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Klepperbein, Vertraugott: Den Todt im Leben Und das Leben im Tode. Schlichtingsheim (Oder), 1693.

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Abdanckungs-Rede.
niger sie anrühre/ bey Gefahr der Verunreinigung; Ein
Todter verunreinigte die Zimmer/ worinnen er lag/ ja
auch die offene Gefässe und Geräthe/ die im Zimmer sich
befunden/ der hinein kam wurde beflecket; Wer ein Tod-
ten-Gebein oder Grab anrührete/ muste sich durch ein
Spreng-wasser reinigen lassen/ ja die Erde/ worauf ein
Todter lag/ war unheilig. Dieser Verunreinigungs-Ur-
sachen/ und ihr Absehen/ sind zwar sonst von andern/ zur
Genüge außgeführet/ dehnen aber man gar wohl dieses zu-
setzen kan/ daß die Jsraeliten durch solches Verboth/ sich
vor den Todten gehüttet/ und also einen Abscheu darfür
bekommen. Das Kunst-Buch der Natur/ wird gleichfals
hierinn unser geheimer Lehrmeister seyn/ welches bezeuget/
daß den Menschen es eingepflantzet sey/ viel lieber ange-
nehme als eckelhaffte Dinge/ anzuschauen. Man siehet
mit Thränen an die erblasten Gebeine derer Verstorbe-
nen/ man erblicket nicht ohne Mitleiden die eingeäscherten
Städte/ zerfallene Schlösser/ verwüstete ungeheure Pal-
läste/ zerstöhrete Häuser/ verrenckete Glieder/ gelähmete
und schadhaffte Thiere/ ja der Untergang aller Dinge ist
betrübet; Wo nun der Tod/ als ein König des Schreckens
hinkommet/ da machet er vollends alles erschrecklich. Es
mercketen auch die weisen Heyden/ daß einiger Eckel und
Grauen/ bey den Sterbenden und Todten sey; Die Erde
wurde bey ihnen für unrein erkläret/ darauff ein Todter
lag; Wie denn keine unbillige Meynung zu bejahen/ daß
sie auch deswegen ihre Todten einbalsamiret/ damit sie ih-
rer Freunde Cörper ohn Eckel desto länger erhalten möch-
ten/ und der weiche und süßliche Todten-Geruch/ so ein

Grauen

Abdanckungs-Rede.
niger ſie anruͤhre/ bey Gefahr der Verunreinigung; Ein
Todter verunreinigte die Zimmer/ worinnen er lag/ ja
auch die offene Gefaͤſſe und Geraͤthe/ die im Zimmer ſich
befunden/ der hinein kam wurde beflecket; Wer ein Tod-
ten-Gebein oder Grab anruͤhrete/ muſte ſich durch ein
Spreng-waſſer reinigen laſſen/ ja die Erde/ worauf ein
Todter lag/ war unheilig. Dieſer Verunreinigungs-Ur-
ſachen/ und ihr Abſehen/ ſind zwar ſonſt von andern/ zur
Genuͤge außgefuͤhret/ dehnen aber man gar wohl dieſes zu-
ſetzen kan/ daß die Jſraeliten durch ſolches Verboth/ ſich
vor den Todten gehuͤttet/ und alſo einen Abſcheu darfuͤr
bekommen. Das Kunſt-Buch deꝛ Natur/ wird gleichfals
hieriñ unſer geheimer Lehrmeiſter ſeyn/ welches bezeuget/
daß den Menſchen es eingepflantzet ſey/ viel lieber ange-
nehme als eckelhaffte Dinge/ anzuſchauen. Man ſiehet
mit Thraͤnen an die erblaſten Gebeine derer Verſtorbe-
nen/ man erblicket nicht ohne Mitleiden die eingeaͤſcherten
Staͤdte/ zerfallene Schloͤſſer/ verwuͤſtete ungeheure Pal-
laͤſte/ zerſtoͤhrete Haͤuſer/ verꝛenckete Glieder/ gelaͤhmete
und ſchadhaffte Thiere/ ja der Untergang aller Dinge iſt
betruͤbet; Wo nun der Tod/ als ein Koͤnig des Schreckens
hinkommet/ da machet er vollends alles erſchrecklich. Es
mercketen auch die weiſen Heyden/ daß einiger Eckel und
Grauen/ bey den Sterbenden und Todten ſey; Die Erde
wurde bey ihnen fuͤr unrein erklaͤret/ darauff ein Todter
lag; Wie denn keine unbillige Meynung zu bejahen/ daß
ſie auch deswegen ihre Todten einbalſamiret/ damit ſie ih-
rer Freunde Coͤrper ohn Eckel deſto laͤnger erhalten moͤch-
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[6/0006] Abdanckungs-Rede. niger ſie anruͤhre/ bey Gefahr der Verunreinigung; Ein Todter verunreinigte die Zimmer/ worinnen er lag/ ja auch die offene Gefaͤſſe und Geraͤthe/ die im Zimmer ſich befunden/ der hinein kam wurde beflecket; Wer ein Tod- ten-Gebein oder Grab anruͤhrete/ muſte ſich durch ein Spreng-waſſer reinigen laſſen/ ja die Erde/ worauf ein Todter lag/ war unheilig. Dieſer Verunreinigungs-Ur- ſachen/ und ihr Abſehen/ ſind zwar ſonſt von andern/ zur Genuͤge außgefuͤhret/ dehnen aber man gar wohl dieſes zu- ſetzen kan/ daß die Jſraeliten durch ſolches Verboth/ ſich vor den Todten gehuͤttet/ und alſo einen Abſcheu darfuͤr bekommen. Das Kunſt-Buch deꝛ Natur/ wird gleichfals hieriñ unſer geheimer Lehrmeiſter ſeyn/ welches bezeuget/ daß den Menſchen es eingepflantzet ſey/ viel lieber ange- nehme als eckelhaffte Dinge/ anzuſchauen. Man ſiehet mit Thraͤnen an die erblaſten Gebeine derer Verſtorbe- nen/ man erblicket nicht ohne Mitleiden die eingeaͤſcherten Staͤdte/ zerfallene Schloͤſſer/ verwuͤſtete ungeheure Pal- laͤſte/ zerſtoͤhrete Haͤuſer/ verꝛenckete Glieder/ gelaͤhmete und ſchadhaffte Thiere/ ja der Untergang aller Dinge iſt betruͤbet; Wo nun der Tod/ als ein Koͤnig des Schreckens hinkommet/ da machet er vollends alles erſchrecklich. Es mercketen auch die weiſen Heyden/ daß einiger Eckel und Grauen/ bey den Sterbenden und Todten ſey; Die Erde wurde bey ihnen fuͤr unrein erklaͤret/ darauff ein Todter lag; Wie denn keine unbillige Meynung zu bejahen/ daß ſie auch deswegen ihre Todten einbalſamiret/ damit ſie ih- rer Freunde Coͤrper ohn Eckel deſto laͤnger erhalten moͤch- ten/ und der weiche und ſuͤßliche Todten-Geruch/ ſo ein Grauen

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Zitationshilfe: Klepperbein, Vertraugott: Den Todt im Leben Und das Leben im Tode. Schlichtingsheim (Oder), 1693, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/359522/6>, abgerufen am 04.12.2022.