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Gerstäcker, Friedrich: Germelshausen. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 21. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 21–119. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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ten Ziel vor sich, da er ja nur dem schönen Werrathale zu zog, seine Studienmappe zu bereichern, sprang er auf einzelnen, großen Steinen trockenen Fußes über den Bach zur kurz gemähten Wiese drüben und schritt hier, auf dem elastischen Rasen und im Schatten dichter Erlenbüsche, rasch und sehr zufrieden mit seinem Tausche vorwärts.

Jetzt hab' ich den Vortheil, lachte er dabei vor sich hin, daß ich gar nicht weiß wohin ich komme. Hier steht kein langweiliger Wegweiser, der einem immer schon Stunden vorher sagt, wie der nächste Ort heißt, und dann jedesmal mit der Entfernung Unrecht hat. Wie die Leute hier nur ihre Stunden messen, möcht' ich wissen! Merkwürdig still ist's aber hier im Grunde, -- freilich, am Sonntage haben die Bauern draußen Nichts zu thun, und wenn sie die ganze Woche hinter ihrem Pfluge oder neben dem Wagen herlaufen müssen, halten sie am Sonntag nicht viel vom Spazierengehen, schlafen Morgens erst in der Kirche tüchtig aus und strecken die Beine dann nach dem Mittagsessen unter den Wirthstisch.-- Wirthstisch -- hm -- ein Glas Bier wäre jetzt bei der Hitze gar nicht so übel -- aber bis ich das bekommen kann, löscht auch die klare Flut hier den Durst. -- Und damit warf er Tornister und Hut ab, stieg zum Wasser nieder und trank nach Herzenslust.

Dadurch etwas abgekühlt, fiel sein Blick auf einen alten, wunderlich verwachsenen Weidenbaum, den er rasch und mit geübter Hand skizzirte, und jetzt vollständig

ten Ziel vor sich, da er ja nur dem schönen Werrathale zu zog, seine Studienmappe zu bereichern, sprang er auf einzelnen, großen Steinen trockenen Fußes über den Bach zur kurz gemähten Wiese drüben und schritt hier, auf dem elastischen Rasen und im Schatten dichter Erlenbüsche, rasch und sehr zufrieden mit seinem Tausche vorwärts.

Jetzt hab' ich den Vortheil, lachte er dabei vor sich hin, daß ich gar nicht weiß wohin ich komme. Hier steht kein langweiliger Wegweiser, der einem immer schon Stunden vorher sagt, wie der nächste Ort heißt, und dann jedesmal mit der Entfernung Unrecht hat. Wie die Leute hier nur ihre Stunden messen, möcht' ich wissen! Merkwürdig still ist's aber hier im Grunde, — freilich, am Sonntage haben die Bauern draußen Nichts zu thun, und wenn sie die ganze Woche hinter ihrem Pfluge oder neben dem Wagen herlaufen müssen, halten sie am Sonntag nicht viel vom Spazierengehen, schlafen Morgens erst in der Kirche tüchtig aus und strecken die Beine dann nach dem Mittagsessen unter den Wirthstisch.— Wirthstisch — hm — ein Glas Bier wäre jetzt bei der Hitze gar nicht so übel — aber bis ich das bekommen kann, löscht auch die klare Flut hier den Durst. — Und damit warf er Tornister und Hut ab, stieg zum Wasser nieder und trank nach Herzenslust.

Dadurch etwas abgekühlt, fiel sein Blick auf einen alten, wunderlich verwachsenen Weidenbaum, den er rasch und mit geübter Hand skizzirte, und jetzt vollständig

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[0009] ten Ziel vor sich, da er ja nur dem schönen Werrathale zu zog, seine Studienmappe zu bereichern, sprang er auf einzelnen, großen Steinen trockenen Fußes über den Bach zur kurz gemähten Wiese drüben und schritt hier, auf dem elastischen Rasen und im Schatten dichter Erlenbüsche, rasch und sehr zufrieden mit seinem Tausche vorwärts. Jetzt hab' ich den Vortheil, lachte er dabei vor sich hin, daß ich gar nicht weiß wohin ich komme. Hier steht kein langweiliger Wegweiser, der einem immer schon Stunden vorher sagt, wie der nächste Ort heißt, und dann jedesmal mit der Entfernung Unrecht hat. Wie die Leute hier nur ihre Stunden messen, möcht' ich wissen! Merkwürdig still ist's aber hier im Grunde, — freilich, am Sonntage haben die Bauern draußen Nichts zu thun, und wenn sie die ganze Woche hinter ihrem Pfluge oder neben dem Wagen herlaufen müssen, halten sie am Sonntag nicht viel vom Spazierengehen, schlafen Morgens erst in der Kirche tüchtig aus und strecken die Beine dann nach dem Mittagsessen unter den Wirthstisch.— Wirthstisch — hm — ein Glas Bier wäre jetzt bei der Hitze gar nicht so übel — aber bis ich das bekommen kann, löscht auch die klare Flut hier den Durst. — Und damit warf er Tornister und Hut ab, stieg zum Wasser nieder und trank nach Herzenslust. Dadurch etwas abgekühlt, fiel sein Blick auf einen alten, wunderlich verwachsenen Weidenbaum, den er rasch und mit geübter Hand skizzirte, und jetzt vollständig

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-14T15:22:05Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-14T15:22:05Z)

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Zitationshilfe: Gerstäcker, Friedrich: Germelshausen. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 21. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 21–119. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gerstaecker_germelshausen_1910/9>, abgerufen am 04.12.2022.