Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott. Bd. 5. Hamburg, 1736.Hirten-Gedicht. Die äussre Schale dient zu seiner Sicherheit, Damit er, durch zu viele Feuchtigkeit, Die oftermahlen in der Erde, Wie auch durch Ungezieffer, nicht Verletzet und beschädigt werde. Jn seiner äussern Haut sind vieler Adern Gänge, Durch deren ungezehlte Menge Das Pfläntzlein sich ernährt, von einen zarten Saft. Es scheint sein fleischicht Wesen, Als wie im Ey der Dotter, auch erlesen Zur ersten Nahrungs-Kraft. Doch braucht es dessen nur so lang, und ferner nicht, Als ihm der Erden Saft gebricht. So bald er sich selbst aus der Erde nährt, So bald er sich mit diesem weiß zu füllen; Verweset dieser Theil, das Pfläntzlein scheint allein Das eigentliche Stück, um dessen willen Die andern alle sind, zu seyn. Desselben Theile sind nicht flüßig nur, auch fest, Und, wie es durch Vergrössrungs-Gläser sich Gantz deutlich unterscheiden läßt; Erblicket man in ihnen eigentlich Viel Fasern, welche, wie wir sehen, Aus grössern und aus kleineren bestehen. Die Grossen sind aus kleinern Röhren, Recht wunderbar gefügt, von denen einige, Die zarte Pflantze nähren, Wenn andre Röhren ihnen Zu Luft-Canälen dienen. Am allermeisten zeigt des Schöpfers weise Liebe, Die man nicht gnug bewundern kann, Die wunderwürdige Vermehrung an, Die
Hirten-Gedicht. Die aͤuſſre Schale dient zu ſeiner Sicherheit, Damit er, durch zu viele Feuchtigkeit, Die oftermahlen in der Erde, Wie auch durch Ungezieffer, nicht Verletzet und beſchaͤdigt werde. Jn ſeiner aͤuſſern Haut ſind vieler Adern Gaͤnge, Durch deren ungezehlte Menge Das Pflaͤntzlein ſich ernaͤhrt, von einen zarten Saft. Es ſcheint ſein fleiſchicht Weſen, Als wie im Ey der Dotter, auch erleſen Zur erſten Nahrungs-Kraft. Doch braucht es deſſen nur ſo lang, und ferner nicht, Als ihm der Erden Saft gebricht. So bald er ſich ſelbſt aus der Erde naͤhrt, So bald er ſich mit dieſem weiß zu fuͤllen; Verweſet dieſer Theil, das Pflaͤntzlein ſcheint allein Das eigentliche Stuͤck, um deſſen willen Die andern alle ſind, zu ſeyn. Deſſelben Theile ſind nicht fluͤßig nur, auch feſt, Und, wie es durch Vergroͤſſrungs-Glaͤſer ſich Gantz deutlich unterſcheiden laͤßt; Erblicket man in ihnen eigentlich Viel Faſern, welche, wie wir ſehen, Aus groͤſſern und aus kleineren beſtehen. Die Groſſen ſind aus kleinern Roͤhren, Recht wunderbar gefuͤgt, von denen einige, Die zarte Pflantze naͤhren, Wenn andre Roͤhren ihnen Zu Luft-Canaͤlen dienen. Am allermeiſten zeigt des Schoͤpfers weiſe Liebe, Die man nicht gnug bewundern kann, Die wunderwuͤrdige Vermehrung an, Die
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Hirten-Gedicht.
Die aͤuſſre Schale dient zu ſeiner Sicherheit,
Damit er, durch zu viele Feuchtigkeit,
Die oftermahlen in der Erde,
Wie auch durch Ungezieffer, nicht
Verletzet und beſchaͤdigt werde.
Jn ſeiner aͤuſſern Haut ſind vieler Adern Gaͤnge,
Durch deren ungezehlte Menge
Das Pflaͤntzlein ſich ernaͤhrt, von einen zarten Saft.
Es ſcheint ſein fleiſchicht Weſen,
Als wie im Ey der Dotter, auch erleſen
Zur erſten Nahrungs-Kraft.
Doch braucht es deſſen nur ſo lang, und ferner nicht,
Als ihm der Erden Saft gebricht.
So bald er ſich ſelbſt aus der Erde naͤhrt,
So bald er ſich mit dieſem weiß zu fuͤllen;
Verweſet dieſer Theil, das Pflaͤntzlein ſcheint allein
Das eigentliche Stuͤck, um deſſen willen
Die andern alle ſind, zu ſeyn.
Deſſelben Theile ſind nicht fluͤßig nur, auch feſt,
Und, wie es durch Vergroͤſſrungs-Glaͤſer ſich
Gantz deutlich unterſcheiden laͤßt;
Erblicket man in ihnen eigentlich
Viel Faſern, welche, wie wir ſehen,
Aus groͤſſern und aus kleineren beſtehen.
Die Groſſen ſind aus kleinern Roͤhren,
Recht wunderbar gefuͤgt, von denen einige,
Die zarte Pflantze naͤhren,
Wenn andre Roͤhren ihnen
Zu Luft-Canaͤlen dienen.
Am allermeiſten zeigt des Schoͤpfers weiſe Liebe,
Die man nicht gnug bewundern kann,
Die wunderwuͤrdige Vermehrung an,
Die
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Zitationshilfe: | Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott. Bd. 5. Hamburg, 1736, S. 91. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen05_1736/107>, abgerufen am 16.02.2025. |