Land im Süden und Westen der Insel eignen sich vorzüglich zum Plantagenbau und bringen alle tropischen Culturgewächse hervor.
Vorzüglich werden Zuckerrohr, Kaffee, Piment, Ingwer, Cacao, Indigo, Tabak, Früchte und Gemüse und neuerer Zeit auch der China- rindenbaum und Thee angebaut. Bezeichnend für die Freigebigkeit, mit welcher die Natur auf Jamaica die Arbeit des Ackerbaues lohnt, und für die Leichtigkeit des Lebenserwerbes auf dieser Insel ist ein daselbst landläufiges Axiom, "dass dort 30 Arbeitstage im Jahre auf einer Grundfläche von 1 Acre genügen, um eine Familie zu ernähren, und auch noch überschüssige Werthe von 10--30 L zu erzeugen".
Der ausserordentliche Bodenreichthum Jamaicas, seine Grösse und seine günstige Lage zwischen den Antillen einerseits, und den Reichen des centralamerikanischen und südamerikanischen Continents andererseits, würden zu der Annahme berechtigen, als wäre Jamaica eine der reichsten und blühendsten Colonien Westindiens.
Dies ist jedoch keineswegs der Fall; vielmehr ist Jamaica von der hohen Stufe des Wohlstandes, auf welcher sich allerdings die Colonie im Laufe des vorigen und noch im ersten Drittel unseres Jahr- hunderts, ungeachtet der ewigen Kämpfe mit den Maroons, der äusseren Verwicklungen und der häufigen Verwüstungen durch Erdbeben und Orkane, erhoben hatte, tief gesunken. Von den 2,318.000 Acres anbau- fähigen Bodens sind kaum 600.000 Acres Land ausgenützt und hievon kaum der fünfte Theil wirklich bebaut; der grössere Theil des obigen Areals ist nur als Weideland unter Cultur. Und 1787, im Jahre der höchsten Blüthe Jamaicas, waren 1,059.000 Acres unter Cultur und wurden von 210.894 Sclaven bewirthschaftet.
Wie allerwärts auf den westindischen Colonien, sind auch auf Jamaica die Ursachen dieses betrübenden Niederganges der einst so reichen und blühenden Colonie vorzüglich in den Folgen der Aufhebung der Sclaverei zu finden. Aber auf keiner der Antillen war die Wir- kung eine so vernichtende, wie auf Jamaica. Es findet dies seine Er- klärung in dem ausserordentlichen Missverhältniss, in welchem auf dieser Insel die weisse Bevölkerung gegenüber der farbigen zur Zeit der Aufhebung der Sclaverei stand und heute noch steht. Von den 624.000 Einwohnern Jamaicas sind nur 16.418 Weisse, 108.400 Mulatten, 487.386 Neger, 13.000 Coulies (Indier und Yucateken), die auf fünf Jahre contractlich als Arbeiter gebunden sind. Allgemein wird englisch gesprochen.
Es fehlt Jamaica also nicht an Menschen, aber an Arbeitskräften; denn den Haupttheil der Bevölkerung bilden Neger, und der freie
Westindische Häfen.
Land im Süden und Westen der Insel eignen sich vorzüglich zum Plantagenbau und bringen alle tropischen Culturgewächse hervor.
Vorzüglich werden Zuckerrohr, Kaffee, Piment, Ingwer, Cacao, Indigo, Tabak, Früchte und Gemüse und neuerer Zeit auch der China- rindenbaum und Thee angebaut. Bezeichnend für die Freigebigkeit, mit welcher die Natur auf Jamaica die Arbeit des Ackerbaues lohnt, und für die Leichtigkeit des Lebenserwerbes auf dieser Insel ist ein daselbst landläufiges Axiom, „dass dort 30 Arbeitstage im Jahre auf einer Grundfläche von 1 Acre genügen, um eine Familie zu ernähren, und auch noch überschüssige Werthe von 10—30 ₤ zu erzeugen“.
Der ausserordentliche Bodenreichthum Jamaicas, seine Grösse und seine günstige Lage zwischen den Antillen einerseits, und den Reichen des centralamerikanischen und südamerikanischen Continents andererseits, würden zu der Annahme berechtigen, als wäre Jamaica eine der reichsten und blühendsten Colonien Westindiens.
Dies ist jedoch keineswegs der Fall; vielmehr ist Jamaica von der hohen Stufe des Wohlstandes, auf welcher sich allerdings die Colonie im Laufe des vorigen und noch im ersten Drittel unseres Jahr- hunderts, ungeachtet der ewigen Kämpfe mit den Maroons, der äusseren Verwicklungen und der häufigen Verwüstungen durch Erdbeben und Orkane, erhoben hatte, tief gesunken. Von den 2,318.000 Acres anbau- fähigen Bodens sind kaum 600.000 Acres Land ausgenützt und hievon kaum der fünfte Theil wirklich bebaut; der grössere Theil des obigen Areals ist nur als Weideland unter Cultur. Und 1787, im Jahre der höchsten Blüthe Jamaicas, waren 1,059.000 Acres unter Cultur und wurden von 210.894 Sclaven bewirthschaftet.
Wie allerwärts auf den westindischen Colonien, sind auch auf Jamaica die Ursachen dieses betrübenden Niederganges der einst so reichen und blühenden Colonie vorzüglich in den Folgen der Aufhebung der Sclaverei zu finden. Aber auf keiner der Antillen war die Wir- kung eine so vernichtende, wie auf Jamaica. Es findet dies seine Er- klärung in dem ausserordentlichen Missverhältniss, in welchem auf dieser Insel die weisse Bevölkerung gegenüber der farbigen zur Zeit der Aufhebung der Sclaverei stand und heute noch steht. Von den 624.000 Einwohnern Jamaicas sind nur 16.418 Weisse, 108.400 Mulatten, 487.386 Neger, 13.000 Coulies (Indier und Yucateken), die auf fünf Jahre contractlich als Arbeiter gebunden sind. Allgemein wird englisch gesprochen.
Es fehlt Jamaica also nicht an Menschen, aber an Arbeitskräften; denn den Haupttheil der Bevölkerung bilden Neger, und der freie
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Westindische Häfen.
Land im Süden und Westen der Insel eignen sich vorzüglich zum
Plantagenbau und bringen alle tropischen Culturgewächse hervor.
Vorzüglich werden Zuckerrohr, Kaffee, Piment, Ingwer, Cacao,
Indigo, Tabak, Früchte und Gemüse und neuerer Zeit auch der China-
rindenbaum und Thee angebaut. Bezeichnend für die Freigebigkeit,
mit welcher die Natur auf Jamaica die Arbeit des Ackerbaues lohnt,
und für die Leichtigkeit des Lebenserwerbes auf dieser Insel ist ein
daselbst landläufiges Axiom, „dass dort 30 Arbeitstage im Jahre auf
einer Grundfläche von 1 Acre genügen, um eine Familie zu ernähren,
und auch noch überschüssige Werthe von 10—30 ₤ zu erzeugen“.
Der ausserordentliche Bodenreichthum Jamaicas, seine Grösse
und seine günstige Lage zwischen den Antillen einerseits, und den
Reichen des centralamerikanischen und südamerikanischen Continents
andererseits, würden zu der Annahme berechtigen, als wäre Jamaica
eine der reichsten und blühendsten Colonien Westindiens.
Dies ist jedoch keineswegs der Fall; vielmehr ist Jamaica von
der hohen Stufe des Wohlstandes, auf welcher sich allerdings die
Colonie im Laufe des vorigen und noch im ersten Drittel unseres Jahr-
hunderts, ungeachtet der ewigen Kämpfe mit den Maroons, der äusseren
Verwicklungen und der häufigen Verwüstungen durch Erdbeben und
Orkane, erhoben hatte, tief gesunken. Von den 2,318.000 Acres anbau-
fähigen Bodens sind kaum 600.000 Acres Land ausgenützt und hievon
kaum der fünfte Theil wirklich bebaut; der grössere Theil des obigen
Areals ist nur als Weideland unter Cultur. Und 1787, im Jahre der
höchsten Blüthe Jamaicas, waren 1,059.000 Acres unter Cultur und
wurden von 210.894 Sclaven bewirthschaftet.
Wie allerwärts auf den westindischen Colonien, sind auch auf
Jamaica die Ursachen dieses betrübenden Niederganges der einst so
reichen und blühenden Colonie vorzüglich in den Folgen der Aufhebung
der Sclaverei zu finden. Aber auf keiner der Antillen war die Wir-
kung eine so vernichtende, wie auf Jamaica. Es findet dies seine Er-
klärung in dem ausserordentlichen Missverhältniss, in welchem auf
dieser Insel die weisse Bevölkerung gegenüber der farbigen zur Zeit
der Aufhebung der Sclaverei stand und heute noch steht. Von den
624.000 Einwohnern Jamaicas sind nur 16.418 Weisse, 108.400
Mulatten, 487.386 Neger, 13.000 Coulies (Indier und Yucateken),
die auf fünf Jahre contractlich als Arbeiter gebunden sind. Allgemein
wird englisch gesprochen.
Es fehlt Jamaica also nicht an Menschen, aber an Arbeitskräften;
denn den Haupttheil der Bevölkerung bilden Neger, und der freie
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Lehnert, Josef von u. a.: Die Seehäfen des Weltverkehrs. Bd. 2. Wien, 1892, S. 189. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lehnert_seehaefen02_1892/205>, abgerufen am 23.11.2024.
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