Laufe der Entwickelung. Die Dotterkugel selbst ist aus großen was- serhellen Zellen zusammengesetzt, welche viele gelbe Oeltropfen enthal- ten und zeigt in ihren äußeren Schichten ein dichteres Gefüge als in der Mitte, so daß hier eine Art Höhle hergestellt wird, die sich bis unter den Keim erstreckt. Dieser besteht aus einer weißlich runden Schicht kleinerer Zellen mit punktförmigem Inhalte, die sich überall hervorbilden, wo Embryonalorgane angelegt werden sollen, da ein direkter Aufbau aus Dotterzellen nicht Statt hat.
Die Anlagerung der Organe, welche den Embryo zusammensetzen, und die Ausbildung seiner Hüllen macht besonders in den ersten Ta- gen der Bebrütung außerordentlich schnelle Fortschritte, so daß mit dem Abschlusse des fünften Tages das Hühnchen schon in allen seinen Theilen vollkommen kenntlich vorhanden ist. Rasch bildet sich die Ver- längerung des Keimes, die Rückenfurche mit ihren Wülsten, ihren vorderen Hirnerweiterungen und der hinteren Spalte aus, welche als rautenförmige Grube vorhanden bleibt. Am Ende des ersten Tages der Bebrütung sieht man schon die Anlagen der viereckigen Platten für die Wirbel, die Abtheilungen der freilich noch ungeschlossenen Rückenwülste, die beginnende Kopfbeuge und das Vorwachsen jener Hautfalte, welche die Schafhaut bildet, und der wir unter dem Na- men der Kopfkappe erwähnten. Am zweiten Tage schließen sich die Rückenwülste, Augen- und Ohrblasen treten hervor, das Herz und der Gefäßhof bilden sich, so daß im Beginne des dritten Tages der erste Kreislauf vollständig ausgebildet ist. Das Herz bildet dann einen cylindrischen S förmig gekrümmten Schlauch, welcher unter dem zum Knie gebeugten Kopfe in der Halsgegend liegt, sich wurmartig von hinten nach vorn zusammenzieht und das Blut in vier Paare von Gefäßbogen treibt, welche sich unter dem Ohrbläschen vereinigen und so die Aorta darstellen. Diese läuft nur etwa bis in die Mitte des Leibes und vertheilt sich dann in zwei quere Aeste, welche auf den Gefäßhof des Dotters übergehen und sich dort verzweigen. Das Blut sammelt sich an dem Rande des Gefäßhofes in einer Kreisvene und kehrt durch vier Stämme, zwei vordere und zwei seitliche in die hin- teren queren Zipfel des Herzschlauches zurück. Der hintere Leib des Embryo's bildet zu dieser Zeit noch eine kahnförmige Masse, welche gegen den Dotter hin weit geöffnet ist und zu beiden Seiten des Rückenmarkes die viereckigen Wirbelkörper erkennen läßt. Die Wir- belsaite, welche im Anfange ebenso wie bei den Reptilien ausgebildet war, verschwindet nun schon allmälig, ein charakteristisches Kenn- zeichen für den Embryo der Säugethiere und Vögel.
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Laufe der Entwickelung. Die Dotterkugel ſelbſt iſt aus großen waſ- ſerhellen Zellen zuſammengeſetzt, welche viele gelbe Oeltropfen enthal- ten und zeigt in ihren äußeren Schichten ein dichteres Gefüge als in der Mitte, ſo daß hier eine Art Höhle hergeſtellt wird, die ſich bis unter den Keim erſtreckt. Dieſer beſteht aus einer weißlich runden Schicht kleinerer Zellen mit punktförmigem Inhalte, die ſich überall hervorbilden, wo Embryonalorgane angelegt werden ſollen, da ein direkter Aufbau aus Dotterzellen nicht Statt hat.
Die Anlagerung der Organe, welche den Embryo zuſammenſetzen, und die Ausbildung ſeiner Hüllen macht beſonders in den erſten Ta- gen der Bebrütung außerordentlich ſchnelle Fortſchritte, ſo daß mit dem Abſchluſſe des fünften Tages das Hühnchen ſchon in allen ſeinen Theilen vollkommen kenntlich vorhanden iſt. Raſch bildet ſich die Ver- längerung des Keimes, die Rückenfurche mit ihren Wülſten, ihren vorderen Hirnerweiterungen und der hinteren Spalte aus, welche als rautenförmige Grube vorhanden bleibt. Am Ende des erſten Tages der Bebrütung ſieht man ſchon die Anlagen der viereckigen Platten für die Wirbel, die Abtheilungen der freilich noch ungeſchloſſenen Rückenwülſte, die beginnende Kopfbeuge und das Vorwachſen jener Hautfalte, welche die Schafhaut bildet, und der wir unter dem Na- men der Kopfkappe erwähnten. Am zweiten Tage ſchließen ſich die Rückenwülſte, Augen- und Ohrblaſen treten hervor, das Herz und der Gefäßhof bilden ſich, ſo daß im Beginne des dritten Tages der erſte Kreislauf vollſtändig ausgebildet iſt. Das Herz bildet dann einen cylindriſchen S förmig gekrümmten Schlauch, welcher unter dem zum Knie gebeugten Kopfe in der Halsgegend liegt, ſich wurmartig von hinten nach vorn zuſammenzieht und das Blut in vier Paare von Gefäßbogen treibt, welche ſich unter dem Ohrbläschen vereinigen und ſo die Aorta darſtellen. Dieſe läuft nur etwa bis in die Mitte des Leibes und vertheilt ſich dann in zwei quere Aeſte, welche auf den Gefäßhof des Dotters übergehen und ſich dort verzweigen. Das Blut ſammelt ſich an dem Rande des Gefäßhofes in einer Kreisvene und kehrt durch vier Stämme, zwei vordere und zwei ſeitliche in die hin- teren queren Zipfel des Herzſchlauches zurück. Der hintere Leib des Embryo’s bildet zu dieſer Zeit noch eine kahnförmige Maſſe, welche gegen den Dotter hin weit geöffnet iſt und zu beiden Seiten des Rückenmarkes die viereckigen Wirbelkörper erkennen läßt. Die Wir- belſaite, welche im Anfange ebenſo wie bei den Reptilien ausgebildet war, verſchwindet nun ſchon allmälig, ein charakteriſtiſches Kenn- zeichen für den Embryo der Säugethiere und Vögel.
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Laufe der Entwickelung. Die Dotterkugel ſelbſt iſt aus großen waſ-
ſerhellen Zellen zuſammengeſetzt, welche viele gelbe Oeltropfen enthal-
ten und zeigt in ihren äußeren Schichten ein dichteres Gefüge als in
der Mitte, ſo daß hier eine Art Höhle hergeſtellt wird, die ſich bis
unter den Keim erſtreckt. Dieſer beſteht aus einer weißlich runden
Schicht kleinerer Zellen mit punktförmigem Inhalte, die ſich überall
hervorbilden, wo Embryonalorgane angelegt werden ſollen, da ein
direkter Aufbau aus Dotterzellen nicht Statt hat.
Die Anlagerung der Organe, welche den Embryo zuſammenſetzen,
und die Ausbildung ſeiner Hüllen macht beſonders in den erſten Ta-
gen der Bebrütung außerordentlich ſchnelle Fortſchritte, ſo daß mit
dem Abſchluſſe des fünften Tages das Hühnchen ſchon in allen ſeinen
Theilen vollkommen kenntlich vorhanden iſt. Raſch bildet ſich die Ver-
längerung des Keimes, die Rückenfurche mit ihren Wülſten, ihren
vorderen Hirnerweiterungen und der hinteren Spalte aus, welche als
rautenförmige Grube vorhanden bleibt. Am Ende des erſten Tages
der Bebrütung ſieht man ſchon die Anlagen der viereckigen Platten
für die Wirbel, die Abtheilungen der freilich noch ungeſchloſſenen
Rückenwülſte, die beginnende Kopfbeuge und das Vorwachſen jener
Hautfalte, welche die Schafhaut bildet, und der wir unter dem Na-
men der Kopfkappe erwähnten. Am zweiten Tage ſchließen ſich die
Rückenwülſte, Augen- und Ohrblaſen treten hervor, das Herz und
der Gefäßhof bilden ſich, ſo daß im Beginne des dritten Tages der
erſte Kreislauf vollſtändig ausgebildet iſt. Das Herz bildet dann einen
cylindriſchen S förmig gekrümmten Schlauch, welcher unter dem zum
Knie gebeugten Kopfe in der Halsgegend liegt, ſich wurmartig von
hinten nach vorn zuſammenzieht und das Blut in vier Paare von
Gefäßbogen treibt, welche ſich unter dem Ohrbläschen vereinigen und
ſo die Aorta darſtellen. Dieſe läuft nur etwa bis in die Mitte des
Leibes und vertheilt ſich dann in zwei quere Aeſte, welche auf den
Gefäßhof des Dotters übergehen und ſich dort verzweigen. Das Blut
ſammelt ſich an dem Rande des Gefäßhofes in einer Kreisvene und
kehrt durch vier Stämme, zwei vordere und zwei ſeitliche in die hin-
teren queren Zipfel des Herzſchlauches zurück. Der hintere Leib des
Embryo’s bildet zu dieſer Zeit noch eine kahnförmige Maſſe, welche
gegen den Dotter hin weit geöffnet iſt und zu beiden Seiten des
Rückenmarkes die viereckigen Wirbelkörper erkennen läßt. Die Wir-
belſaite, welche im Anfange ebenſo wie bei den Reptilien ausgebildet
war, verſchwindet nun ſchon allmälig, ein charakteriſtiſches Kenn-
zeichen für den Embryo der Säugethiere und Vögel.
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Vogt, Carl: Zoologische Briefe. Bd. 2. Frankfurt (Main), 1851, S. 323. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vogt_briefe02_1851/329>, abgerufen am 22.11.2024.
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