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Franzos, Karl Emil: Weibliche Studenten. In: Die Gegenwart 23 (1881), S. 358–361; 24 (1881) S. 380–382; 25 (1881), S. 393–395.

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Die Gegenwart. Nr. 23.

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Weibliche Studenten.

Die Zahl der dickleibigen Bücher, welche bereits für und
gegen die Eignung der Frauen zu gelehrten Berufen geschrieben
worden, ist sicherlich weitaus größer, als jene der Damen, die
sich jemals ernstlich diesen Ständen zu widmen gedacht, und
was vollends die Zahl der einzelnen Artikel über diese Frage
betrifft, so dürften sich schwerlich von heute bis zum jüngsten
Tage in allen fünf Welttheilen zusammen gleich viele weibliche
Aerzte, Advocaten und Professoren finden. Wenn ich es dennoch
wage, nun auch mit meinem Scherflein zu kommen, so schöpfe
ich den Muth hierzu vor Allem aus dem Bewußtsein, der Frage
leidenschaftsloser und kühler gegenüberzustehen als Viele, deren
Ansichten man bisher hierüber vernommen. Jch vermag näm-
lich in dieser Berufswahl seitens der Frauen weder mit ihren
Gegnern eine sündige, naturwidrige und schädliche Thorheit, noch
mit ihren Verfechtern eine überaus nützliche und gerechte Maß-
regel, ja geradezu die Erlösung der Frauen aus unwürdigen
Banden zu erblicken. Nun ist freilich Kühlheit nicht in allen[Spaltenumbruch] Dingen gut, am wenigsten in der Behandlung von Principien-
fragen, und abgesehen von der geringeren Gefahr, es mit beiden
Parteien zu verderben, liegt auch die größere nahe, im Laviren
just den Kernpunkt der Frage zu umschiffen. Aber meines Er-
achtens ist die Frage durchaus keine principielle, sondern eine
Frage der Jndividualität, deren Beantwortung daher auch von
Fall zu Fall eine verschiedene sein muß, eben je nach dem Cha-
rakter, der geistigen und körperlichen Beschaffenheit des zukünf-
tigen Fräuleins Doctor. Jch glaube, daß es Fälle gibt, wo der
begeistertste Freund der "Frauen-Emancipation", sofern er nur
zugleich bei gesunder Vernunft ist, sich aus Leibeskräften dagegen
stemmen muß, daß eine gewisse Persönlichkeit sich zur Aerztin
ausbilde, und wieder andere Fälle, wo der erbitterste Gegner
dieser Richtung, sofern obige Bedingung auch bei ihm zutrifft,
einem solchen Entschlusse nicht entgegen sein wird. Ja noch
mehr! Der Grund für alle Wirrniß, die in dieser Frage herrscht,
für die Erbitterung der beiden streitenden Parteien, für die maß-
losen Uebertreibungen, in welchen sie sich gefallen, scheint mir
einzig darin zu liegen, daß man die Frage fälschlich und künst-
lich zu einer principiellen aufgebläht hat.

So sei es mir denn gestattet, vom Jndividuum auszugehen,
und die Erörterung über Berechtigung oder Nichtberechtigung
der Frauen zu akademischen Studien und Berufen mit der Er-
zählung eines persönlichen Erlebnisses einzuleiten, welches an sich
bedeutungslos ist, aber den Vorzug hat, mitten in die Frage
hineinzuführen.

Es war im Spätherbst 1879, als mich ein literarisches
Fest zu einer Reise nach Dresden verlockte. Am Tage vor An-
tritt derselben erhielt ich den Besuch eines lieben Schulfreundes,
der jetzt als ruthenischer Pfarrer in Galizien lebt, und als er
erfuhr, daß ich nach Dresden reise, fragte er mit eigenthümlichem
Lächeln, ob ich nicht seinen dortigen Freunden empfohlen sein
wolle. Jch verstand dieses Lächeln, denn ich wußte, daß der
warmherzige, phantastische Mann trotz seines würdevollen Amtes
eine Art platonischer Liebe für den Nihilismus, der übrigens
damals für sein Auge noch nicht die letzten krassen Ziele enthüllt
haben mochte, empfinde und mit Anhängern dieser Partei Ver-
bindung unterhalte. Jch lehnte dankend ab, und zwar auf
Grund von Erfahrungen, welche ich in Wien gemacht. Seitdem
nämlich meine Culturbilder aus Rußland auch ins Russische
übersetzt worden, hatten mich wiederholt durchreisende Damen
und Herren dieser Partei, oder doch Jndividuen, welche den
Zusammenhang derselben sehr geflissentlich betonten, mit ihrem
Besuche beehrt, wohl deshalb, weil sie in meiner Absicht, die
Schäden des Absolutismus aufzudecken, fälschlich eine antimonar-
chische Tendenz erkennen wollten, und ich hatte hierbei die Be-
obachtung gemacht, daß diese Unterredungen, auch wenn sie noch
so theoretisch mit Disputationen über die beste Staatsform oder
die Berechtigung des Gemeinbesitzes begannen, zum Schlusse
doch immer recht praktisch und für meinen Geldbeutel abträg-
lich wurden.

Mein Freund, der Pfarrer, mußte zwar zugeben, daß dies
monotone Ende sonst so abwechslungsreicher Unterredungen auf
die Dauer verstimmend wirken müsse, bestand jedoch nun um
so eifriger auf der Erfüllung seiner freundlichen Absicht. "Denn,"
meinte er, "es wäre höchst ungerecht, eine ganze Armee nur nach
den Gemeinen beurtheilen zu wollen, und Du wirst anders über
sie denken, wenn Du in Dresden ihre Offiziere, ihre Generale
kennen lernest!" Da ich nun allerdings nicht leugnen konnte,
daß jene Mitglieder der Partei, welche ich bisher kennen ge-
lernt, ziemlich Gemeine gewesen, so willigte ich ein, er schrieb
sofort den Brief und übergab ihn mir mit den Worten: "Jch
empfehle Dich gleich an die interessanteste Persönlichkeit, den
"rothen Major"!"

Trotz dieser vielversprechenden Charge ließ ich in Dresden
doch die Festtage vorbeigehen und fuhr erst am letzten Morgen
meines dortigen Aufenthaltes nach jener entlegenen Vorstadt,
wohin mich die Adresse des Briefs wies. Es war ein altes,
von Proletariern bewohntes Haus. Nach vielem Suchen fand
ich endlich die bezeichnete Wohnung; sie bestand aus einer ein-[Spaltenumbruch]

Die Gegenwart. Nr. 23.

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Weibliche Studenten.

Die Zahl der dickleibigen Bücher, welche bereits für und
gegen die Eignung der Frauen zu gelehrten Berufen geschrieben
worden, ist sicherlich weitaus größer, als jene der Damen, die
sich jemals ernstlich diesen Ständen zu widmen gedacht, und
was vollends die Zahl der einzelnen Artikel über diese Frage
betrifft, so dürften sich schwerlich von heute bis zum jüngsten
Tage in allen fünf Welttheilen zusammen gleich viele weibliche
Aerzte, Advocaten und Professoren finden. Wenn ich es dennoch
wage, nun auch mit meinem Scherflein zu kommen, so schöpfe
ich den Muth hierzu vor Allem aus dem Bewußtsein, der Frage
leidenschaftsloser und kühler gegenüberzustehen als Viele, deren
Ansichten man bisher hierüber vernommen. Jch vermag näm-
lich in dieser Berufswahl seitens der Frauen weder mit ihren
Gegnern eine sündige, naturwidrige und schädliche Thorheit, noch
mit ihren Verfechtern eine überaus nützliche und gerechte Maß-
regel, ja geradezu die Erlösung der Frauen aus unwürdigen
Banden zu erblicken. Nun ist freilich Kühlheit nicht in allen[Spaltenumbruch] Dingen gut, am wenigsten in der Behandlung von Principien-
fragen, und abgesehen von der geringeren Gefahr, es mit beiden
Parteien zu verderben, liegt auch die größere nahe, im Laviren
just den Kernpunkt der Frage zu umschiffen. Aber meines Er-
achtens ist die Frage durchaus keine principielle, sondern eine
Frage der Jndividualität, deren Beantwortung daher auch von
Fall zu Fall eine verschiedene sein muß, eben je nach dem Cha-
rakter, der geistigen und körperlichen Beschaffenheit des zukünf-
tigen Fräuleins Doctor. Jch glaube, daß es Fälle gibt, wo der
begeistertste Freund der „Frauen-Emancipation“, sofern er nur
zugleich bei gesunder Vernunft ist, sich aus Leibeskräften dagegen
stemmen muß, daß eine gewisse Persönlichkeit sich zur Aerztin
ausbilde, und wieder andere Fälle, wo der erbitterste Gegner
dieser Richtung, sofern obige Bedingung auch bei ihm zutrifft,
einem solchen Entschlusse nicht entgegen sein wird. Ja noch
mehr! Der Grund für alle Wirrniß, die in dieser Frage herrscht,
für die Erbitterung der beiden streitenden Parteien, für die maß-
losen Uebertreibungen, in welchen sie sich gefallen, scheint mir
einzig darin zu liegen, daß man die Frage fälschlich und künst-
lich zu einer principiellen aufgebläht hat.

So sei es mir denn gestattet, vom Jndividuum auszugehen,
und die Erörterung über Berechtigung oder Nichtberechtigung
der Frauen zu akademischen Studien und Berufen mit der Er-
zählung eines persönlichen Erlebnisses einzuleiten, welches an sich
bedeutungslos ist, aber den Vorzug hat, mitten in die Frage
hineinzuführen.

Es war im Spätherbst 1879, als mich ein literarisches
Fest zu einer Reise nach Dresden verlockte. Am Tage vor An-
tritt derselben erhielt ich den Besuch eines lieben Schulfreundes,
der jetzt als ruthenischer Pfarrer in Galizien lebt, und als er
erfuhr, daß ich nach Dresden reise, fragte er mit eigenthümlichem
Lächeln, ob ich nicht seinen dortigen Freunden empfohlen sein
wolle. Jch verstand dieses Lächeln, denn ich wußte, daß der
warmherzige, phantastische Mann trotz seines würdevollen Amtes
eine Art platonischer Liebe für den Nihilismus, der übrigens
damals für sein Auge noch nicht die letzten krassen Ziele enthüllt
haben mochte, empfinde und mit Anhängern dieser Partei Ver-
bindung unterhalte. Jch lehnte dankend ab, und zwar auf
Grund von Erfahrungen, welche ich in Wien gemacht. Seitdem
nämlich meine Culturbilder aus Rußland auch ins Russische
übersetzt worden, hatten mich wiederholt durchreisende Damen
und Herren dieser Partei, oder doch Jndividuen, welche den
Zusammenhang derselben sehr geflissentlich betonten, mit ihrem
Besuche beehrt, wohl deshalb, weil sie in meiner Absicht, die
Schäden des Absolutismus aufzudecken, fälschlich eine antimonar-
chische Tendenz erkennen wollten, und ich hatte hierbei die Be-
obachtung gemacht, daß diese Unterredungen, auch wenn sie noch
so theoretisch mit Disputationen über die beste Staatsform oder
die Berechtigung des Gemeinbesitzes begannen, zum Schlusse
doch immer recht praktisch und für meinen Geldbeutel abträg-
lich wurden.

Mein Freund, der Pfarrer, mußte zwar zugeben, daß dies
monotone Ende sonst so abwechslungsreicher Unterredungen auf
die Dauer verstimmend wirken müsse, bestand jedoch nun um
so eifriger auf der Erfüllung seiner freundlichen Absicht. „Denn,“
meinte er, „es wäre höchst ungerecht, eine ganze Armee nur nach
den Gemeinen beurtheilen zu wollen, und Du wirst anders über
sie denken, wenn Du in Dresden ihre Offiziere, ihre Generale
kennen lernest!“ Da ich nun allerdings nicht leugnen konnte,
daß jene Mitglieder der Partei, welche ich bisher kennen ge-
lernt, ziemlich Gemeine gewesen, so willigte ich ein, er schrieb
sofort den Brief und übergab ihn mir mit den Worten: „Jch
empfehle Dich gleich an die interessanteste Persönlichkeit, den
„rothen Major“!“

Trotz dieser vielversprechenden Charge ließ ich in Dresden
doch die Festtage vorbeigehen und fuhr erst am letzten Morgen
meines dortigen Aufenthaltes nach jener entlegenen Vorstadt,
wohin mich die Adresse des Briefs wies. Es war ein altes,
von Proletariern bewohntes Haus. Nach vielem Suchen fand
ich endlich die bezeichnete Wohnung; sie bestand aus einer ein-[Spaltenumbruch]

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So sei es mir denn gestattet, vom Jndividuum auszugehen, und die Erörterung über Berechtigung oder Nichtberechtigung der Frauen zu akademischen Studien und Berufen mit der Er- zählung eines persönlichen Erlebnisses einzuleiten, welches an sich bedeutungslos ist, aber den Vorzug hat, mitten in die Frage hineinzuführen. Es war im Spätherbst 1879, als mich ein literarisches Fest zu einer Reise nach Dresden verlockte. Am Tage vor An- tritt derselben erhielt ich den Besuch eines lieben Schulfreundes, der jetzt als ruthenischer Pfarrer in Galizien lebt, und als er erfuhr, daß ich nach Dresden reise, fragte er mit eigenthümlichem Lächeln, ob ich nicht seinen dortigen Freunden empfohlen sein wolle. Jch verstand dieses Lächeln, denn ich wußte, daß der warmherzige, phantastische Mann trotz seines würdevollen Amtes eine Art platonischer Liebe für den Nihilismus, der übrigens damals für sein Auge noch nicht die letzten krassen Ziele enthüllt haben mochte, empfinde und mit Anhängern dieser Partei Ver- bindung unterhalte. Jch lehnte dankend ab, und zwar auf Grund von Erfahrungen, welche ich in Wien gemacht. 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Es war ein altes, von Proletariern bewohntes Haus. Nach vielem Suchen fand ich endlich die bezeichnete Wohnung; sie bestand aus einer ein-

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Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Frauenstudium, betreut von Andreas Neumann und Anna Pfundt, FSU Jena und JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription. (2022-09-22T15:58:55Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Anna Pfundt, Dennis Dietrich: Bearbeitung der digitalen Edition. (2022-09-22T15:58:55Z)

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Bogensignaturen: keine Angabe; Druckfehler: gekennzeichnet; fremdsprachliches Material: keine Angabe; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage; I/J in Fraktur: wie Vorlage; i/j in Fraktur: keine Angabe; Kolumnentitel: gekennzeichnet; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine Angabe; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: wie Vorlage; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: keine Angabe; Zeilenumbrüche markiert: ja;




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Zitationshilfe: Franzos, Karl Emil: Weibliche Studenten. In: Die Gegenwart 23 (1881), S. 358–361; 24 (1881) S. 380–382; 25 (1881), S. 393–395, hier S. 358. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/franzos_studenten_1881/1>, abgerufen am 27.11.2022.