Bild gewährt das bewegte Treiben im Hafen, wo der Umsatz der Landesproducte gegen die Erzeugnisse fremder Völker in seiner letzen Form sich vollzieht. In ganzen Schiffs- ladungen werden hier Teppiche, Seidenstoffe, Südfrüchte jeder Art, darunter die berühmten Smyrna-Feigen, Baum- und Schafwolle, Ge- treide, Wein, Oele und Tabak, Opium u. a. zur Ausfuhr verfrachtet und ebenso gelangen aus Europa ungeheuere Mengen Industrieartikel in die Magazine, um nach den Innern Anatoliens versendet zu werden.
Durch Grösse und Weitläufigkeit fallen die Residenz des Gou- verneurs mit der grossen nächstliegenden Kaserne, an die das Zellen- gefängniss sich schliesst, sowie die am neuen Hafen erbauten Zoll- und Hafendienstgebäude auf. Wenngleich der grösste Theil der Stadt auf ebenem Terrain liegt, so bietet Smyrna mit seinen zahlreichen Minarets und Kirchthürmen, mit dem herrlichen, farbensatten Cypres- senhaine am Südende, der malerischen Burgruine des Pagos und dem am Abhange zu ihr emporklimmenden Türkenviertel der Stadt, endlich mit seinem von hunderten Schiffen aller Nationen belebten Hafen ein überaus fesselndes Städtebild voller Leben und Farbe.
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[204/0224]
Das Mittelmeerbecken.
unterlegen und Constantinopel unter dem Andrange der Völkerwanderung von seiner
Höhe als Handelsmetropole herabgestürzt war, auch in das Schicksal Smyrnas
hemmend ein. Gross waren die Leiden der Stadt während der furchtbaren Periode
der Völkerwanderung und in der Zeit der Seldschukenfürsten. Smyrna theilte nun
die weiteren Schicksale des Byzantinischen Reiches, von jeder Phase derselben rege
berührt. Die anarchischen Verhältnisse jener Zeit und die grosse Abhängigkeit der
Herrscher am Bosporus von den Venetianern und Genuesen erklären es genügend,
dass wie die einzelnen Inseln und Küstenstriche Griechenlands auch die kleinasiatische
Küste unter den Einfluss und daher auch Schutz der Handelsrepubliken gelangte;
dessenungeachtet fiel die Stadt 1402 nach vierzehntägiger Belagerung in die Ge-
walt des Länderstürmers Tamerlan (Timur), der sie verwüstete. Bald darauf, 1424,
pflanzte Sultan Murad den Halbmond auf der Burg des Pagosberges auf. Seither
verblieb Smyrna unter der Herrschaft der Ottomanen. Die grossen politischen Ver-
änderungen in der Levante blieben nahezu ohne Rückwirkung auf die Verhältnisse
der Stadt, die immer mehr an Bedeutung gewann. Die Stadt hatte wiederholt
durch Erdbeben, zuletzt im Jahre 1880, und durch Feuersbrünste (1840 und
1845) zu leiden.
Das heutige Smyrna zeigt gegen den Golf zu eine völlig mo-
derne Quaifront, und wo noch vor wenigen Jahren verwahrloste Bret-
terbuden und Holzstege eine idyllische Staffage des Ufers bildeten,
da dehnt sich jetzt die breite Quaipromenade la Marina längs der
ganzen Erstreckung der Stadt. Dort pulsirt denn auch, begünstigt
durch eine Tramwaylinie und zahllose für den Verkehr mit den Schiffen
bestimmte Kaïks, der Hauptstrom des geschäftlichen und socialen
Lebens.
Ein überaus buntes Bild gewährt das bewegte Treiben im
Hafen, wo der Umsatz der Landesproducte gegen die Erzeugnisse
fremder Völker in seiner letzen Form sich vollzieht. In ganzen Schiffs-
ladungen werden hier Teppiche, Seidenstoffe, Südfrüchte jeder Art,
darunter die berühmten Smyrna-Feigen, Baum- und Schafwolle, Ge-
treide, Wein, Oele und Tabak, Opium u. a. zur Ausfuhr verfrachtet
und ebenso gelangen aus Europa ungeheuere Mengen Industrieartikel
in die Magazine, um nach den Innern Anatoliens versendet zu werden.
Durch Grösse und Weitläufigkeit fallen die Residenz des Gou-
verneurs mit der grossen nächstliegenden Kaserne, an die das Zellen-
gefängniss sich schliesst, sowie die am neuen Hafen erbauten Zoll-
und Hafendienstgebäude auf. Wenngleich der grösste Theil der Stadt
auf ebenem Terrain liegt, so bietet Smyrna mit seinen zahlreichen
Minarets und Kirchthürmen, mit dem herrlichen, farbensatten Cypres-
senhaine am Südende, der malerischen Burgruine des Pagos und dem
am Abhange zu ihr emporklimmenden Türkenviertel der Stadt, endlich
mit seinem von hunderten Schiffen aller Nationen belebten Hafen ein
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Lehnert, Josef von u. a.: Die Seehäfen des Weltverkehrs. Bd. 1. Wien, 1891, S. 204. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lehnert_seehaefen01_1891/224>, abgerufen am 25.11.2024.
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