Parthey, Gustav: Jugenderinnerungen. Bd. 2. Berlin, [1871].daß die geringeren Forderungen der Gerechtigkeit davor in den Hintergrund traten. Man schrieb diese unerlaubte Nachsicht dem Kaiser von Rußland zur Last, der freilich nichts zurückzufordern hatte, ja sogar 40 Kisten mit den aus Kassel geraubten Gemälden per fas et nefas an sich brachte, und nach Petersburg führte, wo die Bilder trotz aller Reklamationen noch immer in der kaiserlichen Galerie sich befinden. Jetzt verwandte sich Wellington für die Niederländer, der Kaiser Franz forderte die aus Florenz, Mailand und Venedig geraubten Stücke, der Papst Pius VII. und die Spanier blieben auch nicht zurück. So ward der Raub vieler Jahre den rechtmäßigen Herren zurückgestellt. Den Franzosen wollte es anfangs durchaus nicht einleuchten, daß gewaltsam weggeführte Kunstwerke nicht als wohlerworbenes Eigenthum gelten können. Sie sträubten sich so lange, als es irgend anging. Der greise Denon, Napoleons Begleiter in Aegypten, Direktor der Pariser Sammlungen, ein feiner Kenner in allen Kunstfächern, war bei Wegführung der Kunstwerke aus den eroberten Ländern besonders thätig gewesen. Unter andern hatte er im Jahre 1806 die Berliner Kunstkammer und das Münzkabinet geplündert; man kann sich also wohl denken, daß die Preußen nicht gut auf ihn zu sprechen waren. Er erhob bei der verlangten Rückgabe die grösten Schwierigkeiten. Anfangs wollte er die Sache blos für einen Scherz halten, und schien den Gedanken im Ernst gar nicht fassen zu können. Dann machte er die lächerlichsten Ausflüchte, und hielt die preußischen Kommissäre von einem Tage zum andern hin. Bald war er unwohl oder nicht zu Hause, bald konnte er die Schlüssel nicht finden, bald fehlten die betreffenden Inventarien. Endlich daß die geringeren Forderungen der Gerechtigkeit davor in den Hintergrund traten. Man schrieb diese unerlaubte Nachsicht dem Kaiser von Rußland zur Last, der freilich nichts zurückzufordern hatte, ja sogar 40 Kisten mit den aus Kassel geraubten Gemälden per fas et nefas an sich brachte, und nach Petersburg führte, wo die Bilder trotz aller Reklamationen noch immer in der kaiserlichen Galerie sich befinden. Jetzt verwandte sich Wellington für die Niederländer, der Kaiser Franz forderte die aus Florenz, Mailand und Venedig geraubten Stücke, der Papst Pius VII. und die Spanier blieben auch nicht zurück. So ward der Raub vieler Jahre den rechtmäßigen Herren zurückgestellt. Den Franzosen wollte es anfangs durchaus nicht einleuchten, daß gewaltsam weggeführte Kunstwerke nicht als wohlerworbenes Eigenthum gelten können. Sie sträubten sich so lange, als es irgend anging. Der greise Denon, Napoléons Begleiter in Aegypten, Direktor der Pariser Sammlungen, ein feiner Kenner in allen Kunstfächern, war bei Wegführung der Kunstwerke aus den eroberten Ländern besonders thätig gewesen. Unter andern hatte er im Jahre 1806 die Berliner Kunstkammer und das Münzkabinet geplündert; man kann sich also wohl denken, daß die Preußen nicht gut auf ihn zu sprechen waren. Er erhob bei der verlangten Rückgabe die grösten Schwierigkeiten. Anfangs wollte er die Sache blos für einen Scherz halten, und schien den Gedanken im Ernst gar nicht fassen zu können. Dann machte er die lächerlichsten Ausflüchte, und hielt die preußischen Kommissäre von einem Tage zum andern hin. Bald war er unwohl oder nicht zu Hause, bald konnte er die Schlüssel nicht finden, bald fehlten die betreffenden Inventarien. Endlich <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0051" n="43"/> daß die geringeren Forderungen der Gerechtigkeit davor in den Hintergrund traten. Man schrieb diese unerlaubte Nachsicht dem Kaiser von Rußland zur Last, der freilich nichts zurückzufordern hatte, ja sogar 40 Kisten mit den aus Kassel geraubten Gemälden per fas et nefas an sich brachte, und nach Petersburg führte, wo die Bilder trotz aller Reklamationen noch immer in der kaiserlichen Galerie sich befinden. Jetzt verwandte sich Wellington für die Niederländer, der Kaiser Franz forderte die aus Florenz, Mailand und Venedig geraubten Stücke, der Papst Pius VII. und die Spanier blieben auch nicht zurück. So ward der Raub vieler Jahre den rechtmäßigen Herren zurückgestellt. Den Franzosen wollte es anfangs durchaus nicht einleuchten, daß gewaltsam weggeführte Kunstwerke nicht als wohlerworbenes Eigenthum gelten können. Sie sträubten sich so lange, als es irgend anging. Der greise Denon, Napoléons Begleiter in Aegypten, Direktor der Pariser Sammlungen, ein feiner Kenner in allen Kunstfächern, war bei Wegführung der Kunstwerke aus den eroberten Ländern besonders thätig gewesen. Unter andern hatte er im Jahre 1806 die Berliner Kunstkammer und das Münzkabinet geplündert; man kann sich also wohl denken, daß die Preußen nicht gut auf ihn zu sprechen waren. Er erhob bei der verlangten Rückgabe die grösten Schwierigkeiten. Anfangs wollte er die Sache blos für einen Scherz halten, und schien den Gedanken im Ernst gar nicht fassen zu können. Dann machte er die lächerlichsten Ausflüchte, und hielt die preußischen Kommissäre von einem Tage zum andern hin. Bald war er unwohl oder nicht zu Hause, bald konnte er die Schlüssel nicht finden, bald fehlten die betreffenden Inventarien. Endlich </p> </div> </body> </text> </TEI> [43/0051]
daß die geringeren Forderungen der Gerechtigkeit davor in den Hintergrund traten. Man schrieb diese unerlaubte Nachsicht dem Kaiser von Rußland zur Last, der freilich nichts zurückzufordern hatte, ja sogar 40 Kisten mit den aus Kassel geraubten Gemälden per fas et nefas an sich brachte, und nach Petersburg führte, wo die Bilder trotz aller Reklamationen noch immer in der kaiserlichen Galerie sich befinden. Jetzt verwandte sich Wellington für die Niederländer, der Kaiser Franz forderte die aus Florenz, Mailand und Venedig geraubten Stücke, der Papst Pius VII. und die Spanier blieben auch nicht zurück. So ward der Raub vieler Jahre den rechtmäßigen Herren zurückgestellt. Den Franzosen wollte es anfangs durchaus nicht einleuchten, daß gewaltsam weggeführte Kunstwerke nicht als wohlerworbenes Eigenthum gelten können. Sie sträubten sich so lange, als es irgend anging. Der greise Denon, Napoléons Begleiter in Aegypten, Direktor der Pariser Sammlungen, ein feiner Kenner in allen Kunstfächern, war bei Wegführung der Kunstwerke aus den eroberten Ländern besonders thätig gewesen. Unter andern hatte er im Jahre 1806 die Berliner Kunstkammer und das Münzkabinet geplündert; man kann sich also wohl denken, daß die Preußen nicht gut auf ihn zu sprechen waren. Er erhob bei der verlangten Rückgabe die grösten Schwierigkeiten. Anfangs wollte er die Sache blos für einen Scherz halten, und schien den Gedanken im Ernst gar nicht fassen zu können. Dann machte er die lächerlichsten Ausflüchte, und hielt die preußischen Kommissäre von einem Tage zum andern hin. Bald war er unwohl oder nicht zu Hause, bald konnte er die Schlüssel nicht finden, bald fehlten die betreffenden Inventarien. Endlich
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