Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886.7. Gartenbau. unsere Gewächshäuser und Gärten, so dass auch zum Theil für sieJapan als Heimat angesehen wurde, wie denn anderseits einzelne chi- nesische Zierpflanzen zunächst nach Calcutta und erst viel später nach Europa kamen, wo man dann Indien für ihre Heimat hielt und sie entsprechend benannte, wie z. B. Rosa indica L. und Chrysanthemum indicum L. Als in Japan das Feudalsystem sich entwickelte und unter der Der japanische Ziergarten ist zum Beschauen, nicht zu län- *) Die meisten dieser hochinteressanten grösseren Parkanlagen mit ihren präch- tigen alten Baumgruppen und geschmackvoll angelegten Fels- und Wasserpartien, Wegen und Stegen, mit ihren mancherlei fremdartigen Erscheinungen der phantasie- reichen Beschneidung, Zwerg- und Krüppelbildungen, Steinlaternen und Götzen etc. sind nach der Restauration vernichtet worden. Am schönsten entwickelt findet man den japanischen Styl der Landschaftsgärtnerei noch zu Fuki-age, dem kaiserlichen Garten zu Tokio. **) Die Glycine (Wistaria chinensis) wird zwar hier und da in Laubengängen
gezogen, doch nicht um Schatten zu liefern, sondern damit man die hängenden Blüthentrauben besser beschauen und bewundern könne. (Siehe Tafel S. 486, Bd. I.) 7. Gartenbau. unsere Gewächshäuser und Gärten, so dass auch zum Theil für sieJapan als Heimat angesehen wurde, wie denn anderseits einzelne chi- nesische Zierpflanzen zunächst nach Calcutta und erst viel später nach Europa kamen, wo man dann Indien für ihre Heimat hielt und sie entsprechend benannte, wie z. B. Rosa indica L. und Chrysanthemum indicum L. Als in Japan das Feudalsystem sich entwickelte und unter der Der japanische Ziergarten ist zum Beschauen, nicht zu län- *) Die meisten dieser hochinteressanten grösseren Parkanlagen mit ihren präch- tigen alten Baumgruppen und geschmackvoll angelegten Fels- und Wasserpartien, Wegen und Stegen, mit ihren mancherlei fremdartigen Erscheinungen der phantasie- reichen Beschneidung, Zwerg- und Krüppelbildungen, Steinlaternen und Götzen etc. sind nach der Restauration vernichtet worden. Am schönsten entwickelt findet man den japanischen Styl der Landschaftsgärtnerei noch zu Fuki-age, dem kaiserlichen Garten zu Tôkio. **) Die Glycine (Wistaria chinensis) wird zwar hier und da in Laubengängen
gezogen, doch nicht um Schatten zu liefern, sondern damit man die hängenden Blüthentrauben besser beschauen und bewundern könne. (Siehe Tafel S. 486, Bd. I.) <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0337" n="313"/><fw place="top" type="header">7. Gartenbau.</fw><lb/> unsere Gewächshäuser und Gärten, so dass auch zum Theil für sie<lb/> Japan als Heimat angesehen wurde, wie denn anderseits einzelne chi-<lb/> nesische Zierpflanzen zunächst nach Calcutta und erst viel später nach<lb/> Europa kamen, wo man dann Indien für ihre Heimat hielt und sie<lb/> entsprechend benannte, wie z. B. Rosa indica L. und Chrysanthemum<lb/> indicum L.</p><lb/> <p>Als in Japan das Feudalsystem sich entwickelte und unter der<lb/> Herrschaft der Tokugawa die bevorzugten Gesellschaftsklassen in Frie-<lb/> den sich ihrer Vorrechte erfreuten, wurden die Parkanlagen um die<lb/> Burgen der Daimios und ihre Yashikis in Yedo Sammelplätze der<lb/> vielerlei Zierpflanzen, welche man allmählich theils vom benachbarten<lb/> Festlande eingeführt, theils und vornehmlich der herrlichen, einheimi-<lb/> schen Flora entnommen hatte. <note place="foot" n="*)">Die meisten dieser hochinteressanten grösseren Parkanlagen mit ihren präch-<lb/> tigen alten Baumgruppen und geschmackvoll angelegten Fels- und Wasserpartien,<lb/> Wegen und Stegen, mit ihren mancherlei fremdartigen Erscheinungen der phantasie-<lb/> reichen Beschneidung, Zwerg- und Krüppelbildungen, Steinlaternen und Götzen etc.<lb/> sind nach der Restauration vernichtet worden. Am schönsten entwickelt findet man<lb/> den japanischen Styl der Landschaftsgärtnerei noch zu Fuki-age, dem kaiserlichen<lb/> Garten zu Tôkio.</note> Eine kleine Auswahl derselben, so-<lb/> weit es der Raum gestattete, pflegte jeder Samurai in seinem Gärtchen,<lb/> das eine Parkanlage im Kleinen darstellte, und dessen nationaler Typus<lb/> trotz mancherlei Abweichungen unverkennbar war.</p><lb/> <p>Der <hi rendition="#g">japanische Ziergarten</hi> ist zum Beschauen, nicht zu län-<lb/> gerem Aufenthalte bestimmt. Er ist kein Lustgarten oder Jardin d’agré-<lb/> ment in unserm oder der Franzosen Sinn, obgleich er keineswegs der<lb/> Reize entbehrt. Die traute Laube, welche dem bescheidensten deut-<lb/> schen Lustgärtchen nur ausnahmsweise fehlt, und in deren Schatten<lb/> wir von unserer Kindheit an so manche angenehme Stunden der Er-<lb/> holung und behaglichen Arbeit verbringen, suchen wir im Niwa ver-<lb/> geblich. <note place="foot" n="**)">Die Glycine (Wistaria chinensis) wird zwar hier und da in Laubengängen<lb/> gezogen, doch nicht um Schatten zu liefern, sondern damit man die hängenden<lb/> Blüthentrauben besser beschauen und bewundern könne. (Siehe Tafel S. 486, Bd. I.)</note> Ebensowenig finden wir darin einen schönen, sorgfältig<lb/> gepflegten Rasen mit eingestreuten Beeten, breiten, kiesbedeckten We-<lb/> gen und dergleichen. Dagegen hat man bei seiner Anlage oft mit viel<lb/> Geschmack und Raffinement die Natur nachgeahmt und eine Land-<lb/> schaft im Kleinen erzeugt. Fehlt ihr bei beschränkteren Anlagen der<lb/> kleine Weiher, in welchem Goldfische und Schildkröten sich behaglich<lb/> ergehen und Lotusblumen im Hochsommer ihre reizenden Blätter und<lb/> Blüthen entfalten, so ist doch Raum und gesorgt für ein bescheidenes<lb/></p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [313/0337]
7. Gartenbau.
unsere Gewächshäuser und Gärten, so dass auch zum Theil für sie
Japan als Heimat angesehen wurde, wie denn anderseits einzelne chi-
nesische Zierpflanzen zunächst nach Calcutta und erst viel später nach
Europa kamen, wo man dann Indien für ihre Heimat hielt und sie
entsprechend benannte, wie z. B. Rosa indica L. und Chrysanthemum
indicum L.
Als in Japan das Feudalsystem sich entwickelte und unter der
Herrschaft der Tokugawa die bevorzugten Gesellschaftsklassen in Frie-
den sich ihrer Vorrechte erfreuten, wurden die Parkanlagen um die
Burgen der Daimios und ihre Yashikis in Yedo Sammelplätze der
vielerlei Zierpflanzen, welche man allmählich theils vom benachbarten
Festlande eingeführt, theils und vornehmlich der herrlichen, einheimi-
schen Flora entnommen hatte. *) Eine kleine Auswahl derselben, so-
weit es der Raum gestattete, pflegte jeder Samurai in seinem Gärtchen,
das eine Parkanlage im Kleinen darstellte, und dessen nationaler Typus
trotz mancherlei Abweichungen unverkennbar war.
Der japanische Ziergarten ist zum Beschauen, nicht zu län-
gerem Aufenthalte bestimmt. Er ist kein Lustgarten oder Jardin d’agré-
ment in unserm oder der Franzosen Sinn, obgleich er keineswegs der
Reize entbehrt. Die traute Laube, welche dem bescheidensten deut-
schen Lustgärtchen nur ausnahmsweise fehlt, und in deren Schatten
wir von unserer Kindheit an so manche angenehme Stunden der Er-
holung und behaglichen Arbeit verbringen, suchen wir im Niwa ver-
geblich. **) Ebensowenig finden wir darin einen schönen, sorgfältig
gepflegten Rasen mit eingestreuten Beeten, breiten, kiesbedeckten We-
gen und dergleichen. Dagegen hat man bei seiner Anlage oft mit viel
Geschmack und Raffinement die Natur nachgeahmt und eine Land-
schaft im Kleinen erzeugt. Fehlt ihr bei beschränkteren Anlagen der
kleine Weiher, in welchem Goldfische und Schildkröten sich behaglich
ergehen und Lotusblumen im Hochsommer ihre reizenden Blätter und
Blüthen entfalten, so ist doch Raum und gesorgt für ein bescheidenes
*) Die meisten dieser hochinteressanten grösseren Parkanlagen mit ihren präch-
tigen alten Baumgruppen und geschmackvoll angelegten Fels- und Wasserpartien,
Wegen und Stegen, mit ihren mancherlei fremdartigen Erscheinungen der phantasie-
reichen Beschneidung, Zwerg- und Krüppelbildungen, Steinlaternen und Götzen etc.
sind nach der Restauration vernichtet worden. Am schönsten entwickelt findet man
den japanischen Styl der Landschaftsgärtnerei noch zu Fuki-age, dem kaiserlichen
Garten zu Tôkio.
**) Die Glycine (Wistaria chinensis) wird zwar hier und da in Laubengängen
gezogen, doch nicht um Schatten zu liefern, sondern damit man die hängenden
Blüthentrauben besser beschauen und bewundern könne. (Siehe Tafel S. 486, Bd. I.)
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools ?Language Resource Switchboard?FeedbackSie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden. Kommentar zur DTA-AusgabeDieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.
|
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden. Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des § 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2024 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Kontakt: redaktion(at)deutschestextarchiv.de. |