drücke fein, ohne gesucht zu scheinen. Kurz, ihr Geist und Charakter waren, was ihr ein unnachahmlich edles und sanftreizendes Wesen gab. Denn ob sie gleich bey ihrer Kleidung die Bescheiden- heit in der Wahl der Stoffe auf das äußer- ste trieb, so wurde sie doch hervorgesucht, wenn die Menge von Damen noch so groß gewesen wäre.
So war sie, als sie von ihrer Tante an den Hof nach D. geführet wurde.
Unter den Zubereitungen zu dieser Rei- se, wozu sie mein Vater mit bereden half, muß ich nur eine anmerken. Sie hatte die Bildnisse ihres Herrn Vaters und ih- rer Frau Mutter in Feuer gemahlt, und zu Armbändern gefaßt, welche sie nie- mals von den Händen ließ. Diese wollte sie umgefaßt haben, und es mußte ein Goldarbeiter kommen, mit welchem sie sich allein deredete.
Die Bildnisse kamen wieder mit Bril- lianten besetzt, und zween Tage vor der Abreise nahm sie meine Emilia, und gieng zum Grab ihrer Altern, wo sie einen fey-
erlichen
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druͤcke fein, ohne geſucht zu ſcheinen. Kurz, ihr Geiſt und Charakter waren, was ihr ein unnachahmlich edles und ſanftreizendes Weſen gab. Denn ob ſie gleich bey ihrer Kleidung die Beſcheiden- heit in der Wahl der Stoffe auf das aͤußer- ſte trieb, ſo wurde ſie doch hervorgeſucht, wenn die Menge von Damen noch ſo groß geweſen waͤre.
So war ſie, als ſie von ihrer Tante an den Hof nach D. gefuͤhret wurde.
Unter den Zubereitungen zu dieſer Rei- ſe, wozu ſie mein Vater mit bereden half, muß ich nur eine anmerken. Sie hatte die Bildniſſe ihres Herrn Vaters und ih- rer Frau Mutter in Feuer gemahlt, und zu Armbaͤndern gefaßt, welche ſie nie- mals von den Haͤnden ließ. Dieſe wollte ſie umgefaßt haben, und es mußte ein Goldarbeiter kommen, mit welchem ſie ſich allein deredete.
Die Bildniſſe kamen wieder mit Bril- lianten beſetzt, und zween Tage vor der Abreiſe nahm ſie meine Emilia, und gieng zum Grab ihrer Altern, wo ſie einen fey-
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druͤcke fein, ohne geſucht zu ſcheinen.
Kurz, ihr Geiſt und Charakter waren,
was ihr ein unnachahmlich edles und
ſanftreizendes Weſen gab. Denn ob ſie
gleich bey ihrer Kleidung die Beſcheiden-
heit in der Wahl der Stoffe auf das aͤußer-
ſte trieb, ſo wurde ſie doch hervorgeſucht,
wenn die Menge von Damen noch ſo groß
geweſen waͤre.
So war ſie, als ſie von ihrer Tante
an den Hof nach D. gefuͤhret wurde.
Unter den Zubereitungen zu dieſer Rei-
ſe, wozu ſie mein Vater mit bereden half,
muß ich nur eine anmerken. Sie hatte
die Bildniſſe ihres Herrn Vaters und ih-
rer Frau Mutter in Feuer gemahlt, und
zu Armbaͤndern gefaßt, welche ſie nie-
mals von den Haͤnden ließ. Dieſe wollte
ſie umgefaßt haben, und es mußte ein
Goldarbeiter kommen, mit welchem ſie ſich
allein deredete.
Die Bildniſſe kamen wieder mit Bril-
lianten beſetzt, und zween Tage vor der
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[La Roche, Sophie von]: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Bd. 1. Hrsg. v. Christoph Martin Wieland. Leipzig, 1771, S. 83. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laroche_geschichte01_1771/109>, abgerufen am 23.11.2024.
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