fangspuncte alles psychologischen Nachdenkens; abgese- hen von ihnen, was hätten wir von der Seele zu sagen oder zu fragen? Nun soll auch aus den Principien et- was weiteres erkannt werden; und hier möchte man sich vielleicht nicht mit den Gesetzen der geistigen Ereignisse begnügen wollen, sondern auch noch Aufschluss über das reale Wesen der Seele verlangen. Allein ob dieses er- kennbar sey? wird wohl der Leser das vor der Untersu- chung entscheiden wollen? Wir suchen ein speculatives Wissen; also freylich kein blosses Register von That- sachen, sondern eine gesetzmässige Verknüpfung dersel- ben; darüber hinaus grundlose Behauptungen aufzustel- len, würde Nichts helfen; ergiebt sich aber auf rechtmä- ssigem Wege noch etwas Mehr, so ist dies als eine will- kommene Zugabe zu betrachten.
Wenn nun gleich die gegebene Antwort einleuch- tend ist, so hat sie doch nur den Werth einer Nominal- Definition. Denn wir sehen noch nicht, ob es denn sol- che Thatsachen des Bewusstseyns wirklich gebe, die zu Erkenntnissgründen der aufzusuchenden Gesetze dienen können? Welche es seyen? Wie man sie herauswäh- len könne aus der Fülle der innern Wahrnehmungen? Wie aus ihnen etwas folge, und wie Vieles? Ob man mehrere solche Thatsachen verbinden müsse, oder nicht? Ob man sich aller deren, welche die Würde von Prin- cipien behaupten können, nothwendig bedienen müsse; oder ob sie den mehrern Thoren Einer Stadt zu verglei- chen seyen, unter denen man wählen darf, weil jedes den Eingang zu der ganzen Stadt darbietet, obgleich vielleicht Eines schneller und bequemer als die andern, uns in den Mittelpunct der Stadt würde gelangen lassen?
Diese Fragen, ohne Zweifel schwer genug zu beant- worten, setzen alle schon voraus; dass man die Thatsa- chen des Bewusstseyns, so wie die innere Wahrnehmung sie darbietet, wenigstens kenne und übersehe. Aber hat uns die empirische Psychologie auch nur so weit vorge- arbeitet? Sie erzählt vom Vorstellungsvermögen, Gefühl-
fangspuncte alles psychologischen Nachdenkens; abgese- hen von ihnen, was hätten wir von der Seele zu sagen oder zu fragen? Nun soll auch aus den Principien et- was weiteres erkannt werden; und hier möchte man sich vielleicht nicht mit den Gesetzen der geistigen Ereignisse begnügen wollen, sondern auch noch Aufschluſs über das reale Wesen der Seele verlangen. Allein ob dieses er- kennbar sey? wird wohl der Leser das vor der Untersu- chung entscheiden wollen? Wir suchen ein speculatives Wissen; also freylich kein bloſses Register von That- sachen, sondern eine gesetzmäſsige Verknüpfung dersel- ben; darüber hinaus grundlose Behauptungen aufzustel- len, würde Nichts helfen; ergiebt sich aber auf rechtmä- ſsigem Wege noch etwas Mehr, so ist dies als eine will- kommene Zugabe zu betrachten.
Wenn nun gleich die gegebene Antwort einleuch- tend ist, so hat sie doch nur den Werth einer Nominal- Definition. Denn wir sehen noch nicht, ob es denn sol- che Thatsachen des Bewuſstseyns wirklich gebe, die zu Erkenntniſsgründen der aufzusuchenden Gesetze dienen können? Welche es seyen? Wie man sie herauswäh- len könne aus der Fülle der innern Wahrnehmungen? Wie aus ihnen etwas folge, und wie Vieles? Ob man mehrere solche Thatsachen verbinden müsse, oder nicht? Ob man sich aller deren, welche die Würde von Prin- cipien behaupten können, nothwendig bedienen müsse; oder ob sie den mehrern Thoren Einer Stadt zu verglei- chen seyen, unter denen man wählen darf, weil jedes den Eingang zu der ganzen Stadt darbietet, obgleich vielleicht Eines schneller und bequemer als die andern, uns in den Mittelpunct der Stadt würde gelangen lassen?
Diese Fragen, ohne Zweifel schwer genug zu beant- worten, setzen alle schon voraus; daſs man die Thatsa- chen des Bewuſstseyns, so wie die innere Wahrnehmung sie darbietet, wenigstens kenne und übersehe. Aber hat uns die empirische Psychologie auch nur so weit vorge- arbeitet? Sie erzählt vom Vorstellungsvermögen, Gefühl-
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fangspuncte alles psychologischen Nachdenkens; abgese-
hen von ihnen, was hätten wir von der Seele zu sagen
oder zu fragen? Nun soll auch aus den Principien et-
was weiteres erkannt werden; und hier möchte man sich
vielleicht nicht mit den Gesetzen der geistigen Ereignisse
begnügen wollen, sondern auch noch Aufschluſs über das
reale Wesen der Seele verlangen. Allein ob dieses er-
kennbar sey? wird wohl der Leser das vor der Untersu-
chung entscheiden wollen? Wir suchen ein speculatives
Wissen; also freylich kein bloſses Register von That-
sachen, sondern eine gesetzmäſsige Verknüpfung dersel-
ben; darüber hinaus grundlose Behauptungen aufzustel-
len, würde Nichts helfen; ergiebt sich aber auf rechtmä-
ſsigem Wege noch etwas Mehr, so ist dies als eine will-
kommene Zugabe zu betrachten.
Wenn nun gleich die gegebene Antwort einleuch-
tend ist, so hat sie doch nur den Werth einer Nominal-
Definition. Denn wir sehen noch nicht, ob es denn sol-
che Thatsachen des Bewuſstseyns wirklich gebe, die zu
Erkenntniſsgründen der aufzusuchenden Gesetze dienen
können? Welche es seyen? Wie man sie herauswäh-
len könne aus der Fülle der innern Wahrnehmungen?
Wie aus ihnen etwas folge, und wie Vieles? Ob man
mehrere solche Thatsachen verbinden müsse, oder nicht?
Ob man sich aller deren, welche die Würde von Prin-
cipien behaupten können, nothwendig bedienen müsse;
oder ob sie den mehrern Thoren Einer Stadt zu verglei-
chen seyen, unter denen man wählen darf, weil jedes
den Eingang zu der ganzen Stadt darbietet, obgleich
vielleicht Eines schneller und bequemer als die andern,
uns in den Mittelpunct der Stadt würde gelangen lassen?
Diese Fragen, ohne Zweifel schwer genug zu beant-
worten, setzen alle schon voraus; daſs man die Thatsa-
chen des Bewuſstseyns, so wie die innere Wahrnehmung
sie darbietet, wenigstens kenne und übersehe. Aber hat
uns die empirische Psychologie auch nur so weit vorge-
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Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 1. Königsberg, 1824, S. 8. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie01_1824/28>, abgerufen am 03.12.2024.
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