Europa. Wochenschrift für Kultur und Politik. Jahrgang 1, Heft 6. Berlin-Charlottenburg, 23. Februar 1905.Dr. A. Kalthoff: Religionswissenschaft. Auch der Weg zu den Ursprüngen ist nicht so glatt und einfach, wie Max Müllerihn gesehen. Sobald einmal das Losungswort der neuen Wissenschaft ge- sprochen war, wurde es schnell von einer ganzen Schar von Forschern auf- gegriffen, von großen und kleinen Geistern, die alle von dem Einen durch- drungen waren, daß erst noch viel mühselige Arbeit an Materialiensammlung und Quellenstudium getan werden müsse, bevor die Religion swissenschaft über den Zustand unsicheren Tastens und vagen Vermutens hinaus zu einiger- maßen sicheren Resultaten führen und wenigstens einige feste Punkte liefern sollte, an denen der Forscher sich orientieren und die Arbeit weiter fortführen könnte. Jn dem "Archiv für Religionswissenschaft", herausgegeben von Gym- Jm Gegensatz zu den deutschen Gelehrten geht ein moderner englischer Dr. A. Kalthoff: Religionswissenschaft. Auch der Weg zu den Ursprüngen ist nicht so glatt und einfach, wie Max Müllerihn gesehen. Sobald einmal das Losungswort der neuen Wissenschaft ge- sprochen war, wurde es schnell von einer ganzen Schar von Forschern auf- gegriffen, von großen und kleinen Geistern, die alle von dem Einen durch- drungen waren, daß erst noch viel mühselige Arbeit an Materialiensammlung und Quellenstudium getan werden müsse, bevor die Religion swissenschaft über den Zustand unsicheren Tastens und vagen Vermutens hinaus zu einiger- maßen sicheren Resultaten führen und wenigstens einige feste Punkte liefern sollte, an denen der Forscher sich orientieren und die Arbeit weiter fortführen könnte. Jn dem „Archiv für Religionswissenschaft“, herausgegeben von Gym- Jm Gegensatz zu den deutschen Gelehrten geht ein moderner englischer <TEI> <text> <body> <div type="jArticle" n="1"> <p><pb facs="#f0032" n="272"/><fw type="header" place="top">Dr. A. Kalthoff: Religionswissenschaft.</fw><lb/> Auch der Weg zu den Ursprüngen ist nicht so glatt und einfach, wie Max Müller<lb/> ihn gesehen. Sobald einmal das Losungswort der neuen Wissenschaft ge-<lb/> sprochen war, wurde es schnell von einer ganzen Schar von Forschern auf-<lb/> gegriffen, von großen und kleinen Geistern, die alle von dem Einen durch-<lb/> drungen waren, daß erst noch viel mühselige Arbeit an Materialiensammlung<lb/> und Quellenstudium getan werden müsse, bevor die Religion swissenschaft über<lb/> den Zustand unsicheren Tastens und vagen Vermutens hinaus zu einiger-<lb/> maßen sicheren Resultaten führen und wenigstens einige feste Punkte liefern<lb/> sollte, an denen der Forscher sich orientieren und die Arbeit weiter fortführen<lb/> könnte.</p><lb/> <p>Jn dem „Archiv für Religionswissenschaft“, herausgegeben von Gym-<lb/> nasialprofessor Thomas Achelis in Bremen, hat sich die deutsche Schule einen<lb/> literarischen Mittelpunkt für ihre Arbeiten geschaffen, an dem alle Vorzüge wie<lb/> Mängel deutscher Gelehrsamkeit offenbar werden. Eine Fülle von zum Teil<lb/> höchst wertvollen Einzelforschungen ist in dieser Sammlung niedergelegt. Aber<lb/> das Ueberwiegen der philologischen Behandlungsweise erdrückt die großen Ge-<lb/> sichtspunkte, so daß hier die Hauptaufgabe der Religionswissenschaft, durch<lb/> Vergleichung der einzelnen Erscheinungen das größere Gesamtbild zu er-<lb/> fassen, fast ganz zurückgetreten ist. Und die theologischen Traditionen, in deren<lb/> Bann die deutschen Religionsforscher arbeiten, lassen sie die fremden Reli-<lb/> gionen, oft vielleicht unbewußt, unter falschen Voraussetzungen betrachten, so<lb/> daß eine wirklich große und freie, objektiv=wissenschaftliche Betrachtungsweise<lb/> nicht aufkommen will. Es ist deshalb sehr bezeichnend, daß C. A. Bernoulli in<lb/> einem Aufsatz über den internationalen Kongreß für allgemeine Religions-<lb/> geschichte, der August 1904 in Basel stattfand, in dem Novemberhefte der Neuen<lb/> Rundschau schreiben muß: „Jn Deutschland konnte der Kongreß nicht statt-<lb/> finden; er war auch von Deutschland aus nur schwach besucht; denn, trotzdem<lb/> die sogenannte moderne deutsche Theologie in der Popularisierungspropa-<lb/> ganda religionsgeschichtlicher Forschungsresultate das Menschenmögliche leistet,<lb/> sind sogar in ihrem eigenen Schoße die Ansichten geteilt; die zur Zeit nam-<lb/> haftesten Kirchenhistoriker halten dafür, die Geschichte des Christentums ver-<lb/> einige alle typischen Züge einer Religionsentwickelung lückenlos, und die an-<lb/> gestrebte Ergänzung durch das Studium anderer Religionen sei somit ent-<lb/> behrlich “.</p><lb/> <p>Jm Gegensatz zu den deutschen Gelehrten geht ein moderner englischer<lb/> Gelehrter, John M. Robertson, in seinen religionswissenschaftlichen Forschungen<lb/> auf die alte vergleichende Methode zurück und hat dabei Werke geliefert, die<lb/> durch die Kühnheit der Kombinationen wie durch die Geschlossenheit der Re-<lb/> sultate und den Umfang des verarbeiteten Materials imponieren. Jm Jahre<lb/> 1900 erschien von dem Verfasser: <hi rendition="#aq">Christianity and Mythology</hi>, und 1903<lb/> das die Gedanken des früheren weiterführende groß angelegte Werk: <hi rendition="#aq">Pagan<lb/> Christs, studies in comparative hierology</hi>. Mag die nachprüfende Wissen-<lb/> schaft sicher auch manche Ausführungen des gelehrten Forschers zu korrigieren<lb/> haben: beide Werke müssen auch so das höchste Jnteresse für alle, die nach einer<lb/> großzügigen Behandlung religionswissenschaftlicher Fragen verlangen, bean-<lb/> spruchen, und es ist nur zu wünschen, daß wir bald von beiden Werken eine<lb/> gute, vielleicht etwas zusammengedrängte Übersetzung bekommen möchten.<lb/> Jn <hi rendition="#aq">Pagan Christs</hi> hat Robertson sich die Aufgabe gestellt, die organische Ent- </p> </div> </body> </text> </TEI> [272/0032]
Dr. A. Kalthoff: Religionswissenschaft.
Auch der Weg zu den Ursprüngen ist nicht so glatt und einfach, wie Max Müller
ihn gesehen. Sobald einmal das Losungswort der neuen Wissenschaft ge-
sprochen war, wurde es schnell von einer ganzen Schar von Forschern auf-
gegriffen, von großen und kleinen Geistern, die alle von dem Einen durch-
drungen waren, daß erst noch viel mühselige Arbeit an Materialiensammlung
und Quellenstudium getan werden müsse, bevor die Religion swissenschaft über
den Zustand unsicheren Tastens und vagen Vermutens hinaus zu einiger-
maßen sicheren Resultaten führen und wenigstens einige feste Punkte liefern
sollte, an denen der Forscher sich orientieren und die Arbeit weiter fortführen
könnte.
Jn dem „Archiv für Religionswissenschaft“, herausgegeben von Gym-
nasialprofessor Thomas Achelis in Bremen, hat sich die deutsche Schule einen
literarischen Mittelpunkt für ihre Arbeiten geschaffen, an dem alle Vorzüge wie
Mängel deutscher Gelehrsamkeit offenbar werden. Eine Fülle von zum Teil
höchst wertvollen Einzelforschungen ist in dieser Sammlung niedergelegt. Aber
das Ueberwiegen der philologischen Behandlungsweise erdrückt die großen Ge-
sichtspunkte, so daß hier die Hauptaufgabe der Religionswissenschaft, durch
Vergleichung der einzelnen Erscheinungen das größere Gesamtbild zu er-
fassen, fast ganz zurückgetreten ist. Und die theologischen Traditionen, in deren
Bann die deutschen Religionsforscher arbeiten, lassen sie die fremden Reli-
gionen, oft vielleicht unbewußt, unter falschen Voraussetzungen betrachten, so
daß eine wirklich große und freie, objektiv=wissenschaftliche Betrachtungsweise
nicht aufkommen will. Es ist deshalb sehr bezeichnend, daß C. A. Bernoulli in
einem Aufsatz über den internationalen Kongreß für allgemeine Religions-
geschichte, der August 1904 in Basel stattfand, in dem Novemberhefte der Neuen
Rundschau schreiben muß: „Jn Deutschland konnte der Kongreß nicht statt-
finden; er war auch von Deutschland aus nur schwach besucht; denn, trotzdem
die sogenannte moderne deutsche Theologie in der Popularisierungspropa-
ganda religionsgeschichtlicher Forschungsresultate das Menschenmögliche leistet,
sind sogar in ihrem eigenen Schoße die Ansichten geteilt; die zur Zeit nam-
haftesten Kirchenhistoriker halten dafür, die Geschichte des Christentums ver-
einige alle typischen Züge einer Religionsentwickelung lückenlos, und die an-
gestrebte Ergänzung durch das Studium anderer Religionen sei somit ent-
behrlich “.
Jm Gegensatz zu den deutschen Gelehrten geht ein moderner englischer
Gelehrter, John M. Robertson, in seinen religionswissenschaftlichen Forschungen
auf die alte vergleichende Methode zurück und hat dabei Werke geliefert, die
durch die Kühnheit der Kombinationen wie durch die Geschlossenheit der Re-
sultate und den Umfang des verarbeiteten Materials imponieren. Jm Jahre
1900 erschien von dem Verfasser: Christianity and Mythology, und 1903
das die Gedanken des früheren weiterführende groß angelegte Werk: Pagan
Christs, studies in comparative hierology. Mag die nachprüfende Wissen-
schaft sicher auch manche Ausführungen des gelehrten Forschers zu korrigieren
haben: beide Werke müssen auch so das höchste Jnteresse für alle, die nach einer
großzügigen Behandlung religionswissenschaftlicher Fragen verlangen, bean-
spruchen, und es ist nur zu wünschen, daß wir bald von beiden Werken eine
gute, vielleicht etwas zusammengedrängte Übersetzung bekommen möchten.
Jn Pagan Christs hat Robertson sich die Aufgabe gestellt, die organische Ent-
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