England trat in der Colonie reformirend auf, löste die von den Holländern auferlegten Fesseln und bemühte sich, es in seiner Entwicklung, sowie im äusseren Verkehr nach jeder Richtung hin zu fördern. Dank dieser einsichtsvollen Politik und der in allen Colonieen befolgten Grundlage einer weit gehenden Autonomie hat auch die Capcolonie im Laufe des XIX. Jahrhunderts einen ganz gewaltigen Aufschwung genommen. Dabei hatte man bei der unerlässlichen Ausdehnung des Territoriums mit Schwierigkeiten mancherlei Art zu rechnen, unter denen insbe- sondere die Kämpfe mit den wilden und grausamen Völkerschaften der Kaffern zu nennen sind, während welcher Kämpfe die Colonisten im Innern des Landes viel auszustehen hatten.
Nicht mindere Schwierigkeiten bot die Aufhebung der Sclaverei, welche seit der Gründung der Colonie die Grundlage der ganzen agricolen Arbeit ge- wesen war. Und ebenso veranlasste die Abneigung der alten holländischen An- siedler gegen das englische Element manche Differenz, welche schliesslich eine theilweise Emigration der ersteren nach den nördlichen, noch freien Gebieten im Innern und die Gründung der sogenannten Boerestaaten daselbst, des Oranje- Freistaates und der Südafrikanischen Republik (Transvaal-Staat) zur Folge hatte.
Auch die ungünstigen nationalen Verhältnisse der Capcolonie, vor allem der Widerstand der holländischen Ansiedler, der Boeren, konnten jedoch den Fortschritt des Landes unter englischer Herr- schaft auf die Dauer nicht aufhalten. Das Land selbst bot so vielfache Vortheile durch seinen natürlichen Reichthum dar, dass es sich lohnte, mit aller Zähigkeit daran festzuhalten, und die britische Eigenart war ganz dazu geeignet, die Aufgabe zu lösen. Wenn auch heute noch in der Capcolonie selbst das holländische Element zahl- reich zu Tage tritt, so sind doch britische Ansichten und Grundsätze herrschend und ausschlaggebend. Ganz verschwunden sind aber die holländischen Reminiscenzen keineswegs, und es ist beispielsweise gewiss des Hervorhebens werth, dass die Münze und das Geldwesen zwar englisch sind, als Wechselrecht der Colonie aber noch das holländische gilt.
Uebrigens hat namentlich in den allerletzten Decennien die Cap- colonie durch Anlegung eines ausgedehnten Eisenbahnnetzes und durch sonstige moderne Einrichtungen einen wichtigen Schritt vorwärts ge- macht. Man verfügt bereits über ein Bahnnetz von fast 3000 km, welches namentlich die Verfrachtung der im Innern gewonnenen Pro- ducte zur See ermöglicht. Eine ausgedehnte Viehzucht, namentlich die der Schafe wird, ähnlich wie in Australien, in der wasserarmen Capcolonie wohl stets die reichthumbringende Basis der Landwirth- schaft bleiben. In zweiter Linie stehen die Diamant- und Goldfelder, deren Zauber sich in ähnlichen Wirkungen, wie in Californien und Australien offenbart.
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Capstadt.
England trat in der Colonie reformirend auf, löste die von den Holländern auferlegten Fesseln und bemühte sich, es in seiner Entwicklung, sowie im äusseren Verkehr nach jeder Richtung hin zu fördern. Dank dieser einsichtsvollen Politik und der in allen Colonieen befolgten Grundlage einer weit gehenden Autonomie hat auch die Capcolonie im Laufe des XIX. Jahrhunderts einen ganz gewaltigen Aufschwung genommen. Dabei hatte man bei der unerlässlichen Ausdehnung des Territoriums mit Schwierigkeiten mancherlei Art zu rechnen, unter denen insbe- sondere die Kämpfe mit den wilden und grausamen Völkerschaften der Kaffern zu nennen sind, während welcher Kämpfe die Colonisten im Innern des Landes viel auszustehen hatten.
Nicht mindere Schwierigkeiten bot die Aufhebung der Sclaverei, welche seit der Gründung der Colonie die Grundlage der ganzen agricolen Arbeit ge- wesen war. Und ebenso veranlasste die Abneigung der alten holländischen An- siedler gegen das englische Element manche Differenz, welche schliesslich eine theilweise Emigration der ersteren nach den nördlichen, noch freien Gebieten im Innern und die Gründung der sogenannten Boerestaaten daselbst, des Oranje- Freistaates und der Südafrikanischen Republik (Transvaal-Staat) zur Folge hatte.
Auch die ungünstigen nationalen Verhältnisse der Capcolonie, vor allem der Widerstand der holländischen Ansiedler, der Boeren, konnten jedoch den Fortschritt des Landes unter englischer Herr- schaft auf die Dauer nicht aufhalten. Das Land selbst bot so vielfache Vortheile durch seinen natürlichen Reichthum dar, dass es sich lohnte, mit aller Zähigkeit daran festzuhalten, und die britische Eigenart war ganz dazu geeignet, die Aufgabe zu lösen. Wenn auch heute noch in der Capcolonie selbst das holländische Element zahl- reich zu Tage tritt, so sind doch britische Ansichten und Grundsätze herrschend und ausschlaggebend. Ganz verschwunden sind aber die holländischen Reminiscenzen keineswegs, und es ist beispielsweise gewiss des Hervorhebens werth, dass die Münze und das Geldwesen zwar englisch sind, als Wechselrecht der Colonie aber noch das holländische gilt.
Uebrigens hat namentlich in den allerletzten Decennien die Cap- colonie durch Anlegung eines ausgedehnten Eisenbahnnetzes und durch sonstige moderne Einrichtungen einen wichtigen Schritt vorwärts ge- macht. Man verfügt bereits über ein Bahnnetz von fast 3000 km, welches namentlich die Verfrachtung der im Innern gewonnenen Pro- ducte zur See ermöglicht. Eine ausgedehnte Viehzucht, namentlich die der Schafe wird, ähnlich wie in Australien, in der wasserarmen Capcolonie wohl stets die reichthumbringende Basis der Landwirth- schaft bleiben. In zweiter Linie stehen die Diamant- und Goldfelder, deren Zauber sich in ähnlichen Wirkungen, wie in Californien und Australien offenbart.
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Capstadt.
England trat in der Colonie reformirend auf, löste die von den Holländern
auferlegten Fesseln und bemühte sich, es in seiner Entwicklung, sowie im äusseren
Verkehr nach jeder Richtung hin zu fördern. Dank dieser einsichtsvollen Politik
und der in allen Colonieen befolgten Grundlage einer weit gehenden Autonomie
hat auch die Capcolonie im Laufe des XIX. Jahrhunderts einen ganz gewaltigen
Aufschwung genommen. Dabei hatte man bei der unerlässlichen Ausdehnung des
Territoriums mit Schwierigkeiten mancherlei Art zu rechnen, unter denen insbe-
sondere die Kämpfe mit den wilden und grausamen Völkerschaften der Kaffern
zu nennen sind, während welcher Kämpfe die Colonisten im Innern des Landes
viel auszustehen hatten.
Nicht mindere Schwierigkeiten bot die Aufhebung der Sclaverei, welche
seit der Gründung der Colonie die Grundlage der ganzen agricolen Arbeit ge-
wesen war. Und ebenso veranlasste die Abneigung der alten holländischen An-
siedler gegen das englische Element manche Differenz, welche schliesslich eine
theilweise Emigration der ersteren nach den nördlichen, noch freien Gebieten im
Innern und die Gründung der sogenannten Boerestaaten daselbst, des Oranje-
Freistaates und der Südafrikanischen Republik (Transvaal-Staat) zur Folge hatte.
Auch die ungünstigen nationalen Verhältnisse der Capcolonie,
vor allem der Widerstand der holländischen Ansiedler, der Boeren,
konnten jedoch den Fortschritt des Landes unter englischer Herr-
schaft auf die Dauer nicht aufhalten. Das Land selbst bot so
vielfache Vortheile durch seinen natürlichen Reichthum dar, dass es
sich lohnte, mit aller Zähigkeit daran festzuhalten, und die britische
Eigenart war ganz dazu geeignet, die Aufgabe zu lösen. Wenn auch
heute noch in der Capcolonie selbst das holländische Element zahl-
reich zu Tage tritt, so sind doch britische Ansichten und Grundsätze
herrschend und ausschlaggebend. Ganz verschwunden sind aber die
holländischen Reminiscenzen keineswegs, und es ist beispielsweise
gewiss des Hervorhebens werth, dass die Münze und das Geldwesen
zwar englisch sind, als Wechselrecht der Colonie aber noch das
holländische gilt.
Uebrigens hat namentlich in den allerletzten Decennien die Cap-
colonie durch Anlegung eines ausgedehnten Eisenbahnnetzes und durch
sonstige moderne Einrichtungen einen wichtigen Schritt vorwärts ge-
macht. Man verfügt bereits über ein Bahnnetz von fast 3000 km,
welches namentlich die Verfrachtung der im Innern gewonnenen Pro-
ducte zur See ermöglicht. Eine ausgedehnte Viehzucht, namentlich
die der Schafe wird, ähnlich wie in Australien, in der wasserarmen
Capcolonie wohl stets die reichthumbringende Basis der Landwirth-
schaft bleiben. In zweiter Linie stehen die Diamant- und Goldfelder,
deren Zauber sich in ähnlichen Wirkungen, wie in Californien und
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Lehnert, Josef von u. a.: Die Seehäfen des Weltverkehrs. Bd. 2. Wien, 1892, S. 675. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lehnert_seehaefen02_1892/691>, abgerufen am 22.11.2024.
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