und ich bot alle Kräfte meiner Seele auf, um durch eine inter¬ essante Unterhaltung sie von der Idee der Gefahr abzuwenden. Mitunter kam Schneegestöber; der Schaum der übereinander¬ stürzenden Wellen phosphoreszirte. Herr Rilliet lag in der Kajüte und war krank. Erichsen, gleich einem alten Seehelden, saß mitten auf dem Verdeck bei einer Lampe, schnitt Roastbeef vor, und theilte Portwein aus. -- Es war eine der schönsten Nächte meines Lebens, wiewohl vor Frost meine Kniee zitterten und meine Zähne klappten!
Erichsen fand sehr sonderbar für einen Doktor, in einer kalten Novembernacht, mit bloßem Rock und ohne Unterweste, sich so preiszugeben. Die Rilliet wollte durchaus, daß ich meine Bedeckungen wiedernähme, und sie in die Kajüte gehn ließe. Ich demonstrirt' aber aus Leibeskräften, daß mir wohl sei; daß sie dann in der Kajüte unfehlbar krank werden würde, und daß die Kälte allein noch Niemand geschadet habe. -- -- Erichsen fütterte mich und tränkte mich, und es gelang mir, das zarte Geschöpf¬ chen vollkommen wohl nach Calais zu bringen, woran ihre Be¬ sorgnisse für mich keinen geringen Antheil hatten.
Kaum angekommen, erhob sich ein fürchterlicher Sturm, und wir freuten uns nicht wenig, in Sicherheit zu sein.
Wir hatten nicht mit dem großen Schiffe bis Calais kommen können, weil Ebbe war, und der Anblick entzückt' uns, wie wir, in einer kleinen Barke davon fliegend, das Packetboot schwebend auf der Fluth zurückließen. Nach und nach kamen wir bis Rouen, wo die Rilliets blieben, und Erichsen und ich setzten die Reise fort bis Paris.
Wir besahen da vieles und verlebten während drei Wochen manche interessante Augenblicke, aber die alte Harmonie kam nicht wieder. Wir entfernten uns vielmehr immer weiter von ein¬ ander, und dazu trug die Verschiedenheit unsrer politischen Mei¬
und ich bot alle Kraͤfte meiner Seele auf, um durch eine inter¬ eſſante Unterhaltung ſie von der Idee der Gefahr abzuwenden. Mitunter kam Schneegeſtoͤber; der Schaum der uͤbereinander¬ ſtuͤrzenden Wellen phosphoreszirte. Herr Rilliet lag in der Kajuͤte und war krank. Erichſen, gleich einem alten Seehelden, ſaß mitten auf dem Verdeck bei einer Lampe, ſchnitt Roaſtbeef vor, und theilte Portwein aus. — Es war eine der ſchoͤnſten Naͤchte meines Lebens, wiewohl vor Froſt meine Kniee zitterten und meine Zaͤhne klappten!
Erichſen fand ſehr ſonderbar fuͤr einen Doktor, in einer kalten Novembernacht, mit bloßem Rock und ohne Unterweſte, ſich ſo preiszugeben. Die Rilliet wollte durchaus, daß ich meine Bedeckungen wiedernaͤhme, und ſie in die Kajuͤte gehn ließe. Ich demonſtrirt’ aber aus Leibeskraͤften, daß mir wohl ſei; daß ſie dann in der Kajuͤte unfehlbar krank werden wuͤrde, und daß die Kaͤlte allein noch Niemand geſchadet habe. — — Erichſen fuͤtterte mich und traͤnkte mich, und es gelang mir, das zarte Geſchoͤpf¬ chen vollkommen wohl nach Calais zu bringen, woran ihre Be¬ ſorgniſſe fuͤr mich keinen geringen Antheil hatten.
Kaum angekommen, erhob ſich ein fuͤrchterlicher Sturm, und wir freuten uns nicht wenig, in Sicherheit zu ſein.
Wir hatten nicht mit dem großen Schiffe bis Calais kommen koͤnnen, weil Ebbe war, und der Anblick entzuͤckt’ uns, wie wir, in einer kleinen Barke davon fliegend, das Packetboot ſchwebend auf der Fluth zuruͤckließen. Nach und nach kamen wir bis Rouen, wo die Rilliets blieben, und Erichſen und ich ſetzten die Reiſe fort bis Paris.
Wir beſahen da vieles und verlebten waͤhrend drei Wochen manche intereſſante Augenblicke, aber die alte Harmonie kam nicht wieder. Wir entfernten uns vielmehr immer weiter von ein¬ ander, und dazu trug die Verſchiedenheit unſrer politiſchen Mei¬
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und ich bot alle Kraͤfte meiner Seele auf, um durch eine inter¬
eſſante Unterhaltung ſie von der Idee der Gefahr abzuwenden.
Mitunter kam Schneegeſtoͤber; der Schaum der uͤbereinander¬
ſtuͤrzenden Wellen phosphoreszirte. Herr Rilliet lag in der Kajuͤte
und war krank. Erichſen, gleich einem alten Seehelden, ſaß
mitten auf dem Verdeck bei einer Lampe, ſchnitt Roaſtbeef vor,
und theilte Portwein aus. — Es war eine der ſchoͤnſten Naͤchte
meines Lebens, wiewohl vor Froſt meine Kniee zitterten und
meine Zaͤhne klappten!
Erichſen fand ſehr ſonderbar fuͤr einen Doktor, in einer
kalten Novembernacht, mit bloßem Rock und ohne Unterweſte,
ſich ſo preiszugeben. Die Rilliet wollte durchaus, daß ich meine
Bedeckungen wiedernaͤhme, und ſie in die Kajuͤte gehn ließe. Ich
demonſtrirt’ aber aus Leibeskraͤften, daß mir wohl ſei; daß ſie
dann in der Kajuͤte unfehlbar krank werden wuͤrde, und daß die
Kaͤlte allein noch Niemand geſchadet habe. — — Erichſen fuͤtterte
mich und traͤnkte mich, und es gelang mir, das zarte Geſchoͤpf¬
chen vollkommen wohl nach Calais zu bringen, woran ihre Be¬
ſorgniſſe fuͤr mich keinen geringen Antheil hatten.
Kaum angekommen, erhob ſich ein fuͤrchterlicher Sturm,
und wir freuten uns nicht wenig, in Sicherheit zu ſein.
Wir hatten nicht mit dem großen Schiffe bis Calais kommen
koͤnnen, weil Ebbe war, und der Anblick entzuͤckt’ uns, wie wir,
in einer kleinen Barke davon fliegend, das Packetboot ſchwebend
auf der Fluth zuruͤckließen. Nach und nach kamen wir bis Rouen,
wo die Rilliets blieben, und Erichſen und ich ſetzten die Reiſe
fort bis Paris.
Wir beſahen da vieles und verlebten waͤhrend drei Wochen
manche intereſſante Augenblicke, aber die alte Harmonie kam nicht
wieder. Wir entfernten uns vielmehr immer weiter von ein¬
ander, und dazu trug die Verſchiedenheit unſrer politiſchen Mei¬
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Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837, S. 52. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837/66>, abgerufen am 21.11.2024.
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