Sinn zu geben, welcher mit andern Stel- len der Schrift, und besonders mit der Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe Gottes übereinstimmeten. Die mehresten aber so ich hierüber gelesen, haben den Worten eine Bedeutung und Absicht beygeleget, welche gar zu sehr mit dem Zusammenhan- ge streiten, und ein Gemüth, welches zu Zweifeln geneigt ist, nicht leicht beruhigen. Jch habe dieses an mir selber und an andern erfahren. Ja ich kann hierüber nicht nur meine, sondern auch anderer Erfahrung beybringen. Jch kenne einen sehr gelehrten und gottesfürchtigen Doctor der Gottes- gelahrtheit, dessen Ruhm weiter, als die Grenzen von Deutschland gehen, und da- her auch in ein fremdes Reich gerufen wor- den, welcher eben dieses wahrgenommen, und derowegen auf die Gedanken kommen war, man müsse diese Worte in ihrer na- türlichen Bedeutung lassen, und sich be- mühen die eigentliche Beschaffenheit der Sache recht aufzuklären, so würde sich fin- den, daß selbige mit den Eigenschaften Gottes nicht stritte. Er hatte darüber ei- nen Aufsatz gemacht, und auch schon wirk- lich drucken lassen. Als dieses aber gesche- hen, befürchtete er, daß aus seinen un- schuldigen Erklärungen solche Folgen gezo- gen werden möchten, die er zwar nicht drinne fände, sondern selber äusserst verab- scheuete, die ihm aber doch von andern zur
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Sinn zu geben, welcher mit andern Stel- len der Schrift, und beſonders mit der Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe Gottes uͤbereinſtimmeten. Die mehreſten aber ſo ich hieruͤber geleſen, haben den Worten eine Bedeutung und Abſicht beygeleget, welche gar zu ſehr mit dem Zuſammenhan- ge ſtreiten, und ein Gemuͤth, welches zu Zweifeln geneigt iſt, nicht leicht beruhigen. Jch habe dieſes an mir ſelber und an andern erfahren. Ja ich kann hieruͤber nicht nur meine, ſondern auch anderer Erfahrung beybringen. Jch kenne einen ſehr gelehrten und gottesfuͤrchtigen Doctor der Gottes- gelahrtheit, deſſen Ruhm weiter, als die Grenzen von Deutſchland gehen, und da- her auch in ein fremdes Reich gerufen wor- den, welcher eben dieſes wahrgenommen, und derowegen auf die Gedanken kommen war, man muͤſſe dieſe Worte in ihrer na- tuͤrlichen Bedeutung laſſen, und ſich be- muͤhen die eigentliche Beſchaffenheit der Sache recht aufzuklaͤren, ſo wuͤrde ſich fin- den, daß ſelbige mit den Eigenſchaften Gottes nicht ſtritte. Er hatte daruͤber ei- nen Aufſatz gemacht, und auch ſchon wirk- lich drucken laſſen. Als dieſes aber geſche- hen, befuͤrchtete er, daß aus ſeinen un- ſchuldigen Erklaͤrungen ſolche Folgen gezo- gen werden moͤchten, die er zwar nicht drinne faͤnde, ſondern ſelber aͤuſſerſt verab- ſcheuete, die ihm aber doch von andern zur
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Sinn zu geben, welcher mit andern Stel-
len der Schrift, und beſonders mit der
Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe Gottes
uͤbereinſtimmeten. Die mehreſten aber ſo
ich hieruͤber geleſen, haben den Worten
eine Bedeutung und Abſicht beygeleget,
welche gar zu ſehr mit dem Zuſammenhan-
ge ſtreiten, und ein Gemuͤth, welches zu
Zweifeln geneigt iſt, nicht leicht beruhigen.
Jch habe dieſes an mir ſelber und an andern
erfahren. Ja ich kann hieruͤber nicht nur
meine, ſondern auch anderer Erfahrung
beybringen. Jch kenne einen ſehr gelehrten
und gottesfuͤrchtigen Doctor der Gottes-
gelahrtheit, deſſen Ruhm weiter, als die
Grenzen von Deutſchland gehen, und da-
her auch in ein fremdes Reich gerufen wor-
den, welcher eben dieſes wahrgenommen,
und derowegen auf die Gedanken kommen
war, man muͤſſe dieſe Worte in ihrer na-
tuͤrlichen Bedeutung laſſen, und ſich be-
muͤhen die eigentliche Beſchaffenheit der
Sache recht aufzuklaͤren, ſo wuͤrde ſich fin-
den, daß ſelbige mit den Eigenſchaften
Gottes nicht ſtritte. Er hatte daruͤber ei-
nen Aufſatz gemacht, und auch ſchon wirk-
lich drucken laſſen. Als dieſes aber geſche-
hen, befuͤrchtete er, daß aus ſeinen un-
ſchuldigen Erklaͤrungen ſolche Folgen gezo-
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Jacobi, Johann Friedrich: Betrachtungen über die Weisen Absichten Gottes, bey denen Dingen, die wir in der menschlichen Gesellschaft und der Offenbarung antreffen. Bd. 4. Hannover, 1766, S. 179. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jacobi_betrachtungen04_1766/199>, abgerufen am 27.11.2024.
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