laus wohnte noch der Hochzeit des Prinzen Wilhelm bei und reiste be- reits am siebenten Tage heim. Mit schlecht verhehlter Angst sagte Metter- nich dem preußischen Geschäftsträger, dieser Familienbesuch werde doch sicherlich keine politischen Folgen haben.*)
Er täuschte sich abermals. Die beiden Monarchen hatten die kurzen Tage des Wiedersehens ernstlich benutzt. Friedrich Wilhelm erklärte dem Czaren sehr bestimmt: wenn er den Frieden wolle, so müsse er seine Be- reitwilligkeit bethätigen.**) Nikolaus betheuerte darauf in einer eigenhän- digen Aufzeichnung, er verlange schlechterdings nichts weiter als die schon in seinem Kriegsmanifest aufgestellten Bedingungen. "Ich kann versichern, daß sich darin Alles genau angegeben findet, gegen den gewöhnlichen Ge- brauch in solchen Fällen, wohl aber in der Absicht, jeden Verdacht zu vermeiden hinsichtlich angeblicher ehrgeiziger Absichten und Hintergedanken, welche meinen Grundsätzen ebenso fremd sind wie meinem Herzen." Seine Hauptforderung war also der Ersatz der Kriegskosten, die er schon jetzt auf 150 Mill. Rubel Papier schätzte; er wollte aber nicht die ganze Summe baar fordern, sondern auch Schiffbauholz, Kriegsschiffe und einige Grenz- plätze am Kaukasus an Zahlungsstatt annehmen.***) So blieb freilich nach russischer Gewohnheit noch eine Hinterthür offen. Noch niemals war der Pforte von einem Sieger eine Geldzahlung zugemuthet worden; orien- talische Staaten vermögen auch solchen Anforderungen nicht zu genügen, der verlangte Ersatz konnte daher sehr beträchtlich werden.
Immerhin klangen die Bedingungen nicht unbillig, da das Kriegsglück die russischen Waffen überall begünstigte. Während Paskiewitsch abermals in Kleinasien vordrang und schon die Straße nach Trapezunt einschlug, wurde das türkische Hauptheer von Diebitsch bei Kulektscha aufs Haupt ge- schlagen (11. Juni); das feste Silistria fiel, der Weg über den Balkan lag offen vor dem russischen Feldherrn. Aber wie sollte die Pforte zu Unterhand- lungen bewogen werden? Daß der Sieger selber Anerbietungen stellte, war nach orientalischem Brauche unmöglich und hätte im Divan nur Ver- dacht erweckt. Auf die Fürsprache der anderen Mächte gab der ergrimmte Sultan seit dem Tage von Navarin nichts mehr. Nur Preußen vermochte die Vermittlung zu übernehmen, aber auch nicht in den gewöhnlichen diplo- matischen Formen, die auf den türkischen Hochmuth keinen Eindruck mehr machten. Ein Erfolg schien nur möglich, wenn ein sachkundiger preußi- scher General nach Stambul ging, um den Sultan womöglich persönlich über die bedenkliche militärische Lage der Türkei aufzuklären, ihm im Auf- trage des Königs zu versichern, daß der Sieger bereit sei, auf billige Be-
*) Brockhausen's Bericht, Wien 20. Juni 1829.
**) So erzählt Ancillon in dem Ministerialschreiben an Royer v. 18. Juni 1829.
***) Eigenhändige Aufzeichnung von K. Nikolaus, o. D., unverkennbar in Berlin niedergeschrieben.
III. 10. Preußen und die orientaliſche Frage.
laus wohnte noch der Hochzeit des Prinzen Wilhelm bei und reiſte be- reits am ſiebenten Tage heim. Mit ſchlecht verhehlter Angſt ſagte Metter- nich dem preußiſchen Geſchäftsträger, dieſer Familienbeſuch werde doch ſicherlich keine politiſchen Folgen haben.*)
Er täuſchte ſich abermals. Die beiden Monarchen hatten die kurzen Tage des Wiederſehens ernſtlich benutzt. Friedrich Wilhelm erklärte dem Czaren ſehr beſtimmt: wenn er den Frieden wolle, ſo müſſe er ſeine Be- reitwilligkeit bethätigen.**) Nikolaus betheuerte darauf in einer eigenhän- digen Aufzeichnung, er verlange ſchlechterdings nichts weiter als die ſchon in ſeinem Kriegsmanifeſt aufgeſtellten Bedingungen. „Ich kann verſichern, daß ſich darin Alles genau angegeben findet, gegen den gewöhnlichen Ge- brauch in ſolchen Fällen, wohl aber in der Abſicht, jeden Verdacht zu vermeiden hinſichtlich angeblicher ehrgeiziger Abſichten und Hintergedanken, welche meinen Grundſätzen ebenſo fremd ſind wie meinem Herzen.“ Seine Hauptforderung war alſo der Erſatz der Kriegskoſten, die er ſchon jetzt auf 150 Mill. Rubel Papier ſchätzte; er wollte aber nicht die ganze Summe baar fordern, ſondern auch Schiffbauholz, Kriegsſchiffe und einige Grenz- plätze am Kaukaſus an Zahlungsſtatt annehmen.***) So blieb freilich nach ruſſiſcher Gewohnheit noch eine Hinterthür offen. Noch niemals war der Pforte von einem Sieger eine Geldzahlung zugemuthet worden; orien- taliſche Staaten vermögen auch ſolchen Anforderungen nicht zu genügen, der verlangte Erſatz konnte daher ſehr beträchtlich werden.
Immerhin klangen die Bedingungen nicht unbillig, da das Kriegsglück die ruſſiſchen Waffen überall begünſtigte. Während Paskiewitſch abermals in Kleinaſien vordrang und ſchon die Straße nach Trapezunt einſchlug, wurde das türkiſche Hauptheer von Diebitſch bei Kulektſcha aufs Haupt ge- ſchlagen (11. Juni); das feſte Siliſtria fiel, der Weg über den Balkan lag offen vor dem ruſſiſchen Feldherrn. Aber wie ſollte die Pforte zu Unterhand- lungen bewogen werden? Daß der Sieger ſelber Anerbietungen ſtellte, war nach orientaliſchem Brauche unmöglich und hätte im Divan nur Ver- dacht erweckt. Auf die Fürſprache der anderen Mächte gab der ergrimmte Sultan ſeit dem Tage von Navarin nichts mehr. Nur Preußen vermochte die Vermittlung zu übernehmen, aber auch nicht in den gewöhnlichen diplo- matiſchen Formen, die auf den türkiſchen Hochmuth keinen Eindruck mehr machten. Ein Erfolg ſchien nur möglich, wenn ein ſachkundiger preußi- ſcher General nach Stambul ging, um den Sultan womöglich perſönlich über die bedenkliche militäriſche Lage der Türkei aufzuklären, ihm im Auf- trage des Königs zu verſichern, daß der Sieger bereit ſei, auf billige Be-
*) Brockhauſen’s Bericht, Wien 20. Juni 1829.
**) So erzählt Ancillon in dem Miniſterialſchreiben an Royer v. 18. Juni 1829.
***) Eigenhändige Aufzeichnung von K. Nikolaus, o. D., unverkennbar in Berlin niedergeſchrieben.
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laus wohnte noch der Hochzeit des Prinzen Wilhelm bei und reiſte be-
reits am ſiebenten Tage heim. Mit ſchlecht verhehlter Angſt ſagte Metter-
nich dem preußiſchen Geſchäftsträger, dieſer Familienbeſuch werde doch
ſicherlich keine politiſchen Folgen haben. *)
Er täuſchte ſich abermals. Die beiden Monarchen hatten die kurzen
Tage des Wiederſehens ernſtlich benutzt. Friedrich Wilhelm erklärte dem
Czaren ſehr beſtimmt: wenn er den Frieden wolle, ſo müſſe er ſeine Be-
reitwilligkeit bethätigen. **) Nikolaus betheuerte darauf in einer eigenhän-
digen Aufzeichnung, er verlange ſchlechterdings nichts weiter als die ſchon
in ſeinem Kriegsmanifeſt aufgeſtellten Bedingungen. „Ich kann verſichern,
daß ſich darin Alles genau angegeben findet, gegen den gewöhnlichen Ge-
brauch in ſolchen Fällen, wohl aber in der Abſicht, jeden Verdacht zu
vermeiden hinſichtlich angeblicher ehrgeiziger Abſichten und Hintergedanken,
welche meinen Grundſätzen ebenſo fremd ſind wie meinem Herzen.“ Seine
Hauptforderung war alſo der Erſatz der Kriegskoſten, die er ſchon jetzt auf
150 Mill. Rubel Papier ſchätzte; er wollte aber nicht die ganze Summe
baar fordern, ſondern auch Schiffbauholz, Kriegsſchiffe und einige Grenz-
plätze am Kaukaſus an Zahlungsſtatt annehmen. ***) So blieb freilich
nach ruſſiſcher Gewohnheit noch eine Hinterthür offen. Noch niemals war
der Pforte von einem Sieger eine Geldzahlung zugemuthet worden; orien-
taliſche Staaten vermögen auch ſolchen Anforderungen nicht zu genügen,
der verlangte Erſatz konnte daher ſehr beträchtlich werden.
Immerhin klangen die Bedingungen nicht unbillig, da das Kriegsglück
die ruſſiſchen Waffen überall begünſtigte. Während Paskiewitſch abermals
in Kleinaſien vordrang und ſchon die Straße nach Trapezunt einſchlug,
wurde das türkiſche Hauptheer von Diebitſch bei Kulektſcha aufs Haupt ge-
ſchlagen (11. Juni); das feſte Siliſtria fiel, der Weg über den Balkan lag
offen vor dem ruſſiſchen Feldherrn. Aber wie ſollte die Pforte zu Unterhand-
lungen bewogen werden? Daß der Sieger ſelber Anerbietungen ſtellte,
war nach orientaliſchem Brauche unmöglich und hätte im Divan nur Ver-
dacht erweckt. Auf die Fürſprache der anderen Mächte gab der ergrimmte
Sultan ſeit dem Tage von Navarin nichts mehr. Nur Preußen vermochte
die Vermittlung zu übernehmen, aber auch nicht in den gewöhnlichen diplo-
matiſchen Formen, die auf den türkiſchen Hochmuth keinen Eindruck mehr
machten. Ein Erfolg ſchien nur möglich, wenn ein ſachkundiger preußi-
ſcher General nach Stambul ging, um den Sultan womöglich perſönlich
über die bedenkliche militäriſche Lage der Türkei aufzuklären, ihm im Auf-
trage des Königs zu verſichern, daß der Sieger bereit ſei, auf billige Be-
*) Brockhauſen’s Bericht, Wien 20. Juni 1829.
**) So erzählt Ancillon in dem Miniſterialſchreiben an Royer v. 18. Juni 1829.
***) Eigenhändige Aufzeichnung von K. Nikolaus, o. D., unverkennbar in Berlin
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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 3: Bis zur Juli-Revolution. Leipzig, 1885, S. 742. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte03_1885/758>, abgerufen am 21.11.2024.
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