über das 5. Jahrhundert n. Chr. zurückgehen. Auch handelt es sich nicht um einzelne aus Schlacken aufgebaute Grabhügel, die, wie unter anderem im benachbarten Sachsenwalde, mit Urnen aus dem 1. Jahr- hundert n. Chr. besetzt waren, noch um ähnliche Funde wie das durch Estorff beschriebene und sicher der vorchristlichen Zeit angehörende Urnenlager bei Veerssen, mit Urnen, denen Eisenschlacken zur Unter- lage oder als Deckel dienten. Vielmehr sind es andere, erst in den letzteren Jahren angestellte, zu den wichtigsten Folgerungen führende Beobachtungen, die ich in diesen Blättern zur Sprache bringen möchte.
Wenn man die Abhänge der dünenartigen, älteren Alluvialbildungen an den Ufern der unteren Leine, insbesondere auch der von kleineren Zuflüssen halbinselartig eingeschlossenen Anhöhen mit Aufmerksamkeit untersucht, so wird man bald in einer Tiefe von 0,3 bis 1 m unter der Oberfläche eine Art Kulturschicht, eine durch das ganze, oft mehrere Hektare grosse Terrain sich hinziehende Ablagerung von Artefakten wahrnehmen, die vorherrschend aus einer fast unglaublichen Menge kleiner Topfscherben untermischt mit Eisenschlacken besteht, nebst einzelnen eisernen Gegenständen, Steingeräten und Feuerstein- splittern, sowie mit Kohlenresten, Tierknochen und vegetabilischen Abfällen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass wir es hier nicht etwa mit den Trümmern durch den Pflug aufgewühlter und zerstörter Urnenlager, sondern mit den Rückständen uralter Niederlassungen zu thun haben, die, wie ihre Lage ergiebt, aus einer Zeit stammen, als der Leinefluss noch nicht in sein jetziges Bett zurückgetreten war. Dies bestätigt sich noch weiter durch die Resultate der Nachgrabungen, welche vor etwa zwei Jahren im Amte Neustadt a. R. von mir in Ge- meinschaft mit Herrn v. Stolzenberg vorgenommen wurden, bei denen nicht nur jene vorhin erwähnten Abfälle und Bruchstücke, sondern auch Fundamentierungen aus Feldsteinen, Herdstellen aus Granit- blöcken und die Überreste kleiner Schmelzgruben entdeckt wurden.
Als speziell von uns untersuchte Lokalitäten nenne ich den hohen Berg am linken Leineufer, in der Nähe von Amedorf belegen, den so- genannten Winkelhagen, eine schmale Düne zwischen dem Gürsebach und dem Ufer des alten Leinebettes in der Feldmark Luttmersen; den Hohen Hof, eine inselförmige Düne am linken Leineufer, südwestlich von Basse und besonders ein nordöstlich von diesem Dorfe am rechten Leineufer belegenes Grundstück. Hier fanden sich beim Abkarren des Bodens zwischen den Topfscherben nicht nur eine Menge kleiner Schlackenstücke, sondern auch auffallend viel grosse Schlacken, dar- unter zehn kugelsegmentförmige, von denen jede mindestens 50 kg
Einleitung zum Mittelalter.
über das 5. Jahrhundert n. Chr. zurückgehen. Auch handelt es sich nicht um einzelne aus Schlacken aufgebaute Grabhügel, die, wie unter anderem im benachbarten Sachsenwalde, mit Urnen aus dem 1. Jahr- hundert n. Chr. besetzt waren, noch um ähnliche Funde wie das durch Estorff beschriebene und sicher der vorchristlichen Zeit angehörende Urnenlager bei Veerssen, mit Urnen, denen Eisenschlacken zur Unter- lage oder als Deckel dienten. Vielmehr sind es andere, erst in den letzteren Jahren angestellte, zu den wichtigsten Folgerungen führende Beobachtungen, die ich in diesen Blättern zur Sprache bringen möchte.
Wenn man die Abhänge der dünenartigen, älteren Alluvialbildungen an den Ufern der unteren Leine, insbesondere auch der von kleineren Zuflüssen halbinselartig eingeschlossenen Anhöhen mit Aufmerksamkeit untersucht, so wird man bald in einer Tiefe von 0,3 bis 1 m unter der Oberfläche eine Art Kulturschicht, eine durch das ganze, oft mehrere Hektare groſse Terrain sich hinziehende Ablagerung von Artefakten wahrnehmen, die vorherrschend aus einer fast unglaublichen Menge kleiner Topfscherben untermischt mit Eisenschlacken besteht, nebst einzelnen eisernen Gegenständen, Steingeräten und Feuerstein- splittern, sowie mit Kohlenresten, Tierknochen und vegetabilischen Abfällen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daſs wir es hier nicht etwa mit den Trümmern durch den Pflug aufgewühlter und zerstörter Urnenlager, sondern mit den Rückständen uralter Niederlassungen zu thun haben, die, wie ihre Lage ergiebt, aus einer Zeit stammen, als der Leinefluſs noch nicht in sein jetziges Bett zurückgetreten war. Dies bestätigt sich noch weiter durch die Resultate der Nachgrabungen, welche vor etwa zwei Jahren im Amte Neustadt a. R. von mir in Ge- meinschaft mit Herrn v. Stolzenberg vorgenommen wurden, bei denen nicht nur jene vorhin erwähnten Abfälle und Bruchstücke, sondern auch Fundamentierungen aus Feldsteinen, Herdstellen aus Granit- blöcken und die Überreste kleiner Schmelzgruben entdeckt wurden.
Als speziell von uns untersuchte Lokalitäten nenne ich den hohen Berg am linken Leineufer, in der Nähe von Amedorf belegen, den so- genannten Winkelhagen, eine schmale Düne zwischen dem Gürsebach und dem Ufer des alten Leinebettes in der Feldmark Luttmersen; den Hohen Hof, eine inselförmige Düne am linken Leineufer, südwestlich von Basse und besonders ein nordöstlich von diesem Dorfe am rechten Leineufer belegenes Grundstück. Hier fanden sich beim Abkarren des Bodens zwischen den Topfscherben nicht nur eine Menge kleiner Schlackenstücke, sondern auch auffallend viel groſse Schlacken, dar- unter zehn kugelsegmentförmige, von denen jede mindestens 50 kg
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Einleitung zum Mittelalter.
über das 5. Jahrhundert n. Chr. zurückgehen. Auch handelt es sich
nicht um einzelne aus Schlacken aufgebaute Grabhügel, die, wie unter
anderem im benachbarten Sachsenwalde, mit Urnen aus dem 1. Jahr-
hundert n. Chr. besetzt waren, noch um ähnliche Funde wie das durch
Estorff beschriebene und sicher der vorchristlichen Zeit angehörende
Urnenlager bei Veerssen, mit Urnen, denen Eisenschlacken zur Unter-
lage oder als Deckel dienten. Vielmehr sind es andere, erst in den
letzteren Jahren angestellte, zu den wichtigsten Folgerungen führende
Beobachtungen, die ich in diesen Blättern zur Sprache bringen möchte.
Wenn man die Abhänge der dünenartigen, älteren Alluvialbildungen
an den Ufern der unteren Leine, insbesondere auch der von kleineren
Zuflüssen halbinselartig eingeschlossenen Anhöhen mit Aufmerksamkeit
untersucht, so wird man bald in einer Tiefe von 0,3 bis 1 m unter
der Oberfläche eine Art Kulturschicht, eine durch das ganze, oft
mehrere Hektare groſse Terrain sich hinziehende Ablagerung von
Artefakten wahrnehmen, die vorherrschend aus einer fast unglaublichen
Menge kleiner Topfscherben untermischt mit Eisenschlacken besteht,
nebst einzelnen eisernen Gegenständen, Steingeräten und Feuerstein-
splittern, sowie mit Kohlenresten, Tierknochen und vegetabilischen
Abfällen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daſs wir es hier nicht
etwa mit den Trümmern durch den Pflug aufgewühlter und zerstörter
Urnenlager, sondern mit den Rückständen uralter Niederlassungen zu
thun haben, die, wie ihre Lage ergiebt, aus einer Zeit stammen, als der
Leinefluſs noch nicht in sein jetziges Bett zurückgetreten war. Dies
bestätigt sich noch weiter durch die Resultate der Nachgrabungen,
welche vor etwa zwei Jahren im Amte Neustadt a. R. von mir in Ge-
meinschaft mit Herrn v. Stolzenberg vorgenommen wurden, bei denen
nicht nur jene vorhin erwähnten Abfälle und Bruchstücke, sondern
auch Fundamentierungen aus Feldsteinen, Herdstellen aus Granit-
blöcken und die Überreste kleiner Schmelzgruben entdeckt wurden.
Als speziell von uns untersuchte Lokalitäten nenne ich den hohen
Berg am linken Leineufer, in der Nähe von Amedorf belegen, den so-
genannten Winkelhagen, eine schmale Düne zwischen dem Gürsebach
und dem Ufer des alten Leinebettes in der Feldmark Luttmersen; den
Hohen Hof, eine inselförmige Düne am linken Leineufer, südwestlich
von Basse und besonders ein nordöstlich von diesem Dorfe am rechten
Leineufer belegenes Grundstück. Hier fanden sich beim Abkarren
des Bodens zwischen den Topfscherben nicht nur eine Menge kleiner
Schlackenstücke, sondern auch auffallend viel groſse Schlacken, dar-
unter zehn kugelsegmentförmige, von denen jede mindestens 50 kg
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Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 1: Von der ältesten Zeit bis um das Jahr 1500 n. Chr. Braunschweig, 1884, S. 637. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/beck_eisen01_1884/659>, abgerufen am 22.11.2024.
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