Arbeiter die Nationalateliers, was für die Bourgeois-Republikaner die Gardes¬ mobiles, das war für Bonaparte die Gesellschaft vom 10. Dezember, die ihnr eigenthümliche Parteistreitkraft. Auf seinen Reisen mußten die auf der Eisen¬ bahn verpackten Abtheilungen derselben ihm ein Publikum improvisiren, den öffentlichen Enthusiasmus aufführen, vive l'Emperenr heulen, die Republi¬ kaner insultiren und durchprügeln, natürlich unter dem Schutze der Polizei. Auf seinen Rückfahrten nach Paris mußten sie die Avantgarde bilden, Gegen¬ demonstrationen zuvorkommen oder sie auseinanderjagen. Die Gesellschaft vom 10. Dezember gehörte ihm, sie war sein Wert, sein eigenster Gedanke. Was er sich sonst aneignet, gibt ihm die Macht der Verhältnisse anheim, was er sonst thut, thun die Verhältnisse für ihn oder begnügt er sich von den Thaten Andrer zu kopiren; aber er, mit den offiziellen Redensarten der Ord¬ nung, der Religion, der Familie, des Eigenthums öffentlich vor den Bürgern, hinter ihm die geheime Gesellschaft der Schufterles und der Spiegelbergs, die Gesellschaft der Unordnung, der Prostitution und des Diebstahls, das ist Bo¬ naparte selbst als Originalautor und die Geschichte der Gesellschaft des 10. Dezember ist seine eigne Geschichte. Es hatte sich nun ausnahmsweise ereignet, daß der Ordnungspartei angehörige Volksrepräsentanten unter die Stöcke der Dezembristen geriethen. Noch mehr. Der der Nationalver¬ sammlung zugewiesene, mit der Bewachung ihrer Sicherheit beauftragte Po¬ lizeikommissär Yon zeigte auf die Aussage eines gewissen Alais hin der Per¬ manenzkommission an, eine Sektion der Dezembristen habe die Ermor¬ dung des Generals Changarnier und Dupin's, des Präsidenten der National¬ versammlung, beschlossen und zu deren Vollstreckung schon die Individuen bestimmt. Man begreift den Schreck des Herrn Dupin. Eine parlamentarische Enquete über die Gesellschaft vom 10. Dezember, d. h. die Profanirung der bonaparte'schen Geheimwelt, schien unvermeidlich. Grade vor dem Zusammen¬ tritt der Nationalversammlung löste Bonaparte vorsorglich seine Gesellschaft auf, natürlich nur auf dem Papiere, denn noch Ende 1851 suchte der Polizeipräfect Carlier in einem ausführlichen Memoire ihn vergeblich zur wirklichen Aus¬ einanderjagung der Dezembristen zu bewegen.
Die Gesellschaft vom 10. Dezember sollte so lange die Privatarmee Bonaparte's bleiben, bis es ihm gelang, die öffentliche Armee in eine Gesell¬ schaft vom 10. Dezember zu verwandeln. Bonaparte machte hierzu den ersten Versuch kurz nach Vertagung der Nationalversammlung, und zwar mit dem eben ihr abgetrotzten Gelde. Als Fatalist lebt er der Ueberzeugung, daß es
Arbeiter die Nationalateliers, was für die Bourgeois–Republikaner die Gardes¬ mobiles, das war für Bonaparte die Geſellſchaft vom 10. Dezember, die ihnr eigenthümliche Parteiſtreitkraft. Auf ſeinen Reiſen mußten die auf der Eiſen¬ bahn verpackten Abtheilungen derſelben ihm ein Publikum improviſiren, den öffentlichen Enthuſiasmus aufführen, vive l'Emperenr heulen, die Republi¬ kaner inſultiren und durchprügeln, natürlich unter dem Schutze der Polizei. Auf ſeinen Rückfahrten nach Paris mußten ſie die Avantgarde bilden, Gegen¬ demonſtrationen zuvorkommen oder ſie auseinanderjagen. Die Geſellſchaft vom 10. Dezember gehörte ihm, ſie war ſein Wert, ſein eigenſter Gedanke. Was er ſich ſonſt aneignet, gibt ihm die Macht der Verhältniſſe anheim, was er ſonſt thut, thun die Verhältniſſe für ihn oder begnügt er ſich von den Thaten Andrer zu kopiren; aber er, mit den offiziellen Redensarten der Ord¬ nung, der Religion, der Familie, des Eigenthums öffentlich vor den Bürgern, hinter ihm die geheime Geſellſchaft der Schufterles und der Spiegelbergs, die Geſellſchaft der Unordnung, der Proſtitution und des Diebſtahls, das iſt Bo¬ naparte ſelbſt als Originalautor und die Geſchichte der Geſellſchaft des 10. Dezember iſt ſeine eigne Geſchichte. Es hatte ſich nun ausnahmsweiſe ereignet, daß der Ordnungspartei angehörige Volksrepräſentanten unter die Stöcke der Dezembriſten geriethen. Noch mehr. Der der Nationalver¬ ſammlung zugewieſene, mit der Bewachung ihrer Sicherheit beauftragte Po¬ lizeikommiſſär Yon zeigte auf die Ausſage eines gewiſſen Alais hin der Per¬ manenzkommiſſion an, eine Sektion der Dezembriſten habe die Ermor¬ dung des Generals Changarnier und Dupin's, des Präſidenten der National¬ verſammlung, beſchloſſen und zu deren Vollſtreckung ſchon die Individuen beſtimmt. Man begreift den Schreck des Herrn Dupin. Eine parlamentariſche Enquête über die Geſellſchaft vom 10. Dezember, d. h. die Profanirung der bonaparte'ſchen Geheimwelt, ſchien unvermeidlich. Grade vor dem Zuſammen¬ tritt der Nationalverſammlung löſte Bonaparte vorſorglich ſeine Geſellſchaft auf, natürlich nur auf dem Papiere, denn noch Ende 1851 ſuchte der Polizeipräfect Carlier in einem ausführlichen Memoire ihn vergeblich zur wirklichen Aus¬ einanderjagung der Dezembriſten zu bewegen.
Die Geſellſchaft vom 10. Dezember ſollte ſo lange die Privatarmee Bonaparte's bleiben, bis es ihm gelang, die öffentliche Armee in eine Geſell¬ ſchaft vom 10. Dezember zu verwandeln. Bonaparte machte hierzu den erſten Verſuch kurz nach Vertagung der Nationalverſammlung, und zwar mit dem eben ihr abgetrotzten Gelde. Als Fataliſt lebt er der Ueberzeugung, daß es
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Arbeiter die Nationalateliers, was für die Bourgeois–Republikaner die Gardes¬
mobiles, das war für Bonaparte die Geſellſchaft vom 10. Dezember, die ihnr
eigenthümliche Parteiſtreitkraft. Auf ſeinen Reiſen mußten die auf der Eiſen¬
bahn verpackten Abtheilungen derſelben ihm ein Publikum improviſiren, den
öffentlichen Enthuſiasmus aufführen, vive l'Emperenr heulen, die Republi¬
kaner inſultiren und durchprügeln, natürlich unter dem Schutze der Polizei.
Auf ſeinen Rückfahrten nach Paris mußten ſie die Avantgarde bilden, Gegen¬
demonſtrationen zuvorkommen oder ſie auseinanderjagen. Die Geſellſchaft
vom 10. Dezember gehörte ihm, ſie war ſein Wert, ſein eigenſter Gedanke.
Was er ſich ſonſt aneignet, gibt ihm die Macht der Verhältniſſe anheim, was
er ſonſt thut, thun die Verhältniſſe für ihn oder begnügt er ſich von den
Thaten Andrer zu kopiren; aber er, mit den offiziellen Redensarten der Ord¬
nung, der Religion, der Familie, des Eigenthums öffentlich vor den Bürgern,
hinter ihm die geheime Geſellſchaft der Schufterles und der Spiegelbergs, die
Geſellſchaft der Unordnung, der Proſtitution und des Diebſtahls, das iſt Bo¬
naparte ſelbſt als Originalautor und die Geſchichte der Geſellſchaft des
10. Dezember iſt ſeine eigne Geſchichte. Es hatte ſich nun ausnahmsweiſe
ereignet, daß der Ordnungspartei angehörige Volksrepräſentanten unter
die Stöcke der Dezembriſten geriethen. Noch mehr. Der der Nationalver¬
ſammlung zugewieſene, mit der Bewachung ihrer Sicherheit beauftragte Po¬
lizeikommiſſär Yon zeigte auf die Ausſage eines gewiſſen Alais hin der Per¬
manenzkommiſſion an, eine Sektion der Dezembriſten habe die Ermor¬
dung des Generals Changarnier und Dupin's, des Präſidenten der National¬
verſammlung, beſchloſſen und zu deren Vollſtreckung ſchon die Individuen
beſtimmt. Man begreift den Schreck des Herrn Dupin. Eine parlamentariſche
Enquête über die Geſellſchaft vom 10. Dezember, d. h. die Profanirung der
bonaparte'ſchen Geheimwelt, ſchien unvermeidlich. Grade vor dem Zuſammen¬
tritt der Nationalverſammlung löſte Bonaparte vorſorglich ſeine Geſellſchaft auf,
natürlich nur auf dem Papiere, denn noch Ende 1851 ſuchte der Polizeipräfect
Carlier in einem ausführlichen Memoire ihn vergeblich zur wirklichen Aus¬
einanderjagung der Dezembriſten zu bewegen.
Die Geſellſchaft vom 10. Dezember ſollte ſo lange die Privatarmee
Bonaparte's bleiben, bis es ihm gelang, die öffentliche Armee in eine Geſell¬
ſchaft vom 10. Dezember zu verwandeln. Bonaparte machte hierzu den erſten
Verſuch kurz nach Vertagung der Nationalverſammlung, und zwar mit dem
eben ihr abgetrotzten Gelde. Als Fataliſt lebt er der Ueberzeugung, daß es
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Diese zweite, von Marx überarbeitete Fassung des … [mehr]
Diese zweite, von Marx überarbeitete Fassung des "Brumaire" erschien 1869 in Hamburg. Sie ist die erste selbstständige Publikation des Textes, der zuerst als Heft 1 (1851) der Zeitschrift "Die Revolution. Eine Zeitschrift in zwanglosen Heften" erschien, und wurde daher gemäß den Leitlinien des DTA für die Digitalisierung zugrunde gelegt.
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Marx, Karl: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. 2. Aufl. Hamburg, 1869, S. 50. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/marx_bonaparte_1869/62>, abgerufen am 02.03.2025.
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