Berlepsch, Hermann Alexander: Die Alpen in Natur- und Lebensbildern. Leipzig, 1871.Alpenglühen. unserem Herabkommen von der Wengern-Scheidegg ein Blumen¬meer feurigblühender Alpenrosen durchwanderten, und Itrammen- Alp, die noch vor wenig Minuten in sonnenheiterer Beleuchtung dalagen, -- sie ruhen nun im blauen Schatten; der Eiger aber und die Jungfrau und die ganze Bergkette erscheinen rosig-ange¬ haucht in ihren Firn-Lagern und Gletscher-Hängen, indessen das Ge¬ stein von Sekunde zu Sekunde immer dunkelrother sich färbt. Es ist das Alpenglühen, das herrlich-erhabene Schauspiel, welches be¬ ginnt. Ein strahlenloser, scharlach-feueriger Gluthball, ruht die Sonne auf dem langgestreckten Rücken des Chasseral und färbt alle Gegen¬ stände, die noch im Bereich ihrer Beleuchtung liegen, mit tiefpur¬ purnen Tinten. Unsere Kleider, Wäsche, ja selbst unser Antlitz er¬ scheinen im brennenden Orange und die graue Leinwandblouse un¬ seres Führers sieht carminviolett aus. Mit Riesenschritten klimmen jetzt die dunkelen Bergschatten an den Alpen hinauf und paralysi¬ ren alle Farben und Formen, die noch vor wenigen Augenblicken die einzelnen Felsgebilde so drastisch-markirt hervortreten ließen; aber im gleichen Maaße wächst auch die Intensität des Alpenglü¬ hens. Von Augenblick zu Augenblick steigert sich das Feuer. Uns entschwindet jetzt im Westen der, scheinbar zu riesiger, bisher noch nie gesehener Größe ausgedehnte, einer dunkelglimmenden Kohle gleichende Sonnenball. Jetzt ist es nur noch eine Halbkugel, die mit breiter Basis auf dem Jura ruht; nun nur noch ein flacher Cirkelschnitt, eine rundlich-gehobene Längenfläche, die hinter dem zwanzig Stunden entfernten Bergwall hervorschaut, -- jetzt noch eine schmale Linie, -- ein Stern, -- ein blitzender Punkt, -- -- fahr wohl! Segensgestirn, große Freudenbotin der Welt! -- Uns ist sie entschwunden! -- Drüben aber an den Eiszinnen der höchsten Alpen hat sie noch ihre Fanale angezündet, die wie rothflüssiges Metall emporlohen. Es ist ein Flammen-Dithyrambus, welchen die Natur im Abschiede von ihrer Lebensfreundin noch jubelnd durch die anbrechende Nacht hinausjauchzt. Alpenglühen. unſerem Herabkommen von der Wengern-Scheidegg ein Blumen¬meer feurigblühender Alpenroſen durchwanderten, und Itrammen- Alp, die noch vor wenig Minuten in ſonnenheiterer Beleuchtung dalagen, — ſie ruhen nun im blauen Schatten; der Eiger aber und die Jungfrau und die ganze Bergkette erſcheinen roſig-ange¬ haucht in ihren Firn-Lagern und Gletſcher-Hängen, indeſſen das Ge¬ ſtein von Sekunde zu Sekunde immer dunkelrother ſich färbt. Es iſt das Alpenglühen, das herrlich-erhabene Schauſpiel, welches be¬ ginnt. Ein ſtrahlenloſer, ſcharlach-feueriger Gluthball, ruht die Sonne auf dem langgeſtreckten Rücken des Chaſſeral und färbt alle Gegen¬ ſtände, die noch im Bereich ihrer Beleuchtung liegen, mit tiefpur¬ purnen Tinten. Unſere Kleider, Wäſche, ja ſelbſt unſer Antlitz er¬ ſcheinen im brennenden Orange und die graue Leinwandblouſe un¬ ſeres Führers ſieht carminviolett aus. Mit Rieſenſchritten klimmen jetzt die dunkelen Bergſchatten an den Alpen hinauf und paralyſi¬ ren alle Farben und Formen, die noch vor wenigen Augenblicken die einzelnen Felsgebilde ſo draſtiſch-markirt hervortreten ließen; aber im gleichen Maaße wächſt auch die Intenſität des Alpenglü¬ hens. Von Augenblick zu Augenblick ſteigert ſich das Feuer. Uns entſchwindet jetzt im Weſten der, ſcheinbar zu rieſiger, bisher noch nie geſehener Größe ausgedehnte, einer dunkelglimmenden Kohle gleichende Sonnenball. Jetzt iſt es nur noch eine Halbkugel, die mit breiter Baſis auf dem Jura ruht; nun nur noch ein flacher Cirkelſchnitt, eine rundlich-gehobene Längenfläche, die hinter dem zwanzig Stunden entfernten Bergwall hervorſchaut, — jetzt noch eine ſchmale Linie, — ein Stern, — ein blitzender Punkt, — — fahr wohl! Segensgeſtirn, große Freudenbotin der Welt! — Uns iſt ſie entſchwunden! — Drüben aber an den Eiszinnen der höchſten Alpen hat ſie noch ihre Fanale angezündet, die wie rothflüſſiges Metall emporlohen. Es iſt ein Flammen-Dithyrambus, welchen die Natur im Abſchiede von ihrer Lebensfreundin noch jubelnd durch die anbrechende Nacht hinausjauchzt. <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0274" n="242"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#fr #g">Alpenglühen</hi>.<lb/></fw>unſerem Herabkommen von der Wengern-Scheidegg ein Blumen¬<lb/> meer feurigblühender Alpenroſen durchwanderten, und Itrammen-<lb/> Alp, die noch vor wenig Minuten in ſonnenheiterer Beleuchtung<lb/> dalagen, — ſie ruhen nun im blauen Schatten; der Eiger aber<lb/> und die Jungfrau und die ganze Bergkette erſcheinen roſig-ange¬<lb/> haucht in ihren Firn-Lagern und Gletſcher-Hängen, indeſſen das Ge¬<lb/> ſtein von Sekunde zu Sekunde immer dunkelrother ſich färbt. Es<lb/> iſt das Alpenglühen, das herrlich-erhabene Schauſpiel, welches be¬<lb/> ginnt. 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Alpenglühen.
unſerem Herabkommen von der Wengern-Scheidegg ein Blumen¬
meer feurigblühender Alpenroſen durchwanderten, und Itrammen-
Alp, die noch vor wenig Minuten in ſonnenheiterer Beleuchtung
dalagen, — ſie ruhen nun im blauen Schatten; der Eiger aber
und die Jungfrau und die ganze Bergkette erſcheinen roſig-ange¬
haucht in ihren Firn-Lagern und Gletſcher-Hängen, indeſſen das Ge¬
ſtein von Sekunde zu Sekunde immer dunkelrother ſich färbt. Es
iſt das Alpenglühen, das herrlich-erhabene Schauſpiel, welches be¬
ginnt. Ein ſtrahlenloſer, ſcharlach-feueriger Gluthball, ruht die Sonne
auf dem langgeſtreckten Rücken des Chaſſeral und färbt alle Gegen¬
ſtände, die noch im Bereich ihrer Beleuchtung liegen, mit tiefpur¬
purnen Tinten. Unſere Kleider, Wäſche, ja ſelbſt unſer Antlitz er¬
ſcheinen im brennenden Orange und die graue Leinwandblouſe un¬
ſeres Führers ſieht carminviolett aus. Mit Rieſenſchritten klimmen
jetzt die dunkelen Bergſchatten an den Alpen hinauf und paralyſi¬
ren alle Farben und Formen, die noch vor wenigen Augenblicken
die einzelnen Felsgebilde ſo draſtiſch-markirt hervortreten ließen;
aber im gleichen Maaße wächſt auch die Intenſität des Alpenglü¬
hens. Von Augenblick zu Augenblick ſteigert ſich das Feuer. Uns
entſchwindet jetzt im Weſten der, ſcheinbar zu rieſiger, bisher noch
nie geſehener Größe ausgedehnte, einer dunkelglimmenden Kohle
gleichende Sonnenball. Jetzt iſt es nur noch eine Halbkugel, die
mit breiter Baſis auf dem Jura ruht; nun nur noch ein flacher
Cirkelſchnitt, eine rundlich-gehobene Längenfläche, die hinter dem
zwanzig Stunden entfernten Bergwall hervorſchaut, — jetzt noch
eine ſchmale Linie, — ein Stern, — ein blitzender Punkt, — — fahr
wohl! Segensgeſtirn, große Freudenbotin der Welt! — Uns iſt
ſie entſchwunden! — Drüben aber an den Eiszinnen der höchſten
Alpen hat ſie noch ihre Fanale angezündet, die wie rothflüſſiges
Metall emporlohen. Es iſt ein Flammen-Dithyrambus, welchen
die Natur im Abſchiede von ihrer Lebensfreundin noch jubelnd
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