kommen, der auf die rechte Spur geräth: So gleich fällt die Schönheit seiner Wercke aller Welt in die Augen. Die deutsche Poesie kan uns zum Muster dienen. Alle unsre Vers- macher stacken vor hundert Jahren noch in der tiefsten Bar- barey. Der einzige Opitz, hatte aus Griechen und Römern, Holländern und Franzosen sich die Regeln des guten Ge- schmackes bekannt gemacht. Er folgte denenselben in seinen Gedichten, und verwarf alles was seine Vorfahren gestüm- pelt hatten. Alsbald wachte gantz Deutschland auf. Ein so unvermuthetes Licht fiel sehr starck in die Augen, und da fieng eine Menge von Poeten an zu singen, die nur dem Exem- pel dieses grossen Vorgängers folgeten, die Regeln der Alten aber nicht halb so gut kannten, als er. Sie bekamen also aus Lesung seiner Schrifften den guten Geschmack, nicht aber aus Regeln; und es wäre zu wünschen, daß ihn nur viele seiner Landesleute nicht wieder verderbet hätten.
Fraget man, wie man einen jungen Menschen zum guten Geschmacke in der Poesie bringen könne? So gebe ich diese Antwort: Man gebe ihm von Jugend auf lauter Poeten von gutem Geschmacke zu lesen. Terentz, Virgil, Horatz, von den Lateinern; Petrarcha und Tasso von Jtalienern; Mal- herbe, Boileau, Corneille, Racine, Moliere und Voltaire von Franzosen; Heins und Cats von Holländern; Opitz, Dach, Flemming, Tscherning, beyde Gryphier, Amthor, Canitz und Günther von unsern Landesleuten: Das sind die Muster die man jungen Leuten zur Nachfolge vorlegen muß. Man gehe dieselben mit ihnen durch; Man mache sie auf- mercksam auf die schönsten Stellen; Man entdecke ihnen einiger massen die Ursachen warum sie so schön sind, und zeige ihnen daß das Wiederspiel heßlich gewesen seyn würde. Man bemercke ihnen auch die schlechten Stellen, die sich als Uberbleibsele des übeln Geschmackes, auch bey allen ober- wehnten Scribenten noch hier und da finden. Dadurch wird man der Jugend unvermerckt eine Geschicklichkeit wohl zu urtheilen beybringen. Nichts wird ihr hernach gefallen können, was nicht eine wirckliche Schönheit hat. Und wenn sie gleich die innern Regeln der darinn befindlichen Vollkom-
menheit
Vom guten Geſchmacke eines Poeten.
kommen, der auf die rechte Spur geraͤth: So gleich faͤllt die Schoͤnheit ſeiner Wercke aller Welt in die Augen. Die deutſche Poeſie kan uns zum Muſter dienen. Alle unſre Vers- macher ſtacken vor hundert Jahren noch in der tiefſten Bar- barey. Der einzige Opitz, hatte aus Griechen und Roͤmern, Hollaͤndern und Franzoſen ſich die Regeln des guten Ge- ſchmackes bekannt gemacht. Er folgte denenſelben in ſeinen Gedichten, und verwarf alles was ſeine Vorfahren geſtuͤm- pelt hatten. Alsbald wachte gantz Deutſchland auf. Ein ſo unvermuthetes Licht fiel ſehr ſtarck in die Augen, und da fieng eine Menge von Poeten an zu ſingen, die nur dem Exem- pel dieſes groſſen Vorgaͤngers folgeten, die Regeln der Alten aber nicht halb ſo gut kannten, als er. Sie bekamen alſo aus Leſung ſeiner Schrifften den guten Geſchmack, nicht aber aus Regeln; und es waͤre zu wuͤnſchen, daß ihn nur viele ſeiner Landesleute nicht wieder verderbet haͤtten.
Fraget man, wie man einen jungen Menſchen zum guten Geſchmacke in der Poeſie bringen koͤnne? So gebe ich dieſe Antwort: Man gebe ihm von Jugend auf lauter Poeten von gutem Geſchmacke zu leſen. Terentz, Virgil, Horatz, von den Lateinern; Petrarcha und Taſſo von Jtalienern; Mal- herbe, Boileau, Corneille, Racine, Moliere und Voltaire von Franzoſen; Heins und Cats von Hollaͤndern; Opitz, Dach, Flemming, Tſcherning, beyde Gryphier, Amthor, Canitz und Guͤnther von unſern Landesleuten: Das ſind die Muſter die man jungen Leuten zur Nachfolge vorlegen muß. Man gehe dieſelben mit ihnen durch; Man mache ſie auf- merckſam auf die ſchoͤnſten Stellen; Man entdecke ihnen einiger maſſen die Urſachen warum ſie ſo ſchoͤn ſind, und zeige ihnen daß das Wiederſpiel heßlich geweſen ſeyn wuͤrde. Man bemercke ihnen auch die ſchlechten Stellen, die ſich als Uberbleibſele des uͤbeln Geſchmackes, auch bey allen ober- wehnten Scribenten noch hier und da finden. Dadurch wird man der Jugend unvermerckt eine Geſchicklichkeit wohl zu urtheilen beybringen. Nichts wird ihr hernach gefallen koͤnnen, was nicht eine wirckliche Schoͤnheit hat. Und wenn ſie gleich die innern Regeln der darinn befindlichen Vollkom-
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Vom guten Geſchmacke eines Poeten.
kommen, der auf die rechte Spur geraͤth: So gleich faͤllt
die Schoͤnheit ſeiner Wercke aller Welt in die Augen. Die
deutſche Poeſie kan uns zum Muſter dienen. Alle unſre Vers-
macher ſtacken vor hundert Jahren noch in der tiefſten Bar-
barey. Der einzige Opitz, hatte aus Griechen und Roͤmern,
Hollaͤndern und Franzoſen ſich die Regeln des guten Ge-
ſchmackes bekannt gemacht. Er folgte denenſelben in ſeinen
Gedichten, und verwarf alles was ſeine Vorfahren geſtuͤm-
pelt hatten. Alsbald wachte gantz Deutſchland auf. Ein
ſo unvermuthetes Licht fiel ſehr ſtarck in die Augen, und da
fieng eine Menge von Poeten an zu ſingen, die nur dem Exem-
pel dieſes groſſen Vorgaͤngers folgeten, die Regeln der Alten
aber nicht halb ſo gut kannten, als er. Sie bekamen alſo aus
Leſung ſeiner Schrifften den guten Geſchmack, nicht aber
aus Regeln; und es waͤre zu wuͤnſchen, daß ihn nur viele
ſeiner Landesleute nicht wieder verderbet haͤtten.
Fraget man, wie man einen jungen Menſchen zum guten
Geſchmacke in der Poeſie bringen koͤnne? So gebe ich dieſe
Antwort: Man gebe ihm von Jugend auf lauter Poeten von
gutem Geſchmacke zu leſen. Terentz, Virgil, Horatz, von
den Lateinern; Petrarcha und Taſſo von Jtalienern; Mal-
herbe, Boileau, Corneille, Racine, Moliere und Voltaire
von Franzoſen; Heins und Cats von Hollaͤndern; Opitz,
Dach, Flemming, Tſcherning, beyde Gryphier, Amthor,
Canitz und Guͤnther von unſern Landesleuten: Das ſind die
Muſter die man jungen Leuten zur Nachfolge vorlegen muß.
Man gehe dieſelben mit ihnen durch; Man mache ſie auf-
merckſam auf die ſchoͤnſten Stellen; Man entdecke ihnen
einiger maſſen die Urſachen warum ſie ſo ſchoͤn ſind, und zeige
ihnen daß das Wiederſpiel heßlich geweſen ſeyn wuͤrde.
Man bemercke ihnen auch die ſchlechten Stellen, die ſich als
Uberbleibſele des uͤbeln Geſchmackes, auch bey allen ober-
wehnten Scribenten noch hier und da finden. Dadurch wird
man der Jugend unvermerckt eine Geſchicklichkeit wohl zu
urtheilen beybringen. Nichts wird ihr hernach gefallen
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Gottsched, Johann Christoph: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig, 1730, S. 109. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/gottsched_versuch_1730/137>, abgerufen am 02.03.2025.
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