Schlegel, August Wilhelm von; Schlegel, Friedrich von (Hrsg.): Athenaeum. Bd. 2. Berlin, 1799.Realismus der Niederländischen Mahler zu begegnen, die sich bey dem Gewühl eines Jahrmarktes, einer Bauernhochzeit, oder eines Strandes, wo Waaren abgeladen werden, um alle großmüthigen Aufopferungen in der Welt nichts kümmern. Und mit Recht! Denn wenn sich eine edle Handlung mahlen ließe, so wäre es eben keine edle Handlung. Die Schwierigkeit, das Eigenthümliche des Gedichtes darzustellen, verleitet andre Male dazu, etwas ganz unbedeutendes herauszugreifen. Jn einem Taschenbuchsblättchen zu Vossens Luise läuft sie am Arme ihres Bräutigams, um den Kahn zu erreichen, woraus ihnen der Vater zuruft: Ehrbar, Kinder, und sacht! Allerdings, die laufende Atalanta mit dem Hippomenes wäre ein schöner Gegenstand für den Mahler: warum nicht auch Luise Blum mit dem Kandidat Walter. Den kleinen Grafen kann man sich als Amor hinterdrein stolpernd denken. Eigen ist es, daß die Kupferstich-Liebhaberey sich so besonders auf den Roman gerichtet hat. Und nicht bloß unter uns: auch auf Englischen Blättern sieht man Lotte im Werther Butterbrodt schneiden. Bey keiner Dichtart ist doch die Sache so bedenklich, als gerade bey dieser. Daß sie gewöhnlich das Kostum des Tages fodert (ein Umstand, wegen dessen der Dichter sich auch vor allzu bestimmter Angabe der Kleidungen zu hüten hat, und nur das erwähnen darf, was in der Mode ewig und allgemein gültig ist, wie blaßrothe Schleifen, weiße Neglige's, Strohhüte und dergleichen), und daß die so bald veralteten Trachten hernach eine Störung verursachen, ist noch das geringste. Ein Roman könnte Realismus der Niederlaͤndischen Mahler zu begegnen, die sich bey dem Gewuͤhl eines Jahrmarktes, einer Bauernhochzeit, oder eines Strandes, wo Waaren abgeladen werden, um alle großmuͤthigen Aufopferungen in der Welt nichts kuͤmmern. Und mit Recht! Denn wenn sich eine edle Handlung mahlen ließe, so waͤre es eben keine edle Handlung. Die Schwierigkeit, das Eigenthuͤmliche des Gedichtes darzustellen, verleitet andre Male dazu, etwas ganz unbedeutendes herauszugreifen. Jn einem Taschenbuchsblaͤttchen zu Vossens Luise laͤuft sie am Arme ihres Braͤutigams, um den Kahn zu erreichen, woraus ihnen der Vater zuruft: Ehrbar, Kinder, und sacht! Allerdings, die laufende Atalanta mit dem Hippomenes waͤre ein schoͤner Gegenstand fuͤr den Mahler: warum nicht auch Luise Blum mit dem Kandidat Walter. Den kleinen Grafen kann man sich als Amor hinterdrein stolpernd denken. Eigen ist es, daß die Kupferstich-Liebhaberey sich so besonders auf den Roman gerichtet hat. Und nicht bloß unter uns: auch auf Englischen Blaͤttern sieht man Lotte im Werther Butterbrodt schneiden. Bey keiner Dichtart ist doch die Sache so bedenklich, als gerade bey dieser. Daß sie gewoͤhnlich das Kostum des Tages fodert (ein Umstand, wegen dessen der Dichter sich auch vor allzu bestimmter Angabe der Kleidungen zu huͤten hat, und nur das erwaͤhnen darf, was in der Mode ewig und allgemein guͤltig ist, wie blaßrothe Schleifen, weiße Neglige's, Strohhuͤte und dergleichen), und daß die so bald veralteten Trachten hernach eine Stoͤrung verursachen, ist noch das geringste. Ein Roman koͤnnte <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0210" n="200"/> Realismus der Niederlaͤndischen Mahler zu begegnen, die sich bey dem Gewuͤhl eines Jahrmarktes, einer Bauernhochzeit, oder eines Strandes, wo Waaren abgeladen werden, um alle großmuͤthigen Aufopferungen in der Welt nichts kuͤmmern. Und mit Recht! Denn wenn sich eine edle Handlung mahlen ließe, so waͤre es eben keine edle Handlung. Die Schwierigkeit, das Eigenthuͤmliche des Gedichtes darzustellen, verleitet andre Male dazu, etwas ganz unbedeutendes herauszugreifen. Jn einem Taschenbuchsblaͤttchen zu Vossens Luise laͤuft sie am Arme ihres Braͤutigams, um den Kahn zu erreichen, woraus ihnen der Vater zuruft: Ehrbar, Kinder, und sacht! Allerdings, die laufende Atalanta mit dem Hippomenes waͤre ein schoͤner Gegenstand fuͤr den Mahler: warum nicht auch Luise Blum mit dem Kandidat Walter. Den kleinen Grafen kann man sich als Amor hinterdrein stolpernd denken.</p><lb/> <p>Eigen ist es, daß die Kupferstich-Liebhaberey sich so besonders auf den Roman gerichtet hat. Und nicht bloß unter uns: auch auf Englischen Blaͤttern sieht man Lotte im Werther Butterbrodt schneiden. Bey keiner Dichtart ist doch die Sache so bedenklich, als gerade bey dieser. Daß sie gewoͤhnlich das Kostum des Tages fodert (ein Umstand, wegen dessen der Dichter sich auch vor allzu bestimmter Angabe der Kleidungen zu huͤten hat, und nur das erwaͤhnen darf, was in der Mode ewig und allgemein guͤltig ist, wie blaßrothe Schleifen, weiße Neglige's, Strohhuͤte und dergleichen), und daß die so bald veralteten Trachten hernach eine Stoͤrung verursachen, ist noch das geringste. Ein Roman koͤnnte </p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [200/0210]
Realismus der Niederlaͤndischen Mahler zu begegnen, die sich bey dem Gewuͤhl eines Jahrmarktes, einer Bauernhochzeit, oder eines Strandes, wo Waaren abgeladen werden, um alle großmuͤthigen Aufopferungen in der Welt nichts kuͤmmern. Und mit Recht! Denn wenn sich eine edle Handlung mahlen ließe, so waͤre es eben keine edle Handlung. Die Schwierigkeit, das Eigenthuͤmliche des Gedichtes darzustellen, verleitet andre Male dazu, etwas ganz unbedeutendes herauszugreifen. Jn einem Taschenbuchsblaͤttchen zu Vossens Luise laͤuft sie am Arme ihres Braͤutigams, um den Kahn zu erreichen, woraus ihnen der Vater zuruft: Ehrbar, Kinder, und sacht! Allerdings, die laufende Atalanta mit dem Hippomenes waͤre ein schoͤner Gegenstand fuͤr den Mahler: warum nicht auch Luise Blum mit dem Kandidat Walter. Den kleinen Grafen kann man sich als Amor hinterdrein stolpernd denken.
Eigen ist es, daß die Kupferstich-Liebhaberey sich so besonders auf den Roman gerichtet hat. Und nicht bloß unter uns: auch auf Englischen Blaͤttern sieht man Lotte im Werther Butterbrodt schneiden. Bey keiner Dichtart ist doch die Sache so bedenklich, als gerade bey dieser. Daß sie gewoͤhnlich das Kostum des Tages fodert (ein Umstand, wegen dessen der Dichter sich auch vor allzu bestimmter Angabe der Kleidungen zu huͤten hat, und nur das erwaͤhnen darf, was in der Mode ewig und allgemein guͤltig ist, wie blaßrothe Schleifen, weiße Neglige's, Strohhuͤte und dergleichen), und daß die so bald veralteten Trachten hernach eine Stoͤrung verursachen, ist noch das geringste. Ein Roman koͤnnte
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Zitationshilfe: | Schlegel, August Wilhelm von; Schlegel, Friedrich von (Hrsg.): Athenaeum. Bd. 2. Berlin, 1799, S. 200. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schlegel_athenaeum_1799/210>, abgerufen am 16.02.2025. |