Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 2: Von der Schlacht bei Pydna bis auf Sullas Tod. Leipzig, 1855.VIERTES BUCH. KAPITEL I. befehligte, von Gaius Laelius angreifen; durch eine glücklicheKriegslist ward es erobert und die ganze dort versammelte zahl- lose Menschenmasse getödtet oder gefangen. Darüber war der Winter herangekommen und Scipio stellte die Operationen ein, es dem Hunger und den Seuchen überlassend das Begonnene zu vollenden. Wie furchtbar die Gewaltigen des Herrn inzwischen an dem Vernichtungswerk gearbeitet hatten, zeigte sich, als im Frühling 608 das römische Heer den Angriff wieder aufnahm. Der innere Hafen, gegen den er zunächst gerichtet ward, wurde von der durch Tod und Desertion decimirten Bürgerschaft kaum noch vertheidigt; Hasdrubal, der noch während des Winters fort- gefahren hatte zu prahlen und zu prassen, befahl diesen Stadt- theil anzuzünden und zog sich mit der noch übrigen Mannschaft auf den steilen Burgfelsen zurück. Scipio besetzte den Markt und drang in den drei schmalen von diesem nach der Burg zu füh- renden Strassen langsam vor; langsam, denn von den gewaltigen bis zu sechs Stockwerken hohen Häusern musste eines nach dem andern erstürmt werden; auf den Dächern oder auf über die Strasse gelegten Balken drang der Soldat von einem dieser festungsähn- lichen Gebäude in das benachbarte oder gegenüberstehende vor und stiess nieder was darin ihm vorkam. So verflossen sechs Tage, schreckliche für die Bewohner der Stadt und auch für die Angreifer voll Noth und Gefahr; endlich war das Burgplateau er- reicht. Um einen breiteren Aufweg zu bekommen, befahl Scipio die eroberten Strassen anzuzünden und den Schutt zu planiren, bei welcher Veranlassung eine Menge kampfunfähiger Personen, die sich in die Häuser versteckt hatten, elend umkamen. Der Rest der Bevölkerung rettete sich auf die Anhöhe, die den Tempel des Heilgottes trug, und bat um Gnade; da das nackte Leben ihnen zugestanden ward, erschienen sie vor dem Sieger, 30000 Män- ner und 25000 Frauen, nicht der zehnte Theil der ehemaligen Bevölkerung. Einzig die römischen Ueberläufer, 900 an der Zahl, und der Feldherr Hasdrubal mit seiner Gattin und seinen beiden Kindern waren im Tempel des Heilgottes selbst zu- rückgeblieben; für sie alle, für die desertirten Soldaten wie für den Mörder der römischen Gefangenen, gab es keinen andern Ausgang als den freiwilligen Tod. Aber als nun die Entschlos- sensten unter ihnen den Tempel anzündeten, ertrug Hasdrubal es nicht dem Tode ins Auge zu sehen; einzeln entrann er zu dem Sieger und bat kniefällig um sein Leben. Es ward ihm gewährt; aber wie seine Gattin, die mit ihren Kindern unter den Uebrigen auf dem Tempeldach sich befand, ihn zu den Füssen Scipios er- VIERTES BUCH. KAPITEL I. befehligte, von Gaius Laelius angreifen; durch eine glücklicheKriegslist ward es erobert und die ganze dort versammelte zahl- lose Menschenmasse getödtet oder gefangen. Darüber war der Winter herangekommen und Scipio stellte die Operationen ein, es dem Hunger und den Seuchen überlassend das Begonnene zu vollenden. Wie furchtbar die Gewaltigen des Herrn inzwischen an dem Vernichtungswerk gearbeitet hatten, zeigte sich, als im Frühling 608 das römische Heer den Angriff wieder aufnahm. Der innere Hafen, gegen den er zunächst gerichtet ward, wurde von der durch Tod und Desertion decimirten Bürgerschaft kaum noch vertheidigt; Hasdrubal, der noch während des Winters fort- gefahren hatte zu prahlen und zu prassen, befahl diesen Stadt- theil anzuzünden und zog sich mit der noch übrigen Mannschaft auf den steilen Burgfelsen zurück. Scipio besetzte den Markt und drang in den drei schmalen von diesem nach der Burg zu füh- renden Straſsen langsam vor; langsam, denn von den gewaltigen bis zu sechs Stockwerken hohen Häusern muſste eines nach dem andern erstürmt werden; auf den Dächern oder auf über die Straſse gelegten Balken drang der Soldat von einem dieser festungsähn- lichen Gebäude in das benachbarte oder gegenüberstehende vor und stieſs nieder was darin ihm vorkam. So verflossen sechs Tage, schreckliche für die Bewohner der Stadt und auch für die Angreifer voll Noth und Gefahr; endlich war das Burgplateau er- reicht. Um einen breiteren Aufweg zu bekommen, befahl Scipio die eroberten Straſsen anzuzünden und den Schutt zu planiren, bei welcher Veranlassung eine Menge kampfunfähiger Personen, die sich in die Häuser versteckt hatten, elend umkamen. Der Rest der Bevölkerung rettete sich auf die Anhöhe, die den Tempel des Heilgottes trug, und bat um Gnade; da das nackte Leben ihnen zugestanden ward, erschienen sie vor dem Sieger, 30000 Män- ner und 25000 Frauen, nicht der zehnte Theil der ehemaligen Bevölkerung. Einzig die römischen Ueberläufer, 900 an der Zahl, und der Feldherr Hasdrubal mit seiner Gattin und seinen beiden Kindern waren im Tempel des Heilgottes selbst zu- rückgeblieben; für sie alle, für die desertirten Soldaten wie für den Mörder der römischen Gefangenen, gab es keinen andern Ausgang als den freiwilligen Tod. Aber als nun die Entschlos- sensten unter ihnen den Tempel anzündeten, ertrug Hasdrubal es nicht dem Tode ins Auge zu sehen; einzeln entrann er zu dem Sieger und bat kniefällig um sein Leben. Es ward ihm gewährt; aber wie seine Gattin, die mit ihren Kindern unter den Uebrigen auf dem Tempeldach sich befand, ihn zu den Füssen Scipios er- <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0044" n="34"/><fw place="top" type="header">VIERTES BUCH. KAPITEL I.</fw><lb/> befehligte, von Gaius Laelius angreifen; durch eine glückliche<lb/> Kriegslist ward es erobert und die ganze dort versammelte zahl-<lb/> lose Menschenmasse getödtet oder gefangen. Darüber war der<lb/> Winter herangekommen und Scipio stellte die Operationen ein,<lb/> es dem Hunger und den Seuchen überlassend das Begonnene zu<lb/> vollenden. 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VIERTES BUCH. KAPITEL I.
befehligte, von Gaius Laelius angreifen; durch eine glückliche
Kriegslist ward es erobert und die ganze dort versammelte zahl-
lose Menschenmasse getödtet oder gefangen. Darüber war der
Winter herangekommen und Scipio stellte die Operationen ein,
es dem Hunger und den Seuchen überlassend das Begonnene zu
vollenden. Wie furchtbar die Gewaltigen des Herrn inzwischen
an dem Vernichtungswerk gearbeitet hatten, zeigte sich, als im
Frühling 608 das römische Heer den Angriff wieder aufnahm.
Der innere Hafen, gegen den er zunächst gerichtet ward, wurde
von der durch Tod und Desertion decimirten Bürgerschaft kaum
noch vertheidigt; Hasdrubal, der noch während des Winters fort-
gefahren hatte zu prahlen und zu prassen, befahl diesen Stadt-
theil anzuzünden und zog sich mit der noch übrigen Mannschaft
auf den steilen Burgfelsen zurück. Scipio besetzte den Markt und
drang in den drei schmalen von diesem nach der Burg zu füh-
renden Straſsen langsam vor; langsam, denn von den gewaltigen
bis zu sechs Stockwerken hohen Häusern muſste eines nach dem
andern erstürmt werden; auf den Dächern oder auf über die Straſse
gelegten Balken drang der Soldat von einem dieser festungsähn-
lichen Gebäude in das benachbarte oder gegenüberstehende vor
und stieſs nieder was darin ihm vorkam. So verflossen sechs
Tage, schreckliche für die Bewohner der Stadt und auch für die
Angreifer voll Noth und Gefahr; endlich war das Burgplateau er-
reicht. Um einen breiteren Aufweg zu bekommen, befahl Scipio
die eroberten Straſsen anzuzünden und den Schutt zu planiren,
bei welcher Veranlassung eine Menge kampfunfähiger Personen,
die sich in die Häuser versteckt hatten, elend umkamen. Der Rest
der Bevölkerung rettete sich auf die Anhöhe, die den Tempel des
Heilgottes trug, und bat um Gnade; da das nackte Leben ihnen
zugestanden ward, erschienen sie vor dem Sieger, 30000 Män-
ner und 25000 Frauen, nicht der zehnte Theil der ehemaligen
Bevölkerung. Einzig die römischen Ueberläufer, 900 an der
Zahl, und der Feldherr Hasdrubal mit seiner Gattin und seinen
beiden Kindern waren im Tempel des Heilgottes selbst zu-
rückgeblieben; für sie alle, für die desertirten Soldaten wie für
den Mörder der römischen Gefangenen, gab es keinen andern
Ausgang als den freiwilligen Tod. Aber als nun die Entschlos-
sensten unter ihnen den Tempel anzündeten, ertrug Hasdrubal
es nicht dem Tode ins Auge zu sehen; einzeln entrann er zu dem
Sieger und bat kniefällig um sein Leben. Es ward ihm gewährt;
aber wie seine Gattin, die mit ihren Kindern unter den Uebrigen
auf dem Tempeldach sich befand, ihn zu den Füssen Scipios er-
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