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Becker, Bernhard: Wie Arbeiterwohnungen gut und gesund einzurichten und zu erhalten seien. Basel, 1860.

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Seiten des Landes kamen günstige Berichte über den Erfolg
dieser Schlußnahme."



IV.

Was wir nun hier über schlechte Wohnungen als die
furchtbare Quelle so vieler und früher Todesfälle, häufiger
und bösartiger Krankheiten, Entsittlichung, Armuth und Laster
aller Art gesagt haben, haben wir zunächst allerdings aus den
großen Städten und den Ländern draußen hergenommen, und
gilt das in dieser Weise nicht von der Schweiz. Jn der Schweiz
haben wir diese großen Städte mit ihren ungeheuren Menschen-
massen nicht; diese schroffe Scheidung zwischen arm und reich,
ja der Lebensverhältnisse überhaupt nicht. Wenn man aber
damit sagen wollte: ähnliche Bestrebungen, Leben und Gesund-
heit zu verbessern, wären für uns in der Schweiz überflüssig
oder nicht am Platz, so beginge man damit keine kleine Thor-
heit. Wir haben in der Schweiz bereits ansehnliche Städte
mit einer zahlreichen Bevölkerung, namentlich auch mit bedeu-
tender industriellen Bevölkerung; haben auch in unsern Schwei-
zerstädten gesundere und ungesundere Quartiere, Quartiere, aus
denen gewisse Krankheiten, z. B. nervöse Fieber, nicht mehr recht
weichen wollen. Die Cholera hat bereits auch an unsere Schweiz
angeklopft. Sodann handelt es sich hier gar nicht ausschließlich
nur um Städte und städtische Bevölkerung, um Jndustrie und
industrielle Bevölkerung. Um was es sich hier handelt, das
geht auch die Landbevölkerung an, die Bevölkerung in großen
industriellen Dörfern und die Bevölkerung, ärmere und reichere,
der Bauerndörfer und einzelnen Gehöfte. Es ist ein großer
Jrrthum, wenn man meint, mit dem Ausdruck Land sei schon
alles recht und gut und ein Landbewohner sei das höchste Jdeal
von Leben und Gesundheit. Es giebt in der Weltstadt London
Häuser um die schönen, großen, grünen Plätze herum, wie sie
in London häufig vorkommen: die sind von der Sonne be-
schienen, athmen eine Luft, genießen einer Aussicht ins Grüne,
daß dagegen manches Schweizerhaus in einem armen Dörfchen
mit den Misthaufen vorn und hinten sich nicht vergleichen wird

Seiten des Landes kamen günſtige Berichte über den Erfolg
dieſer Schlußnahme.“



IV.

Was wir nun hier über ſchlechte Wohnungen als die
furchtbare Quelle ſo vieler und früher Todesfälle, häufiger
und bösartiger Krankheiten, Entſittlichung, Armuth und Laſter
aller Art geſagt haben, haben wir zunächſt allerdings aus den
großen Städten und den Ländern draußen hergenommen, und
gilt das in dieſer Weiſe nicht von der Schweiz. Jn der Schweiz
haben wir dieſe großen Städte mit ihren ungeheuren Menſchen-
maſſen nicht; dieſe ſchroffe Scheidung zwiſchen arm und reich,
ja der Lebensverhältniſſe überhaupt nicht. Wenn man aber
damit ſagen wollte: ähnliche Beſtrebungen, Leben und Geſund-
heit zu verbeſſern, wären für uns in der Schweiz überflüſſig
oder nicht am Platz, ſo beginge man damit keine kleine Thor-
heit. Wir haben in der Schweiz bereits anſehnliche Städte
mit einer zahlreichen Bevölkerung, namentlich auch mit bedeu-
tender induſtriellen Bevölkerung; haben auch in unſern Schwei-
zerſtädten geſundere und ungeſundere Quartiere, Quartiere, aus
denen gewiſſe Krankheiten, z. B. nervöſe Fieber, nicht mehr recht
weichen wollen. Die Cholera hat bereits auch an unſere Schweiz
angeklopft. Sodann handelt es ſich hier gar nicht ausſchließlich
nur um Städte und ſtädtiſche Bevölkerung, um Jnduſtrie und
induſtrielle Bevölkerung. Um was es ſich hier handelt, das
geht auch die Landbevölkerung an, die Bevölkerung in großen
induſtriellen Dörfern und die Bevölkerung, ärmere und reichere,
der Bauerndörfer und einzelnen Gehöfte. Es iſt ein großer
Jrrthum, wenn man meint, mit dem Ausdruck Land ſei ſchon
alles recht und gut und ein Landbewohner ſei das höchſte Jdeal
von Leben und Geſundheit. Es giebt in der Weltſtadt London
Häuſer um die ſchönen, großen, grünen Plätze herum, wie ſie
in London häufig vorkommen: die ſind von der Sonne be-
ſchienen, athmen eine Luft, genießen einer Ausſicht ins Grüne,
daß dagegen manches Schweizerhaus in einem armen Dörfchen
mit den Miſthaufen vorn und hinten ſich nicht vergleichen wird

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[24/0024] Seiten des Landes kamen günſtige Berichte über den Erfolg dieſer Schlußnahme.“ IV. Was wir nun hier über ſchlechte Wohnungen als die furchtbare Quelle ſo vieler und früher Todesfälle, häufiger und bösartiger Krankheiten, Entſittlichung, Armuth und Laſter aller Art geſagt haben, haben wir zunächſt allerdings aus den großen Städten und den Ländern draußen hergenommen, und gilt das in dieſer Weiſe nicht von der Schweiz. Jn der Schweiz haben wir dieſe großen Städte mit ihren ungeheuren Menſchen- maſſen nicht; dieſe ſchroffe Scheidung zwiſchen arm und reich, ja der Lebensverhältniſſe überhaupt nicht. Wenn man aber damit ſagen wollte: ähnliche Beſtrebungen, Leben und Geſund- heit zu verbeſſern, wären für uns in der Schweiz überflüſſig oder nicht am Platz, ſo beginge man damit keine kleine Thor- heit. Wir haben in der Schweiz bereits anſehnliche Städte mit einer zahlreichen Bevölkerung, namentlich auch mit bedeu- tender induſtriellen Bevölkerung; haben auch in unſern Schwei- zerſtädten geſundere und ungeſundere Quartiere, Quartiere, aus denen gewiſſe Krankheiten, z. B. nervöſe Fieber, nicht mehr recht weichen wollen. Die Cholera hat bereits auch an unſere Schweiz angeklopft. Sodann handelt es ſich hier gar nicht ausſchließlich nur um Städte und ſtädtiſche Bevölkerung, um Jnduſtrie und induſtrielle Bevölkerung. Um was es ſich hier handelt, das geht auch die Landbevölkerung an, die Bevölkerung in großen induſtriellen Dörfern und die Bevölkerung, ärmere und reichere, der Bauerndörfer und einzelnen Gehöfte. Es iſt ein großer Jrrthum, wenn man meint, mit dem Ausdruck Land ſei ſchon alles recht und gut und ein Landbewohner ſei das höchſte Jdeal von Leben und Geſundheit. Es giebt in der Weltſtadt London Häuſer um die ſchönen, großen, grünen Plätze herum, wie ſie in London häufig vorkommen: die ſind von der Sonne be- ſchienen, athmen eine Luft, genießen einer Ausſicht ins Grüne, daß dagegen manches Schweizerhaus in einem armen Dörfchen mit den Miſthaufen vorn und hinten ſich nicht vergleichen wird

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Zitationshilfe: Becker, Bernhard: Wie Arbeiterwohnungen gut und gesund einzurichten und zu erhalten seien. Basel, 1860, S. 24. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/becker_arbeiter_1860/24>, abgerufen am 16.04.2024.