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Gerstäcker, Friedrich: Germelshausen. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 21. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 21–119. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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ein paar große, helle Thränen drängten sich in ihr Auge und fielen langsam auf ihr Mieder nieder.

Deine Mutter, mein gutes Kind? sagte Arnold erstaunt, deine Ur-Ur-Elternmutter, ja, die könnte es gewesen sein.

Nein, sagte Gertrud, meine rechte Mutter -- der Vater hat nachher wieder gefreit, und die zu Haus ist meine Stiefmutter.

Aber steht da nicht "gestorben 1224"?

Was kümmert mich das Jahr, sagte Gertrud traurig, -- es thut gar weh, wenn man so von der Mutter getrennt wird, und doch -- setzte sie leise und recht schmerzlich hinzu -- war es vielleicht gut -- recht gut, daß sie vorher zu Gott eingehen durfte.

Arnold bog sich kopfschüttelnd über den Stein, die Inschrift genauer zu erforschen, ob die erste 2 in der Jahreszahl vielleicht eine 8 sei, denn die alterthümliche Schrift machte das nicht unmöglich; aber die andere 2 glich der ersten auf ein Haar und 1884 schrieben sie noch lange nicht. Vielleicht hatte sich der Steinmetz geirrt, und das Mädchen war so in das Andenken an die Verstorbene vertieft, daß er sie nicht weiter durch vielleicht lästige Fragen stören mochte. Er ließ sie deßhalb bei dem Steine, an dem sie niedergesunken war und leise betete, um einige andere Denkmäler zu untersuchen; aber alle ohne Ausnahme trugen Jahreszahlen viele hundert Jahre zurück, selbst bis 930, ja 900 n. Chr. G., und kein neuerer Stein ließ sich auffinden, und doch wurden die Todten

ein paar große, helle Thränen drängten sich in ihr Auge und fielen langsam auf ihr Mieder nieder.

Deine Mutter, mein gutes Kind? sagte Arnold erstaunt, deine Ur-Ur-Elternmutter, ja, die könnte es gewesen sein.

Nein, sagte Gertrud, meine rechte Mutter — der Vater hat nachher wieder gefreit, und die zu Haus ist meine Stiefmutter.

Aber steht da nicht “gestorben 1224“?

Was kümmert mich das Jahr, sagte Gertrud traurig, — es thut gar weh, wenn man so von der Mutter getrennt wird, und doch — setzte sie leise und recht schmerzlich hinzu — war es vielleicht gut — recht gut, daß sie vorher zu Gott eingehen durfte.

Arnold bog sich kopfschüttelnd über den Stein, die Inschrift genauer zu erforschen, ob die erste 2 in der Jahreszahl vielleicht eine 8 sei, denn die alterthümliche Schrift machte das nicht unmöglich; aber die andere 2 glich der ersten auf ein Haar und 1884 schrieben sie noch lange nicht. Vielleicht hatte sich der Steinmetz geirrt, und das Mädchen war so in das Andenken an die Verstorbene vertieft, daß er sie nicht weiter durch vielleicht lästige Fragen stören mochte. Er ließ sie deßhalb bei dem Steine, an dem sie niedergesunken war und leise betete, um einige andere Denkmäler zu untersuchen; aber alle ohne Ausnahme trugen Jahreszahlen viele hundert Jahre zurück, selbst bis 930, ja 900 n. Chr. G., und kein neuerer Stein ließ sich auffinden, und doch wurden die Todten

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[0031] ein paar große, helle Thränen drängten sich in ihr Auge und fielen langsam auf ihr Mieder nieder. Deine Mutter, mein gutes Kind? sagte Arnold erstaunt, deine Ur-Ur-Elternmutter, ja, die könnte es gewesen sein. Nein, sagte Gertrud, meine rechte Mutter — der Vater hat nachher wieder gefreit, und die zu Haus ist meine Stiefmutter. Aber steht da nicht “gestorben 1224“? Was kümmert mich das Jahr, sagte Gertrud traurig, — es thut gar weh, wenn man so von der Mutter getrennt wird, und doch — setzte sie leise und recht schmerzlich hinzu — war es vielleicht gut — recht gut, daß sie vorher zu Gott eingehen durfte. Arnold bog sich kopfschüttelnd über den Stein, die Inschrift genauer zu erforschen, ob die erste 2 in der Jahreszahl vielleicht eine 8 sei, denn die alterthümliche Schrift machte das nicht unmöglich; aber die andere 2 glich der ersten auf ein Haar und 1884 schrieben sie noch lange nicht. Vielleicht hatte sich der Steinmetz geirrt, und das Mädchen war so in das Andenken an die Verstorbene vertieft, daß er sie nicht weiter durch vielleicht lästige Fragen stören mochte. Er ließ sie deßhalb bei dem Steine, an dem sie niedergesunken war und leise betete, um einige andere Denkmäler zu untersuchen; aber alle ohne Ausnahme trugen Jahreszahlen viele hundert Jahre zurück, selbst bis 930, ja 900 n. Chr. G., und kein neuerer Stein ließ sich auffinden, und doch wurden die Todten

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-14T15:22:05Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-14T15:22:05Z)

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Zitationshilfe: Gerstäcker, Friedrich: Germelshausen. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 21. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 21–119. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gerstaecker_germelshausen_1910/31>, abgerufen am 27.11.2022.