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Sturza, Marie Tihanyi: Das Gelübde einer dreißigjährigen Frau. Leipzig, 1905

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"Aber nein, rege dich doch nicht so auf, um nichts! Ich bin nervös, weil ... du bist schön, Mama, noch nie habe ich dich so schön gesehen, wie heute abend. Gut, daß du nicht mit mir gehst, niemand würde mich beachten ... ich bin nervös, weil ..."

"Nun, weil?"

"Ich langweile mich, wenn du es durchaus wissen willst."

"Du solltest dich langweilen?"

Frau von Ellissen riß ihre zarten Augen vor Entsetzen weit auf und rief:

"Großer Gott! was könnte dir denn fehlen, um glücklich zu sein!"

"Du willst es wissen? So höre. Es fehlt mir an Freiheit der Bewegung, an Freiheit, nach meinem Geschmack zu handeln, zu arbeiten wann es mir gefällt, mich zu unterhalten wie es mir paßt. Du, aber, durchkreuzest alle meine Ideen. Sieh mich doch nicht so an, als ob ich da etwas Ungeheuerliches sagte! Und doch, schau, ich bin ja ganz vernünftig. Was verlange ich denn? Ein etwas weniger blödes Leben, als man es uns hier zu führen gestattet, worin man uns bis zur Ehe leitet, wie eine Herde blöckender sorgfältig gepferchter, gehüteter Lämmer ohne unserer Initiative der

„Aber nein, rege dich doch nicht so auf, um nichts! Ich bin nervös, weil … du bist schön, Mama, noch nie habe ich dich so schön gesehen, wie heute abend. Gut, daß du nicht mit mir gehst, niemand würde mich beachten … ich bin nervös, weil …“

„Nun, weil?“

„Ich langweile mich, wenn du es durchaus wissen willst.“

„Du solltest dich langweilen?“

Frau von Ellissen riß ihre zarten Augen vor Entsetzen weit auf und rief:

„Großer Gott! was könnte dir denn fehlen, um glücklich zu sein!“

»Du willst es wissen? So höre. Es fehlt mir an Freiheit der Bewegung, an Freiheit, nach meinem Geschmack zu handeln, zu arbeiten wann es mir gefällt, mich zu unterhalten wie es mir paßt. Du, aber, durchkreuzest alle meine Ideen. Sieh mich doch nicht so an, als ob ich da etwas Ungeheuerliches sagte! Und doch, schau, ich bin ja ganz vernünftig. Was verlange ich denn? Ein etwas weniger blödes Leben, als man es uns hier zu führen gestattet, worin man uns bis zur Ehe leitet, wie eine Herde blöckender sorgfältig gepferchter, gehüteter Lämmer ohne unserer Initiative der

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[72/0073] „Aber nein, rege dich doch nicht so auf, um nichts! Ich bin nervös, weil … du bist schön, Mama, noch nie habe ich dich so schön gesehen, wie heute abend. Gut, daß du nicht mit mir gehst, niemand würde mich beachten … ich bin nervös, weil …“ „Nun, weil?“ „Ich langweile mich, wenn du es durchaus wissen willst.“ „Du solltest dich langweilen?“ Frau von Ellissen riß ihre zarten Augen vor Entsetzen weit auf und rief: „Großer Gott! was könnte dir denn fehlen, um glücklich zu sein!“ »Du willst es wissen? So höre. Es fehlt mir an Freiheit der Bewegung, an Freiheit, nach meinem Geschmack zu handeln, zu arbeiten wann es mir gefällt, mich zu unterhalten wie es mir paßt. Du, aber, durchkreuzest alle meine Ideen. Sieh mich doch nicht so an, als ob ich da etwas Ungeheuerliches sagte! Und doch, schau, ich bin ja ganz vernünftig. Was verlange ich denn? Ein etwas weniger blödes Leben, als man es uns hier zu führen gestattet, worin man uns bis zur Ehe leitet, wie eine Herde blöckender sorgfältig gepferchter, gehüteter Lämmer ohne unserer Initiative der

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Zitationshilfe: Sturza, Marie Tihanyi: Das Gelübde einer dreißigjährigen Frau. Leipzig, 1905, S. 72. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sturza_geluebde_1905/73>, abgerufen am 21.05.2024.