treffen seyn (§. 6.); so lässet sich nun gar leicht begreiffen, daß alle Materie beständig in Bewegung seyn müsse. Denn entwe- der alle Materie, die in einem Raume ent- halten, ist beständig in Bewegung, oder nicht. Man setze, sie sey nicht in Bewe- gung, sondern die Theile ruhen neben ein- ander. Weil die Figur nichts anders ist als der Schrancken der Ausdehnung (§. 54. Met.), in einem gantz vollen Raume aber, darinnen keine Bewegung anzutref- fen, nichts vorhanden ist, welches Schran- cken setzen könnte; so gehet auch darinnen alles in einem fort und man findet in dem, was man als Theile annehmen will, kei- nen anderen Unterscheid als den Ort. Kein Theil hat würcklich eine Grösse, oder Figur, sondern es ist geschickt eine jede Figur und Grösse anzunehmen, die man ihm geben will. Und auf solche Weise wären würck- lich Dinge vorhanden, die sich noch ferner auf unendliche Weise determini- ren liessen. Da nun dieses unmöglich ist, indem alles, was in eintzelen Dingen anzu- treffen, determiniret seyn muß (§. 27. c. 1 Log.); so kan auch die Materie in einem Cörper nicht in Ruhe seyn, folgends muß sie sich stets bewegen. Und eben hier- aus siehet man, daß diejenigen, welche die Materie ohne Bewegung annehmen, und nichts darinnen als dasjenige, wo von ih-
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und der Natur der Coͤrper.
treffen ſeyn (§. 6.); ſo laͤſſet ſich nun gar leicht begreiffen, daß alle Materie beſtaͤndig in Bewegung ſeyn muͤſſe. Denn entwe- der alle Materie, die in einem Raume ent- halten, iſt beſtaͤndig in Bewegung, oder nicht. Man ſetze, ſie ſey nicht in Bewe- gung, ſondern die Theile ruhen neben ein- ander. Weil die Figur nichts anders iſt als der Schrancken der Ausdehnung (§. 54. Met.), in einem gantz vollen Raume aber, darinnen keine Bewegung anzutref- fen, nichts vorhanden iſt, welches Schran- cken ſetzen koͤnnte; ſo gehet auch darinnen alles in einem fort und man findet in dem, was man als Theile annehmen will, kei- nen anderen Unterſcheid als den Ort. Kein Theil hat wuͤrcklich eine Groͤſſe, oder Figur, ſondern es iſt geſchickt eine jede Figur und Groͤſſe anzunehmen, die man ihm geben will. Und auf ſolche Weiſe waͤren wuͤrck- lich Dinge vorhanden, die ſich noch ferner auf unendliche Weiſe determini- ren lieſſen. Da nun dieſes unmoͤglich iſt, indem alles, was in eintzelen Dingen anzu- treffen, determiniret ſeyn muß (§. 27. c. 1 Log.); ſo kan auch die Materie in einem Coͤrper nicht in Ruhe ſeyn, folgends muß ſie ſich ſtets bewegen. Und eben hier- aus ſiehet man, daß diejenigen, welche die Materie ohne Bewegung annehmen, und nichts darinnen als dasjenige, wo von ih-
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und der Natur der Coͤrper.
treffen ſeyn (§. 6.); ſo laͤſſet ſich nun gar
leicht begreiffen, daß alle Materie beſtaͤndig
in Bewegung ſeyn muͤſſe. Denn entwe-
der alle Materie, die in einem Raume ent-
halten, iſt beſtaͤndig in Bewegung, oder
nicht. Man ſetze, ſie ſey nicht in Bewe-
gung, ſondern die Theile ruhen neben ein-
ander. Weil die Figur nichts anders iſt
als der Schrancken der Ausdehnung (§.
54. Met.), in einem gantz vollen Raume
aber, darinnen keine Bewegung anzutref-
fen, nichts vorhanden iſt, welches Schran-
cken ſetzen koͤnnte; ſo gehet auch darinnen
alles in einem fort und man findet in dem,
was man als Theile annehmen will, kei-
nen anderen Unterſcheid als den Ort. Kein
Theil hat wuͤrcklich eine Groͤſſe, oder Figur,
ſondern es iſt geſchickt eine jede Figur und
Groͤſſe anzunehmen, die man ihm geben
will. Und auf ſolche Weiſe waͤren wuͤrck-
lich Dinge vorhanden, die ſich noch
ferner auf unendliche Weiſe determini-
ren lieſſen. Da nun dieſes unmoͤglich iſt,
indem alles, was in eintzelen Dingen anzu-
treffen, determiniret ſeyn muß (§. 27. c. 1
Log.); ſo kan auch die Materie in einem
Coͤrper nicht in Ruhe ſeyn, folgends muß
ſie ſich ſtets bewegen. Und eben hier-
aus ſiehet man, daß diejenigen, welche die
Materie ohne Bewegung annehmen, und
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Wolff, Christian von: Vernünfftige Gedancken Von den Würckungen der Natur. Halle (Saale), 1723, S. 23. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/wolff_naturwuerckungen_1723/59>, abgerufen am 21.11.2024.
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