ler anderweitig beschäftigt sind, und nach der Nachmittags- visite um fünf Uhr es schon zu finster ist. Im Sommer ist die Hitze vor der Nachmittagsvisite noch zu drückend, im Sommer werden die Operationsübungen am Cadaver in den Abend- stunden nach der Nachmittagsvisite gemacht. Ist es für die zu Untersuchenden gleichgiltig, ob die Schüler sich nach der Vi- site mit Cadavern beschäftigen oder ob selbe vom Cadaver her zur Visite kommen?
Das sind zum Theile die Einflüsse, welche durch die Jah- reszeit bedingt sind, nur in diesen Verhältnissen liegt die Ur- sache, warum im Winter häufiger ein ungünstiger und im Sommer häufiger ein günstiger Gesundheitszustand unter den Wöchnerinnen der ersten Gebärabtheilung zu beobachten war. Wenn es wirklich die atmosphärischen Einflüsse des Winters gewesen wären, welche den häufigen ungünstigen Gesundheitszustand der Wöchnerinnen im Winter hervorge- bracht haben, so erlaube ich mir die Frage, ob denn Wien durch 25 Jahre keinen Winter gehabt hat? indem im Wiener Gebärhause durch 25 Jahre keine Epidemie war, weil im Wiener Gebärhause durch 25 Jahre nicht eine Wöchnerin von hundert gestorben ist. Siehe Tabelle Nr. XVII. (Seite 62).
Haben sich die atmosphärischen Einflüsse der beiden Winter in Wien der Jahre 1847/8 und 1848/9 in Folge der Chlorwaschungen geändert? Weil wir in Folge der Chlorwa- schungen in diesen beiden Wintern keine Epidemie hatten.
Haben sich die atmosphärischen Einflüsse der vier Win- ter zu Pest geändert, in Folge der Chlorwaschungen, welche ich durch vier Winter an der Pester medicinischen Facultät beaufsichtige? Weil wir durch vier Winter kein epidemisches Kindbettfieber hatten. Die grössere Sterblichkeit zweier Win- ter war bedingt durch Leintücher, welche mit zersetztem Blute und zersetztem Lochialflusse verunreiniget waren.
Das Gebärhaus des St. Rochus-Spitals war nie im Win- ter Gebärhaus, sondern nur durch zwei Monate im Jahre, näm- lich in den Monaten August und September, und doch war es
ler anderweitig beschäftigt sind, und nach der Nachmittags- visite um fünf Uhr es schon zu finster ist. Im Sommer ist die Hitze vor der Nachmittagsvisite noch zu drückend, im Sommer werden die Operationsübungen am Cadaver in den Abend- stunden nach der Nachmittagsvisite gemacht. Ist es für die zu Untersuchenden gleichgiltig, ob die Schüler sich nach der Vi- site mit Cadavern beschäftigen oder ob selbe vom Cadaver her zur Visite kommen?
Das sind zum Theile die Einflüsse, welche durch die Jah- reszeit bedingt sind, nur in diesen Verhältnissen liegt die Ur- sache, warum im Winter häufiger ein ungünstiger und im Sommer häufiger ein günstiger Gesundheitszustand unter den Wöchnerinnen der ersten Gebärabtheilung zu beobachten war. Wenn es wirklich die atmosphärischen Einflüsse des Winters gewesen wären, welche den häufigen ungünstigen Gesundheitszustand der Wöchnerinnen im Winter hervorge- bracht haben, so erlaube ich mir die Frage, ob denn Wien durch 25 Jahre keinen Winter gehabt hat? indem im Wiener Gebärhause durch 25 Jahre keine Epidemie war, weil im Wiener Gebärhause durch 25 Jahre nicht eine Wöchnerin von hundert gestorben ist. Siehe Tabelle Nr. XVII. (Seite 62).
Haben sich die atmosphärischen Einflüsse der beiden Winter in Wien der Jahre 1847/8 und 1848/9 in Folge der Chlorwaschungen geändert? Weil wir in Folge der Chlorwa- schungen in diesen beiden Wintern keine Epidemie hatten.
Haben sich die atmosphärischen Einflüsse der vier Win- ter zu Pest geändert, in Folge der Chlorwaschungen, welche ich durch vier Winter an der Pester medicinischen Facultät beaufsichtige? Weil wir durch vier Winter kein epidemisches Kindbettfieber hatten. Die grössere Sterblichkeit zweier Win- ter war bedingt durch Leintücher, welche mit zersetztem Blute und zersetztem Lochialflusse verunreiniget waren.
Das Gebärhaus des St. Rochus-Spitals war nie im Win- ter Gebärhaus, sondern nur durch zwei Monate im Jahre, näm- lich in den Monaten August und September, und doch war es
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ler anderweitig beschäftigt sind, und nach der Nachmittags-
visite um fünf Uhr es schon zu finster ist. Im Sommer ist die
Hitze vor der Nachmittagsvisite noch zu drückend, im Sommer
werden die Operationsübungen am Cadaver in den Abend-
stunden nach der Nachmittagsvisite gemacht. Ist es für die zu
Untersuchenden gleichgiltig, ob die Schüler sich nach der Vi-
site mit Cadavern beschäftigen oder ob selbe vom Cadaver her
zur Visite kommen?
Das sind zum Theile die Einflüsse, welche durch die Jah-
reszeit bedingt sind, nur in diesen Verhältnissen liegt die Ur-
sache, warum im Winter häufiger ein ungünstiger und im
Sommer häufiger ein günstiger Gesundheitszustand unter den
Wöchnerinnen der ersten Gebärabtheilung zu beobachten
war. Wenn es wirklich die atmosphärischen Einflüsse des
Winters gewesen wären, welche den häufigen ungünstigen
Gesundheitszustand der Wöchnerinnen im Winter hervorge-
bracht haben, so erlaube ich mir die Frage, ob denn Wien
durch 25 Jahre keinen Winter gehabt hat? indem im Wiener
Gebärhause durch 25 Jahre keine Epidemie war, weil im
Wiener Gebärhause durch 25 Jahre nicht eine Wöchnerin von
hundert gestorben ist. Siehe Tabelle Nr. XVII. (Seite 62).
Haben sich die atmosphärischen Einflüsse der beiden
Winter in Wien der Jahre 1847/8 und 1848/9 in Folge der
Chlorwaschungen geändert? Weil wir in Folge der Chlorwa-
schungen in diesen beiden Wintern keine Epidemie hatten.
Haben sich die atmosphärischen Einflüsse der vier Win-
ter zu Pest geändert, in Folge der Chlorwaschungen, welche
ich durch vier Winter an der Pester medicinischen Facultät
beaufsichtige? Weil wir durch vier Winter kein epidemisches
Kindbettfieber hatten. Die grössere Sterblichkeit zweier Win-
ter war bedingt durch Leintücher, welche mit zersetztem Blute
und zersetztem Lochialflusse verunreiniget waren.
Das Gebärhaus des St. Rochus-Spitals war nie im Win-
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Semmelweis, Ignaz Philipp: Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers. Pest u. a., 1861, S. 122. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/semmelweis_kindbettfieber_1861/134>, abgerufen am 24.11.2024.
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