Der graue Mann. (geheimnißvoll) Ja, wie lernt er's? Die Vorsehung gab ihm in seine dunkle Hülle ein kleines Messerchen mit. Er beginnt sogleich das Werk seiner Erlösung, und schabt damit an der Hülle, die ihn umgiebt, diese wird nach und nach durchsichtiger, der Geist kann hie und da durchblicken, und der thierische Körper fängt an zu handeln, der Geist regiert, bewegt ihn. Je fleißiger dieser schabt, je größer werden natürlich die Kenntnisse des Kindes, das zum Jünglinge, zum Manne empor reift, und bei der Arbeit des Geistes auch immer an Kennt- nissen zunimmt. Daher kommt's, daß es dum- me, einfältige, aber auch sehr gelehrte und ver- nünftige Menschen giebt, je nachdem ihr Geist fleißig schabt oder nicht schabt: denn je dünner seine Hülle wird, je mehr kann er sehen und denken.
Ich. Oft stirbt aber das neugebohrne Kind sogleich, oder in wenig Tagen, wenn --
Der graue Mann. (eifrig) Dies ist sehr natürlich! Der Geist wird nach Maßgabe seiner Verbrechen auf Stunden, Tage, Monden, oder Jahre in den thierischen Körper verbannt. Ist die Zeit seiner Strafe vorüber, so fliegt der Geist empor, und der Körper stirbt, verweßt. Verleitet unter dieser Zeit der Geist den Körper
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Der graue Mann. (geheimnißvoll) Ja, wie lernt er's? Die Vorſehung gab ihm in ſeine dunkle Huͤlle ein kleines Meſſerchen mit. Er beginnt ſogleich das Werk ſeiner Erloͤſung, und ſchabt damit an der Huͤlle, die ihn umgiebt, dieſe wird nach und nach durchſichtiger, der Geiſt kann hie und da durchblicken, und der thieriſche Koͤrper faͤngt an zu handeln, der Geiſt regiert, bewegt ihn. Je fleißiger dieſer ſchabt, je groͤßer werden natuͤrlich die Kenntniſſe des Kindes, das zum Juͤnglinge, zum Manne empor reift, und bei der Arbeit des Geiſtes auch immer an Kennt- niſſen zunimmt. Daher kommt's, daß es dum- me, einfaͤltige, aber auch ſehr gelehrte und ver- nuͤnftige Menſchen giebt, je nachdem ihr Geiſt fleißig ſchabt oder nicht ſchabt: denn je duͤnner ſeine Huͤlle wird, je mehr kann er ſehen und denken.
Ich. Oft ſtirbt aber das neugebohrne Kind ſogleich, oder in wenig Tagen, wenn —
Der graue Mann. (eifrig) Dies iſt ſehr natuͤrlich! Der Geiſt wird nach Maßgabe ſeiner Verbrechen auf Stunden, Tage, Monden, oder Jahre in den thieriſchen Koͤrper verbannt. Iſt die Zeit ſeiner Strafe voruͤber, ſo fliegt der Geiſt empor, und der Koͤrper ſtirbt, verweßt. Verleitet unter dieſer Zeit der Geiſt den Koͤrper
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Der graue Mann. (geheimnißvoll)
Ja, wie lernt er's? Die Vorſehung gab ihm in
ſeine dunkle Huͤlle ein kleines Meſſerchen mit.
Er beginnt ſogleich das Werk ſeiner Erloͤſung,
und ſchabt damit an der Huͤlle, die ihn umgiebt,
dieſe wird nach und nach durchſichtiger, der Geiſt
kann hie und da durchblicken, und der thieriſche
Koͤrper faͤngt an zu handeln, der Geiſt regiert,
bewegt ihn. Je fleißiger dieſer ſchabt, je groͤßer
werden natuͤrlich die Kenntniſſe des Kindes, das
zum Juͤnglinge, zum Manne empor reift, und
bei der Arbeit des Geiſtes auch immer an Kennt-
niſſen zunimmt. Daher kommt's, daß es dum-
me, einfaͤltige, aber auch ſehr gelehrte und ver-
nuͤnftige Menſchen giebt, je nachdem ihr Geiſt
fleißig ſchabt oder nicht ſchabt: denn je duͤnner
ſeine Huͤlle wird, je mehr kann er ſehen und
denken.
Ich. Oft ſtirbt aber das neugebohrne Kind
ſogleich, oder in wenig Tagen, wenn —
Der graue Mann. (eifrig) Dies iſt
ſehr natuͤrlich! Der Geiſt wird nach Maßgabe
ſeiner Verbrechen auf Stunden, Tage, Monden,
oder Jahre in den thieriſchen Koͤrper verbannt.
Iſt die Zeit ſeiner Strafe voruͤber, ſo fliegt der
Geiſt empor, und der Koͤrper ſtirbt, verweßt.
Verleitet unter dieſer Zeit der Geiſt den Koͤrper
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Spiess, Christian Heinrich: Biographien der Wahnsinnigen. Bd. 1. Leipzig, 1796, S. 51. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/spiess_biographien01_1796/65>, abgerufen am 16.02.2025.
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