Purtscheller, Ludwig: Zur Entwicklungsgeschichte des Alpinismus und der alpinen Technik in den Deutschen und Oesterreichischen Alpen. In: Zeitschrift des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins. Band XXV. Berlin, 1894, S. 95-176.Zur
Entwicklungsgeschichte des Alpinismus. dürfte eine kurze Sommernacht ziemlich angenehm und
raschverlaufen. Anders aber liegen die Verhältnisse, wenn eine Ge- sellschaft in höheren Regionen von der Nacht überrascht wird. Gelingt es ihr, eine Felshöhle, einen sicheren Rasenplatz, die Krummholz- oder die Baumregion zu erreichen, dann kann sie noch von Glück sprechen, weit schlimmer aber steht die Sache, wenn sie hoch oben in der Fels- und Eiswildniss, in der jeder unüberlegte Schritt zum Verderben führen kann, zum Nächtigen genöthigt ist. Gesellen sich noch zu einer derartigen Fatalität Kälte, Sturm, Regen oder Schneefall, ist man wegen Raum- mangels selbst der Wohlthat einer erwärmenden Bewegung beraubt, dann wird die Lage bedenklich. In solche kritische Situationen kann eine Gesellschaft völlig unverschuldet gerathen, denn ein plötzlicher Witterungsumschlag lässt sich nicht immer voraus- sehen; meist liegt aber der Fehler an den Touristen selbst, sei es, dass sie die Schwierigkeiten und den Zeitaufwand unrichtig ab- schätzten, die Wege verfehlten oder dass die Gesellschaft aus allzu ungleichen Kräften bestand. Unfreiwillige Bivouaks soll man unter allen Umständen zu vermeiden trachten, und zu diesem Zwecke ist selbst ein rücksichtsloses Vorgehen des Führers oder Partieleiters zu rechtfertigen, denn bei einem Bivouak in kalter, stürmischer Nacht steht mehr als die Freund- schaft auf dem Spiele. Bei der Wahl eines Bivouakplatzes sehe man in erster Linie darauf, dass derselbe vom Winde geschützt ist. Bieten Felsen, Höhlen, Grasmulden keinen genügenden Schutz, so empfiehlt sich die Aufführung einer Stein- oder Erd- mauer an der Windseite. Der Aufbruch zu einem Bivouak darf nicht zu spät erfolgen, da die Ausmittlung und Einrichtung des Bivouakplatzes viel Zeit erfordert. Der Boden ist möglichst zu ebnen, grössere Steinchen sind zu entfernen, die Lagerstätte, wenn thunlich, mit Tannenzweigen, Alpenrosen- oder Erlen- gebüsch, Moos- und Grasbüscheln auszufüttern. Hat man überdies Decken bei sich - Zelte und Schlafsäcke kommen bei alpinen Wanderungen kaum in Betracht - und einen kleinen Koch- apparat, um sich einen erwärmenden Thee oder Grog zu bereiten, so kann sich ein derartiges Bivouak zu einer sehr schönen Er- innerung gestalten. Touristen, die ohne Führer oder Träger gehen, haben sich auch hier grössere Beschränkungen aufzuerlegen. Unbedingt nöthig ist es bei Bivouaks, dass man noch ein Reserve- Flanellhemd und ein zweites Paar dicker Wollsocken besitzt. Ueberhaupt wird man alle verfügbaren Kleidungsstücke anlegen; Zur
Entwicklungsgeschichte des Alpinismus. dürfte eine kurze Sommernacht ziemlich angenehm und
raschverlaufen. Anders aber liegen die Verhältnisse, wenn eine Ge- sellschaft in höheren Regionen von der Nacht überrascht wird. Gelingt es ihr, eine Felshöhle, einen sicheren Rasenplatz, die Krummholz- oder die Baumregion zu erreichen, dann kann sie noch von Glück sprechen, weit schlimmer aber steht die Sache, wenn sie hoch oben in der Fels- und Eiswildniss, in der jeder unüberlegte Schritt zum Verderben führen kann, zum Nächtigen genöthigt ist. Gesellen sich noch zu einer derartigen Fatalität Kälte, Sturm, Regen oder Schneefall, ist man wegen Raum- mangels selbst der Wohlthat einer erwärmenden Bewegung beraubt, dann wird die Lage bedenklich. In solche kritische Situationen kann eine Gesellschaft völlig unverschuldet gerathen, denn ein plötzlicher Witterungsumschlag lässt sich nicht immer voraus- sehen; meist liegt aber der Fehler an den Touristen selbst, sei es, dass sie die Schwierigkeiten und den Zeitaufwand unrichtig ab- schätzten, die Wege verfehlten oder dass die Gesellschaft aus allzu ungleichen Kräften bestand. Unfreiwillige Bivouaks soll man unter allen Umständen zu vermeiden trachten, und zu diesem Zwecke ist selbst ein rücksichtsloses Vorgehen des Führers oder Partieleiters zu rechtfertigen, denn bei einem Bivouak in kalter, stürmischer Nacht steht mehr als die Freund- schaft auf dem Spiele. Bei der Wahl eines Bivouakplatzes sehe man in erster Linie darauf, dass derselbe vom Winde geschützt ist. Bieten Felsen, Höhlen, Grasmulden keinen genügenden Schutz, so empfiehlt sich die Aufführung einer Stein- oder Erd- mauer an der Windseite. Der Aufbruch zu einem Bivouak darf nicht zu spät erfolgen, da die Ausmittlung und Einrichtung des Bivouakplatzes viel Zeit erfordert. Der Boden ist möglichst zu ebnen, grössere Steinchen sind zu entfernen, die Lagerstätte, wenn thunlich, mit Tannenzweigen, Alpenrosen- oder Erlen- gebüsch, Moos- und Grasbüscheln auszufüttern. Hat man überdies Decken bei sich – Zelte und Schlafsäcke kommen bei alpinen Wanderungen kaum in Betracht – und einen kleinen Koch- apparat, um sich einen erwärmenden Thee oder Grog zu bereiten, so kann sich ein derartiges Bivouak zu einer sehr schönen Er- innerung gestalten. Touristen, die ohne Führer oder Träger gehen, haben sich auch hier grössere Beschränkungen aufzuerlegen. Unbedingt nöthig ist es bei Bivouaks, dass man noch ein Reserve- Flanellhemd und ein zweites Paar dicker Wollsocken besitzt. 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In solche kritische Situationen<lb/> kann eine Gesellschaft völlig unverschuldet gerathen, denn ein<lb/> plötzlicher Witterungsumschlag lässt sich nicht immer voraus-<lb/> sehen; meist liegt aber der Fehler an den Touristen selbst, sei es,<lb/> dass sie die Schwierigkeiten und den Zeitaufwand unrichtig ab-<lb/> schätzten, die Wege verfehlten oder dass die Gesellschaft aus<lb/> allzu ungleichen Kräften bestand. Unfreiwillige Bivouaks soll<lb/> man unter allen Umständen zu vermeiden trachten, und zu<lb/> diesem Zwecke ist selbst ein rücksichtsloses Vorgehen des<lb/> Führers oder Partieleiters zu rechtfertigen, denn bei einem<lb/> Bivouak in kalter, stürmischer Nacht steht mehr als die Freund-<lb/> schaft auf dem Spiele. Bei der Wahl eines Bivouakplatzes sehe<lb/> man in erster Linie darauf, dass derselbe vom Winde geschützt<lb/> ist. Bieten Felsen, Höhlen, Grasmulden keinen genügenden<lb/> Schutz, so empfiehlt sich die Aufführung einer Stein- oder Erd-<lb/> mauer an der Windseite. Der Aufbruch zu einem Bivouak darf<lb/> nicht zu spät erfolgen, da die Ausmittlung und Einrichtung des<lb/> Bivouakplatzes viel Zeit erfordert. Der Boden ist möglichst zu<lb/> ebnen, grössere Steinchen sind zu entfernen, die Lagerstätte,<lb/> wenn thunlich, mit Tannenzweigen, Alpenrosen- oder Erlen-<lb/> gebüsch, Moos- und Grasbüscheln auszufüttern. Hat man überdies<lb/> Decken bei sich – Zelte und Schlafsäcke kommen bei alpinen<lb/> Wanderungen kaum in Betracht – und einen kleinen Koch-<lb/> apparat, um sich einen erwärmenden Thee oder Grog zu bereiten,<lb/> so kann sich ein derartiges Bivouak zu einer sehr schönen Er-<lb/> innerung gestalten. 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Zur Entwicklungsgeschichte des Alpinismus.
dürfte eine kurze Sommernacht ziemlich angenehm und rasch
verlaufen. Anders aber liegen die Verhältnisse, wenn eine Ge-
sellschaft in höheren Regionen von der Nacht überrascht wird.
Gelingt es ihr, eine Felshöhle, einen sicheren Rasenplatz, die
Krummholz- oder die Baumregion zu erreichen, dann kann sie
noch von Glück sprechen, weit schlimmer aber steht die Sache,
wenn sie hoch oben in der Fels- und Eiswildniss, in der jeder
unüberlegte Schritt zum Verderben führen kann, zum Nächtigen
genöthigt ist. Gesellen sich noch zu einer derartigen Fatalität
Kälte, Sturm, Regen oder Schneefall, ist man wegen Raum-
mangels selbst der Wohlthat einer erwärmenden Bewegung beraubt,
dann wird die Lage bedenklich. In solche kritische Situationen
kann eine Gesellschaft völlig unverschuldet gerathen, denn ein
plötzlicher Witterungsumschlag lässt sich nicht immer voraus-
sehen; meist liegt aber der Fehler an den Touristen selbst, sei es,
dass sie die Schwierigkeiten und den Zeitaufwand unrichtig ab-
schätzten, die Wege verfehlten oder dass die Gesellschaft aus
allzu ungleichen Kräften bestand. Unfreiwillige Bivouaks soll
man unter allen Umständen zu vermeiden trachten, und zu
diesem Zwecke ist selbst ein rücksichtsloses Vorgehen des
Führers oder Partieleiters zu rechtfertigen, denn bei einem
Bivouak in kalter, stürmischer Nacht steht mehr als die Freund-
schaft auf dem Spiele. Bei der Wahl eines Bivouakplatzes sehe
man in erster Linie darauf, dass derselbe vom Winde geschützt
ist. Bieten Felsen, Höhlen, Grasmulden keinen genügenden
Schutz, so empfiehlt sich die Aufführung einer Stein- oder Erd-
mauer an der Windseite. Der Aufbruch zu einem Bivouak darf
nicht zu spät erfolgen, da die Ausmittlung und Einrichtung des
Bivouakplatzes viel Zeit erfordert. Der Boden ist möglichst zu
ebnen, grössere Steinchen sind zu entfernen, die Lagerstätte,
wenn thunlich, mit Tannenzweigen, Alpenrosen- oder Erlen-
gebüsch, Moos- und Grasbüscheln auszufüttern. Hat man überdies
Decken bei sich – Zelte und Schlafsäcke kommen bei alpinen
Wanderungen kaum in Betracht – und einen kleinen Koch-
apparat, um sich einen erwärmenden Thee oder Grog zu bereiten,
so kann sich ein derartiges Bivouak zu einer sehr schönen Er-
innerung gestalten. Touristen, die ohne Führer oder Träger
gehen, haben sich auch hier grössere Beschränkungen aufzuerlegen.
Unbedingt nöthig ist es bei Bivouaks, dass man noch ein Reserve-
Flanellhemd und ein zweites Paar dicker Wollsocken besitzt.
Ueberhaupt wird man alle verfügbaren Kleidungsstücke anlegen;
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