offenbar Mehrdeutigkeiten und Verschlingungen der Begriffe vor, die klar auseinandergelegt werden müssen, um den durch sie bezeichenbaren Lebensstil zu verstehen. Jene Doppelrolle, die sowohl der Intellekt wie das Geld spielen, wird begreiflich, sobald man ihren Inhalt, den Sachgehalt ihres Wesens, von der Funktion unterscheidet, die diesen trägt, bezw. von der Verwendung, die von ihm gemacht wird. In dem ersteren Sinne hat der Intellekt einen nivellierten, ja, man möchte sagen: kommunistischen Charakter. Zunächst, weil es das Wesen seiner Inhalte ist, dass sie allgemein mitteilbar sind und dass, ihre Richtig- keit vorausgesetzt, jeder hinreichend vorgebildete Geist sich von ihnen muss überzeugen lassen können -- wozu es auf den Gebieten des Willens und des Gefühles gar kein Analogon giebt. Auf diesen hängt jede Übertragung der gleichen inneren Konstellation von der mitgebrachten und jedem Zwange nur bedingt nachgiebigen Verfassung der indi- viduellen Seele ab; ihr gegenüber giebt es keine Beweise, wie sie dem Intellekt, wenigstens prinzipiell, zu Gebote stehen, um die gleiche Überzeugung durch die Gesamtheit der Geister zu verbreiten. Die Belehrbarkeit, die ihm allein eigen ist, bedeutet, dass man sich auf einem mit Allen gemeinsamen Niveau befindet. Dazu kommt, dass die Inhalte der Intelligenz, von ganz zufälligen Komplikationen abgesehen, die eifersüchtige Ausschliesslichkeit nicht kennen, die die praktischen Lebensinhalte so oft besitzen. Gewisse Gefühle, z. B. die aus dem Verhältnis zwischen einem Ich und einem Du quellenden, würden ihr Wesen und ihren Wert völlig verlieren, wenn eine Mehrzahl sie genau so teilen dürfte; gewissen Willenszielen ist es unbedingt wesent- lich, dass Andere von ihnen, sowohl dem Erstreben wie dem Erreichen nach, ausgeschlossen sind. Theoretische Vorstellungen dagegen gleichen, wie man wohl gesagt hat, der Fackel, deren Licht darum nicht ge- ringer wird, dass beliebig viele andere an ihr entzündet werden; indem die potenzielle Unendlichkeit ihrer Verbreitung gar keinen Einfluss auf ihre Bedeutung hat, entzieht sie sie mehr als alle sonstigen Lebens- inhalte dem Privatbesitz. Endlich bieten sie sich durch die Fixierung, über die sie verfügen, in einer Art dar, die von der Aufnahme ihres Inhaltes alle individuellen Zufälligkeiten, wenigstens prinzipiell, aus- schliesst. Wir haben gar keine Möglichkeit, Gefühlsbewegungen und Willensenergien in so restloser und unzweideutiger Weise niederzu- legen, dass jeder in jedem Augenblick darauf zurückgreifen und an der Hand des objektiven Gebildes den gleichen inneren Vorgang immer wieder erzeugen kann -- wozu wir allein intellektuellen Inhalten gegen- über in der in Begriffen und ihrer logischen Verknüpfung sich be- wegenden Sprache ein zulängliches, von der individuellen Disposition
offenbar Mehrdeutigkeiten und Verschlingungen der Begriffe vor, die klar auseinandergelegt werden müssen, um den durch sie bezeichenbaren Lebensstil zu verstehen. Jene Doppelrolle, die sowohl der Intellekt wie das Geld spielen, wird begreiflich, sobald man ihren Inhalt, den Sachgehalt ihres Wesens, von der Funktion unterscheidet, die diesen trägt, bezw. von der Verwendung, die von ihm gemacht wird. In dem ersteren Sinne hat der Intellekt einen nivellierten, ja, man möchte sagen: kommunistischen Charakter. Zunächst, weil es das Wesen seiner Inhalte ist, daſs sie allgemein mitteilbar sind und daſs, ihre Richtig- keit vorausgesetzt, jeder hinreichend vorgebildete Geist sich von ihnen muſs überzeugen lassen können — wozu es auf den Gebieten des Willens und des Gefühles gar kein Analogon giebt. Auf diesen hängt jede Übertragung der gleichen inneren Konstellation von der mitgebrachten und jedem Zwange nur bedingt nachgiebigen Verfassung der indi- viduellen Seele ab; ihr gegenüber giebt es keine Beweise, wie sie dem Intellekt, wenigstens prinzipiell, zu Gebote stehen, um die gleiche Überzeugung durch die Gesamtheit der Geister zu verbreiten. Die Belehrbarkeit, die ihm allein eigen ist, bedeutet, daſs man sich auf einem mit Allen gemeinsamen Niveau befindet. Dazu kommt, daſs die Inhalte der Intelligenz, von ganz zufälligen Komplikationen abgesehen, die eifersüchtige Ausschlieſslichkeit nicht kennen, die die praktischen Lebensinhalte so oft besitzen. Gewisse Gefühle, z. B. die aus dem Verhältnis zwischen einem Ich und einem Du quellenden, würden ihr Wesen und ihren Wert völlig verlieren, wenn eine Mehrzahl sie genau so teilen dürfte; gewissen Willenszielen ist es unbedingt wesent- lich, daſs Andere von ihnen, sowohl dem Erstreben wie dem Erreichen nach, ausgeschlossen sind. Theoretische Vorstellungen dagegen gleichen, wie man wohl gesagt hat, der Fackel, deren Licht darum nicht ge- ringer wird, daſs beliebig viele andere an ihr entzündet werden; indem die potenzielle Unendlichkeit ihrer Verbreitung gar keinen Einfluſs auf ihre Bedeutung hat, entzieht sie sie mehr als alle sonstigen Lebens- inhalte dem Privatbesitz. Endlich bieten sie sich durch die Fixierung, über die sie verfügen, in einer Art dar, die von der Aufnahme ihres Inhaltes alle individuellen Zufälligkeiten, wenigstens prinzipiell, aus- schlieſst. Wir haben gar keine Möglichkeit, Gefühlsbewegungen und Willensenergien in so restloser und unzweideutiger Weise niederzu- legen, daſs jeder in jedem Augenblick darauf zurückgreifen und an der Hand des objektiven Gebildes den gleichen inneren Vorgang immer wieder erzeugen kann — wozu wir allein intellektuellen Inhalten gegen- über in der in Begriffen und ihrer logischen Verknüpfung sich be- wegenden Sprache ein zulängliches, von der individuellen Disposition
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offenbar Mehrdeutigkeiten und Verschlingungen der Begriffe vor, die
klar auseinandergelegt werden müssen, um den durch sie bezeichenbaren
Lebensstil zu verstehen. Jene Doppelrolle, die sowohl der Intellekt
wie das Geld spielen, wird begreiflich, sobald man ihren Inhalt, den
Sachgehalt ihres Wesens, von der Funktion unterscheidet, die diesen
trägt, bezw. von der Verwendung, die von ihm gemacht wird. In dem
ersteren Sinne hat der Intellekt einen nivellierten, ja, man möchte
sagen: kommunistischen Charakter. Zunächst, weil es das Wesen seiner
Inhalte ist, daſs sie allgemein mitteilbar sind und daſs, ihre Richtig-
keit vorausgesetzt, jeder hinreichend vorgebildete Geist sich von ihnen
muſs überzeugen lassen können — wozu es auf den Gebieten des Willens
und des Gefühles gar kein Analogon giebt. Auf diesen hängt jede
Übertragung der gleichen inneren Konstellation von der mitgebrachten
und jedem Zwange nur bedingt nachgiebigen Verfassung der indi-
viduellen Seele ab; ihr gegenüber giebt es keine Beweise, wie
sie dem Intellekt, wenigstens prinzipiell, zu Gebote stehen, um die
gleiche Überzeugung durch die Gesamtheit der Geister zu verbreiten.
Die Belehrbarkeit, die ihm allein eigen ist, bedeutet, daſs man sich
auf einem mit Allen gemeinsamen Niveau befindet. Dazu kommt,
daſs die Inhalte der Intelligenz, von ganz zufälligen Komplikationen
abgesehen, die eifersüchtige Ausschlieſslichkeit nicht kennen, die die
praktischen Lebensinhalte so oft besitzen. Gewisse Gefühle, z. B. die
aus dem Verhältnis zwischen einem Ich und einem Du quellenden, würden
ihr Wesen und ihren Wert völlig verlieren, wenn eine Mehrzahl sie
genau so teilen dürfte; gewissen Willenszielen ist es unbedingt wesent-
lich, daſs Andere von ihnen, sowohl dem Erstreben wie dem Erreichen
nach, ausgeschlossen sind. Theoretische Vorstellungen dagegen gleichen,
wie man wohl gesagt hat, der Fackel, deren Licht darum nicht ge-
ringer wird, daſs beliebig viele andere an ihr entzündet werden; indem
die potenzielle Unendlichkeit ihrer Verbreitung gar keinen Einfluſs auf
ihre Bedeutung hat, entzieht sie sie mehr als alle sonstigen Lebens-
inhalte dem Privatbesitz. Endlich bieten sie sich durch die Fixierung,
über die sie verfügen, in einer Art dar, die von der Aufnahme ihres
Inhaltes alle individuellen Zufälligkeiten, wenigstens prinzipiell, aus-
schlieſst. Wir haben gar keine Möglichkeit, Gefühlsbewegungen und
Willensenergien in so restloser und unzweideutiger Weise niederzu-
legen, daſs jeder in jedem Augenblick darauf zurückgreifen und an
der Hand des objektiven Gebildes den gleichen inneren Vorgang immer
wieder erzeugen kann — wozu wir allein intellektuellen Inhalten gegen-
über in der in Begriffen und ihrer logischen Verknüpfung sich be-
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Simmel, Georg: Philosophie des Geldes. Leipzig, 1900, S. 464. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/simmel_geld_1900/488>, abgerufen am 22.11.2024.
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