Lange, Joachim: Apostolisches Licht und Recht. Bd. 1. Halle, 1729.Erklärung des andern Briefs Pauli Cap. 5, v. 1. 2. [Spaltenumbruch]
welches an den Dingen dieser Welt, an Au-gen-Lust, Fleisches-Lust und hoffärtigen Leben, nach dem verderbten Geschmack der Seele, in die Sinne fällt; und hingegen das Unsichtbare wo nicht gar verleugnen, doch für ungewiß, und also auch für gering achten. Da wir doch gleichwol unserm vornehmsten Theile nach, nem- lich nach dem innern Menschen, selbst ein un- sichtbares, und doch ein wahrhaftig existiren- des und unvergängliches Wesen, oder unsterb- liche Geister sind; und daher billig die nechste Anleitung nehmen solten, fleißig an die unsicht- baren und ewigen Dinge zu gedencken. Gehet [Spaltenumbruch] aber der Glaube, als ein göttliches Leben, zum göttlichen Lichte in uns auf, so wird er uns gleich- sam zum rechten Fern-Glase, dadurch wir aus der Zeit in die Ewigkeit sehen. 2. Lieber Mensch, da, was sichtbar ist, Das fünfte Capitel/ Darinnen der Apostel erstlich in der vorhergehenden Mate- rie von dem Absehen aufs Ewige fortfähret/ und anzeiget/ wie er so wol in Ansehung dessen/ als auch der von CHristo geschehenen Erlösung und Versöhnung des menschlichen Geschlechts sein Apostel-Amt in aller Treue und Lauterkeit führe. V. 1. [Spaltenumbruch]
WJr wissen aber, so unser ir- Anmerckungen. 1. Der c. 4, v. 16. also benennete äusser- liche Mensch, und das v. 7. gedachte irdische Geväß, wird alhier genennet das irdische Haus der Hütten. Ein Haus heisset es in Ansehung dessen, daß der Leib eine Wohnung der Seelen ist. Sie ist aber eine solche Woh- nung, welche mit dem innern Menschen, der Seele, aufs genaueste vereiniget ist, also daß die Seele nach ihrem eignen Gefallen diese Wohnung nicht verlassen kan, sie doch aber auch selbst durch angelegte Gewalt und äusserli- che Hülfs-Mittel nicht zerbrechen muß. Und dieses Haus heißt irdisch, weil es von der Er- den anfänglich genommen, noch ietzo irdisch ist, von der Erden genehret wird, und wieder zur Er- den werden muß. Ein Haus der Hütten aber heißt es in Ansehung der Kürtze und der Zer- brechlichkeit, welche sich bey der Bewohnung und bey dem Hause selbst befindet. Denn gleich- wie eine Hütte, z. E. eines Hirten, bald auf- geschlagen, bald wieder von einander genom- men, oder aufgehoben wird: so ists bald um unser Leben geschehen, heute roth, morgen todt. Hiob Cap. 4, 19. heißt es in Leimen-Hütten wohnen. 2. Durch den Bau von GOtt erbauet, [Spaltenumbruch] oder durch das nicht mit Händen gemachte Haus, das ewig ist im Himmel, wird wol am nechsten auf den Sitz der Auserwehlten selbst, den sie in der Herrlichkeit haben, gesehen: sin- temal alhier die Rede ist von dem, was die Glau- bigen haben werden, so bald sie aus der irdi- schen Hütte dieses Leibes werden ausgezogen seyn. Und sind die Worte vom Gebäude und Hause um des vorher gesetzten Gleichnisses wil- len also gebrauchet worden, und ist wol damit zugleich auf das himmlische Jerusalem gesehen. Auch weiset es der folgende Text aus, daß der Apostel redet von dem Stande, in welchen die Glaubigen so fort nach Ablegung des Leibes ge- langen. Wozu denn zu seiner Zeit auch der ver- klärte Leib kömmt. Es gehöret hieher, was un- ser Heiland saget Joh. 14. Jn meines Vaters Hause sind viel Wohnungen etc. Und Pau- lus Hebr. 11, 10. Durch den Glauben ist A- braham ein Fremdling gewesen in dem perheissenen Lande, und wohnete in Hüt- ten mit Jsaac und Jacob, den Miterben derselben Verheissung. Denn er wartete auf eine Stadt, die einen Grund hat, de- ren Baumeister und Schöpfer GOtt ist. Siehe Apoc. 21. vom himmlischen Jerusalem, sonderlich v. 2. 14. seqq. Von dem sterblichen Leibe aber, als von einer leicht aufzuhebenden oder aus einander zu nehmenden Hütte, redet gar nachdrücklich Petrus, wenn er 2 Ep. c. 1, v. 13. 14. spricht: Jch achte es billig zu seyn, so lange ich in dieser Hütten bin, euch zu erwecken und zu erinnern. Denn ich weiß, daß ich meine Hütte bald ablegen muß. 3. Es
Erklaͤrung des andern Briefs Pauli Cap. 5, v. 1. 2. [Spaltenumbruch]
welches an den Dingen dieſer Welt, an Au-gen-Luſt, Fleiſches-Luſt und hoffaͤrtigen Leben, nach dem verderbten Geſchmack der Seele, in die Sinne faͤllt; und hingegen das Unſichtbare wo nicht gar verleugnen, doch fuͤr ungewiß, und alſo auch fuͤr gering achten. Da wir doch gleichwol unſerm vornehmſten Theile nach, nem- lich nach dem innern Menſchen, ſelbſt ein un- ſichtbares, und doch ein wahrhaftig exiſtiren- des und unvergaͤngliches Weſen, oder unſterb- liche Geiſter ſind; und daher billig die nechſte Anleitung nehmen ſolten, fleißig an die unſicht- baren und ewigen Dinge zu gedencken. Gehet [Spaltenumbruch] aber der Glaube, als ein goͤttliches Leben, zum goͤttlichen Lichte in uns auf, ſo wird er uns gleich- ſam zum rechten Fern-Glaſe, dadurch wir aus der Zeit in die Ewigkeit ſehen. 2. Lieber Menſch, da, was ſichtbar iſt, Das fuͤnfte Capitel/ Darinnen der Apoſtel erſtlich in der vorhergehenden Mate- rie von dem Abſehen aufs Ewige fortfaͤhret/ und anzeiget/ wie er ſo wol in Anſehung deſſen/ als auch der von CHriſto geſchehenen Erloͤſung und Verſoͤhnung des menſchlichen Geſchlechts ſein Apoſtel-Amt in aller Treue und Lauterkeit fuͤhre. V. 1. [Spaltenumbruch]
WJr wiſſen aber, ſo unſer ir- Anmerckungen. 1. Der c. 4, v. 16. alſo benennete aͤuſſer- liche Menſch, und das v. 7. gedachte irdiſche Gevaͤß, wird alhier genennet das irdiſche Haus der Huͤtten. Ein Haus heiſſet es in Anſehung deſſen, daß der Leib eine Wohnung der Seelen iſt. Sie iſt aber eine ſolche Woh- nung, welche mit dem innern Menſchen, der Seele, aufs genaueſte vereiniget iſt, alſo daß die Seele nach ihrem eignen Gefallen dieſe Wohnung nicht verlaſſen kan, ſie doch aber auch ſelbſt durch angelegte Gewalt und aͤuſſerli- che Huͤlfs-Mittel nicht zerbrechen muß. Und dieſes Haus heißt irdiſch, weil es von der Er- den anfaͤnglich genommen, noch ietzo irdiſch iſt, von der Erden genehret wird, und wieder zur Er- den werden muß. Ein Haus der Huͤtten aber heißt es in Anſehung der Kuͤrtze und der Zer- brechlichkeit, welche ſich bey der Bewohnung und bey dem Hauſe ſelbſt befindet. Denn gleich- wie eine Huͤtte, z. E. eines Hirten, bald auf- geſchlagen, bald wieder von einander genom- men, oder aufgehoben wird: ſo iſts bald um unſer Leben geſchehen, heute roth, morgen todt. Hiob Cap. 4, 19. heißt es in Leimen-Huͤtten wohnen. 2. Durch den Bau von GOtt erbauet, [Spaltenumbruch] oder durch das nicht mit Haͤnden gemachte Haus, das ewig iſt im Himmel, wird wol am nechſten auf den Sitz der Auserwehlten ſelbſt, den ſie in der Herrlichkeit haben, geſehen: ſin- temal alhier die Rede iſt von dem, was die Glau- bigen haben werden, ſo bald ſie aus der irdi- ſchen Huͤtte dieſes Leibes werden ausgezogen ſeyn. Und ſind die Worte vom Gebaͤude und Hauſe um des vorher geſetzten Gleichniſſes wil- len alſo gebrauchet worden, und iſt wol damit zugleich auf das himmliſche Jeruſalem geſehen. Auch weiſet es der folgende Text aus, daß der Apoſtel redet von dem Stande, in welchen die Glaubigen ſo fort nach Ablegung des Leibes ge- langen. Wozu denn zu ſeiner Zeit auch der ver- klaͤrte Leib koͤmmt. Es gehoͤret hieher, was un- ſer Heiland ſaget Joh. 14. Jn meines Vaters Hauſe ſind viel Wohnungen ꝛc. Und Pau- lus Hebr. 11, 10. Durch den Glauben iſt A- braham ein Fremdling geweſen in dem perheiſſenen Lande, und wohnete in Huͤt- ten mit Jſaac und Jacob, den Miterben derſelben Verheiſſung. Denn er wartete auf eine Stadt, die einen Grund hat, de- ren Baumeiſter und Schoͤpfer GOtt iſt. Siehe Apoc. 21. vom himmliſchen Jeruſalem, ſonderlich v. 2. 14. ſeqq. Von dem ſterblichen Leibe aber, als von einer leicht aufzuhebenden oder aus einander zu nehmenden Huͤtte, redet gar nachdruͤcklich Petrus, wenn er 2 Ep. c. 1, v. 13. 14. ſpricht: Jch achte es billig zu ſeyn, ſo lange ich in dieſer Huͤtten bin, euch zu erwecken und zu erinnern. Denn ich weiß, daß ich meine Huͤtte bald ablegen muß. 3. Es
<TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <div n="4"> <p><pb facs="#f0410" n="382"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Erklaͤrung des andern Briefs Pauli <hi rendition="#et">Cap. 5, v. 1. 2.</hi></hi></fw><lb/><cb/> welches an den Dingen dieſer Welt, an Au-<lb/> gen-Luſt, Fleiſches-Luſt und hoffaͤrtigen Leben,<lb/> nach dem verderbten Geſchmack der Seele, in<lb/> die Sinne faͤllt; und hingegen das Unſichtbare<lb/> wo nicht gar verleugnen, doch fuͤr ungewiß,<lb/> und alſo auch fuͤr gering achten. Da wir doch<lb/> gleichwol unſerm vornehmſten Theile nach, nem-<lb/> lich nach dem innern Menſchen, ſelbſt ein un-<lb/> ſichtbares, und doch ein wahrhaftig <hi rendition="#aq">exiſtir</hi>en-<lb/> des und unvergaͤngliches Weſen, oder unſterb-<lb/> liche Geiſter ſind; und daher billig die nechſte<lb/> Anleitung nehmen ſolten, fleißig an die unſicht-<lb/> baren und ewigen Dinge zu gedencken. Gehet<lb/><cb/> aber der Glaube, als ein goͤttliches Leben, zum<lb/> goͤttlichen Lichte in uns auf, ſo wird er uns gleich-<lb/> ſam zum rechten Fern-Glaſe, dadurch wir aus<lb/> der Zeit in die Ewigkeit ſehen.</p><lb/> <p>2. Lieber Menſch, da, was ſichtbar iſt,<lb/> zeitlich iſt, ſo hange dein Hertz an keine Crea-<lb/> tur, ſie habe auch Namen, wie ſie wolle: und,<lb/> wenn ſie dir von GOTT gegeben wird, ſo ge-<lb/> brauche ſie alſo, daß du mit dem Hertzen an<lb/> GOTT bleibeſt, die Creatur aber koͤnneſt und<lb/> gerne wolleſt fahren laſſen, wenn es ſeiner hei-<lb/> ligen und guͤtigen <hi rendition="#aq">Providen</hi>tz alſo beliebet.</p> </div> </div> </div><lb/> <div n="2"> <head> <hi rendition="#b">Das fuͤnfte Capitel/<lb/> Darinnen der Apoſtel erſtlich in der vorhergehenden Mate-<lb/> rie von dem Abſehen aufs Ewige fortfaͤhret/ und anzeiget/ wie er ſo<lb/> wol in Anſehung deſſen/ als auch der von CHriſto geſchehenen<lb/> Erloͤſung und Verſoͤhnung des menſchlichen Geſchlechts ſein<lb/> Apoſtel-Amt in aller Treue und Lauterkeit<lb/> fuͤhre.</hi> </head><lb/> <div n="3"> <head> <hi rendition="#b">V. 1.</hi> </head><lb/> <cb/> <p><hi rendition="#in">W</hi><hi rendition="#fr">Jr wiſſen aber, ſo unſer ir-<lb/> diſch Haus dieſer Huͤtten</hi><lb/> (unſer ſterblicher Leib) <hi rendition="#fr">zerbro-<lb/> chen wird,</hi> (durch den zeitli-<lb/> chen Tod,) <hi rendition="#fr">daß wir einen<lb/> Bau haben von GOtt erbauet, ein Haus,<lb/> nicht mit Haͤnden gemacht, das ewig iſt im<lb/> Himmel.</hi></p><lb/> <div n="4"> <head> <hi rendition="#b">Anmerckungen.</hi> </head><lb/> <list> <item>1. Der c. 4, v. 16. alſo benennete <hi rendition="#fr">aͤuſſer-<lb/> liche Menſch,</hi> und das v. 7. gedachte <hi rendition="#fr">irdiſche<lb/> Gevaͤß,</hi> wird alhier genennet das <hi rendition="#fr">irdiſche<lb/> Haus der Huͤtten.</hi> Ein <hi rendition="#fr">Haus</hi> heiſſet es in<lb/> Anſehung deſſen, daß der Leib eine <hi rendition="#fr">Wohnung</hi><lb/> der Seelen iſt. Sie iſt aber eine ſolche Woh-<lb/> nung, welche mit dem innern Menſchen, der<lb/> Seele, aufs genaueſte vereiniget iſt, alſo daß<lb/> die Seele nach ihrem eignen Gefallen dieſe<lb/> Wohnung nicht verlaſſen kan, ſie doch aber<lb/> auch ſelbſt durch angelegte Gewalt und aͤuſſerli-<lb/> che Huͤlfs-Mittel nicht zerbrechen muß. Und<lb/> dieſes Haus heißt <hi rendition="#fr">irdiſch,</hi> weil es von der Er-<lb/> den anfaͤnglich genommen, noch ietzo irdiſch iſt, von<lb/> der Erden genehret wird, und wieder zur Er-<lb/> den werden muß. Ein <hi rendition="#fr">Haus</hi> der <hi rendition="#fr">Huͤtten</hi> aber<lb/> heißt es in Anſehung der Kuͤrtze und der Zer-<lb/> brechlichkeit, welche ſich bey der Bewohnung<lb/> und bey dem Hauſe ſelbſt befindet. Denn gleich-<lb/> wie eine <hi rendition="#fr">Huͤtte,</hi> z. E. eines Hirten, bald auf-<lb/> geſchlagen, bald wieder von einander genom-<lb/> men, oder aufgehoben wird: ſo iſts bald um<lb/> unſer Leben geſchehen, heute roth, morgen todt.<lb/> Hiob Cap. 4, 19. heißt es <hi rendition="#fr">in Leimen-Huͤtten<lb/> wohnen.</hi></item><lb/> <item>2. Durch den <hi rendition="#fr">Bau von GOtt erbauet,</hi><lb/><cb/> oder durch <hi rendition="#fr">das nicht mit Haͤnden gemachte<lb/> Haus,</hi> das ewig iſt im Himmel, wird wol am<lb/> nechſten auf den Sitz der Auserwehlten ſelbſt,<lb/> den ſie in der Herrlichkeit haben, geſehen: ſin-<lb/> temal alhier die Rede iſt von dem, was die Glau-<lb/> bigen haben werden, ſo bald ſie aus der irdi-<lb/> ſchen Huͤtte dieſes Leibes werden ausgezogen<lb/> ſeyn. Und ſind die Worte vom Gebaͤude und<lb/> Hauſe um des vorher geſetzten Gleichniſſes wil-<lb/> len alſo gebrauchet worden, und iſt wol damit<lb/> zugleich auf das himmliſche Jeruſalem geſehen.<lb/> Auch weiſet es der folgende Text aus, daß der<lb/> Apoſtel redet von dem Stande, in welchen die<lb/> Glaubigen ſo fort nach Ablegung des Leibes ge-<lb/> langen. Wozu denn zu ſeiner Zeit auch der ver-<lb/> klaͤrte Leib koͤmmt. Es gehoͤret hieher, was un-<lb/> ſer Heiland ſaget Joh. 14. <hi rendition="#fr">Jn meines Vaters<lb/> Hauſe ſind viel Wohnungen</hi> ꝛc. Und Pau-<lb/> lus Hebr. 11, 10. <hi rendition="#fr">Durch den Glauben iſt A-<lb/> braham ein Fremdling geweſen in dem<lb/> perheiſſenen Lande, und wohnete in Huͤt-<lb/> ten mit Jſaac und Jacob, den Miterben<lb/> derſelben Verheiſſung. Denn er wartete<lb/> auf eine Stadt, die einen Grund hat, de-<lb/> ren Baumeiſter und Schoͤpfer GOtt iſt.</hi><lb/> Siehe Apoc. 21. vom himmliſchen Jeruſalem,<lb/> ſonderlich v. 2. 14. <hi rendition="#aq">ſeqq.</hi> Von dem ſterblichen<lb/> Leibe aber, als von einer leicht aufzuhebenden<lb/> oder aus einander zu nehmenden Huͤtte, redet<lb/> gar nachdruͤcklich Petrus, wenn er 2 Ep. c. 1,<lb/> v. 13. 14. ſpricht: <hi rendition="#fr">Jch achte es billig zu<lb/> ſeyn, ſo lange ich in dieſer Huͤtten bin, euch<lb/> zu erwecken und zu erinnern. Denn ich<lb/> weiß, daß ich meine Huͤtte bald ablegen<lb/> muß.</hi></item> </list><lb/> <fw place="bottom" type="catch">3. Es</fw><lb/> </div> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [382/0410]
Erklaͤrung des andern Briefs Pauli Cap. 5, v. 1. 2.
welches an den Dingen dieſer Welt, an Au-
gen-Luſt, Fleiſches-Luſt und hoffaͤrtigen Leben,
nach dem verderbten Geſchmack der Seele, in
die Sinne faͤllt; und hingegen das Unſichtbare
wo nicht gar verleugnen, doch fuͤr ungewiß,
und alſo auch fuͤr gering achten. Da wir doch
gleichwol unſerm vornehmſten Theile nach, nem-
lich nach dem innern Menſchen, ſelbſt ein un-
ſichtbares, und doch ein wahrhaftig exiſtiren-
des und unvergaͤngliches Weſen, oder unſterb-
liche Geiſter ſind; und daher billig die nechſte
Anleitung nehmen ſolten, fleißig an die unſicht-
baren und ewigen Dinge zu gedencken. Gehet
aber der Glaube, als ein goͤttliches Leben, zum
goͤttlichen Lichte in uns auf, ſo wird er uns gleich-
ſam zum rechten Fern-Glaſe, dadurch wir aus
der Zeit in die Ewigkeit ſehen.
2. Lieber Menſch, da, was ſichtbar iſt,
zeitlich iſt, ſo hange dein Hertz an keine Crea-
tur, ſie habe auch Namen, wie ſie wolle: und,
wenn ſie dir von GOTT gegeben wird, ſo ge-
brauche ſie alſo, daß du mit dem Hertzen an
GOTT bleibeſt, die Creatur aber koͤnneſt und
gerne wolleſt fahren laſſen, wenn es ſeiner hei-
ligen und guͤtigen Providentz alſo beliebet.
Das fuͤnfte Capitel/
Darinnen der Apoſtel erſtlich in der vorhergehenden Mate-
rie von dem Abſehen aufs Ewige fortfaͤhret/ und anzeiget/ wie er ſo
wol in Anſehung deſſen/ als auch der von CHriſto geſchehenen
Erloͤſung und Verſoͤhnung des menſchlichen Geſchlechts ſein
Apoſtel-Amt in aller Treue und Lauterkeit
fuͤhre.
V. 1.
WJr wiſſen aber, ſo unſer ir-
diſch Haus dieſer Huͤtten
(unſer ſterblicher Leib) zerbro-
chen wird, (durch den zeitli-
chen Tod,) daß wir einen
Bau haben von GOtt erbauet, ein Haus,
nicht mit Haͤnden gemacht, das ewig iſt im
Himmel.
Anmerckungen.
1. Der c. 4, v. 16. alſo benennete aͤuſſer-
liche Menſch, und das v. 7. gedachte irdiſche
Gevaͤß, wird alhier genennet das irdiſche
Haus der Huͤtten. Ein Haus heiſſet es in
Anſehung deſſen, daß der Leib eine Wohnung
der Seelen iſt. Sie iſt aber eine ſolche Woh-
nung, welche mit dem innern Menſchen, der
Seele, aufs genaueſte vereiniget iſt, alſo daß
die Seele nach ihrem eignen Gefallen dieſe
Wohnung nicht verlaſſen kan, ſie doch aber
auch ſelbſt durch angelegte Gewalt und aͤuſſerli-
che Huͤlfs-Mittel nicht zerbrechen muß. Und
dieſes Haus heißt irdiſch, weil es von der Er-
den anfaͤnglich genommen, noch ietzo irdiſch iſt, von
der Erden genehret wird, und wieder zur Er-
den werden muß. Ein Haus der Huͤtten aber
heißt es in Anſehung der Kuͤrtze und der Zer-
brechlichkeit, welche ſich bey der Bewohnung
und bey dem Hauſe ſelbſt befindet. Denn gleich-
wie eine Huͤtte, z. E. eines Hirten, bald auf-
geſchlagen, bald wieder von einander genom-
men, oder aufgehoben wird: ſo iſts bald um
unſer Leben geſchehen, heute roth, morgen todt.
Hiob Cap. 4, 19. heißt es in Leimen-Huͤtten
wohnen.
2. Durch den Bau von GOtt erbauet,
oder durch das nicht mit Haͤnden gemachte
Haus, das ewig iſt im Himmel, wird wol am
nechſten auf den Sitz der Auserwehlten ſelbſt,
den ſie in der Herrlichkeit haben, geſehen: ſin-
temal alhier die Rede iſt von dem, was die Glau-
bigen haben werden, ſo bald ſie aus der irdi-
ſchen Huͤtte dieſes Leibes werden ausgezogen
ſeyn. Und ſind die Worte vom Gebaͤude und
Hauſe um des vorher geſetzten Gleichniſſes wil-
len alſo gebrauchet worden, und iſt wol damit
zugleich auf das himmliſche Jeruſalem geſehen.
Auch weiſet es der folgende Text aus, daß der
Apoſtel redet von dem Stande, in welchen die
Glaubigen ſo fort nach Ablegung des Leibes ge-
langen. Wozu denn zu ſeiner Zeit auch der ver-
klaͤrte Leib koͤmmt. Es gehoͤret hieher, was un-
ſer Heiland ſaget Joh. 14. Jn meines Vaters
Hauſe ſind viel Wohnungen ꝛc. Und Pau-
lus Hebr. 11, 10. Durch den Glauben iſt A-
braham ein Fremdling geweſen in dem
perheiſſenen Lande, und wohnete in Huͤt-
ten mit Jſaac und Jacob, den Miterben
derſelben Verheiſſung. Denn er wartete
auf eine Stadt, die einen Grund hat, de-
ren Baumeiſter und Schoͤpfer GOtt iſt.
Siehe Apoc. 21. vom himmliſchen Jeruſalem,
ſonderlich v. 2. 14. ſeqq. Von dem ſterblichen
Leibe aber, als von einer leicht aufzuhebenden
oder aus einander zu nehmenden Huͤtte, redet
gar nachdruͤcklich Petrus, wenn er 2 Ep. c. 1,
v. 13. 14. ſpricht: Jch achte es billig zu
ſeyn, ſo lange ich in dieſer Huͤtten bin, euch
zu erwecken und zu erinnern. Denn ich
weiß, daß ich meine Huͤtte bald ablegen
muß.
3. Es
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools ?Language Resource Switchboard?FeedbackSie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden. Kommentar zur DTA-AusgabeDieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.
|
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden. Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des § 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2024 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Kontakt: redaktion(at)deutschestextarchiv.de. |