Lewald, Fanny: Adele. 2. Ausg. Berlin, 1864.wie ein Gefängniß. Sie mochte nicht mehr allein zu Hause sein, noch weniger allein spazieren gehen, und die Gesellschaft war ihr vollends eine Last. Wohin sie kam, hörte sie beim Beginn der Winterszeit, die Frauen nur vom Weihnachtsfeste sprechen, Jeder arbeitete für dasselbe, Jeder hatte Besorgungen dafür zu machen, sie allein hatte im Grunde Nichts zu thun. Ihrer dichterischen Beschäftigung legte sie nicht mehr den alten Werth bei, denn sie hatte den Glauben an sich selbst verloren, den kein Schaffender entbehren kann. Sie schrieb wohl noch bisweilen, indeß es freute sie nicht mehr, es nahm ja Niemand mit dem Herzen an ihrer Arbeit Theil. So ging ihr die Zeit vorüber, und Samuel verlebte sie in gleichem Mißbehagen. Nun sie einmal ein ruhiges Beisammensein gekannt, nun sie empfunden, was sie einander hätten werden können, dünkte Beiden die Einsamkeit viel schwerer wie ein Gefängniß. Sie mochte nicht mehr allein zu Hause sein, noch weniger allein spazieren gehen, und die Gesellschaft war ihr vollends eine Last. Wohin sie kam, hörte sie beim Beginn der Winterszeit, die Frauen nur vom Weihnachtsfeste sprechen, Jeder arbeitete für dasselbe, Jeder hatte Besorgungen dafür zu machen, sie allein hatte im Grunde Nichts zu thun. Ihrer dichterischen Beschäftigung legte sie nicht mehr den alten Werth bei, denn sie hatte den Glauben an sich selbst verloren, den kein Schaffender entbehren kann. Sie schrieb wohl noch bisweilen, indeß es freute sie nicht mehr, es nahm ja Niemand mit dem Herzen an ihrer Arbeit Theil. So ging ihr die Zeit vorüber, und Samuel verlebte sie in gleichem Mißbehagen. Nun sie einmal ein ruhiges Beisammensein gekannt, nun sie empfunden, was sie einander hätten werden können, dünkte Beiden die Einsamkeit viel schwerer <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0272" n="262"/> wie ein Gefängniß. Sie mochte nicht mehr allein zu Hause sein, noch weniger allein spazieren gehen, und die Gesellschaft war ihr vollends eine Last. Wohin sie kam, hörte sie beim Beginn der Winterszeit, die Frauen nur vom Weihnachtsfeste sprechen, Jeder arbeitete für dasselbe, Jeder hatte Besorgungen dafür zu machen, sie allein hatte im Grunde Nichts zu thun.</p> <p> Ihrer dichterischen Beschäftigung legte sie nicht mehr den alten Werth bei, denn sie hatte den Glauben an sich selbst verloren, den kein Schaffender entbehren kann. Sie schrieb wohl noch bisweilen, indeß es freute sie nicht mehr, es nahm ja Niemand mit dem Herzen an ihrer Arbeit Theil.</p> <p> So ging ihr die Zeit vorüber, und Samuel verlebte sie in gleichem Mißbehagen. Nun sie einmal ein ruhiges Beisammensein gekannt, nun sie empfunden, was sie einander hätten werden können, dünkte Beiden die Einsamkeit viel schwerer </p> </div> </body> </text> </TEI> [262/0272]
wie ein Gefängniß. Sie mochte nicht mehr allein zu Hause sein, noch weniger allein spazieren gehen, und die Gesellschaft war ihr vollends eine Last. Wohin sie kam, hörte sie beim Beginn der Winterszeit, die Frauen nur vom Weihnachtsfeste sprechen, Jeder arbeitete für dasselbe, Jeder hatte Besorgungen dafür zu machen, sie allein hatte im Grunde Nichts zu thun.
Ihrer dichterischen Beschäftigung legte sie nicht mehr den alten Werth bei, denn sie hatte den Glauben an sich selbst verloren, den kein Schaffender entbehren kann. Sie schrieb wohl noch bisweilen, indeß es freute sie nicht mehr, es nahm ja Niemand mit dem Herzen an ihrer Arbeit Theil.
So ging ihr die Zeit vorüber, und Samuel verlebte sie in gleichem Mißbehagen. Nun sie einmal ein ruhiges Beisammensein gekannt, nun sie empfunden, was sie einander hätten werden können, dünkte Beiden die Einsamkeit viel schwerer
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools ?Language Resource Switchboard?FeedbackSie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden. Kommentar zur DTA-AusgabeDieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen … Sophie - A Digital Library of Works by German-Speaking Women: Bereitstellung der Texttranskription und Auszeichnung in der Syntax von "Sophie".
(2013-02-04T11:54:31Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme entsprechen muss.
archive.org: Bereitstellung der Bilddigitalisate
(2013-02-04T11:54:31Z)
Frederike Neuber: Konvertierung nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat.
(2013-02-04T11:54:31Z)
Weitere Informationen:Anmerkungen zur Transkription:
|
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden. Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des § 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2024 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Kontakt: redaktion(at)deutschestextarchiv.de. |