gerade dieser Fall der ruhigsten und der reinsten Entscheidung fähig sey. Man hat mir so oft den Vorwurf des Zauderns und der Ungewisheit gemacht; warum will man jetzt, da ich entschlossen bin, geradezu einen Fehler, den man an mir tadelte, gegen mich selbst begehn? giebt sich die Welt nur darum so viel Mühe uns zu bilden, um uns füh¬ len zu lassen, daß sie sich nicht bilden mag? Ja, gönnen Sie mir recht bald das heitere Gefühl, ein Mißverhältniß los zu werden, in das ich mit den reinsten Gesinnungen von der Welt gerathen bin.
Ohngeachtet dieser Bitte vergingen einige Tage, in denen er nichts von dieser Sache hörte, noch auch eine weitere Veränderung an seinen Freunden bemerkte, die Unter¬ haltung war vielmehr bloß allgemein und gleichgültig.
gerade dieſer Fall der ruhigſten und der reinſten Entſcheidung fähig ſey. Man hat mir ſo oft den Vorwurf des Zauderns und der Ungewisheit gemacht; warum will man jetzt, da ich entſchloſſen bin, geradezu einen Fehler, den man an mir tadelte, gegen mich ſelbſt begehn? giebt ſich die Welt nur darum ſo viel Mühe uns zu bilden, um uns füh¬ len zu laſſen, daß ſie ſich nicht bilden mag? Ja, gönnen Sie mir recht bald das heitere Gefühl, ein Mißverhältniß los zu werden, in das ich mit den reinſten Geſinnungen von der Welt gerathen bin.
Ohngeachtet dieſer Bitte vergingen einige Tage, in denen er nichts von dieſer Sache hörte, noch auch eine weitere Veränderung an ſeinen Freunden bemerkte, die Unter¬ haltung war vielmehr bloß allgemein und gleichgültig.
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gerade dieſer Fall der ruhigſten und der
reinſten Entſcheidung fähig ſey. Man hat
mir ſo oft den Vorwurf des Zauderns und
der Ungewisheit gemacht; warum will man
jetzt, da ich entſchloſſen bin, geradezu einen
Fehler, den man an mir tadelte, gegen mich
ſelbſt begehn? giebt ſich die Welt nur darum
ſo viel Mühe uns zu bilden, um uns füh¬
len zu laſſen, daß ſie ſich nicht bilden mag?
Ja, gönnen Sie mir recht bald das heitere
Gefühl, ein Mißverhältniß los zu werden,
in das ich mit den reinſten Geſinnungen von
der Welt gerathen bin.
Ohngeachtet dieſer Bitte vergingen einige
Tage, in denen er nichts von dieſer Sache
hörte, noch auch eine weitere Veränderung
an ſeinen Freunden bemerkte, die Unter¬
haltung war vielmehr bloß allgemein und
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Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Bd. 4. Frankfurt (Main) u. a., 1796, S. 382. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/goethe_lehrjahre04_1796/386>, abgerufen am 22.11.2024.
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